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Wie ich mich als Thriller-Autor in den Shit-Storm schrieb

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Krimi-Blogger brauchen ein dickes Fell. Um bei den Bloggern auf ihre Werke aufmerksam zu machen, verschicken viele Autoren und Verlage die furchteinf├Â├čendsten Dinge. Blogger berichten von Graberde, die aus Briefumschl├Ągen rieselt, von blutgetr├Ąnkten Glaceehandschuhen, Drohbriefen und Vodoo-Puppen.

Doch nicht nur f├╝r die Blogger ist das ein Problem. Auch f├╝r Autoren wie mich. Mein neues Buch erscheint Ende September. Und nat├╝rlich will ich auch zu den Kimi-Bloggern durchdringen. Sie sind in den vergangenen Jahren wichtige Multiplikatoren geworden. Doch wie soll ich die Aufmerksamkeit dieser neuen Kaste im Buchmarkt erringen, wenn andere ihnen Hannibal-Lektor-Masken schicken? Es muss eine pfiffige Aktion her, sage ich mir. Eine, die Aufmerksamkeit schafft und die irgendwie zu meinem Buch passt!

In ÔÇ×Die R├╝ckkehr des Sandmanns" geht es um das Spiel mit Einbildung und Realit├Ąt. Der Leser soll sich die Frage stellen, ob eine der Protagonistinnen nun tats├Ąchlich tot ist oder ob sie lebt. Ihr Name ist Mona. Damit kann man auch in Sachen Marketing etwas anfangen, denke ich. Und schnell ist die Idee geboren: Ich mache mit einer fiktiven Todesanzeige auf mein Buch aufmerksam!

Die Kumpels sagen: Einfach nur cool, die Todesanzeige

Als ich Freunden von dem Einfall erz├Ąhle, sind sie begeistert. Einige meinen, das Ganze k├Ânnte vielleicht ein bisschen polarisierend wirken, aber von nichts komme schlie├člich nichts. Die meisten finden die Idee aber einfach nur cool. Vor allem, weil es um Blogger geht: Junge, lockere Typen, die doch sicherlich nichts gegen ein wenig schwarzen Humor einzuwenden h├Ątten.

So viel vorweg: Wir irrten uns.

Doch das wei├č ich in diesem Moment noch nicht. Also mache ich mich an die Anzeige: Ich erkl├Ąre die fiktive Mona f├╝r tot, lege Geburts- und Sterbedaten fest und texte, Mona sei ein Opfer teuflischer Tr├Ąume geworden. Denn darum geht es auch in dem Buch: ├ťber eine Frau, die die Tr├Ąume anderer Frauen tr├Ąumt.

Ganz wichtig war den Kumpels, dass schon in der Anzeige klar wird, dass es sich um Fiktion handelt. Man sollte den Bogen nicht ├╝berspannen, sagen sie. Also liste ich die anteilnehmende Trauergemeinde auf (alles Personen aus meiner Geschichte) und schreibe darunter, dass Monas Leiden in einem neuen Buch festgehalten sei, alles weitere erfahre man unter: www.sandmansreturn.de. Damit, das ist doch klar, bin ich auf der sicheren Seite.

Ich bestelle die passenden Umschl├Ąge (sch├Ân mit Kreuz und schwarzem Rand), t├╝te die Blogpost ein und freue mich wie ein Lausbub vor einem gelungenen Streich. Klar, wird es einen kurzen Schreck geben, wenn die Blogger die Briefe bekommen. Aber sobald sie sie ├Âffnen, werden sie sich doch einfach nur fragen: Wer steckt hinter dieser coolen Werbeaktion?

Ruhm, Geld, Frauen: In wenigen Tagen ist es soweit!

Es scheint so gut wie sicher, dass mein Buch danach auf vielen Blogs thematisiert wird. Wohlwollend und mit einem Augenzwinkern versteht sich. Endlich kann ich mich zur├╝cklehnen: Nur noch wenige Woche liegen zwischen dem grauen Alltag der Gegenwart und einer Zeit, die von Ruhm und Geld gepr├Ągt sein wird.

Die Blogger-Aktion ist enorm wichtig f├╝r mich, denn das neue Buch ist das erste, das ich nicht in einem traditionellen Verlag ver├Âffentliche. Als einer von wenigen Autoren habe ich mich bewusst dazu entschieden, ÔÇ×Die R├╝ckkehr des Sandmanns" als sogenannter Self-Publisher anzubieten. Das hei├čt aber auch: Ich muss alles selber machen: Die Produktion des Buchs, des Covers, mich um ein Lektorat k├╝mmern. Und nat├╝rlich auch um das Marketing.

Die Blogger bilden die Speerspitze meiner Marketing-Strategie. Und warum sollte ich sie auch nicht ├╝berzeugen? Ich wei├č, dass ich eine coole Story geschrieben habe und ich kann das eBook f├╝r 2,99 Euro anbieten. Top-Qualit├Ąt zu einem Superpreis. Und dann noch die geniale Idee mit der Todesanzeige!

Letzten Freitag schicke ich die Post ab. Die erste Reaktion kommt Samstagmorgen, von Tatjana, einer befreundeten Bloggerin. ÔÇ×Coole Aktion, Markus, aber ich habe mich auch ganz sch├Ân erschreckt". Yeah, denke ich, die Nummer kommt an. War aber auch klar: Das Spiel mit den Namen, die Symbolik des Kreuzes, der dunkle Humor - das ist einfach das, was Krimi-Blogger brauchen. Rasch schreibt Tatjana einen kleinen, aber feinen Artikel auf ihrer Seite.

Es sollte vorerst der Einzige positive Beitrag bleiben.

Schon wenige Minuten sp├Ąter verfasst die n├Ąchste Bloggerin einen ÔÇ×Schrei des Entsetzens" und textet ihren eigenen Krimi: Der Postbote habe mit Trauermine meinen Brief ├╝berreicht und gefragt, ob er seelischen Beistand leisten solle. ÔÇ×Meine Knie zittern, vor meinen Augen flimmert's", dramatisiert die Bloggerin und findet dann uns├Ągliches in dem Umschlag: Werbung!

Vom Lausbub zur Persona non grata

Wieder bei Kr├Ąften hackt sie eine finale Abrechnung mit mir in ihren Blog. Keinesfalls sieht sie in meiner Aktion den intendierten Lausbubenstreich, sondern einen Eingriff in die Pers├Ânlichkeitsrechte, ja, K├Ârperverletzung! Statt mein Buch zu besprechen, erkl├Ąrt sie mich zur ÔÇ×Persona non grata". Auf Lebenszeit. Und sie schaltet ÔÇ×den Werberat" ein.

Na gut, denke ich. Humor ist Geschmackssache. Ein richtiger Krimi-Blogger hat Haare auf der Brust, den wirft eine kleine Trauer-Fake-Nachricht nicht um. Der ist es gew├Âhnt, dass Menschen zers├Ągt und Leichen in Salzs├Ąure aufgel├Âst werden. Der erwartet so was.

Dann geschieht erstmal nichts und ich lenke mich damit ab, dass ich ein wenig durch Facebook surfe. Ich habe nat├╝rlich viele Freunde, die Autoren sind oder sonstwas mit Literatur am Hut haben. Und pl├Âtzlich sehe ich, dass viele einen bestimmten Post kommentieren. Es ist der ÔÇ×Aufschrei des Entsetzens". Er wurde in k├╝rzester Zeit mehrere dutzend Mal geteilt und erh├Ąlt gro├čenteils Zustimmung.

Die Autorin hat sogar meinen Brief abgebildet - und die wichtigen Details zur Erkl├Ąrung des Ganzen nonchalant mit einem Blatt ├╝berdeckt. So fehlt dem Brief genau das, was meinen Kumpels so wichtig war: Die Aufl├Âsung, die besagt: Hallo, das ist nur Werbung!

Auch die Autoren rufen: steinigt ihn! steinigt ihn!

Leider habe ich keine Zeit, mich um die Angelegenheit zu k├╝mmern. Es ist Papa-Wochenende und meine zweij├Ąhrige Tochter will nicht mit Papa dem Krimiautor, sondern mit Papa den Quatschmacher verbringen. Erst am Montag kann ich mich wieder dem PR-Desaster widmen. Mittlerweile wurde der Beitrag fast zwanzig Mal geteilt, unz├Ąhlige Antworten finden sich darunter. Knapp ein Drittel kann die ganze Aufregung nicht verstehen, die anderen wollen dem Verfasser der Briefe am liebsten die eigene Todesanzeige hinterher schicken. Auch viele Autoren klinken sich in den Dialog ein, rufen steinigt ihn, steinigt ihn und freuen sich, dass sie mit dem Finger auf einen unliebsamen Konkurrenten zeigen k├Ânnen.

Nicht alle finden die Aktion ÔÇ×geschmacklos und widerw├Ąrtig" Einer schreibt: ÔÇ×Das sehe ich nicht so. ABSOLUT geschmacklos und ABSOLUT widerw├Ąrtig trifft es eher". Ein anderer fordert: ÔÇ×Man sollte diesen Verbrecher von Autor einsperren!" Ein M├Ądchen mit vertr├Ąumtem Gesicht kann nur noch sagen: ÔÇ×Das es so b├Âse Menschen wirklich gibt". Andere spucken nur ein ÔÇ×PFUI!!!" auf den Bildschirm.

Eine Bloggerin muss zerknirscht einr├Ąumen, schon B├╝cher von mir gelesen zu haben, ÔÇ×volle Punktzahl", gesteht sie zu. ÔÇ×Niemand sagt, dass der Autor schlecht schreibt. F├╝r mich hat er aber verloren. Da kann er noch so super schreiben." Das wird das neue Credo vieler Blogger. Dieser Autor wird boykottiert, schw├Ârt sich die Mehrheit ein. Die Phalanx schlie├čt sich.

Ich bin das Schmuddelkind und muss drau├čen bleiben. Fast f├╝hlt es sich so an, als h├Ątte ich meine eigene Todesanzeige erhalten