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Sag mir, was du isst, und ich sage dir, welches Leben du führst

29/03/2016 14:24 CEST | Aktualisiert 30/03/2017 11:12 CEST
StudioThreeDots via Getty Images

Wir denken meist, dass unser Verstand, unsere oberste Bewusstseinsschicht, uns zu dem macht, wer wir sind. Wir können alles kontrollieren, analysieren, bewerten und beurteilen, kritisch hinterfragen und in logische Zusammenhänge bringen.

Unser Wille, die eigentliche Motivation unseres Verstandes, ist in der Lage, all das umzusetzen, was wir uns in den Kopf setzen. Unser Wille muss dafür nur stark genug sein.

Ist unser Verstand somit das Maß aller Dinge, unsere höchste Instanz? Kommen wir wirklich mittels Denken und Überlegen besser durch das Leben? Neurowissenschaftler haben in den letzten Jahren sehr eindrucksvoll bewiesen, dass unser Verstand nicht einmal 10 Prozent unseres Wesens ausmacht.

Über 90 Prozent wird von unserem Unterbewusstsein bestimmt.

Manche Wissenschaftler gehen sogar noch weiter und sprechen unserem Bewusstsein nur maximal ein Prozent dessen zu, was wir willentlich beeinflussen können.

99 Prozent oder sogar mehr wird demnach vor allem von unseren Emotionen bestimmt bzw. von dem, was wir emotional mittels eines Gefühls in unserem Gehirn abgespeichert haben. Was genau sind aber nun der Verstand, das Unbewusste und das Unterbewusstsein?

Die Psychologie unterteilt unser Bewusstsein grob in das eigentliche Bewusstsein und in das Unbewusste.

Ersteres bezeichnet stark vereinfachend unseren Verstand. Hier stehen primär Logik und Ratio im Mittelpunkt.

Er zeichnet sich durch seine binäre Vorgehensweise aus, d. h. er verarbeitet vor allem Situationen und Aussagen mittels Ausschlusskriterien wie richtig oder falsch, gut oder böse, ja oder nein. Dies ist eine Grundvoraussetzung, um in Gefahrensituationen schnell einen der Situation angepassten Kampf- oder Fluchtimpuls zu initiieren.

Aufgrund seiner linearen Verarbeitung ist dieser Teil unseres Bewusstseins in der Lage, einen errechneten Wert von 7 bis 40 Bit pro Sekunde zu verarbeiten. Dies entspricht in etwa lediglich einem Gedanken oder maximal 4 bis 5 Informationseinheiten, die zeitgleich verarbeitet werden können - ist also nicht sehr viel.

Mehr würde unseren Verstand bereits überfordern. Es reicht aber aus, um die eigentliche Aufgabe des Verstandes zu rechtfertigen: unser Überleben zu gewährleisten. Dabei sind Wille und Neugier die zentralen Antriebsfedern, die sich primär mittels Gedanken und Wünschen kundtun.

Das Unbewusste dagegen beschreibt denjenigen Teil der menschlichen Psyche, in dem viele unserer lebensnotwendigen körperlichen Funktionen gänzlich unbewusst gesteuert werden und worauf wir logisch-rational und willentlich so gut wie keinen direkten Zugriff haben.

Dazu gehören alle grundlegenden, archaischen, unwillkürlichen Körperfunktionen, insbesondere die Steuerungen des Nervensystems, des Herzschlags, der Atmungsfrequenz, der Verdauungsprozesse und des Immunsystems, unsere Instinkte und Triebe und vieles mehr.

Aufgrund seiner Fähigkeit, Informationen parallel zu verarbeiten, ist das Unbewusste in der Lage, mit riesigen Datenmengen in Multitasking- Manier umzugehen. Mit einer potenziellen Kapazität von bis zu 40 Milliarden Bit pro Sekunde kann es ca. 11 Millionen Informationseinheiten gleichzeitig aufnehmen und dadurch über 200.000-mal mehr Daten pro Sekunde bearbeiten als unser Verstand.

Neben dem Unbewussten wird von vielen Fachleuten auch der Begriff des Unterbewusstseins verwendet. Letzterer bezeichnet den psychischen Aspekt des Unbewussten und daher nur einen Teilbereich des Unbewussten.

Das Unterbewusstsein speichert und organisiert all unsere Erinnerungen und verarbeitet unsere persönlichen Wahrnehmungen unkritisch, also ohne zu hinterfragen. Dabei ist es egal, ob sie tatsächlich erlebt wurden oder nur in unserer Fantasie vorhanden sind.

Es verhält sich dabei wie ein großer Schwamm, der alles aufsaugt, was wir jemals erlebt haben. Alles. So könnten wir uns zum Beispiel im Detail daran erinnern, wie es im Mutterleib war. Gleichzeitig finden alle unsere Emotionen ihren Ursprung im Unterbewusstsein.

Alles Wahrgenommene wird emotional abgelegt.

Um dies zu verdeutlichen, erinnern wir uns zum Beispiel an folgende Situation: Sie stehen mit Ihrer Großmutter in der Küche und backen gemeinsam Weihnachtskekse.

Wenn Sie Ihre Augen schließen, können Sie die Küche sehen, fühlen den Teig in Ihren Händen, hören die Musik, die aus dem Radio kommt, riechen das Parfum Ihrer Großmutter. Und ganz automatisch kommt dieses wohlig warme Gefühl von Liebe und Geborgenheit hoch, das Sie damals bei Ihrer Großmutter gespürt hatten. Ein Moment, der bleibt. Wunderbar, nicht?

Wahrscheinlich können Sie nun gar nicht richtig in Worte fassen, warum genau dieser Moment so schön für Sie war, warum Sie noch heute diesen einmaligen Geschmack der frisch gebackenen Kekse im Mund haben oder warum Ihnen Ihre Großmutter so viel bedeutet hat.

Je vielschichtiger und emotionaler die Wahrnehmung, desto dauerhafter und nachhaltiger der abgespeicherte Eindruck und desto müheloser die Erinnerung. Wir haben also stets ein Gefühl für ein Ereignis. Es ist etwas, das wir weder in Worte fassen, noch kontrollieren können - selbst viele Jahrzehnte nachdem es passiert ist. Unseren Emotionen sei Dank!

Was wir erinnern bestimmt, was wir tun.

Das Unterbewusstsein bildet so gesehen unseren inneren Antrieb, den eigentlichen Motor und Motivator des Menschen. Es ist die Summe aller Marotten und Launen, Vorlieben und Abneigungen, Vorstellungen, Eindrücke, Motive und Einstellungen.

Es ist für alle automatisierten Gedankenabläufe, Gewohnheiten, Verhaltensweisen und Glaubenssätze verantwortlich. So zum Beispiel auch für das Autofahren: Wir sind zwar in der Lage, bewusst auszuparken, aber das Fahren im Straßenverkehr ist weitestgehend automatisiert und wird vom Unbewussten übernommen.

Unser Gehirn analysiert in Sekundenbruchteilen riesige Datenmengen und blendet dabei alles aus, was es für unwichtig hält - oder für bekannt. Nur für Neues und Wichtiges, insbesondere bei Gefahr, schaltet es unseren Verstand zu - meistens ohne dass wir es merken.

Je emotionaler die Situation, desto wahrscheinlicher, dass wir auf Empfang stellen. Laut aktuellen Forschungsergebnissen werden unsere Entscheidungen nicht von bewussten Gedanken bestimmt - schon gar nicht bei wichtigen Entscheidungen.

Vielmehr bestimmt unser Unterbewusstsein, wo es langgeht, weil fast alles, was wir machen, emotional aufgeladen ist. Bevor wir überhaupt nur anfangen, bewusst über etwas nachzudenken, hat unser Unterbewusstsein schon entschieden, was richtig und falsch ist.

Und das bis zu 7 bis 10 Sekunden vor einer bewussten Entscheidung, wie Hirnforscher herausgefunden haben.

Wir sind also wie eine Marionette in den Händen unseres Unterbewusstseins. Vielleicht haben wir deshalb so wenig Einfluss auf das, was wir sind und was wir tun - sogar beim Essen: wann, was genau und wie viel.

Unser Verstand erfindet lediglich lauter gute Gründe, warum wir nun ein Erdbeermarmeladen-Brot haben möchten - oder eben nicht.

Wie viel Kontrolle haben wir denn eigentlich noch über uns und unser Leben, wenn selbst Begehren, Verlangen, Gelüste und Handlungsbereitschaften auf diesen Teil unseres Bewusstseins zurückzuführen sind?

Das Unterbewusstsein bildet somit die Rahmengrundlagen für unsere Emotionen und darauf aufbauend für unsere Kreativität, d. h. es lässt uns erst wirklich erleben und am Leben aktiv teilhaben. Als Konsequenz bedeutet dies, dass die Stärke unseres Willens nur mehr eine untergeordnete Rolle spielt.

Er hat kaum eine Chance, etwas nachhaltig gegen unsere tiefliegenden Bedürfnisse, d. h. gegen unsere Emotionen auszurichten, ganz egal wie viel wir diese blockieren. Letztlich bleibt uns nichts anderes als uns zu fragen:

Ist es mir wirklich ein tiefes Anliegen, dieses oder jenes zu verändern? Bin ich wirklich bereit, all dies oder jenes auf mich zu nehmen - egal, was es kostet, welchen Aufwand es bedarf, welche Konsequenzen es haben wird?

Dies sind die Fragen, die sich das Unterbewusstsein mittels der Bedürfnisse stellt. Fragen, die allesamt emotional bedingt sind.

Dieser Beitrag ist ein Auszug aus "Sag, was du isst und ich weiß, was du fühlst"

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Hardcover

Klappenbroschur

256 Seiten

ISBN-13 9783793423027

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