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Verflixtes Durchschnittsglück oder Dauerlächeln-zauberndes-Mut-Leben?

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HAPPINESS
Sylvain Sonnet via Getty Images
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Ich weiß, was ihr wollt! Und ich weiß auch, was ihr nicht wollt. Das ist gar keine Kunst, sondern ganz einfach: Ihr wollt gerade nicht im Meer schwimmen, am Strand liegen, surfen, segeln oder tauchen. Weder auf den Malediven noch auf Hawaii oder auf Mallorca.

Ihr wollt gerade auch nicht durch die Alpen wandern. Und ihr wollt auch im Moment keine Motorradtour durch Nordamerika machen. Ihr wollt nicht im Whirlpool entspannen und ihr wollt auch kein Nickerchen machen. Doch, doch, ich weiß, dass ihr das alles nicht wollt!

Warum?

Weil ihr es sonst genau jetzt tun würdet!

Ihr tut es aber nicht, sondern ihr lest gerade diesen Text. Weil ihr ihn lesen wollt.

Die Sache mit dem Glück und dem Schmied

Alles, was ihr tut, tut ihr, weil ihr es wollt. Und ich weiß sehr wohl, dass dieser Satz für euch vielleicht eine Provokation ist. Nur: Wenn ihr diesem Satz widersprecht, wenn ihr also nicht tut, was ihr wollt, beziehungsweise nicht wollt, was ihr tut, dann geht es euch wie dem Maurer in der Frühstückspause:

Er öffnet seine Tupperdose und sagt: „Oh Mist!"

Sein Kollege fragt: „Was ist denn?"

Der Maurer schaut seinen Kollegen enttäuscht an: „Schon wieder Mettwurst!

Sein Kollege will helfen: „Sag doch deiner Frau, sie soll dir was anderes drauftun!"

Der Maurer schüttelt den Kopf: „Das geht nicht, ich schmier mir mein Brot doch jeden Morgen selbst ..."

Das ist der springende Punkt: Ihr spinnt euren Schicksalsfaden selbst! Tag für Tag. Und das gilt auch für die Teile eures Lebens, die euch gar nicht gefallen, die euch nerven, die euch enttäuschen, die euch resignieren lassen. Eure Mettwurst eben.

Natürlich passieren auch Dinge, auf die ihr keinen Einfluss habt, aber dann habt ihr Einfluss auf eure Reaktion darauf. Letztlich ist euer komplettes Leben, euer Job, eure Wohnung, eure Paarbeziehung, eure Familie, euer Bankkonto, euer Auto, euer Urlaub, eure Gesundheit - einfach alles - die Summe eurer Entscheidungen, die ihr in der Vergangenheit getroffen habt.

Wenn ihr also euren gewohnten Anstrengungen, denen Ihr euch verschrieben habt, nachgeht, - im Job, in der Familie, in der Freizeit - und ihr euch generell fragt, warum zum Henker das Leben einfach nicht mehr so bunt und freudvoll ist, wie es einst war, dann habt ihr schlichtweg etwas vergessen: beim Brote schmieren den Belag selbst auszuwählen. Den Brotbelag, der euch am liebsten ist!

Ausredenjohnny, bitte Klappe halten!

Und kommt mir jetzt bitte nicht mit „Ich KANN NICHT tun, was ich eigentlich will, WEIL ..." - Das kenne ich nur zu gut von mir selbst. So werden wir zum Ausredenjohnny. Für das Zurechtdenken von Gründen, warum wir etwas NICHT TUN können, brauchen wir alle eine Menge Energie. Und natürlich finden wir immer rationale Gründe.

Darin sind wir doch alle gut, oder? (Der Chef, die Eltern, die Kinder, die Hypothek, das Finanzamt, die Regierung, die Kunden, die Nachbarn oder das Wetter ...)

Aber egal, wie logisch, nachvollziehbar und verständlich Eure Gründe sind: Wenn ihr täglich die Dinge, die ihr eigentlich tun wollt, nicht tut, sondern stattdessen Dinge tut, die ihr nicht tun wollt, dann sammelt ihr täglich Entscheidungen, die in Summe am Ende ein Leben ergeben, das ihr gar nicht führen wollt. Und dann verspürt ihr eben dieses verflixte Durchschnittsglück: „Eigentlich geht's mir doch gut. Ich habe keinen Grund, mich zu beklagen. Es gibt Leute, denen geht's viel schlechter als mir ..."

Ich habe eine bessere Idee, wofür ihr all diese Energie verwenden könnt. Anstatt tagtäglich nicht zu tun, was ihr eigentlich tun könntet, versucht doch lieber mal, etwas zu tun, was ihr nicht könnt!
Wenn ihr jetzt denkt: Na, wenn wir es nicht können, dann geht's ja nicht - dann täuscht ihr euch.

Denn irgendwann haben wir alles, was wir tun können, zum ersten Mal getan. Und wenn ihr denkt: So kann ich ja nur scheitern - dann sage ich: Genau darum geht's ja!

#niezuvorgemacht

Ich habe diesen Sommer genau das getan: Ich habe etwas gemacht, das ich nie zuvor gemacht hatte. Und von dem ich nicht wusste, wie es gehen soll. Etwas mit vollem Risiko. Etwas wahnsinnnig Großes, Anstrengendes, Herausforderndes.

Etwas, das mir unglaublich viel Angst gemacht hat: Ich bin in vier Wochen vom tiefsten Punkt Deutschlands zum höchsten Punkt getrampt. Also von Hamburg auf die Zugspitze. Ohne Geld.

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Meine größte Angst war: In diesen vier Wochen war ich komplett auf andere Leute angewiesen. Auf Menschen, die mir einen Schlafplatz zur Verfügung stellten, die mir etwas zum Essen gaben, die mich von A nach B mitfahren ließen und so weiter. Ich gab mich sozusagen in die Hände der deutschen Bevölkerung. Ich musste sie um Hilfe bitten. Täglich. Mehrmals am Tag. Und das war für mich vorher der Horror.

Abhängig sein! Oh Gott! Es nicht selbst in der Hand haben! Ätzend! Diese Reise hat mich nicht nur aus meiner Komfortzone herausgebracht, sie hat mich weit in meine Überforderungszone katapultiert. Ich kann nicht zählen, wie oft ich in diesen vier Wochen vor Wände gelaufen bin, wie oft ich ein „Nein" als Antwort bekam, wie oft ich nicht so konnte, wie ich wollte.

Aber ich habe auch erfahren, wie hilfsbereit, wie freundlich, wie großzügig die Deutschen sind. Ich habe viele großartige Leute kennengelernt wie noch nie in meinem Leben. Ich habe wunderschöne Stunden mit fantastischen Gesprächen an traumhaften Orten verbracht.

Und ich habe nicht nur die Menschen, sondern auch mich selbst sehr viel besser kennengelernt. Unterm Strich: Ich hatte zwar vorher die Hosen gestrichen voll, aber der Lohn war am Ende hundertmal größer als die Angst.

Tu, was du nicht kannst!

Warum erzähle ich euch das? Weil ich euch ermutigen möchte, es mir gleichzutun: Erfüllt euch einen Herzenswunsch! Etwas vollkommen Verrücktes. Etwas, von dem ihr bisher gesagt habt: „Ich kann das nicht tun, weil ..." Ich schlage euch vor: Tut's trotzdem! Obwohl ihr es nicht könnt - oder gerade deshalb!

Natürlich kann euch dann im schlimmsten Fall etwas Unangenehmes passieren. Klar. Aber glaubt mir, das Allerschlimmste, was euch widerfahren kann, ist: euch nicht auf euren Weg zu machen.

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