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"Schweigepflicht"

12/02/2016 16:13 CET | Aktualisiert 12/02/2017 11:12 CET
Brand New Images via Getty Images

Isger rieb sich die Augen und blinzelte auf den Bildschirm. Er warf einen Blick auf die Zeitanzeige. 20.12 Uhr. Viele Überstunden, die gemäß Arbeitsvertrag natürlich mit dem regulären Gehalt abgegolten wurden. Aber so lief es eben in seiner Zweitkarriere nach der Laufbahn als Bundeswehroffizier. Willensstärke und Abgebrühtheit halfen ihm auch hierbei.

Reicht für heute. Isger stand auf, nahm sein Sakko und schlüpfte hinein, packte die Aktentasche und fuhr den Computer runter. In ziemlich genau neun Stunden säße er wieder an diesem Platz, um die Vorbereitungen für seinen Chef abzuschließen. Großer Fall, wichtiger Fall. Streitwert: 20 Millionen Euro.

Er eilte durch die dunklen Flure und erreichte den kleinen Liftvorraum. Er drückte den Knopf und rief den Fahrstuhl in den 50. Stock.

Seine Gedanken beschäftigten sich mit den Charts und gleichzeitig mit seinem Urlaub. Seit drei Jahren stand er in Diensten der Leipziger Anwaltskanzlei Hoffner & Übel, übernahm Recherchen, Datenauswertungen und Begleitungsjobs, wenn die Chefs nicht allein vor Gericht aufkreuzen wollten. Entourage machte beim Rechtsbeistand auch was her, vor allem wenn sie so breit und stark gebaut war wie Isger. Seine Berufsjahre bei der Bundeswehr ließen ihn anders aussehen als die durchschnittlichen Anwälte.

Nun hatten er und seine Frau eine Kreuzfahrt gebucht - aber der Chef wollte, dass er sie verschob. Die Stornogebühren würde die Kanzlei übernehmen.

Aber darum ging es nicht.

Es ging um den Verlust des Urlaubs.

Wo bleibt der Scheißaufzug? Isgers Laune war am Boden. Wenn er den Wunsch seines Chefs ablehnte, wäre das mit der anstehenden Beförderung auf absehbare Zeit erledigt.

PING - die Türen glitten auf.

Heraus schwappte der Geruch von frischem Plastik zusammen mit einer Nuance Schweiß, was sich beides gegen das süßliche Parfumgemisch der Passagiere durchsetzte.

In der kleinen Kabine, die angeblich acht Leute fassen sollte, befanden sich fünf Menschen; zwei davon kannte Isger. Die kleine Blonde hieß Angelika und arbeitete für die Investmentfirma in der obersten Etage. Sie unterhielt sich mit der brünetten Tatjana, die im Architekturbüro darunter als Empfangsdame am Tresen saß.

Isger nickte und trat ein.

Die beiden Frauen grüßten ihn mit Gesten und tauschten weiterhin leise Bürotratsch aus. Wer mit wem und warum und überhaupt. Die zwei Männer und die dritte Frau trugen Namensschilder, aber er konnte sie nicht lesen, und es interessierte ihn auch nicht.

Urlaub, Chef, Fall, Frau. Diese Variablen musste er in eine Gleichung packen, die bei genauem Hinsehen nicht zu lösen war.

Die Türen schlossen sich, der Liftkorb senkte sich ein wenig. Ein leises Schleifen erklang, das entweder vom Kabel oder von den Rädern stammte, die sich weit über ihren Köpfen drehten und das Seil aus Stahlfasern abrollten. Isger achtete aus irgendeinem Grund mehr darauf als sonst: Es schien lauter zu sein.

Unwillkürlich zuckten seine Augen nach rechts, und er richtete den Blick auf die Tafel.

8 Personen oder 600 Kilogramm.

Macht im Schnitt 75. Isger schaute zuerst nach den drei Frauen, dann zu den Männern. Es sah nicht so aus, als kämen sie in den Bereich der Überladung.

Dann schüttelte und bebte die Kabine, um mit einem Ruck anzuhalten.

Die Frauen schrien erschrocken auf, die Männer blickten sich nur um, als könnten sie an den Wänden des kleinen Räumchens den Grund für den Stopp erkennen.

PING - die Türen glitten auf und gaben den Blick auf weißlich gelbe Gespinste frei, die sich verspielt umeinander drehten und mit den Augen nicht zu durchdringen waren.

Eine Nebelwand? Hier? Oder brennt es? Isger sah auf die zweite Anzeige über der Tür, doch es wurde kein Stockwerk eingeblendet.

»Es brennt«, befand Angelika ängstlich.

»Nee, es riecht nicht nach Rauch. Das ist Trockeneisnebel«, beruhigte sie einer der Männer.

»Bestimmt ein Scherz, vielleicht vom Hausmeister oder Nachtportier.«

Nein. Das passt nicht. Isgers Nackenhärchen richteten sich auf. Er beteiligte sich nicht an den Spekulationen, sondern starrte in den Nebel, der hin und her wogte und im Licht des Fahrstuhls Schemen bildete. Sie konnten aber auch nur Einbildung sein. Passt gar nicht.

Die Stockwerkanzeigen blinkten plötzlich, aber statt einer Ebenennummer erschien ein Name. Noch hatte es keiner der anderen bemerkt.

Die zwei Männer drückten pseudofachsimpelnd auf der Bedientafel herum, eine Frau versuchte sich am Notruf, Tatjana zog ihr Handy und sah erstaunt aufs Display. Es gab keinen Empfang.

Es war Isger schon öfter aufgefallen, dass in diesem Aufzug keine Signale rein- oder rausgingen. »Heißt einer von Ihnen Waller?«

Erst reagierte niemand auf seine Frage. Dann wandte sich einer der Männer langsam zu ihm um, auf seinem Namensschild stand Waller. »Ja, ich. Warum?«

Isger deutete auf die Anzeige.

In dem Moment flackerte der Name erneut auf, als würde er sich freuen; gleichzeitig startete ein Countdown auf dem kleinen Display der Bedientafel von 60 rückwärts.

»Kann ja nur ein schlechter Scherz sein«, murmelte Waller.

»Was hat das zu bedeuten?« Angelika sah erschrocken zwischen den Männern hin und her und verlangte Beistand.

»Das ist der Reset«, meinte der andere Mann lakonisch. »In einer Minute sind wir alle raus.«

»Versteckte Kamera«, erweiterte Tatjana lässig die Möglichkeiten. »Habe ich schon mal gesehen. Dann wird das Licht verlöschen, und wenn es wieder anspringt, steht ein Zombiekind oder so ein Scheiß hier zwischen uns.«

Die Männer lachten verhalten. Man wappnete sich innerlich für die 0 und die Folgen. Keiner wollte sich blamieren, wenn das geschah, was Tatjana, die Empfangsdame, da vorhergesagt hatte.

Isgers Härchen blieben aufgerichtet. Er schob sich, so gut es ging, an die Seite, auch wenn es hier keinen Rahmen gab, der Schutz bieten konnte.

Der Countdown sprang auf null. Bei Isgers nächstem Herzschlag erklang ein surrend-summendes Geräusch aus dem Nebel. Ein Luftzug strich an seinem Gesicht vorbei, und gleich darauf tönte eine gedämpfte Explosion, als würde man einen Böller im Kanalschacht zünden, gefolgt von einer sprühenden Blutwolke, einem sattfeuchten Platzen und Prasseln. Warme Flüssigkeit spritzte Isger entgegen und blendete ihn, er presste die Lippen zusammen, um nichts davon in den Mund zu bekommen. Ein weicher Gegenstand traf ihn am Kopf und zwang ihn zu einem Ausfallschritt.

Es klatschte, als wäre ein großer Tintenfisch auf den Boden geschmettert worden; die Frauen kreischten, ein Mann brüllte, es stank nach Exkrementen, nach Blut, nach warmem, rohem Fleisch.

Was ... Isger wischte sich die Augen frei und starrte zuerst auf seine rotnassen Finger, dann auf die Menschen, die ebenso wie die Kabine vor Blut trieften.

Waller war regelrecht explodiert und lag in Fetzen überall verteilt, Fitzel von ihm hafteten an den Kleidern der Passagiere.

Angelika kreischte ununterbrochen, Tatjana übergab sich. Die andere Frau verlor die Besinnung und fiel in sich zusammen, mitten in die Leichenteile, das Blut, die Gedärme.

Isger wurde eiskalt, ein Schock wollte ihn anspringen, doch er verbat es sich. Das hier war gewiss kein Scherz, und er musste wachsam sein, um agieren zu können. Er rief sich seine Kenntnisse aus der Bundeswehrzeit in Erinnerung.

»Die Tür«, rief Angelika und zeigte zum Ausgang.

Die Kabinentüren waren jedoch wieder geschlossen, der Lift bewegte sich abwärts.

»Nein, das ... das kann doch nicht ...«, setzte Angelika stammelnd an. »Ich muss raus.«

»Halt die Fresse!«, schrie der Mann sie an und verpasste ihr eine viel zu harte Ohrfeige, die sie gegen die Wand schleuderte.

Sie rutschte mit ihren Stöckelabsätzen in den Waller-Überresten aus und landete ebenfalls auf dem Boden. Heulend blieb sie sitzen und vergrub den Kopf mit dem blondgefärbten, rotgesprenkelten Haar zwischen den Knien.

Tatjana spuckte aus, kreidebleich, aber mit entschlossenem Gesichtsausdruck. »Was war das?«

»Das ist ja wohl ganz große Scheiße«, schrie der andere Mann wütend. »Was geschieht denn hier?«

»Ich bin Isger«, stellte er sich vor. »Und jetzt versuchen wir, die Nerven zu behalten und herauszufinden, wer Waller das angetan hat. Und ob das vielleicht wieder geschieht.«

»Björn«, stellte der andere sich aufgebracht vor und versuchte, die Emotionen unter Kontrolle zu bringen. »Ich bin Björn. Gut, versuchen wir es.«

»Das passiert noch mal?« Tatjana sah zur Anzeige. »Fuck. Wie oft? Und was hat den armen Kerl so zerlegt?«

Isger musste sich überwinden, um die Überreste anzuschauen, die keinerlei Spuren von Feuer, Hitze oder Sprengstoff aufwiesen. Es hatte den Mann einfach hochgejagt wie eine Sprudelflasche unter Druck. »Etwas kam aus dem Nebel geflogen«, sagte er halblaut. »Ich habe den Luftzug gespürt.«

»Also sitzt jemand außen und ... schießt?«, versuchte sich Tatjana an einer Lösung.

»Ich habe keinen Schuss gehört.«

Björn versuchte vergeblich, sich das Blut von den Händen zu reiben. »Und wenn sich die Kabine gar nicht bewegt, sondern jemand uns das glauben machen will?« Er legte die Fingerkuppen der rechten Hand gegen die vibrierende Wand; dazu erklang das reibende Schleifen des Drahtseils.

Ein Experiment? Wer würde das tun? Psychopathen? »Ausgebaut werden sie uns in dieser kurzen Zeit nicht haben«, meinte Isger. »Das hätten wir bemerkt.«

»Drogen durch die Lüftung?«, warf Tatjana ein. »Wir halluzinieren bloß.«

Auf dieses schmale Erklärungsbrett wollte Isger nicht gehen. Es hatte zwar etwas Beruhigendes, anzunehmen, dass nach Abklingen des Halluzinogens die Welt wieder in geordneten Bahnen lief - aber falls nicht? Dann bin ich tot wie Waller. Er blickte zur schniefenden Angelika, die sich nicht rührte. »Sehen wir nach der Ohnmächtigen. Sie ist ziemlich hart aufgeschlagen.«

Dann ein Beben, ein Rütteln, Stillstand.

Isger blickte auf die erloschene Anzeige über der Tür. »Wessen Name auch immer dort oben erscheinen wird, er sollte rausgehen«, sprach er tonlos.

»Warum das denn?«, wollte Björn wissen.

»Weil«, antwortete Isger, »erst der Name kommt und dann der Countdown. Und wenn derjenige nicht aussteigt ...« Er deutete auf Wallers Überreste ...

Dieser Beitrag ist ein Auszug aus dem Buch "Schweigpflicht".

Erscheinungsform: Originalausgabe

Erscheinungsdatum: Januar 2016

ISBN: eBook 978-3-95824-425-2

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