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Warum nicht mal den Stolz trainieren?

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HARD WORKING MAN PROUD
Sam Edwards via Getty Images
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Flagge auf dem Autodach, schwarz-rot-goldene Verkleidungen über den Außenspiegeln, Fähnchen an jedem Fensterrahmen - und nach der Fußball-WM verschwindet die ganze Deko sang- und klanglos wieder im Keller. Schwarz - rot - doch nicht geil?

Oooh nein, stolz sind wir Deutschen nicht. Dabei sind wir das wirtschaftsstärkste Land in Europa. Dunkle Vergangenheit hin oder her - warum sind viele Deutsche nicht stolz auf ihr Land? Schließlich steht es für all die Menschen und Unternehmen, die es jeden Tag wirtschaftlich in eine top Lage versetzen.

Resilienz: Eine wichtige deutsche Eigenschaft

Es kommt ja nicht von ungefähr, dass die deutsche Wirtschaft so stark ist. Wenn die Bundesbürger eines mitbringen, dann ist es die entscheidende Eigenschaft für den Erfolg: Resilienz - die Fähigkeit, Krisen zu bewältigen und gestärkt aus ihnen hervorzugehen. Diese Eigenschaft ist es, die Deutschland schon mehrfach bewiesen und in seine starke Position gebracht hat. Und ich meine, darauf können wir in Deutschland schon stolz sein. Finden Sie nicht auch?

Ich frage mich allerdings: Warum haben dann so viele aktuell die Befürchtung, dass wegen der Flüchtlingssituation alles den Bach runtergehen wird? Ich glaube, wir können unserer Republik ein bisschen mehr zutrauen.

Das beste Beispiel dafür ist der Jungunternehmer, der zusammen mit vier Mitstreitern die Dating-App „Spotted" ins Leben gerufen hat. Das junge Start-up kann inzwischen drei Investoren, ein Budget von fast 15 Millionen Dollar und zehn feste Mitarbeiter vorweisen. Rund eine Million Menschen nutzen die Dating-App bereits - nicht schlecht für das gut zwei Jahre junge Unternehmen.

Der Mann, der das geschafft hat, ist heute 30 Jahre alt und studiert in Heidelberg VWL und Politik. Er heiĂźt Nik Myftari - und ja, er ist ein ehemaliger FlĂĽchtling aus dem Kosovo-Krieg.

Die Summe der ĂĽberlebten Krisen

Als Nik Myftari hier ankam, sprach er kein Wort Deutsch. Er arbeitete sich über die Hauptschule durch das Bildungssystem Stück für Stück nach oben. Wenn Sie seinen Werdegang betrachten, verstehen Sie: Der ist resilient! Das zeigt auch seine Lebenseinstellung, denn er ist überzeugt: „Es gibt keine Sackgassen im Leben. Es geht immer weiter, irgendwie. Die Probleme, die ich hier habe, sind ein Witz gegen das, was ich im Kosovo erlebt habe". Das sagte er in einem Interview bei Spiegel-Online.

Fälle wie Myftari zeigen: Resilienz ist die Summe der überlebten Krisen. Wer schwere und überfordernde Phasen als Chance sieht, stärker zu werden, baut sich systematisch eine immer größere Resilienz auf. Die Herausforderungen eines VWL-Studiums oder der Gründung eines Start-ups sind für Flüchtlinge ein Klacks im Vergleich zu dem, was sie in der Heimat erleben mussten.

Trainieren fĂĽr den Turbo

Ich wünsche keinem Menschen, dass er einen Krieg erleben muss. Doch wie die eindrucksvolle Geschichte zeigt, setzt die Summe aller überlebten Krisen tatsächlich ungeahnte Kräfte frei. Nun soll niemand ausdrücklich Krisen herbeiführen, nur damit er künftig gewappnet ist, wenn wirklich eine kommt. Aber Widerstandsfähigkeit trainieren, das kann jeder.

Mein Mittel dafür: Der Sprung in die Überforderungszone. Ja, Sie haben richtig gelesen. Ich überfordere mich regelmäßig selbst. Manchmal scheitere ich, oft gelingt es mir allerdings - wenn auch mit viel Kraftanstrengung - an mein Ziel zu kommen. Ein Ergebnis ist in beiden Fällen garantiert: Ich lerne immer dazu, wenn ich Dinge tue, die ich noch nie gemacht habe.

Ob als Unternehmer oder Privatperson - jeder kann selbst den Turbo für seine Entwicklung zünden und eine höhere Widerstandskraft aufbauen, in dem er sich sein eigenes Trainingsfeld in seinem möglichen Rahmen schafft. Einzige Voraussetzungen für Erfolg: Der Wille, sich wirklich zu überfordern, um ein Ziel zu erreichen, und dann der tatsächliche Schritt in die Überforderungszone.

Und wenn jeder einzelne noch besser mit widrigen Umständen und Problemen umgehen kann, wie werden sich dann erst unsere Unternehmen entwickeln? Und wenn die deutschen Unternehmen noch resilienter werden. Jeder einzelne Bewohner dieses Landes trägt doch täglich dazu bei, dass es noch stärker wird. Eine tolle Gemeinschaftsaufgabe, die uns obendrein noch stolz macht.

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