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Trophäe oder Verantwortung: Was wir aus Trumps Medienauftritten über seine Präsidentschaft lernen können

Veröffentlicht: Aktualisiert:
DONALD TRUMP
Charles Platiau / Reuters
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Ob der Gästebucheintrag in der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem, die Statements zu den Anschlägen in London und Teheran oder der Nordkorea-Tweet: Die medialen Auftritte des US-Präsidenten sind für viele auf politischer, moralischer und gesellschaftlicher Ebene eine Katastrophe. Auf psychologischer Ebene sind sie höchst interessant. Denn sie sagen viel über Trumps Werte und seine emotionale Intelligenz (EQ) aus. Was können wir über Trumps Wertesystem und seinen EQ sagen?

Wie war das mit der Empathie?

Einen Gästebucheintrag kann man unter anderem als Privatperson und Gast in einem Hotel hinterlassen. Das Gästebuch dient dann als Sammlung von Erinnerungen und Feedback der Besucher. Man kann aber auch als Inhaber eines öffentlichen Amtes und Repräsentant eines Landes Gästebucheinträge machen, beispielsweise bei einem Staatsbesuch zum Anlass einer Gedenkfeier. Dann ist der Gästebucheintrag eine Geste des Mitgefühls und der Trauer. Zu welcher Art Gästebucheintrag würden Sie diesen hier zählen:

"Es ist eine große Ehre, mit all meinen Freunden hier zu sein. So fantastisch, werde es nie vergessen."

Tatsächlich klingt Trumps Gästebucheintrag in Yad Vashem eher nach Golf-Urlaub in Marbella, denn nach einem Staatsbesuch in einer Gedenkstätte für ermordete Juden. Und auch das Statement nach den Anschlägen in Manchester driftet weit ab von der Wortwahl eines Staatsoberhauptes. Als „Loser" bezeichnete er die Terroristen.

Der Literaturwissenschaftler und freie Journalist Tomasz Kurianowicz schreibt in der Zeit: „In Wahrheit verharmloste [Trump] die Brutalität der Situation und markierte eine heikle Sprachverschiebung: Weg von einer Rhetorik der Staatsräson hin zu einer Sprache des Geschäftslebens, wo man zwischen Gewinner- und Verlierertypen unterscheidet.

Das ist prekär. Immerhin galt es lange als selbstverständlich, dass der amerikanische Präsident in jenem Moment, wenn er seinen Amtseid ablegt, nicht länger in der Rolle als Privat- oder Berufsperson spricht, sondern als repräsentative Figur."

Die Ökonomie der Aufmerksamkeit

Kurianowicz schreibt, Trump sähe sein Amt mehr als Trophäe denn als Verantwortung. Und tatsächlich lassen ein Großteil seiner öffentlichen Auftritte nur diese Schlussfolgerung zu: Donald Trump ist ein Selbstdarsteller. Im US-Wahlkampf konnte man Beobachten, welche Rolle die sozialen Medien dabei gespielt haben. Wer Aufmerksamkeit bekommt, gewinnt die Wahl, egal, wie diese Aufmerksamkeit generiert wird.

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Der Softwareentwickler Georg Franck spricht von einer „Ökonomie der Aufmerksamkeit" und sagt im Interview mit der Brandeins: „Wir erleben einen emotionalen Klimawandel: Die öffentliche Sphäre ist voll von Shitstorms, Lügen, Verleumdungen auf hohem Emotions-Level. Wer nicht die Aufmerksamkeit bekommt, die er haben zu müssen glaubt, fängt an, diejenigen schlecht zu machen, die ihm die ersehnte Beachtung verweigern."

Und tatsächlich sieht es so aus, dass politischer und gesellschaftlicher Diskurs heute nicht mehr auf emotionaler Bewertung von Fakten basieren, sondern auf emotionaler Bewertung von Emotionen.

Die Ritter der Schwafelrunde - Warum nerven Selbstdarsteller?

Dazu sei gesagt: Menschen haben das Bedürfnis, wahrgenommen zu werden, anerkannt zu sein, das liegt in unserer Natur. Die zwischenmenschliche Kommunikation betreiben wir auch aus diesem Grund. Denn: Anerkennung ist ein menschliches Grundbedürfnis.

In jedem von uns steckt ein Selbstdarsteller, spätestens von dem Augenblick an, in dem andere Menschen um uns herum sind. Allerdings wählt nicht jeder dabei die für andere Menschen erträgliche Vorgehensweise. Im Business-Umfeld wählen leider immer noch viele eine fatale Form der Selbstdarstellung - vor allem Männer, sei dazu gesagt.

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Gemeint sind die Poser, Gewinnertypen, Helden, die schon alles erlebt und gesehen haben: Schlachten gewonnen, Frauen erobert und grandiose Erfolge und legendäre Siege gefeiert. Da ist es schon verständlich, wenn es Leute gibt, die den Begriff „Selbstdarstellung" negativ betrachten. Dabei kann Selbstdarstellung positiv sein. Nämlich dann, wenn wir unterscheiden können, wann sie wirksam ist und wann sie nur Aufgeblasenheit und Posse ist, wie beim 45. Präsidenten der USA.

Das kleine 1x1 der Selbstdarstellung

Was uns normalerweise nervt, sind Versuche der Selbstdarstellung auf den Ebenen des Seins, des Verhaltens, des Könnens, des Wissens und des Besitzes. Donald Trump zeigt mit seinen Auftritten immer wieder, dass er sich genau über diese Ebenen präsentiert. Das hat er auch schon getan, als er noch kein Präsident war, sondern „nur" ein milliardenschwerer Geschäftsmann. Auf politischer Ebene hat sein Verhalten allerdings andere Konsequenzen als auf Business-Ebene.

Der Harvardprofessor Joseph S. Nye jr. schreibt, „[Trump] schafft [...] es nicht, die erforderliche Disziplin zu zeigen, um die Details der Außenpolitik zu meistern, mit der Folge, dass er in weltpolitischen Fragen naiv erscheint. Es ist dieses Defizit im Bereich seiner emotionalen Intelligenz, das Trump die Unterstützung einiger der hervorragendsten außenpolitischen Experten in seiner Partei und den USA insgesamt gekostet hat."

Positive Selbstdarstellung mit Charisma

Die einzige Art der Selbstdarstellung, die Mitmenschen dagegen wohlwollend zur Kenntnis nehmen, ist die Selbstdarstellung auf der Werteebene. Gerhard Schröder war - zumindest darin - ziemlich gut. Wer sich Schröders medialen Auftritte anschaut, erkennt, dass er wie wohl kaum ein anderer Politiker der jüngeren deutschen Geschichte seine Haltungen und Vorstellungen auf der Werteebene kommuniziert hat. Das hat einerseits sein Profil geschärft und ihn andererseits angreifbar gemacht. Meine These ist, dass viele Menschen gerne öffentlich posen, weil sich damit sicherer fühlen.

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Ein guter Präsentator bedient sich einer Rhetorik, die seinem Gegenüber klarmacht, worauf es ihm ankommt. Er wird auch nicht unterstellen, dass die anderen immer genauso denken wie er. Er weiß um die Vielfalt des menschlichen Denkens und sorgt dafür, im Gespräch die richtigen Leitplanken für die Wahrnehmung seiner Person zu vermitteln. Gelingt das, wirkt er charismatisch. Oder schlägt, kratzt und beißt verbal um sich. So wie Herr Trump.

Dieser Beitrag beruht auf Kaptiel 7 des Buchs „Der Abschied von der Sachlichkeit", erschienne im Business Village Verlag. ISBN : 9783869803029.

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