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Die Grossen Gewächse des VDP - Tag 2: Endlich! Riesling!

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2017-09-08-1504883013-5277383-herreng.jpgDas VDP-Herrengedeck

Insgesamt standen in Wiesbaden 247 verschiedene Grosse Gewächse vom Riesling aus dem Jahr 2016 an. Das ist eine etwas geringere Anzahl als letztes Jahr mit dem Jahrgang 2015, als 260 Rieslinge zur Verkostung bereitstanden. Gehört quantitatives Abspecken also doch zur Staatsräson des VDP? Oder lässt es darauf schließen, dass 2016 ein nicht ganz so starkes Jahr war wie 2015?

Die Frage nach der G√ľte des Jahrgangs ist immer wieder so berechtigt wie unbeantwortbar. Machen wir es kurz und schmerzlos: mit dem Jahrgang 2016 pr√§sentierte der VDP nicht nur weniger Grosse Gew√§chse, auch die Qualit√§t der Weine war nicht ganz so hoch wie mit 2015. Die reife Frische des Jahrgangs 2015 wurde erheblich seltener erreicht. Wer in 2016 sein Traubenmaterial durchreifen lie√ü, hatte oft mit einer etwas matten S√§ure zu k√§mpfen, und wer zu fr√ľh gelesen hatte, bekam die Strahlkraft des Rieslings nicht auf die Flasche und musste zum Taschenspielertrick der Rests√ľ√üe greifen.

War 2015 das Anbaugebiet Mosel der √úberraschungssieger, so trifft das f√ľr 2016 leider nicht zu. Weder als Sieger, noch als √úberraschung. Die alte Schw√§che der Mosel, als klimatische Region nicht passgenau im Trocken-Konzept der Grossen Gew√§chse aufzugehen, macht sich mit dem Jahrgang 2016 wieder bemerkbar. Da wurde der ein oder andere Kellerkniff angewandt, um die Weine trotz Trocken-Status noch harmonisch hinzubekommen. Das mag dann den Statuten nach ein Grosses Gew√§chs sein, aber die Seele des Weins ist irgendwo verloren gegangen.

Dabei waren Weine mit Seele und Ausdruck an der Mosel auch mit 2016 m√∂glich. Die Kollektion von Reinhard L√∂wenstein von der Untermosel ist ein gutes Beispiel daf√ľr. Der Heymann-L√∂wenstein Grosses Gew√§chs 2016 Uhlen ‚ÄěLaubach" √ľberzeugt mit einer tiefen Kr√§uterw√ľrze, die dennoch von feinen wei√üen Pfirsicharomen flankiert wird. Auch Schloss Lieser liefert, wie schon mit 2015, eine mehr als √ľberzeugende Kollektion ab, steht aber an der Mittelmosel ziemlich allein da. Der Schloss Lieser Grosses Gew√§chs 2016 Niederberg Helden ist sicher der st√§rkste und ausdrucksreichste Wein der Kollektion, wobei das Goldtr√∂pfchen mit nur sehr wenig nachsteht.

Richtig spannend wird es dann an der Saar, und es kommt zu einer Art Duell zwischen Van Volxem und von Othegraven. Der von Othegraven Grosses Gew√§chs 2016 aus dem Altenberg ist fast, als w√ľrde man Schiefer trinken k√∂nnen. √úberhaupt hat von Othegraven mit dem Jahrgang 2016 nochmals zugelegt. Bereits die Kabinette, die auf der Mainzer Weinb√∂rse gezeigt wurden, waren einer nach dem anderen spannungsgeladen und voller Lebendigkeit. Chapeau!

Der Siegerwein an der Saar ist f√ľr mich der Van Volxem Grosses Gew√§chs 2016 Gottesfuss. Noch ist die Nase von leicht reduktiven Schiefer-Schwefel-Aromen √ľberlagert, aber eine glockenklare frische Frucht lauert hinter der Jugendlichkeit. Das ist gro√ües Saar-Wein-Kino und endlich ist Van Volxem mit den Grossen Gew√§chsen vollst√§ndig angekommen.

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Ich kann mich gar nicht mehr an einen Jahrgang erinnern, bei dem nicht das kleine Anbaugebiet an der Nahe die homogenste Leistung aller deutschen Anbaugebiete ablieferte. Aber - oh Wunder - mit dem Jahrgang 2016 sind die Nahe-Winzer nicht ganz so gut zu Rande gekommen wie mit anderen schwierigen Jahrgängen. Viele Weine kämpfen mit einer gewissen Härte, die die Klarheit und Finesse des Rieslings beeinträchtigt. Viele Weine? Gerechterweise sind es viele Weine, aber vor allem ein Weingut, das den Schnitt erheblich runterzieht. Gut Hermannsberg aus Niederhausen stellt mit sechs Weinen genau ein Viertel der Nahe-Weine und enttäuscht leider auf ganzer Linie. Da sollte der VDP-Nahe nachjustieren.

Die Kollektion von Crusius ist im Aufwind, das Schlossgut Diel zeigt zwei starke Weine, von denen das Goldloch mich noch mehr √ľberzeugte, D√∂nnhoff schwankt etwas (st√ľrzt aber nicht), und dann sind da die beiden Duellanten Emrich-Sch√∂nleber und Sch√§fer-Fr√∂hlich, die sich in der letzten Weingruppe (Flight) der Nahe mit dem Halenberg und dem Fr√ľhlingspl√§tzchen (jeweils von den beiden Genannten) ein starkes Rennen liefern.

Mit den Weinen von Sch√§fer-Fr√∂hlich fremdel ich immer ein wenig. Sie kommen so brachial und √ľberw√§ltigend in der Nase, dass die etwas leiseren Weine von Emrich-Sch√∂nleber fast in den Hintergrund gedr√ľckt werden. Brachial und √ľberw√§ltigend ist eben nicht gleichzusetzen mit Eleganz und Finesse, und ist auch nicht zwangsl√§ufig ein Qualit√§tsausweis. Und dennoch: selbst wer - wie ich - bei dieser eigent√ľmlichen Mischung aus Schiefer, W√ľrze und K√§se in der Nase nicht in Freudentaumel ger√§t, der muss doch konstatieren, dass die Grossen Gew√§chse von Sch√§fer-Fr√∂hlich, deren durchziehender Faden mal mehr oder weniger eben diese Nase ist, im Mund zu einem einzigartigen Erlebnis mutieren: die S√§ure ist reif, der K√∂rper voll Spannung, die Weine leben und beben, und dennoch sorgt der Riesling mit seiner Verspieltheit und seinem Tanz f√ľr genau jene Frische und Durchsichtigkeit, die auf dem Weg von der Mosel an den Rheingau eben nur an der Nahe m√∂glich sind. Bei dieser Momentaufnahme im Sp√§tsommer 2017 hat der Sch√§fer-Fr√∂hlich Grosses Gew√§chs 2016 Fr√ľhlingspl√§tzchen die Nase vorn.

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Der Rheingau gibt sich mit fast 60 Grossen Gew√§chsen vom Riesling die Ehre, was ungef√§hr der Menge an Grossen Gew√§chsen aus der Pfalz entspricht. Dass das Weinanbaugebiet Pfalz mehr als 30mal so gro√ü ist wie der Rheingau, dennoch die gleiche Zahl an Weinen anstellt, ist wohl entweder der vornehmen Zur√ľckhaltung der Pf√§lzer geschuldet oder der - wie kann man es jetzt h√∂flich formulieren? - Lust an der Zurschaustellung der Rheingauer. Dass dann nicht alles Gold ist, was gl√§nzt, versteht sich von selbst. Hier von der ein oder anderen Abstufung vom Grossen zum Ersten Gew√§chs nachzudenken, d√ľrfte der Weinqualit√§t sicher nicht schaden.

Dabei f√§ngt der Rheingau im Osten mit dem Weingut Joachim Flick sehr stark an, dessen Grosses Gew√§chs aus dem K√∂nigin Victoriaberg ein ganz klassischer Old-School-Riesling ist, der es aber schafft, nicht in Sch√∂nheit zu sterben, sondern spannende und √ľberraschende Aromen ins Glas zu zaubern. √úber von Oetinger h√§tte ich gerne mehr geschrieben, waren doch die letzten beiden Jahre dessen Weine steil am Aufsteigen, leider zeigten sich die drei Grossen Gew√§chse aus dem Hohenrain, Marcobrunn und Siegelsberg heuer nicht von der st√§rksten Seite. Zumindest nicht im Moment. Und auch mit dem Weingut Peter Jakob K√ľhn, der die Grossen Gew√§chse Doosberg, Nikolaus und Jungfer aus 2015 im Programm hatte, w√§re ich gerne wieder in die B√ľtt gestiegen, leider zeigten die drei Weine fl√ľchtige Noten, die mich etwas ratlos zur√ľcklie√üen.

Die spannendste Weingruppe kam mit dem Jahrgang 2016 aus dem Zentralteil des Rheingaus, namentlich mit den Weinen aus dem Wisselbrunnen. Sowohl das neu aufgestellte Weingut Kaufmann (ehemals Hans Lang), wie auch das Weingut Georg-M√ľller-Stiftung zeigten Weine aus dem Wisselbrunnen, die es weiter zu beobachten gilt. Was vor allem √ľberraschte: der Wisselbrunnen scheint eine Lage zu sein, die den Weinen zumindest mit dem Jahrgang 2016 eine expressiv √§therische Note einhauchte, die, wenn sie ohne fl√ľchtige Aromen kommt, sehr frisch, klar und hell wirkt.

Und dann stand mit den Weinen vom Weingut Barth und Weingut Balthasar Ress eine ‚ÄěBattle" an, die sich gewaschen hatte. Das Weingut Barth war mir schon √∂fter aufgefallen, verfolgt es doch seit zwei Jahren einen neuen Stil, der mutiger, eigenst√§ndiger, aber nat√ľrlich auch durchwachsener wirkt. Ich meine vor allem den Einfluss von ungetoastetem Holz in der Nase auszumachen, der eher von gro√üen, noch nicht ganz weingr√ľnen St√ľckf√§ssern, als von kleinen Barriques kommen d√ľrfte. Dieser Holzeinfluss belebt die Weine ungemein, nimmt etwas die gelben Fruchtnoten zur√ľck, l√§sst aber trotzdem den hellen und klaren Aromen des Rieslings genug Raum.

Der Weingut Barth Grosses Gew√§chs 2016 Wisselbrunnen spr√ľht f√∂rmlich vor Frische, der K√∂rper schwingt, da ist keinerlei Schwere im Mund, sondern ein Veratmen und Verhauchen, das den Wein √ľberraschend, eigenst√§ndig und sehr einzigartig wirken l√§sst. Hier hat sich jemand getraut, die ausgezeichneten Anlagen des Weins ohne Vorbild oder Nachahmung in Szene zu setzen und herausgekommen ist sehnig-k√ľhles, druckvolles Frischekonzentrat. Und es gef√§llt.

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V√∂llig anders, nicht minder spannend, aber aromatisch am entgegengesetzten Ende der Skala angesiedelt, ist dann der Weingut Balthasar Ress Grosses Gew√§chs 2016 Wisselbrunnen. Wirkte der Barthsche Wisselbrunnen k√ľhl und fast etwas minzig, so vereinen sich beim Wisselbrunnen von Ress die warmen Noten zu einem Kr√§uter-Vanille-Kaffee-Potpourri, das g√§nzlich ohne Fruchtnoten auszukommen scheint. Die S√§ure des Weins ist reif und schwebend, und der K√∂rper wird mehr von Tanninreminiszenzen, als von S√§ure zusammengehalten. Das ist kein sehniger Muskel, der pocht, sondern ein warm-aromatisches Bad, in das Hineinzugleiten und Eins zu werden, sinnliche Entspannung ausl√∂st. Der Wein hat Tiefe und Sch√∂nheit und einen w√ľrzigen Sog, der ihn, so w√ľrde ich behaupten, zu einem faszinierenden Essensbegleiter machen d√ľrfte. Der Wunsch nach Tr√ľffeln blitzt im Hirn auf.

Was verbindet die beiden Weine au√üer die Lage? Au√üer die Lage? Zwei Gro√üe Weine aus der gleichen Lage, die unterschiedlicher nicht sein k√∂nnten - das muss das Konzept des Grossen Gew√§chses erstmal verkraften. Oder um mit Theodor Fontane zu verbleiben: ‚Äě... das ist ein zu weites Feld."

In K√ľrze: Tag drei: Rheinhessen, Pfalz und W√ľrttemberg.

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