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In meiner Stadt war die AfD chancenlos - warum ich trotzdem nicht jubeln kann

Veröffentlicht: Aktualisiert:
MERKEL MNSTER
dpa
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Münster ist die einzige Stadt in Deutschland, in der die AfD bei der Bundestagswahl an der Fünf-Prozent-Hürde scheiterte. Mit 4,9 Prozent hatte die Partei bei uns keine Chance.

Als ich davon erfahren habe, war ich für einen Augenblick auf meine Stadt stolz. Jubeln konnte ich aber nicht.

Ich habe darunter zu leiden, dass die AfD in anderen Städten deutlich stärker wurde, auch hier in der Nachbarschaft.

Denn es gibt in Deutschland Gemeinden, in den die Partei fast die absolute Mehrheit holte - eine Partei, deren Spitzenpersonal davon spricht, Menschen zu entsorgen, gegen Ausländer hetzt und den Holocaust verharmlost.

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Hätte mir vor einem Jahr jemand gesagt, dass die AfD mit solchen Parolen zweistellig in den Bundestag einziehen könnte - ich hätte ihn verrückt erklärt. Ich habe mich geirrt. Leider.

Die AfD zu wählen war ein Verzweiflungsruf

Warum scheiterte die AfD in Münster?

Wir haben hier mit knapp 5 Prozent eine relativ geringe Arbeitslosenquote. Mit einem Durchschnittsalter von 40 Jahren haben wir die jüngste Bevölkerung in Nordrhein-Westfalen. Hier leben viele junge Studenten durch unsere Universität. Hinzu kommt, dass Münster schnell wächst und damit auch die Zahl der Ausländer, die hier wohnen.

Wir haben hier einen hohen Anteil an Migranten, was sicherlich auch dazu geführt hat, dass die AfD hier nicht stark sein konnte.

Ein weiterer Grund ist auch, dass Münster nie so stark unter Deindustrialisierung leiden musste wie andere Städte in Deutschland, insbesondere in Nordrhein-Westfalen.

So sind Millionen Menschen arbeitslos geworden, die ihr Vertrauen in den Staat verloren haben und so der AfD ihre Stimme gaben, wenn auch nur aus Protest. Es ist ein Verzweiflungsruf.

Die wissen nicht, was sie tun.

2017-09-07-1504786616-8796518-CopyofHuffPost4.pngInside AfD - Die Community für Kritiker der Rechtspopulisten

Die AfD wird die Probleme in Deutschland nur noch verstärken

Die AfD wird kein einziges Problem ihrer Wähler lösen.

Sie wird den Wirtschaftsstandort Deutschland mit ihrer nationalistischen Sicht auf Europa nicht stärken, sondern zerstören, weil Deutschlands Wohlstand im hohen Maße vom Export abhängt.

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Sie wird auch die Probleme der Flüchtlingskrise nicht bekämpfen, sondern verstärken, weil Deutschland diese Probleme unmöglich alleine lösen kann, sondern nur mit seinen europäischen Partnern.

Den Menschen wird es nicht besser gehen, wenn Deutschland in die Hände von Rechtspopulisten fällt. Ganz im Gegenteil.

Das ändert nichts daran, dass man die Schicksale der Menschen ernst nehmen muss. Sie fühlen sich macht- und perspektivlos. Was können Politiker dagegen tun? Zuerst einmal: Zuhören. Es klingt wie eine Floskel, aber ich habe immer noch das Gefühl, dass das viel zu selten passiert.

Es wäre bitter, wenn es die AfD ist, die den Volksparteien das Zuhören wieder beigebracht hat. Noch bitterer aber wäre es, wenn die Parteien nichts daraus lernen würden und die AfD in diesem Land immer mehr Wähler auf in ihren Bann zieht.

Das Gespräch wurde von Jürgen Klöckner aufgezeichnet.

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