BLOG

Gemeinsam für Geflüchtete - Gemeinsam gegen rechts

04/09/2015 12:38 CEST | Aktualisiert 04/09/2016 11:12 CEST
Sean Gallup via Getty Images

Eigentlich sollte dieser Artikel ganz anders werden. Eigentlich sollte er die Geschichte einer erfolgreichen Petition erzählen und eigentlich sollte es in diesem Artikel auch nicht um „besorgte Bürger", „Nazis" und brennende Turnhallen gehen.

Doch leider wurde die geplante Berichterstattung von den Ereignissen der letzten Woche überholt. Deswegen erzählt dieser Artikel die Geschichte unserer Petition und diesmal ganz von vorne!

„Flüchtlingskrise"

Die „Flüchtlingskrise", wie sie von einigen Medien gerne genannt wird, begann für mich persönlich vor einem knappen Jahr. Eine Kommilitonin sammelte damals in einer Vorlesung Spenden, um mit einigen Flüchtlingskindern einen Sankt-Martins-Umzug durchführen zu können und fragte mich anschließend, ob ich nicht Lust hätte auch im Asylbewerberheim Deutsch zu unterrichten.

Vorher hatte ich von Flüchtlingen und Asylbewerbern nur in den Nachrichten gehört. Angeblich sei dort eine „Flüchtlingswelle" auf dem Weg zu uns, hieß es damals in der Tagesschau. Neben dem Syrien-Krieg, dem Erwachen der ISIS-Terroristen und der Schuldenkrise ging diese Nachricht völlig unter.

Deutschunterricht mit Achmed

Mein Verhältnis zur Thematik sollte sich erst ändern, als ich bei besagtem Deutschunterricht Achmed kennenlernte. Achmed ist 25 Jahre alt und vor der syrischen Armee geflohen, weil er sich geweigert hatte, auf Zivilisten zu schießen. Als Strafe dafür wollte ein regimetreuer General ihn hinrichten. Doch die Kugel verfehlte Achmed.

Als Erinnerung an diesen Mordversuch hat er noch heute eine große, 40-zentimeterlange Narbe und einen mehrfach operierten Arm. Erst, als er mir seine Geschichte erzählte, wurde mir richtig bewusst, was es in unserer Welt für ein Elend gibt und wie viel Glück wir haben, in unserem sicheren Deutschland geboren worden zu sein.

„Jugend für Asyl"

Andere Jugendliche hatten diese Tatsache scheinbar schon viel früher erkannt. Denn als sich einige Monate später die „Jugend für Asyl" gründete, waren da auf einmal ganz viele Jugendliche, die den Geflüchteten in unserem Landkreis Havelland helfen wollten.

Gemeinsam organisierten wir Fußballspiele und Ausflüge für die Bewohner des Asylbewerberheims in unserer Stadt und gemeinsam waren wir auch geschockt, als wir hörten, dass in unserem Nachbarort Nauen über 100 Asylbewerber in einer Turnhalle untergebracht werden sollten.

Notunterkunft in einer Turnhalle

Als Jugendliche kannten wir die Turnhalle bisher nur als Ort des Sporttreibens. Wenn man hier übernachtete, dann höchstens, weil man mit seiner Fußballmannschaft zu einem großen Auswärtsturnier fuhr oder mit seiner Schulklasse eine Abschlussparty feierte.

Selbst dann waren nie genug Sanitäranlagen vorhanden und nachts war es fürchterlich laut. Für uns war klar: Eine Notunterkunft in einer Turnhalle - das geht gar nicht!

Deswegen starteten wir auf change.org eine Petition, in der wir vom Landrat und von den Abgeordneten des Kreistags forderten: „Schaffen Sie menschenwürdige Unterbringungsbedingungen in der Notunterkunft!"

Insgesamt fanden wir on- und offline 665 Unterstützer, die unsere Forderungen nach einem besseren Betreuungsschlüssel, geschultem Personal und besseren Sanitär- und Speisebedingungen unterstützten.

Das öffentliche Signal war so groß, dass sich der Landrat bereit erklärte uns zu empfangen, um mit uns konstruktiv über die Unterbringung zu diskutieren. Mit diesem positiven Gespräch, an dessen Ende der Konsens stand, dass Politik und Jugendliche gemeinsam alles tun wollen um die Geflüchteten zu integrieren, hätte diese Geschichte zu Ende sein können. Leider war dies aber nicht der Fall.

Brandstifter

Dafür sorgten Brandstifter, die in der vergangenen Woche besagte Turnhalle anzündeten, um den Einzug der Flüchtlinge zu verhindern. Der Brand in der Turnhalle war so groß, dass die Feuerwehr keine Chance mehr sah etwas zu retten und die Turnhalle nur noch kontrolliert abbrennen ließ. Die Reaktionen in Nauen waren geteilt.

Einerseits versammelten sich noch am selben Abend über 400 Nauener, um mit einer Mahnwache gegen diese abscheuliche Tat zu demonstrieren. Andererseits kursieren im Internet Videos, in denen zu sehen ist, wie Menschen in die Kamera schauen und weiter gegen Flüchtlinge hetzen. Genau an diese Menschen richten sich diverse Kommentare in den Zeitungen und im Fernsehen.

Gerne greifen die Kommentatoren dabei zu heftigen Schimpfwörtern, wie es zum Beispiel Joko und Klaas in ihrer Video-Botschaft tun. Leider haben gegenseitige Beleidigungen noch nie geholfen, einen Konflikt zu lösen.

Entemotionalisierung

Was die Flüchtlingsdebatte stattdessen braucht, ist eine Entemotionalisierung. Deswegen möchte ich an dieser Stelle diejenigen, die gegen Flüchtlingsheime demonstrieren und in die Mikrofone der Fernsehsender ihre Vorurteile brüllen, fragen: Wovor haben Sie Angst?

Glauben Sie wirklich, dass Menschen sich in kleine Schlauchboote setzen und aufs offene Meer hinausfahren nur, um in Deutschland Straftaten zu begehen? Haben Sie wirklich Angst davor, dass Geflüchtete tropische Krankheiten nach Deutschland einschleppen?

Oder davor, dass „ganz Afrika" zu uns kommt? Es ist unvorstellbar, dass Sie diesen billigen Stammtischparolen Glauben schenken. Wer eine so gefährliche Flucht auf sich nimmt, der tut dies nicht, um hier ein Auto zu klauen.

Neuanfang in einem sicheren Leben

Stattdessen sind die Geflüchteten auf der Suche nach einem Neuanfang in ein sicheres Leben. Einem Leben in dem sie keine Angst haben müssen, dass eines Tages ihr Haus durch Bomben zerstört wird und in dem ihre Kinder zur Schule gehen können. Eine Zukunft, in der sie sich keine Sorgen machen müssen, wovon sie am nächsten Tag ihre Familie ernähren sollen.

Deutschland kann ein solches Leben für die Geflüchteten ermöglichen!

Mit der aktuellen Flüchtlingspolitik wird das natürlich eine große Herausforderung!

Selbstverständlich wird es auch Menschen geben, bei denen die Integration schwierig ist und die nicht sofort in den ersten Arbeitsmarkt einsteigen können. Gerade deswegen ist es nötig, dass hier alle gesellschaftlichen Akteure zusammenarbeiten.

Angst vor Asylbewerbern

Wer Angst davor hat, dass Asylbewerber aus Langeweile Straftaten begehen, der sollte sich ehrenamtlich in eine Unterkunft begeben und dort Deutschunterricht oder andere Freizeitangebote anbieten, um die Langeweile gemeinsam mit den Bewohnern zu vertreiben.

Wer meint, dass Flüchtlinge nur hier sind, um unser Sozialsystem auszunutzen, der sollte den Geflüchteten dabei helfen Bewerbungen zu schreiben und einen Arbeitsplatz zu finden. Angst muss vor diesen Menschen niemand haben.

Im Gegenteil, die meisten Geflüchteten sind für jede Hilfe sehr dankbar. Deutlich wird das an einem Beispiel. Ein junger Syrer fragte mich vor kurzem, ob es in Deutschland möglich wäre, Bundeskanzlerin Angela Merkel persönlich kennenzulernen.

Frage an Merkel

Verdutzt über diese Frage wollte ich von ihm wissen, was er denn die Kanzlerin zu Fragen gedenke. Daraufhin antwortete er mir, dass er ihr dafür danken wolle, dass sie ihm und vielen anderen Syrern in Deutschland Schutz gewährt. Können Sie sich vorstellen, dass ein junger Deutscher das Verlangen hat, der Bundeskanzlerin für ihre gute Politik zu danken?

Wohl kaum!

All jenen, die behaupten: „Flüchtlinge passen nicht zu unserer deutschen Kultur", sei Folgendes gesagt: Wenn sich die Asylbewerber bei uns im Heim die Termine des Deutschkurses gewissenhaft in ihren Kalender einschreiben, dann sind sie pünktlicher als die meisten „Deutschen".

Wenn Sie von ihren Träumen und Wünschen erzählen, dann wirken sie ehrgeiziger als viele Jugendliche aus Deutschland und wenn sie erfahren, dass es in diesem Land einen Rechtsstaat gibt, dessen Aufgabe es auch ist, sie zu schützen, dann kennt die Begeisterung kaum ein Ende. Kurz gesagt: Viele Geflüchtete sind begeisterter von Deutschland, als wir Deutsche es sind.

„Asylkritiker"

Ich wünsche all jenen, die sich jetzt als „Asylkritiker" profilieren, dass auch sie einmal diese Dankbarkeit spüren, die man zurückbekommt wenn man sich in einer Willkommensinitiative für die Flüchtlinge einsetzt und erkennen, dass Flüchtlinge keine Gefahr sondern eine Bereicherung darstellen.

Denn danach werden sie keinerlei Bedürfnis mehr haben denjenigen zu folgen, die mit rechten Parolen Stimmung machen. Und wenn uns das zumindest für das Havelland und für Nauen gelingt, dann war unsere Petition doch ein Erfolg!

Lesenswert:

Mindestens 14 Menschen verletzt: So katastrophal sieht es nach den Krawallen im Flüchtlingsheim in Suhl aus

ARD: Mit diesem Kommentar spricht Anja Reschke uns aus der Seele

Ihr habt auch ein spannendes Thema?

Die Huffington Post ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blogteam unter

blog@huffingtonpost.de.

Hier geht es zurück zur Startseite

Gesponsert von Knappschaft