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Die Großen Gewächse des VDP - Tag 1: Zwischen unerträglich und unerschwinglich

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WINE
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Die Weinelite hat einen Vogel

Jedes Jahr Ende August lädt der Verein der Prädikatsweingüter in Deutschland (VDP), unter dessen Adler sich die Winzerelite Deutschlands versammelt, zur größten und am besten organisierten Verkostung deutscher Spitzenweine nach Wiesbaden ein. Da man neben sehr traditionell auch sehr modern sein will, lautet der Werbespruch des VDP augenzwinkernd „Die Weinelite hat einen Vogel".

2017-08-31-1504187776-6959475-weinelite.jpgDie Helferlein machten mal wieder einen perfekten Job

Dass der VDP wirklich einen Vogel zu haben scheint, machte der erste Tag der Verkostung deutlich. Dieser erste Tag war neu eingeführt worden und verlängerte die Verkostung von zwei auf drei Tage. Das ist löblich, denkt man doch als Verkoster, dass so mehr Zeit zum Einschätzen und Würdigen der deutschen Spitzenweine bleibe. Theoretisch stimmt das auch. Praktisch hat sich der VDP einfallen lassen, den ersten Tag nur mit Weinen, die nicht aus der Rebsorte Riesling stammen, zu bestücken. Da ist dann alles drunter, vom Spätburgunder bis zum Roten Traminer(!), vom Silvaner bis zum Lemberger, vom Weißen und Grauen Burgunder bis zum Chardonnay. Verständlicherweise will man so den Aufmerksamkeitsfokus, der Gefahr läuft, sich ausschließlich auf die deutschen Rieslinge zu richten, auf die Weine aus anderen Rebsorten lenken.

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Jeder kennt einen Witz, der so beginnt: kommt ein Mann zum Arzt und wird gefragt: „Ich habe eine gute und eine schlechte Nachricht, welche möchten Sie zuerst hören?" Nun, fangen wir mit der schlechten Nachricht an: dieser erste Tag des Wiesbadener Verkostungsmarathons war reine Zeitverschwendung. Von den ca. 170 Nicht-Rieslingen, die am ersten Tag zur Verkostung anstanden, waren - will man wohlwollend sein - dreißig Weine als Grosse Gewächse satisfaktionsfähig. Der VDP tut weder sich und seinen Winzern, noch dem Konzept des Grosses Gewächses einen Gefallen, Weine zu präsentieren, die auf einem ordentlichen Ortswein-Niveau sind, aber nie und nimmer die Klasse eines Grossen Gewächses erreichen.

Ein Grosses Gewächs muss nicht nur trocken sein und einer vom VDP klassifizierten Grossen Lage entstammen, ein Grosses Gewächs, das seinen Namen verdient, muss Ehrgeiz besitzen und stilbildend sein. Alles an ihm - ob Jahrgang, Traube, Lage oder Selbstverständnis des Winzers - muss auf die Spitze getrieben sein. Ein Grosses Gewächs ist entweder großartig oder großartig gescheitert. Mittelmäßig, ehrgeizlos und zusammengeschustert darf ein Grosses Gewächs niemals sein.

Was aber soll man von Weißem Burgunder aus der Pfalz halten, der in nur zwei der vorgestellten Exemplare - bei Knipser und Kuhn - an die Qualität der Rieslinge heranreicht? Oder von Grauem Burgunder aus Baden, der aus dem Stahltank kommt, etwas nach Banane duftet und meist einen Alkoholgehalt jenseits der Eleganz aufweist? Die gezeigten Weine mögen alles Weine sein, die nichts Falsches haben, aber nichts Falsches zu haben, reicht bei einem Grossen Gewächs definitiv nicht aus (und von Grauem Burgunder von der Saale schweigen wir jetzt).

Dass der VDP sich ein Beispiel an Burgund nimmt und die besten Lagen in Deutschland als Grosse Lagen (Grand Crus) klassifiziert, ist kein Geheimnis. Dass dann im Land des Amtsschimmels insgesamt 340 Grosse Lagen entstehen müssen (zum Vergleich: im Burgund gibt es 34 Grand Crus), mutet dermaßen übertrieben an, dass man dem VDP nur raten mag, dringend ein paar der Lagen abzustufen. Das gleiche gilt für die Traubensorten. Statt mehrere Traubensorten ins Rennen zu werfen, sollte jedes Anbaugebiet nur eine weiße und eine rote Traubensorte definieren, aus denen Grosse Gewächse gekeltert werden dürfen. So blieben beispielsweise die gezeigten Rieslinge aus Baden weit unterhalb des Riesling-Niveaus der anderen Anbaugebiete, sodass man zu dem Schluss kommen könnte, Baden solle sich bei den Weißweinen auf den Chardonnay kaprizieren. Denn beim Chardonnay konnte Baden richtig überzeugen. Hier liegt die weiße Stärke der Region und um Stärke - nicht um Kompromiss - geht es beim Grossen Gewächs.

Kommen wir zur guten Nachricht: einige der gezeigten Weine waren großartig. Es waren die Leuchttürme, die aus dem Meer des Identitätslosen herausragten. Und weil wir schon bei Baden sind: die beiden Chardonnays Grosses Gewächs 2015 vom Weingut Bernhard Huber - der eine aus dem Bienenberg und der andere aus dem Schlossberg - kamen definitiv aus dieser Leuchtturmwelt. Beide Weine vibrieren förmlich vor Spannung in der Nase und die Mischung aus Holzwürze und ätherischer Frucht ist so unglaublich präzise, dass die Weine den gesamten Sinnesapparat wie einen Resonanzboden minutenlang zum Schwingen bringen. Die Huberschen Chardonnays sind wie Muskel ohne Fett, Reduktion aufs Maximum, kein Gramm zu viel, restlos trocken, mit messerscharfer reifer Säure und einer tänzelnden Eleganz im Mund, die in Deutschland einmalig sein dürfte und die auch die wohlklingendsten Vergleiche aus dem Burgund nicht scheuen muss. Der Chardonnay aus dem Bienenberg ist etwas leichter, etwas fruchtiger, während der aus dem Schlossberg der tiefere, dunklere Wein ist, der mit der Zeit das geröstete Holz etwas harmonischer integriert haben dürfte. Beide Chardonnays sind Weltklasse, der aus dem Schlossberg vermutlich der Langstreckenläufer mit dem Hauch mehr an Kondition.

2017-08-31-1504187806-343196-schlossberg.jpgWieder das Weingut Huber, diesmal: Chardonnay

Eine ähnliche Eloge könnte ich jetzt auch über die Spätburgunder vom Weingut Huber schreiben, die damit eine Kollektion an Grossen Gewächsen beschließen, die nochmals eine Steigerung zum Vorjahr darstellt. Aber erstens wäre das etwas redundat, und zweitens gab es noch andere Spätburgunder, die ebenfalls den Vergleich mit den Besten nicht zu scheuen brauchten. Da fällt einem die großartige Kollektion vom Weingut Friedrich Becker aus der Pfalz ein, dessen Spätburgunder aus dem Kammerberg ein Monument ist, nach dem Etikett zu urteilen die deutsche Weinkontrolle aber die Lagenbezeichnung Kammerberg immer noch nicht erlaubt. Oder die Spätburgunder vom Weingut Rudolf Fürst aus Franken, die jedes Jahr aufs Neue die Lagendifferenz zwischen Centgrafenberg (der Klassiker), Schlossberg (der Wilde) und Hundsrück (das ätherische Monster) geschmacklich aufscheinen lassen, dass man nicht glauben mag, Weine aus dem gleichen Weingut zu trinken, so unterschiedlich sind sie.

In der Region Franken zog die letzten Jahre das ehemalige Weingut der Stadt Klingenberg, das 2010 mithilfe chinesischer Investoren vom jungen Kellermeister Benedikt Baltes übernommen wurde, viel Aufmerksamkeit auf sich. Mir kam der Spätburgunder Grosses Gewächs aus dem Schlossberg immer etwas extrahiert und einen Tick zu dunkel vor, so dass ich in Franken den Fürstschen Hundsrück immer vorzog. Das hat sich mit dem Jahrgang 2015 geändert. Der Spätburgunder Schlossberg Grosses Gewächs vom Weingut Benedikt Baltes ist ein wunderbar eleganter und schwebender Wein geworden, dem die Tiefe nicht fehlt, der aber erstmalig eine feinkräutrig-ätherische Nase aufweist, die animierend und erfrischend wirkt. Helle Beerenfrucht, etwas getrocknete Nelke, geröstete Südkräuter, dicht und mundwässernd im Gaumen und eine Fruchtsüße zum Niederknien. Hier hält sich etwas in der Schwebe, das zwischen hellem Licht und dunkler Erde vermittelt, und einen Wein allergrößter Harmonie und schönstem Trinkfluss erschafft.

2017-08-31-1504187827-505539-baltes.jpgFranken kann Rotwein besser als Weißwein

Strenggenommen war es das schon für den ersten Tag, wenn ich nicht noch zwei Sonderpreise vergeben würde. Der eine geht an das Weingut Philipp Kuhn aus der Pfalz. Das Weingut Kuhn stand bisher immer etwas im Schatten des benachbarten größeren und älteren Weinguts Knipser. Die Knipser-Weine sind sehr ordentlich gemachte Weine, die mit den Jahren etwas an Strahlkraft eingebüßt haben, und die Stilistik von speckigem Holz und etwas stehengelassener Süße dann doch langweilt. Bisher ging ich davon aus, dass auch das Weingut Kuhn aus Laubersheim einen ähnlichen Weg gehen würde. Die Pfälzer Weine verkaufen sich gut und dieser süße-Speck-Stil sicherlich auch.

Philipp Kuhn begann jedoch vor drei Jahren seinen Stil zu verändern. Auf einmal wirkten die Weine leidenschaftlicher, ungestümer, weniger gefällig. Die Zeit von neuen Wegen und Versuchen ist natürlich auch immer eine Zeit, in der die Weine unvorhersehbar werden. Und ich bleib gespannt. Bereits die Rieslinge aus 2014 hatten es mir angetan und ließen eine neue verwegenere Handschrift erkennen. Auch die Weine aus 2015 sprühten vor Leben und im Glas ereigneten sich auf einmal interessante Aromenspiele. Die Rieslinge aus 2016 sind nochmals eine Steigerung und der Kuhnsche Riesling Schwarzer Herrgott Grosses Gewächs 2016 gehört definitiv zu den spannendsten Rieslingen aus Deutschland. Aber auch der Riesling aus dem Saumagen kommt mit dieser eigentümlichen Kalkigkeit (abgeleitet von: stark kalkhaltigem Unterboden), die immer elegant wirkt und doch wild ist. Und auch wenn ich dem Weißen Burgunder aus der Pfalz soeben seine Identität abgesprochen habe, so beweist der Weiße Burgunder Kirschgarten Grosses Gewächs 2016 von Philipp Kuhn doch, dass es auch anders geht. Der Holzeinsatz ist spannungsgeladen, die Röstnoten des Holzes halten die Fruchtigkeit des Weißen Burgunders gekonnt in Schach, so dass auch aus der Pfalz spannender Weißer Burgunder kommen kann. Wenn man sich traut. Kurzum: die Kollektion des Jahres geht ans Weingut Philipp Kuhn.

2017-08-31-1504187851-8735394-kuhn.jpgKollektion des Jahres: Philipp Kuhn aus der Pfalz

Und dann gibt es noch einen Sonderpreis für etwas, das ich nicht mehr Wein nennen würde. Dieser Preis gebührt dem Weingut Keller aus dem rheinhessischen Flörsheim-Dalsheim. Meines Wissens nach zeigte Klaus Peter Keller zum ersten Mal einen Spätburgunder auf der Wiesbadener Verkostung, was ich jetzt, wo ich den Wein kennenlernen durfte, zutiefst bedaure. Strenggenommen war der 2014er Spätburgunder Morstein Felix Grosses Gewächs von Keller gar kein Rotwein. Strenggenommen war er noch nicht einmal Wein. Er war irgendetwas von Außerhalb dieser Welt, etwas, das man im Glas hat, und dann alles Bewerten und Beurteilen zum Schweigen kommt.

Dieses Elixier an Rotwein oszilliert zwischen einem Paukenschlag und einem Xylophonsolo, was sich im Mund zu einer unendlich langen Fanfare schönster hell klingender Töne verdichtet. Die Fruchtaromatik ist glockenklar und atemberaubend frisch. Natürlich, dieses Elixier hat Holz gesehen, aber ein Extrakt an Beerenaromatik hat das Holz schlicht verschluckt und kann sich ungetrübt und ohne dunkle Enge entfalten und wirkt in seiner Ziseliertheit und Frische wie eine Himmelserscheinung, die im Mund langsam zu verglühen beginnt. Die Eleganz dieses Weines, seine seidige Textur, seine mächtige Feinheit machen sprachlos. Dies ist ein Meisterwerk und seiner Reinheit und Klarheit wegen weder mit anderen deutschen Spätburgundern, noch mit den großen Brüdern aus dem Burgund vergleichbar. Dass er auf der Versteigerung unter den Hammer kommt, und der Vorgängerjahrgang bereits um EUR 500 gehandelt wird, macht ihn selbstredend unerschwinglich. Wer einen Schluck bekommt, hat etwas zum Träumen. Sehr lange.

2017-08-31-1504187876-8882347-morstein.jpg Das Weingut Keller versieht Probeflaschen mit einem Tasting-Etikett, damit sie nicht auf dem Sekundärmarkt auftauchen

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