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Warum mich mein Job als Lehrerin am Brennpunkt fast meine Gesundheit gekostet hätte

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INKLUSION
dpa
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Wenn ich das Klassenzimmer betrete, herrscht meistens Unruhe. Kinder unterhalten sich lautstark in verschiedenen Sprachen, springen herum, lachen, schreien. Die Pause ist gerade vorbei und ich muss den wilden Haufen erst einmal etwas bändigen. Das ist eben mein Beruf.

Ich bin achtundzwanzig Jahre alt und Grundschullehrerin in einem Brennpunktviertel in Hamburg. In diesem Teil der Hansestadt leben viele Kinder, die aufgrund ihres familiären Hintergrunds kaum Möglichkeiten haben, an Bildung zu kommen. Den Eltern fehlt es oft an Zeit oder Interesse, ihren Kindern die pädagogische Aufmerksamkeit zu geben, die sie brauchen.

Der Job hätte mich fast meine Gesundheit gekostet

Bevor ich nach Hamburg kam, ging ich der gleichen Tätigkeit in Bremen nach. Doch die Art und Weise, wie die beiden Städte mit sozialen Problemen umgingen, hätte unterschiedlicher nicht sein können.

Der Job in Bremen hätte mich fast meine Gesundheit gekostet. Ich versuchte mit aller Kraft, jedem Kind das gleiche Maß an Aufmerksamkeit zukommen zu lassen. Dabei stieß ich auf verschiedene Barrieren, institutionell wie menschlich.

Viele Kollegen belächelten mich für meinen Versuch, aus jedem Schüler das Beste rauszuholen. An meiner alten Schule herrschte der Grundsatz, die Gesellschaft brauche auch Menschen, die später niedrigere Aufgaben übernehmen. Bei vielen Lehrern regte sich schon gar kein Interesse mehr, allen Schülern die gleiche Bildung zu vermitteln.

Für mich war diese Ansicht schon immer grundlegend falsch. Jeder sollte wenigstens die Chance haben, sich zu entwickeln. Die Jugend muss kreativ angeregt werden. In diesem kulturell vielfältigen Bereich liegt eine mächtige Ressource Deutschlands.

Alles für die perfekte Schulstunde

Von Anfang an war daher mein Anspruch, die perfekte Schulstunde zu kreieren. Ich wollte die Kinder, die von den gängigen Lehrmethoden total demotiviert waren, endlich wieder in den Unterricht integrieren. Dafür bin ich an meine Grenzen gegangen.

Ich habe stundenlang zu Hause den Unterricht vorbereitet und in der Schule dann Verständnis für alle Situationen und Mitgefühl für jedes Kind gezeigt. Nur nicht für mein eigenes Privatleben. Das alles half nichts.

Es kam trotzdem ständig zu gewaltsamen Auseinandersetzungen in den Klassen und die Stunden mussten immer wieder unterbrochen werden.

Dass viele Schüler so aufgekratzt und aggressiv reagierten, lag auch an ihrem familiären Hintergrund. Oft leben die Kinder zu siebt in einer Dreizimmerwohnung und teilen sich zusammen einen kleinen Raum. Und genau da entstehen dann die Aggressionen.

Sie haben kaum Platz für sich und müssen nachts das Geschrei der kleinen Geschwister aushalten. Am nächsten Morgen kommen sie dann total verpennt in die Klasse und werden mit Leistungsdruck und unmotivierten Lehrern konfrontiert.

Anders als in Hamburg fehlt es in Bremen an Geld für sozialen Wohnungsbau und kulturelle Angebote. Zumindest erlebe ich hier ganz andere Verhältnisse als damals. Die Kinder sind einfach entspannter und wissbegieriger. In Hamburg gibt es für sozial Schwache mehr Möglichkeiten, wahrscheinlich auch größere Wohnungen.

Die Stadt sorgt auf jeden Fall für Sportvereine und extrem viele Institutionen, wie Jugendzentren, die am späten Nachmittag geöffnet haben. Das wirkt sich direkt auf die Stimmung in den Klassen aus.

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Die meisten Asylbewerber haben viel Respekt vor uns

Auch der Zuwachs von Asylbewerbern machte sich in Bremen stärker bemerkbar als in Hamburg. Das lag aber nicht an der Anzahl, sondern an der Art, wie die Lehrer mit den Flüchtlingen umgingen. In manchen Klassen waren sie gut integriert, in manchen überhaupt nicht.

Um eine Klasse mit so einer kulturellen Vielfalt unter Kontrolle zu halten, muss man unglaublich viel Geduld haben. In einem Fall hat ein Schüler mal die ganze Klasse aufgemischt und so richtig den Klassenclown raushängen lassen. Da muss man einfach Stärke zeigen. Und manchmal auch Humor.

Man sollte einem Kind nie nur auf den Deckel geben, sonst ist die Stärkung der Gemeinschaft nicht gewährleistet. Die meisten der Flüchtlingskinder hatten aber ohnehin sehr viel Respekt vor uns.

Manche Eltern haben eine totale Abneigung gegen die Schule

Anders war das oft bei Kindern aus Familien mit Migrationshintergrund. Da hat die Kommunikation zwischen Eltern, Lehrern und Schülern teilweise überhaupt nicht funktioniert. Das hat viele meiner Kollegen wahnsinnig gemacht.

Manche Eltern aus Brennpunkten haben eine totale Abneigung gegen die Institution Schule, weil sie diese als Kinder selber schon gehasst haben. Wenn sie den Lehrern dann keinen Respekt entgegenbringen kann die Stimmung schnell kippen.

Die Kinder wiederum sind zerrissen zwischen der Anforderungen ihrer Lehrer und der Anerkennung der eigenen Eltern.

Am Ende sind die Lehrer zickig, die Eltern sauer und die Bedürfnisse der Kinder bleiben auf der Strecke. Die machen sich dann durch lautstarke Äußerung und Beleidigungen im Klassenzimmer Luft.

Das Heftigste, was mir von einem Schüler an den Kopf geschmissen wurde, war der Satz: "Fick dich, du doofe Schlampe". Ich wusste ja von Anfang an, dass die Kinder an solchen Schulen so reden, deswegen bin ich ja auch Brennpunktlehrerin geworden. Als der Junge merkte, dass ich das gehört hatte, war er total geschockt.

Einige Kids, deren Eltern man mitteilt, dass ihre Kinder sich nicht an die Regeln gehalten haben, werden in den Familien dafür geschlagen. Aus Angst vor der Strafe zu Hause hat der Junge angefangen zu weinen und sich auf dem Tisch übergeben. Der war total verzweifelt.

Ich habe dann natürlich nicht mit den Eltern gesprochen, aber sanktionieren musste ich ihn trotzdem. Der Schüler durfte dann beim Malwettbewerb nicht mitmachen.

Eine klare Botschaft an die Politik

Früher hatte ich immer das Gefühl, ich müsste die Ersatzmama für alle Kinder sein. In meiner neuen Schule kann ich mich mehr auf die Vermittlung von Wissen konzentrieren.

Für jede Klasse gibt es einen Sonderpädagogen, der sich intensiv um ein professionelles Konzept für die Schüler kümmert. Wenn mit einem Kind etwas nicht stimmt, dann nimmt er direkt mit den Eltern Kontakt auf.

Zudem stoße ich hier auf liebevolle, offene Eltern. Ich sehe, dass das den Kindern - im Gegensatz zu meinen Erfahrungen in Bremen - viel Stärke und Motivation gibt.

An die Politiker in Berlin habe ich eine klare Botschaft: Es wird dringend Zeit, mehr Geld für kulturelle und sportliche Aktivitäten in Schulen bereitzustellen. Die Kinder müssen die Möglichkeit haben sich richtig auszutoben.

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Eine Partei, die das Mantra "Wir schaffen das" unterstützt, muss bereit sein, im gesamten Bund Maßnahmen zur Umsetzung dieser Aussage in die Wege zu leiten. Das heißt: mehr sozialer Wohnungsbau, mehr kulturelle Förderung und mehr Anreize für junge Lehrer und Lehrerinnen.

Wenn die jungen Grundschüler in dreißig Jahren alle mal erwachsen sind, dann wird Deutschland von dieser sozialen Ressource unglaublich profitieren. Dann schießen wir hoch wie eine Rakete. Man muss an einer Gesellschaft arbeiten, die diesen Menschen die Chance bietet, sich zu entfalten.

Gerade die Flüchtlinge, die als Kinder zu uns kommen, erlebe ich als höchst positive Menschen. Auf die können wir in Zukunft bauen, wenn wir uns Mühe geben, Verständnis haben und die richtigen Rahmenbedingungen schaffen.

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