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Die besten Weine Deutschlands

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Der Verband Deutscher Prädikatsweingüter lädt zur wichtigsten Weinprobe Deutschlands. Hier sind die ganz persönlichen Eindrücke und Lieblingsweine.

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Es ist das Schaulaufen der größten trockenen Weine Deutschlands. Es ist eine Weinprobe mit mehr als 400 Weinen, die niemand vorher je verkosten konnte. Es ist ein fester Bestandteil der nationalen und internationalen Weinfachleute. Es ist ein Highlight für jeden Liebhaber deutscher Weine. Es ist fantastisch organisiert und eine der professionellsten Großverkostungen der Welt. Es ist der Startschuss für den Einzelhandel, der die Weine erst ab dem 1. September in die Regale stellen darf.

Und es ist der deutschen Publikumspresse noch nicht einmal eine Randnotiz wert: die Vorpremiere der Grossen Gewächse des Verbands Deutscher Prädikatsweingüter (VDP) in Wiesbaden.

Im Land der Maschinenbauer und Moralweltmeister rangiert Genuss aus dem eigenen Land irgendwo zwischen Folklore und reaktionärem Deutschtum. So etwas hat in den Tagesthemen scheinbar keinen Platz, wenn am gleichen Tag der Probe lieber drei Minuten Werbung für einen neuen Hollywood-Streifen gemacht werden. Und Weine, die den Verbraucher 30 Euro und mehr kosten, werden wohl den Hautgout der Verschwendung und Prunksucht im Land der protestantischen Arbeitsmoral nie ganz los werden. Das kann man bedauern oder einfach mit Kopfschütteln zur Kenntnis nehmen. Aber bedenken sollte man, dass das Wissen um Genuss und Lebensfreude auch manche politische Diskussion vielleicht etwas entspannter gestalten würde.

Gezeigt wurde also in den Kurhaus-Promenaden von Wiesbaden am Montag und Dienstag das Beste, was Wein aus Deutschland zu bieten hat. Der Jahrgang 2015 stand im Fokus, kam doch die überwiegende Mehrzahl der Weine aus dem letzten Jahr. Und eine abschließende Bewertung des Jahrgangs kann man seriöserweise erst vornehmen, wenn nicht nur die einfacheren Qualitäten oder die Süßweine probiert wurden, sondern eben auch die Spitze der trockenen Weine. Kurzum: neben den besten Weinen geht es immer auch um die abschließende Einschätzung des Jahrgangs.

DER JAHRGANG 2015

Nun zeichnete sich 2015 durch einen recht problematischen Witterungsverlauf aus. Bis zum August waren die Winzer noch hoch zufrieden und alles sah nach einem herausragenden Weinjahrgang aus. Dann jedoch setzte eine Trockenperiode ein, die viele Rebanlagen unter enormen Stress setzte. Zum Unmut der meisten Weinbauern folgte auf die Trockenheit ein Schwall an Schlechtwetterfronten, der bis in die Lesezeit hinein für Regen, Nässe und schließlich auch Fäulnis bei den Trauben sorgte.

Die Kunst in 2015 bestand also aus einer Mischung aus strenger Aussortierung der von Botrytis befallenen Trauben und dem genauen Abpassen des idealen Reifezustands. Einigen Regionen faulte jedoch in wenigen Tagen ihre Ernte förmlich unter den Fingern weg. Wer bis dahin nicht gelesen hatte, verfiel in hektische Betriebsamkeit und brachte ein, was noch zu retten war. Andere Regionen hatten deutlich weniger Stress und konnten sich aus verschiedenen Gründen - moderate Niederschläge im Herbst, karge wasserabweisende Böden, herausgezögerter Lesezeitpunkt - Zeit lassen mit der Traubenernte. Das zahlte sich aus.


TERRASSENMOSEL

Die in dieser Hinsicht glücklichste Region wird in 2015 wohl die Mosel gewesen sein. Von der Terrassenmosel bei Koblenz bis weit in die engen Täler an Saar und Ruwer hinein waren Rieslingweine möglich, die so noch nie gezeigt werden konnten. Die Weine aus 2015 haben Reife und Körper, ohne mächtig oder mastig zu wirken. Die Haupteigenschaft eines Mosel-Rieslings ist ja, in all seinen Süße- und Säure-Facetten die Leichtigkeit und das Spielerische zu bewahren, was diese Weine weltweit so einzigartig macht. Hätte man meinen können, dass die Klimaerwärmung der letzten Jahrzehnte an der Mosel eher zu voluminösen Weinen geführt hätte, war im Bereich der Grossen Gewächse - also der trockenen ertragsreduzierten Weine - genau das Gegenteil der Fall: die Grossen Gewächse von der Mosel wirkten meist etwas dünn, etwas körperlos, etwas identitätslos.

Der Jahrgang 2015 dreht hier allen Unkenrufern (wie mir), die das Konzept des Grossen Gewächs' nie als Stärke der Mosel ansahen, eine Nase. Bereits das Weingut Heymann-Löwenstein am Unterlauf der Mosel bei Koblenz brilliert mit 5 (fünf!) Rieslingen, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Sein Grosses Gewächs aus dem Röttgen hat etwas fruchtig Feminines, das einen sofort in den Bann zieht. Aber auch sein Stolzenberg mit dieser feinen Note nach Salzkaramell weiß sofort gefangen zu nehmen. Man möchte die Nase gar nicht mehr aus dem Glas nehmen, so vielschichtig präsentiert sich der Wein mit zunehmender Temperatur. Und natürlich ist dann da der Riesling aus der Uhlener Parzelle „Laubach". Hier werfen Reinhard und Cornelia Löwenstein (oder ihre Rieslingtrauben) noch einmal den Außenbordmotor an und produzieren wohlige Wellen der stillen Ergriffenheit: unglaublich komplex, ernsthaft, tiefgründig und trotzdem mit einer augenzwinkernden Freude begrüßt einen der Wein und lässt erahnen, dass er sich noch als ausgezeichneter Gesprächspartner die nächsten Jahre erweisen wird.

Nun zu sagen, welcher der Löwenstein-Weine „der Beste" ist, wäre vermessen und kurzsichtig. Nicht nur sind derartige Großverkostungen wie die in Wiesbaden, an denen ein Verkoster 150 und mehr Weine am Tag probiert, eh nicht mehr als eine Momentaufnahme. Es fehlt einfach die Zeit, sich länger mit dem Wein zu beschäftigen und seine Veränderbarkeit im Glas mit Luft und höherer Temperatur zu beobachten. Hinzu kommt, dass das Weingut Heymann-Löwenstein die Spitze seiner Grossen Gewächse, den „Roth Lay" aus dem Uhlen, erst im März des nächsten Jahres probieren und ausliefern lässt und bis dahin „der Beste" nur eine relative und daher widersprüchliche Größe darstellt. Dennoch soll eine Empfehlung erfolgen und die Wahl fällt auf das Weingut Heymann-Löwenstein Riesling Grosse Gewächs 2015 aus dem Hatzenporter Stolzenberg. Der Grund: noch beim Schreiben dieser Zeilen ist der so eindrückliche Geschmack nach Salzigkeit, reifer klarer Frucht und diesem leichten Karamellton so anwesend und stark in der Erinnerung, dass dieser Wein wirklich den prägendsten Geschmackseindruck hinterlassen hat.

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Mit fünf derart herausragenden Weinen (zu den drei oben Genannten gesellen sich noch der „Blaufüsser Lay" aus dem Uhlen und der Hatzenporter Kirchberg, die nur Nuancen entfernt sind) darf man bei den Löwensteins von der Kollektion ihres Lebens sprechen. Hier vereinen sich Wetterglück, Winzermut und Lust am gefährlichen Ausdruck aufs Vortrefflichste. Denn das muss klar sein: empfohlen werden hier nicht Weine, die wohltemperiert und eingängig sind, sondern ausschließlich Weine, die zur Beschäftigung auffordern, ja auf den ersten Blick vielleicht sogar etwas Anstößiges, Schmutziges und eben Gefährliches haben. Denn genau das ist der Unterschied zwischen einem guten Wein und einem großen Wein. Letzterer ist nicht gemacht, um zu gefallen, sondern um das Zwingende und Ausweglose, was dem Zusammenspiel aus Jahrgang, Traube, Boden und Winzer innewohnt, aufscheinen zu lassen. Nur dort kann sich Größe ereignen, wo das Scheitern genauso möglich wäre.

MITTELMOSEL

Dass auch von den Winzern der Mittelmosel großartige trockene Rieslinge präsentiert wurden, ist durchaus ungewöhnlich. Hier, so scheint es, wird weiterhin mehr Wert darauf gelegt, die herausragendsten fruchtsüßen Weine der Welt zu produzieren. Irgendwie nicht ganz passend und etwas lieblos wirkten einige der Grossen Gewächse die letzten Jahre. Noch immer zeichnet sich der VDP-Verband Mosel durch eine gewisse Stiernackigkeit und überraschend infantile Trotzreaktionen aus, die ein Qualitätskonzept nur schwer durchsetzbar erscheinen lassen. Es ist noch nicht lange her, dass die Aufnahme eines der international renommiertesten Moselweingüter von den VDP-Verbandsmitgliedern hinterrücks abgelehnt wurde, was zum Eklat und Rücktritt des Vorstandes führte. Dass Neid und Missgunst im Spiel waren, darf unterstellt werden. Die tumbe Blödheit mancher Moselwinzer treibt merkwürdige Blüten, Internationalität hin, Globalisierung her. Da besteht noch Reinigungsbedarf, was Respekt vor Leistung angeht.

So scheint es auch weiterhin schwierig, an der Mosel einen durchgängigen Qualitätseifer auszumachen. Zu viele auch der VDP-Winzer produzieren nettes Mittelmaß. Dass in 2015 viel, viel mehr möglich war, zeigen eben zu wenige an der Mittelmosel. Einer, dem man diesen Vorwurf jedoch nie machen konnte, ist Thomas Haag vom Weingut Schloss Lieser. Seine Weine haben diesen Mut zur Zartheit, der die besten Mosel-Rieslinge auszuzeichnen vermag. Was Thomas Haag mit 2015 an Grossen Gewächsen vorstellte, ist schlicht und einfach grandios. Drei Weine, drei Lagen, drei Mal Weltklasse. Was sie auszeichnet: von nichts ist zu viel in den Weinen, alles ist da in fast atemberaubender Klarheit und Perfektion, die Weine strahlen im besten Sinne Harmonie aus und trotzdem sind Langeweile oder Biederkeit so weit weg wie „the dark side of the moon".

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Schloss Liesers Grosses Gewächs aus der Wehlener Sonnenuhr ist der mutigste und vibrierendste Wein der drei. Das Graacher Himmelreich ein Traum an Spannung am Gaumen und Zug im Trinkfluss. Was Thomas Haag jedoch aus dem Niederberg Helden herausholt, ist schier unglaublich. Hier findet eine Form des Rieslings zu sich selbst, wie sie nur an der Mosel gedeiht: klar, finessenreich, mit der zurückhaltenden Anwesenheit einer himmlischen Frucht, gepaart mit der nötigen Kraft des Irdischen, so dass der Wein neben dem Schweben im Mund nicht vergessen lässt, dass immer noch die Erde Ursprungsort der Traube und des Weins ist. Das Schloss Lieser Riesling Grosse Gewächs 2015 aus dem Niederberg Helden ist die Metamorphose des Menschlichen auf eine neue schwebende Daseinsform. Man ist geneigt, bei diesem Wein die Höchstpunktzahl zu ziehen.

SAAR

Der Ritt durch das engste und Kühlste Weinanbaugebiet Deutschland findet schließlich an der Saar sein fulminantes Ende. Roman Niewodizcanski vom Weingut van Volxem zeigt drei Weine großartigster Ausprägung (Goldberg, Volz, Scharzhofberger). Auch der Saarburger Rausch vom Weingut Forstmeister Geltz-Zilliken ist ein wunderschöner Wein, der mehr auf der floralen Seite des Aromenspektrums angesiedelt ist. Die Show an der Saar stiehlt aber auch mit dem Jahrgang 2015 wieder einer der Neuzugänge des VDP-Mosel: das Weingut Peter Lauer.

Nun ist Peter Lauer erst vor drei Jahren in den VDP aufgenommen worden, hat aber in dieser doch kurzen Karriere den Verband kräftig durchgeschüttelt. Sicher, er hat als weiteres Weingut (neben van Volxem und Günther Jauchs von Othegraven) den Fokus der Aufmerksamkeit vom Haupttal der Mosel auf das Nebental der Saar gelenkt, was manchem Winzer der Mittelmosel ein Dorn im Auge sein könnte. Dass der VDP-Mosel jedoch dringend mehr von diesem frischen Wind benötigt, um nicht in Langeweile zu erstarren, und dass die Entscheidung, den jungen Mann in den prestigeträchtigen Verein aufzunehmen, völlig richtig war, beweist Peter Lauer seitdem jedes Jahr aufs Neue. Die Rieslinge aus 2015 sind seine bisher stärkste Kollektion - und die Weine aus 2013 und 2014 waren bereits eine Klasse für sich.

Peter Lauer fährt einen ganz eigenen Stil. Seine Rieslinge sind erheblich wilder und etwas mächtiger als die des Großmeisters Thomas Haag, wirken weniger geschliffen und tragen trotz aller tiefen Frucht doch mehr die dunklen Stein- und Erdaromen im Gepäck. Zeitlose Harmonie ist ihre Sache nicht, dafür anpackende Spannung und eine klare sinnliche Sprache, die von reifer Frucht und schiefriger Aromatik geprägt ist. Sind die Weine von Schloss Lieser schwebende Poesie, so sind die von Peter Lauer mehr auf der feinen prosaischen Seite des Sprachspektrums und rücken das Sinnliche in den Vordergrund.

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Von den drei Grossen Gewächsen Peter Lauers sticht momentan das vom Schodener Saarfeilser am deutlichsten hervor. Es schreitet die komplette Bandbreite des Rieslings und des Schiefers mit Ruhe und Stolz ab, ist trotz aller Reife wunderbar schlank und vor allem fokussiert und statt einen Mischmasch an Aromen zu schmecken, hat man den Eindruck, es läge alles wohl getrennt vor einem, um dann im Ganzen doch mehr zu ergeben, als nur die Summe seiner Teile. Das ist eigenständig. Das ist großartig. Das ist bisher an der Saar so noch nicht dagewesen: Weingut Peter Lauer Riesling Grosses Gewächs 2015 Saarfeilser .

RHEINGAU

In den letzten Jahren hat der Rheingau vielfältige Anstrengungen unternommen, um qualitativ wieder an die anderen renommierten Weinanbaugebiete aufzuschließen. Und die Entwicklung war vielversprechend. Die Grossen Gewächse nahmen von der Zahl her etwas ab, was auf ein kritischeres Auswahlverfahren schließen ließ, und die Weine wurden eigenständiger, mutiger und weniger einem geschmacklichen Vorgabenbild an- und eingepasst. Nach Jahren des Dornröschenschlafs kam der schöne Rheingau langsam in Bewegung. Und einer der Protagonisten dieser Veränderungen war und ist zweifelsohne Dirk Würtz.

Dirk Würtz ist inzwischen Betriebsleiter beim prestigeträchtigen Weingut Balthasar Ress aus Hattenheim. Aber das ist nicht seine einzige Aufgabe, der er sich verschrieben hat. Er ist Blogger, Autor, Fernsehgesicht, Einpeitscher, Motivator, Stimmungsmacher und überhaupt ein HansDampf in allen Gassen, die zwischen Hochheim und Rüdesheim den Rheingau durchziehen. Und das ist ein Glück für diese Region. Dem Weingut Ress ist anzurechnen, diesen etwas überbordenden Menschen überhaupt in den Rheingau geholt und ihm eine Spielwiese zur Verfügung gestellt zu haben. Das war mutig. Und vielen anderen ist ebenfalls anzurechnen, die Anstrengungen, die Dirk Würtz verbreitet, auszuhalten und zu fördern. Da fällt einem sofort der VDP-Rheingau-Vorsitzende und Ausnahmewinzer Wilhelm Weil ein, der mit Würtz ein kongeniales Qualitätsteam bildet.

Mit dem Jahrgang 2015 sind die Rheingau-Winzer jedoch nicht so recht zu Rande gekommen. Die schwereren Böden, der Trockenstress und der anschließende Feuchtigkeits- und Fäulnisdruck hat mit dem Jahrgang 2015 nicht die stärksten Weine hervorgebracht. Viele wirken wieder so, wie der Rheingau ehedem war: zusammengefrickelt, hingeschönt, oftmals überreif und alkoholisch mit dann doch prägnanter Säure und auch grünen Aromen, was dann alles zusammen zu einem „Chinarestaurant süß-sauer"-Gesamteindruck führt. Selbst einige der führenden Rheingauwinzer scheinen den idealen Lesezeitpunkt verpasst zu haben. Das ist bedauerlich und diesem dann doch komplizierten Jahrgang geschuldet.

Im Umkehrschluss soll das keinesfalls bedeuten, dass alle Weine aus dem Rheingau nur Mittelmaß wären. Aber mit 60 angestellten Grossen Gewächsen waren die dem Anspruch genügenden Weine zu rar gesät. Dass aber auch in 2015 wirklich Großartiges hätte entstehen können, zeigen dann die Weine vom Weingut Balthasar Ress unter Leitung von eben diesem besagten Dirk Würtz. Zwei Grosse Gewächse nur, aus den Hattenheimer Lagen Nussbrunnen und Wisselbrunnen. Aber die hatten es in sich.

Um die Weine einzuordnen, eine Einschätzung vorweg: wer klassischen Riesling sucht, also eine feine Frucht gepaart mit steinigen und tabakigen Aromen, wird mit den Grossen Gewächsen von Ress nicht glücklich werden. Warum? Weil beide Weine überhaupt keine Lust haben, auch nur ein Quentchen Frucht zu zeigen. Der erste Naseneindruck ist extrem fordernd, es riecht ein wenig nach Brühe und Kanalisation. Das klingt nicht angenehm, fällt aber bei derartigen Proben im Zusammenspiel mit den vielen auf Frucht getrimmten Weinen dann auch besonders auf. Nun ist Auffallen noch kein Garant für Qualität. Was diese Weine so spannend und so besonders macht, ist ihre Lässigkeit, ohne dabei nachlässig zu wirken. Sie verschmähen zu gefallen. Das ist mutig. Aber auch Mut ist noch kein Garant für Qualität. Das Entscheidende ist schließlich, was sich im Mund ereignet. Denn würde hier das Ereignis ausbleiben, hätten die Weine verloren.

Aber es ereignet sich eben Ungeheuerliches. Vor allem das Weingut Balthasar Ress Riesling Grosses Gewächs 2015 Wisselbrunnen packt einen sofort im Mund mit einer Fülle und Reife, mit Präzision und Pikanz, die schlichtweg ein Erlebnis sind. Der ganze Mund beginnt zu vibrieren, kitzelt bis zu den Ohransätzen und der Geschmackseindruck verschwindet dann minutenlang nicht nach dem Herunterschlucken. Mit jedem Grad mehr Temperatur im Glas öffnet sich der Wein und lässt alles vergessen, was Rheingau, was Riesling, was 2015 ist. Denn ein großer Wein bildet nie das Typische ab, sondern immer das Herausragende. So kann eben gerade das Untypische ein verlässlicher Indikator für Größe sein.

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Dieser Wein fordert, der Wein packt, er hat phenolische Noten, die gewöhnungsbedürftig sind und er verweigert sich dem Gefallen und dem Schmeicheln. Nach Dutzenden von Weinen, die ihre Berechtigung darin suchen, eben nichts anderes zu machen, als gefallen zu wollen, ist dieser Wein eine Erleichterung. Eine Freude. Eine Schmähung. Er nimmt sein Gegenüber ernst und offenbart sich ohne Schnörkel und ohne das falsche Schielen auf Applaus. Unweigerlich kommt eine der Elegien von Rilke in den Sinn, dass jeder Engel schrecklich ist, weil er gelassen verschmäht, uns zu gefallen (oder so ähnlich).

NAHE

Waren im Rheingau die Qualitäten noch sehr volatil, so zeigt das Anbaugebiet Nahe mal wieder, wozu geschlossene Winzerleistung in der Lage ist. Insgesamt 27 Grosse Gewächse vom Riesling wurden gezeigt, und jeder Wein war ein Genuss. Es ist mehr als bemerkenswert, dass dieses kleine Anbaugebiet jedes Jahr, wenn es um die flächendeckende Leistungsschau geht, die Nase vorn hat. Wer sich blind den Keller voll machen will, kann zu jedem der Nahe-Rieslinge greifen. Hier scheint der Jahrgang 2015 wirklich großartig geworden zu sein, dem engen und verwunschenen Seitental sei Dank.

Der Altmeister des Rieslings, das Weingut Dönnhoff, brilliert mit insgesamt vier Grossen Gewächsen. Hervorzuheben ist dabei vor allem die Parzelle „Felsentürmchen" aus dem Schlossböckelheimer Felsenberg. Auch dieser Wein legt eine Entspanntheit an den Tag, dass es eine Freude ist. Nicht die vibrierende Frucht steht im Vordergrund, sondern eine feine Kräutrigkeit nach Tabak und Kamille. Das ist schon großes Riesling-Kino.

Auch die Mitstreiter von Dönnhoff, die Emrich-Schönlebers und Schäfer-Fröhlichs und Gut Hermannsbergs präsentieren alle Weltklasseweine. Wie immer fallen die Weine von Tim Schäfer-Fröhlich durch eine sehr expressive Käse-Schwefel-Nase auf. Das muss man mögen, denn auf merkwürdige Weise riechen (von duften sollte man da nicht sprechen) seine Weine dadurch recht ähnlich, fast einheitlich. Woher das kommt? Darüber gibt es der Theorien viele. Die wohl gängigste lautet natürlich: das ist das Terroir. Dass man daran Zweifel haben darf, zeigt der Umstand, dass inzwischen auch die Weine von Gut Herrmannsberg nachgezogen haben und ähnlich riechen. Zufall? Plan? Wie gesagt: man muss es mögen.

Überwindet man den Naseneindruck, so zeigen die Weine im Mund jedoch Herausragendes: sie sind reif, sie haben Druck, sie sind voluminös, ohne zu mächtig zu wirken, sie haben Spiel, sie haben Finesse. All das zusammen lässt die Nase schnell vergessen. Und auch der Nasenstil ist natürlich stetigem Wandel unterworfen. So ist der Riesling aus der Lage Stromberg von den Schäfer-Fröhlich-Weinen der mit der am wenigsten expressiven Nase, was dem Gesamteindruck sehr entgegenkommt.

So ungerecht es ist, einen Einzelwein aus der Schar all der großartigen Weine herauszuheben, so notwendig erscheint es doch, auf die Entwicklung eines Weinguts hinzuweisen, das nun im dritten oder vierten Jahr zur absoluten Spitze aufgeschlossen hat. Natürlich würde ein Weinverkoster niemals zugeben, dass auch Sympathien beim Küren eines Siegerweins dazugehören. Das wäre ja schändlich. Aber die letzte Entscheidung, einen Wein aufs Treppchen zu heben, ist bei all den fast gleich herkulanisch wirkenden Winzerleistungen am Ende doch etwas Geheimnisvolles. Und ein Weingut, das bisher immer leer ausging, war das Schlossgut Diel.

Nun ist Armin Diel eine der bekanntesten und schillerndsten Persönlichkeiten der deutschen Weinszene. Mit seiner Mischung aus Winzer, Weinkritiker und Weinautor hat er oft Argwohn und Protest hervorgerufen. Zuviel Macht, zuviel Einfluss bündelten sich in seinen Händen. Wie gesagt: dass diese Scheu vor einer so prägenden Persönlichkeit, die dabei, das darf man nicht vergessen, so viel für den deutschen Spitzenwein getan hat, in ein Verkostungsresultat einfließt, wird wohl niemand zugeben wollen. Überbordende Sympathie führt dabei zu ähnlichen Verzerrungen wie strikte Ablehnung, also machte man einen Bogen um die Dielschen Weine.
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Seit jedoch Caroline Diel das Gesicht des Weinguts geworden ist und auch für den Ausbau der Weine verantwortlich zeichnet, hat sich die Wahrnehmung der Weine rasant verändert. Spätestens mit dem Jahrgang 2012 war hier ein fulminanter Umschwung zu erkennen, der den Weinen erheblich mehr Ausdruck, Mut und Tiefe eingeimpft hat. Das hat sich mit dem Jahrgang 2015 fortgesetzt. Drei Weine mit einem deutlichen Sieger: Schlossgut Diel Riesling Grosses Gewächs 2015 aus dem Dorsheimer Pittermännchen. Schon die Nase erzeugt Spannung und Vorfreude und ist dezent untermalt mit zarten Steinaromen. Im Mund ist das Pittermännchen dann eine kleine Explosion aus Kraft und Finesse, aus Länge und gleichzeitig Zartheit. Frucht- und Steinaromen halten sich perfekt die Waage und entwickeln einen enormen Druck am Gaumen. Hier hat es einer verdient, auf dem Treppchen ganz oben zu stehen. Und das war 2015 an der Nahe nicht leicht, denn die Konkurrenz ist atemberaubend groß.

RHEINTERRASSE

Von Nord nach Süd, von leicht nach körperreich, von der Nahe nach Rheinhessen, dem größten Weinanbaugebiet Deutschlands. Was da mit den Weinen von der Rheinterrasse - also dem kleinen Hügelland zwischen Nackenheim und Oppenheim - in die Gläser kam, brachte richtig Freude. Vor allem den Winzern vom Roten Hang tat der Neuzugang des Weinguts Schätzel auffallend gut, auch wenn die Schätzelschen Weine noch nicht ganz zu überzeugen wussten. Konkurrenz scheint auf jeden Fall das Geschäft zu beleben und es ist eine deutliche Aufwärtsbewegung, was Eifer und Anspruch angeht, festzustellen.

Über die Rieslinge des Weinguts Kühling-Gillot soll hier nicht weiter geschrieben werden. Sie haben die letzten Jahre derart viele Preise eingeheimst, dass es fast langweilig werden könnte, nochmals darauf hinzuweisen, wie exorbitant ausdrucksstark der ultrarare Rothenberg „wurzelecht" ist oder wie grandios packend der Riesling aus dem Pettenthal sich zeigt. Lassen wir also den primus inter pares beiseite und widmen wir uns dem Weingut Gunderloch, das die letzten Jahre eine wirklich atemberaubende Performance hingelegt und sich zu einem würdigen Herausforderer gemausert hat.

Drei Grosse Gewächse, von denen zwei so herausragend sind, dass die Beschränkung auf einen Wein schwer fällt. Pettenthal oder Rothenberg? Nun ist der Riesling Pettenthal aus dem Hause Gunderloch bereits ein derart großartiger Wein, dass die Wahl locker auf ihn fallen könnte. Er hat alles im Überfluss und zeigt die große Stärke dieser Lage: dem Tonschiefer und der Steilheit abgetrotzte Klarheit. Aber die Wahl fällt trotzdem auf das Weingut Gunderloch Riesling Grosse Gewächs 2015 aus dem Nackenheimer Rothenberg, einfach aus dem Grund, weil die Nase dieses Weins noch einen Tacken animierender, Wasser-im-Mund-zusammenlaufender und druckvoller ausfällt.

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Dass der Rote Hang warm ist, strahlen die Weine aus. Aber diesen Überfluss gezügelt zu bekommen, so dass Finesse und Transparenz entstehen, das ist die große Leistung des Rieslings aus dem Rothenberg. Unter dem schönen Schein der warmen Frucht lauert das dunkle Aromenspektrum des Schiefers: Mirabelle, Pfirsich, etwas Quitte im Vordergrund, dazu die Aromen getrockneter Südkräuter und Tabak tief unten als das Geheimnis des Weins. Zum Strahlenden und Klaren gesellt sich etwas Gewitterhaftes, das sich mit etwas mehr Reife zu einem Regenbogen-Erlebnis im Mund verwandeln dürfte. Die Vorfreude ist bereits riesig und das Weingut Gunderloch mit den 2015ern im Olymp der Besten angekommen.


WONNEGAU

Einige Kilometer weiter südlich im rheinhessischen Wonnegau ist das triumphale Dreigestirn aus Klaus Peter Keller, Philipp Wittmann und Hans-Oliver Spanier beheimatet. Dass das Weingut Keller von seinen fünf Grossen Gewächsen auf der Vorpremiere in Wiesbaden zumindest den aus dem Hubacker dem interessierten Fachpublikum präsentiert, darf man ja schon als Gnade ansehen. Natürlich sind dessen Weine gesucht und rar, aber der VDP sollte sein Premierenkonzept irgendwie dahingehend ausrichten, dass die Präsenz für Weine, die am 1. September in den Handel kommen, auch verpflichtend ist. Dass das Weingut Keller nach Jahren der Totalabstinenz sich diese Arroganz leisten kann, steht natürlich auf einem anderen Blatt. Sei's drum. Der Kellersche Hubacker war ein beeindruckender Wein.

Ein ganz anderes Kaliber ist da das Weingut Wittmann. Vier Grosse Gewächse stellt es jedes Jahr an und die Weine sind durch die Bank weg fantastisch. Mit dem Kirchspiel und dem Morstein hätte Wittmann durch das Weingut Keller sogar einen direkten Herausforderer, wenn denn die Weine angestellt würden. Ein Vergleich der Lageninterpretationen scheint jedoch nicht von Interesse zu sein. So stehen die Wittmannschen Weine als Solitäre da und sie sind es mehr als wert, bewundert und angebetet zu werden. Vor allem die Rieslinge aus dem Morstein und dem Brunnenhäuschen zeigen eine so greifbare Dunkelheit und Tiefe, dass diese Kombination mit den hellen und strahlenden Fruchtaromen des Rieslings fast so etwas wie einen ganz eigenen, strahlend schönen Stil erschafft, den Philipp Wittmann jedes Jahr aufs Neue meisterlich umsetzt.

Mit dem Jahrgang 2015 steht jedoch im Wonnegau das Weingut BattenfeldSpanier ganz oben auf dem Treppchen. Sind die Weine von Wittmann durch diese unglaubliche Gegensätzlichkeit des Aromenspektrums geprägt, die fast zu einem geschmacklichen Eindruck von aufgehobener „nothingness" führt, so agieren die Weine von Hans-Oliver Spanier mehr aus einer Mitte heraus. Das Kompakte, das die Weine dadurch prägt, hatte mit dem Jahrgang 2015 ganz leicht die Nase vorn. Und von den drei exzeptionellen Spanierschen Weinen - dem Schwarzen Herrgott, Frauenberg und Kirchenstück - ist 2015 das Jahr des Schwarzen Herrgotts.

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BattenfeldSpanier Riesling Grosses Gewächs 2015 Zellerweg am Schwarzen Herrgott - eine Lage, die sich Rheinhessen (Zellerweg) und die Pfalz (Schwarzer Herrgott) teilen, wobei das die Lage bezeichnende schwarze Kreuz aus dem 8. Jahrhundert auf dem heute pfälzischen Teil der Lage steht. Aber nach 1.300 Jahren Irrungen und Wirrungen lässt sich wohl nicht mehr genau abgrenzen, welcher Teil der „historischere" ist.

Wie fast alle großen Lagen im Wonnegau ist auch der Schwarze Herrgott eine Kalklage, d.h. unterhalb der dünnen Humusauflage liegen mächtige Kalkbänke, deren ständige Bewegung dazu führt, das durch die Reibung faustgroße Kalksteine an die Oberfläche gedrückt werden und förmlich aus dem Boden wachsen. Zwischen ihnen stehen die Rieslingreben und ächzen unter der Kargheit des Bodens. Da Kalk die Eigenschaft besitzt, Wasser speichern zu können, ist eine Kalkunterlage vor allem in Jahren mit Trockenstressperioden wie 2015 von enormem Vorteil. Die Wurzeln brechen den weichen Kalk auf und ziehen sich das Wasser aus dem Stein.

Jetzt wäre es natürlich wunderbar einfach zu behaupten, alle Weine vom Kalk schmecken nach Stein. Oder nach Kreide. Oder, um das so wenig aussagekräftige Modewörtchen zu benutzen, so mineralisch. Aber wie schmeckt eigentlich Kalk? Und was bedeutet ein „mineralischer Geschmack"? Verzichten wir auf diese allzu simplifizierenden 1:1 Übersetzungen aus dem Boden in den Wein und fangen wir anders an: der Wein hat eine unglaubliche Tiefe und einen Aromeneinschlag, der ganz zart an Jod und Trüffel erinnert. Gleichzeitig klettert der Wein von diesen eher dunklen Erdaromen über jede Sprosse der nur möglichen Aromenleiter: etwas Speck, etwas Toast, ein Hauch getrocknete Minze, bis er die hellen Aromentöne erreicht: Steinobst, reife Birne und schließlich ein leicht floraler Eintrag nach Jasmin. Dieses Aufgefächertsein und trotzdem in-der-Mitte-Stehen ist ein Erlebnis von Transzendenz, das nur sehr, sehr wenige Weine vermitteln können. Der BattenfeldSpanier Riesling aus dem Schwarzen Herrgott kann es und dafür ist er gar nicht genug zu loben und wertzuschätzen.

PFALZ

Nach dem Rheingau ist die Pfalz die zweite Region, die mit dem Jahrgang 2015 nicht so gut zurechtkam. Auch die Pfalz präsentiert insgesamt 60 Grosse Gewächse vom Riesling, deren Einheitlichkeit, fast Eintönigkeit überrascht. Der Verdacht liegt auf der Hand, dass die feuchte Wärmeperiode zur Lesezeit bei den Pfälzer Weingütern zu Hektik geführt hat und viele Trauben in nicht voll durchgereiftem Zustand gelesen wurden. Eine kantige Säure, grüne Aromen, ein karger Körper und ein im ganzen eher hartes Geschmacksbild ließ keine wirkliche Freude aufkommen.

Nun sollte man aber auch nicht den Stab über den Pfälzer Weinen brechen. Zum einen besitzen sie eh die Tendenz, zu dem jetzigen Zeitpunkt verschlossen und unsinnlich zu wirken. Das kann sich im Laufe einer moderaten Reife durchaus noch ändern. Zum anderen fehlten die Weine des Pfälzer Renommierbetriebs Bürklin-Wolf, die, so war zu hören, sich noch in der Gärung befanden. Wenn auch diese Weine abgefüllt sind und mit etwas Flaschenruhe zu probieren sein werden, lässt sich erst ein abschließendes Urteil über die Pfalz 2015 fällen.

Natürlich gab es auch Rieslinge aus der Pfalz, die mit Genuss und Freude zu probieren waren. Die Weine des Weinguts Christmann sind da zu nennen und auch das Weingut Georg Mosbacher hatte mit dem Ungeheuer und dem Kieselberg zwei tolle Weine im Portfolio, die sich durch Reife und Zug auszeichneten. Für einen „Prix d'Excellence" hat es trotzdem nicht gereicht, denn dafür waren die Weine der anderen Regionen einfach zu stark.

BADEN

Ob die beiden Weinanbaugebiete Baden und Württemberg sich mit ihren Grossen Gewächsen vom Riesling wirklich einen Gefallen tun, darüber lässt sich trefflich streiten. Mit dem Jahrgang 2015 wird dies eher nicht der Fall gewesen sein. Lenken wir unseren Blick also weg vom Riesling auf eine Traubensorte, die neben Weiß- und Grauburgunder eher ein Schattendasein fristet: dem Chardonnay. Dazu ein Vergleich: insgesamt wurden in Wiesbaden 43 Grosse Gewächse aus Weiß- und Grauburgunder gezeigt, die allesamt im Vergleich zu den großartigen Rieslingen unambitioniert erschienen. Ihnen zur Seite gestellt waren noch acht Chardonnays, die ebenfalls keinen wirklichen Hang zur eigenen Identität aufwiesen. Mit Ausnahme von zwei Chardonnays und um die soll es gehen.

Als 2014 der „Godfather of Deutscher Burgunder", Bernhard Huber, viel zu früh verstarb, waren die Befürchtungen, die herausragende und völlig einzigartige Qualität der Huberschen Weine könnte jetzt leiden, nicht von der Hand zu weisen. Bernhard Huber war ein Riese und wer könnte schon in seine Fußstapfen treten. Mit dem Jahrgang 2014, der nun in Wiesbaden vorgestellt wurde, kommt der erste Jahrgang auf den Markt, den Bernhard Huber nicht mehr verantworten konnte. Und sowohl die Rotweine wie auch die Weißweine lassen nicht vermuten, dass dort ein erst 26jähriger Spross der Familie am Werk ist. Diese Art des Qualitätskontinuums allein verlangt schon höchsten Respekt.

Man sollte dennoch nicht meinen, allein ein Kontinuum sei bereits ein hinreichender Grund für große Weine. Da muss mehr im Spiel sein. Intuition, Mut, Glück und sicher auch sehr, sehr viel Wille zum Ausdruck, sonst verliert man den Anschluss an das bereits Erreichte. Dass der 26jährige Julian Huber all das und noch viel mehr mitzubringen scheint, beweisen die neuen Weine aus dem Jahrgang 2014.

Zwei Chardonnays präsentiert das Weingut, den einen aus dem Bienenberg und den anderen aus dem Schlossberg. Beide zeichnet eine atemberaubende Finesse und Schlankheit aus, die sich mit einem derart gekonnten Holzeinsatz verbindet, dass die Weine bereits jetzt, in viel zu jungem Stadium, mit Faszination zu probieren sind. Da ist kein Babyspeck, keine falsche Süße, nichts Aufgesetztes oder Plakatives. Kompromisslose Erhabenheit, die zwar im jetzigen Stadium noch etwas drängend und ungestüm wirkt, die aber mit etwas Reife genau zu dem abschmilzt, was große Burgunder auszeichnet: die Frucht verschwindet und dient nur noch als Träger des Bodens, der Erde und der Seele des Winzers.

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Der Bienenberg wirkt etwas weicher, etwas geschmeidiger, etwas weniger radikal. Denn das, was der Schlossberg hat, das hält man ja gar nicht lange aus, ohne zu veratmen: dieser Wein ist ein Donnerhall, eine Macht am Gaumen, die einen niederzureißen droht. Alles an ihm ist extrem und prononciert, ohne dabei vorlaut, laut oder gar üppig zu sein. Ganz im Gegenteil: wenn es möglich wäre, die Macht des Nichts in seiner ganzen Fülle schmecken zu können, im Weingut Huber Chardonnay Grosses Gewächs 2014 Schlossberg könnte es sich ereignen.

Warum schafft es nur ein einziger einsamer Winzer in Deutschland, einen derartig grandiosen, anspruchtsvollen und strahlenden Chardonnay zu produzieren? Und der, der das schafft, ist erst 26 Jahre alt.


SPÄTBURGUNDER

Glücklicherweise sind schöne und anspruchsvolle Rotweine aus der Pinot-Traube in Deutschland reicher gesät als Chardonnays. Meyer-Näkel und der Deutzerhof von der Ahr, Gutzler aus Rheinhessen oder natürlich Rudolf Fürst aus Franken; sie alle präsentierten Spätburgunder (Pinot Noir) aus 2014, die wunderbar waren. Aber auch hier gilt: das Erhabene ist der Feind des Großen. Und viel eindeutiger als die letzten Jahre hatte wieder das Weingut Huber die Nase vorn. Drei Spätburgunder aus dem Bienenberg, dem Schlossberg und der Sommerhalde verwiesen die anderen Rotweine deutlich auf die Plätze.

Nun ist der Schlossberg ein Wein für die Ewigkeit und zu einem derartig frühen Zeitpunkt noch der unzugänglichste der drei. Der Bienenberg ist der Charmeur und die Sommerhalde ist der wildeste der Huberschen Spätburgunder. Drei famose Weine ohne Frage. Was jedoch am Weingut Huber Spätburgunder Grosses Gewächs 2014 Sommerhalde so beeindruckt, ist die Mischung aus Raffinesse und Wildheit.

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Die Basisnote beginnt vibrierend und mit einem Eindruck nach Trüffel und Speck, die Mittel- oder Herznote offenbart einen dunklen und reifen Früchtekorb mit Brombeeren und einem Hauch Johannisbeeren, während sich die Kopfnote dann in etwas ätherischen Eukalyptus verabschiedet. Dabei ist der Wein nicht nur messerscharf fokussiert, sondern vor allem mit einer atemberaubenden Dichte und Länge. Das ist nicht nur großer Rotwein und noch größerer Burgunder, das ist vielleicht das Beste, was das Weingut Huber je auf die Flasche gebracht hat. Dieser Wein und die Metamorphose vom Vater auf den Sohn machen sprachlos.


DER SOLITÄR

Alle bisher vorgestellten Rieslinge kamen aus dem Jahrgang 2015. So soll es sein bei der Vorpremiere in Wiesbaden und das ist auch gut so. Dass einer aus der Reihe tanzte, soll nicht verschwiegen werden. Nun könnte man meinen, wenn in einer Reihe von 2015ern auf einmal ein 2014er auftaucht, hat der Wein einen Vorteil. Weit gefehlt. Die bereits fortgeschrittene Reife irritiert den Gaumen und die Nase. Man muss sich wieder neu justieren und auf das veränderte Aromenbild einlassen.

Dass dieser Wein, um den es jetzt geht, sofort irritierte, lag aber nicht nur an dem einen Jahr mehr, das er auf dem Buckel hatte. Denn das Irritierende war nicht der Reifezustand, sondern das völlig andere Aromenverhalten. In einer Probe ohne Rieslinge würde dieser Wein locker als großer weißer Chateauneufe du Pape oder Chenin Blanc von der Loire durchgehen. Völlig Riesling-untypisch ist dieser Wein, lenkt aber den Blick darauf, dass ein wahrhaft großer Wein nie nur die Eigenschaft der Traube abbildet. Vielleicht sogar im Gegenteil: je größer ein Wein ist, desto weniger steht die Traube im Fokus. Dass sich eine Traube in den Vordergrund spielt, ist ja eine Entscheidung des Winzers und wir in Deutschland haben uns an ein Geschmacksbild der Rieslingweine gewöhnt, bei dem die Frucht und die Klarheit und die Kräutrigkeit des Rieslings im Vordergrund stehen. Dass es auch anders geht, zeigt seit ein paar Jahren Peter Jakob Kühn aus dem Rheingau.

Sein Weinmachen ist mit dem, was man „extremes Weinmachen" nennt, nur unzulänglich beschrieben. Ob es überhaupt Wein-MACHEN ist, lässt sich auch ohne weiteres nicht eindeutig beantworten. Denn das Peter Jakob Kühn Weine macht, ist offenkundig. Aber ob die Weine nicht viel mehr ihn machen, also eine existentielle Symbiose zwischen hie Mensch und dort Natur stattfindet, ist noch lange nicht ausgemacht. Dass Peter Jakob Kühn streng nach demeter-Kriterien arbeitet, dass er mit Amphoren experimentierte, dass er ultralange Hefestandzeiten und minimalsten Schwefeleinsatz bevorzugt - all das hat ihm den Ruf eines Verrückten eingebracht. Oder eines Weisen. Ganz genau weiß man den Unterschied ja nicht.

Auf der Vorpremiere in Wiesbaden waren die Weine von Peter Jakob Kühn lange Jahre nicht mehr anwesend. Sie lagen Ende August meist noch im Fass und wenn sie dann auf der Flasche waren, war der Hype um die neuen Weine schon wieder vorbei. Dass er dieses Jahr seine beiden Grossen Gewächse aus dem St. Nikolaus und dem Doosberg anstellte, war überraschend, auch wenn die Weine wie gesagt aus dem Jahr 2014 waren. Vielleicht war Peter Jakob Kühn so stolz auf seine beiden Weinkinder, dass er sie unbedingt mal zeigen wollte. Denn erhältlich sind die Weine schon lange nicht mehr, Absatzprobleme dürften also nicht die Motivation gewesen zu sein.

Genug der Vorrede. Die Lage St. Nikolaus ist eine wenig spektakuläre Lage in der Nähe des Rheins. Das Geheimnis des Kühnschen Riesling aus dem St. Nikolaus ist das Alter der Rebstöcke. Sie sind alt. Sehr alt. Denn 60 Jahre und mehr sind ein methusalemisches Alter für Reben. Die Beeren sind extrem klein und ihr Wachstum durch die verholzte Nährstoffzufuhr auf natürliche Weise reduziert. Der Saft der Trauben ist konzentriert und das Verhältnis zwischen Beerenhaut und Fruchtfleisch neigt sich deutlich der Beerenhaut zu. Um es in ein Bild zu packen: auf der Beerenhaut spiegelt sich der Himmel, im Fruchtfleisch metamorphosiert sich die Erde. Ob damit das Geheimnis des Weingut Peter Jakob Kühn Riesling Grosses Gewächs 2015 St. Nikolaus vollumfänglich beschrieben ist, darf bezweifelt werden. Dass es aber ein Hinweis ist auf die Aromatik, auf die Ausprägung und auf die Berührung, die dieser Wein in der menschlichen Seele auszulösen vermag, kann mit Fug und Recht behauptet werden.

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Dieser Wein berührt. Er ist zart und wild zugleich. Er ist tiefenentspannt und doch ein Monument. Da ist Frucht, aber keine apfelige Rieslingfrucht, sondern eine unbekannte Frucht, die nur in der Phantasie wächst. Da sind Kräuter, vielleicht etwas Kaffee, eine Dunkelheit. Aber über allem schwebt der Eindruck, dass dieser Wein nicht menschengemacht ist. Dass hier jemand seinen eigenen Willen, wie etwas sein und schmecken soll, geopfert hat, um einen Traum auf die Flasche zu bringen. Oder, um Nietzsche zu zitieren: „Mit lässigen Muskeln stehn und mit abgeschirrtem Willen: das ist das Schwerste" - besser lässt sich die Essenz dieses Weins nicht zusammenfassen.

Wer noch an eine Flasche dieses Weins kommt, wird ein glücklicherer Mensch werden, ganz ohne Meditation, Gruppentherapie und Yoga. Gäbe es diesen Wein nicht, die Welt wäre ärmer.

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