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"Geht auf die Straße" - eine Lehrerin appelliert an ihre Kollegen, für die Kinder zu kämpfen

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STEIGEN SCHUELER ZAHLEN
dpa
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Eine Million. So viele Schüler sollen mehr an Deutschlands Schulen kommen als erwartet. In den Medien liest man schon von einem Schüler-Boom und einem drohenden Kollaps der Bildungseinrichtungen.

Vor allem in wirtschaftlich und sozial schwachen Gebieten könnte der Ansturm der Kinder die Schulen zusammenbrechen lassen, heißt es. Schon jetzt sind sie an der Belastungsgrenze, weil die Klassenräume marode und die Lehrer überarbeitet sind.

So dramatisch diese Warnungen klingen: Ich kann sie sehr gut verstehen. Und ich kann der Politik und den Schulen nur raten, sie ernst zu nehmen.

Eine Herausforderung, die nicht jede Schule bestehen kann

Ich bin glücklicherweise in einer guten Situation. An unsrer Schule sind nur 19 Schüler pro Klasse zugelassen. Außerdem sind wir froh über jeden neuen Schüler, weil wir noch die Möglichkeit haben sie aufzunehmen. Und die Hoffnung für die Bewilligung von mehr Lehrerstunden steigt, was heißen würde, dass unsere Schule noch mehr Kolleginnen einstellen dürfte.

Sowieso ist die gute Kommunikation und das offene und auch professionelle Miteinander der Hauptgrund, warum ich zuversichtlich bin, dass unser Schule einen Schüler Boom verhältnismäßig gut bewältigen könnte.

Natürlich - wenn wir hundert Schüler mehr bekämen, wäre das auch für uns eine Herausforderung. Es könnte sein, dass wir den ein oder anderen Raum mehr bräuchten. Dass wir vielleicht einen Musik- oder Kunstraum in einen Klassenraum umfunktionieren müssten.

Mir persönlich würde dann das Herz bluten - aber während der Flüchtlingskrise waren wir in einer ähnlichen Situation und wir haben es prima hinbekommen, weil uns unsere Landesregierung finanziell und systematisch unterstützt hat.

Das ist aber leider nicht überall so in Deutschland.

30 Kinder im Klassenraum - da fliegen die Fäuste, noch bevor der Unterricht begonnen hat

Bevor ich nach Hamburg gezogen bin, war ich Grundschullehrerin in einem Brennpunktviertel in Bremen. Der Stadtstaat ist überschuldet, die Menschen sind vergleichsweise arm, hier gibt es viele Kinder, die in Kinderarmut aufwachsen, die schon zu Hause mit schwierigen sozialen Missständen in den Familien zu kämpfen haben.

Wenn hier noch mehr Schüler in einzelne Klassen kommen, wird das ein echtes Problem für die Schulen.

Mehr zum Thema: Gewalt, Rassismus, Beleidigungen: So schlimm steht es um deutsche Grundschulen

Ich leide jetzt schon mit den Lehrern, die das betreffen wird. Die werden jeden Tag mit prügelnden Kindern zu tun haben. 30 Kinder im Klassenraum - im schlimmsten Fall fliegen da die Fäuste, noch bevor der Unterricht begonnen hat.

Stress ist da vorprogrammiert, vor allem für die Lehrer. Viele von ihnen stehen jetzt schon nah am Burnout. Ein, zwei Kinder mehr in den Klassen kann sie um ihre Gesundheit bringen.

Eigentlich bräuchte es deswegen neue Klassenräume, Schulen und Lehrer.

Aber leider kosten solche Dinge verdammt viel Geld - und ausgerechnet in den ärmsten Bundesländern ist für diese wichtigen Dinge schon jetzt kaum Geld da. Wie soll es dann erst werden, wenn es eine Million Schüler mehr geben wird?

Lehrer dürfen sich nicht einschüchtern lassen

Deswegen braucht es eine Schulleitung, die den Mumm hat, diese Dinge bei der Landesregierung einzufordern. Allerdings habe ich den Mumm in Bremen viel zu selten erlebt - und ich kann mir vorstellen, dass es in den anderen Bundesländern nicht anders aussieht.

Viele Lehrer sind verbeamtet - und sie haben Angst um ihren Job, wenn sie auf die Straße gehen und resultierend Abmahnungen kassieren.

Werden sie letztendlich gefeuert, müssen sie alle Beiträge der Sozialversicherung zurückzahlen - das geht schnell in die Zehntausende und würde jeden in die Privatinsolvenz treiben, der nichts zurückgelegt hat.

Ich kann diese Angst verstehen.

Was ich aber auch sagen muss: Lasst euch davon nicht einschüchtern! Schreibt öffentliche Missstandsbriefe! Holt euch Eltern mit ins Boot. Arbeitet eng und sensibel mit der Schulleitung zusammen. Geht auf die Straße!

Denkt notfalls auch über einen Streik nach! Holt euch Beratung, Stärkung und Anregung bei den Gewerkschaften in eurer Nähe.

Nutz die vorhandene Gemeinschaft. Steht für das ein, was wir unseren Kindern, unseren Schülern bieten wollen: "Die Grundschule ist dem Grundsatz des gemeinsamen Lernens und der Chancengerechtigkeit verpflichtet. Sie bietet allen Kindern unabhängig von ihrer sozialen und ethnischen Herkunft und ihrem Geschlecht gleichwertige Bedingungen und Möglichkeiten, ihre individuellen Fähigkeiten zu erproben und zu entwickeln", steht auf der ersten Seite des Hamburger Bildungsplans für die Grundschule.

Ist das nicht möglich mit überforderten Lehrerinnen und zu engen Klassenräumen, müssen Alternativlösungen gefunden werden.

Wir müssen uns gegenseitig Mut machen, anstatt uns systematisch krank machen zu lassen

Lieber Unterricht stoppen, als eine Million Kinder durch unmögliche Bedingungen an ihren Entwicklungschancen zu hindern.

Mehr zum Thema: "Ich sehe keine glücklichen Kinder mehr": Die alarmierende Beobachtung eines Berliner Grundschullehrers

Wir müssen uns organisieren und uns gegenseitig Mut machen, anstatt krank zu werden, oder uns systematisch krank machen zu lassen.

Denn ihr wisst selbst am besten, dass ihr kämpfen müsst. Macht richtig Wind, sonst ändert sich nichts. Denn ohne mutiges Handeln macht ihr euch vielleicht zu Opfern, die es in unsrer freien Demokratie nicht geben müsste.

Wenn das hier übrigens als Halten einer radikal-politischen Rede in der Öffentlichkeit gilt, habe ich auch gerade meine Verbeamtung mit einem Dienstvergehen gefährdet.

Also: Trotzdem mutig sein! Jetzt miteinander reden, vernetzen und mit der Politik verhandeln! Noch ist es dafür nicht zu spät.

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Oft schauen wir auf gesellschaftliche Entwicklungen nur aus einer abstrakten Perspektive: Experten sprechen über Probleme anhand von Studien. Politiker loben, was gut läuft, anhand von grauen Statistiken - all das hat mit dem Alltag der Menschen, die von diesen Entwicklungen betroffen sind oder sie prägen, oft wenig zu tun.

Diese Menschen kommen jetzt in der HuffPost zu Wort. Denn wie fühlt sich Armut in einem reichen Land jenseits der Statistiken an? Wie sieht Deutschland aus der Perspektive eines Obdachlosen aus? Vor welchen Problemen steht ein gerade angekommener Flüchtling? Wer hat mit seiner Initiative ein gravierendes Problem gelöst? All das ist Thema in HuffPost-Voices.

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