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Erfolgreicher durch Gelassenheit und innere Stärke

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Früher hat es mich manchmal zur Weissglut gebracht, wenn meine Kinder mal wieder besonders ruhig und gelassen waren. Immer genau dann, wenn ich es eilig hatte oder anderweitig gestresst war. Sie hatten einfach kein Zeitgefühl, waren fokussiert und konzentriert in der eigenen Welt versunken. Ich glaube, sie haben mich wirklich nicht gehört, wenn ich zum dritten Mal gerufen habe, dass wir nun endlich weg müssen, weil sie spätestens um 09:00 Uhr im Kindergarten sein müssen und ich meine Zug noch bekommen muss. Und wenn - der Turm, das Autorennen oder das Memoryspiel wären sowieso wichtiger gewesen. Und wenn sie mich dann - mithilfe von etwas stimmlichen Nachdruck - doch wahrgenommen hatten, dann kam eine Bemerkung wie "Du kannst doch einfach einen Zug später nehmen Papa".

Diese Ruhe brachte mich mehr als einmal aus der Ruhe. Heute sehe ich das anders. Wo ist diese Fähigkeit geblieben, in etwas komplett zu Versinken, gedanklich oder im Tun? Wie oft schaffen wir es noch, uns wirklich mit uns selbst zu beschäftigen und dabei gegen Reize von Außen abzuschotten? Dem Druck anderer nicht nachzugeben und selbstgesteuert zu handeln? Ist Gelassenheit vielleicht nur etwas für "Weicheier" oder "coole Typen"?

Gelassen sein setzt Aufmerksamkeit nach Innen und Außen voraus

In meinem Beruf als Trainer und Coach stelle ich immer wieder fest, dass die meisten erfolgreichen Menschen, mit denen ich zu tun habe, genau diese Fähigkeit besitzen. Einen überwiegenden Zustand von Gelassenheit oder die Fähigkeit, sich bei Bedarf gezielt in diesen Zustand versetzen zu können. Und nein, diese Menschen haben weder eine "Ist-mir-alles-Egal-Einstellung", noch sind sie auf irgendeinem esoterischen oder spirituellen Trip unterwegs.

Erkennbar ist, dass sie grundsätzlich eine eher positive Erwartungshaltung vom Leben und ihren Mitmenschen haben - von Partnern, Kollegen, Kunden oder Vorgesetzten. Besonders auffällig ist aber darüber hinaus ein Aspekt: Sie sind meist kreativer, denken außerhalb der üblichen Grenzen und des vermeintlich Möglichen und sind sehr flexibel. Im Gegensatz zu den weniger gelassenen Zeitgenossen, die sich schneller in etwas verrennen, meist dieselben Lösungsansätze haben und grundsätzlich immer ein bisschen mehr am Jammern sind. Neurowissenschaftler können heute klar beweisen, dass unser Gehirn in einem Zustand der Gelassenheit überhaupt erst richtig anfängt zu arbeiten und uns genau die Fähigkeiten ermöglicht, die wir in der heutigen Arbeitswelt so dringend benötigen.

Keine Zeit mehr für Gelassenheit?

"ASAP" (as soon as possible) ist nicht nur ein Begriff, sondern für viele eine Grundeinstellung geworden. So schnell, wie möglich etwas erledigen, so schnell wie möglich zum Ziel zu gelangen und so schnell wie möglich antworten, wenn man etwas gefragt wird. Abkürzungen sind gefragt, schnelle Lösungen und "Instant-Ansätze". Kein Frage, Schnelligkeit ist heute wichtig. Manchmal sogar entscheidend. Aber manchmal eben auch nicht. Da braucht es ein Anhalten, Innehalten und manchmal auch ein Aushalten, bis eine gute Entscheidungsgrundlage geschaffen oder eine Entscheidung überhaupt möglich ist. Der Kunde möchte eine Lösung für ein komplexes Problem, will sie aber (zu schnell). Der Kollege braucht mal einen Rat, es fehlen aber noch wichtige Informationen, um die Lage überhaupt richtig einschätzen zu können. Ein Konflikt ist eskaliert, die persönliche Ebene stark belastet, die Sache als solche steht im Hintergrund. Alles Fälle, wo abwägen muss. Die Zeit, die Qualität, das Risiko. Dazu brauchen wir nun mal Zeit und auch die Gelassenheit, etwas opfern zu müssen oder nicht alle Wünsche erfüllen zu können. Und auch das NEIN-Sagen gehört dazu.

Gelassenheit als "Nahrung" für innere Stärke

Mut, Zuversicht, Lösungsorientierung. Nicht nur im beruflichen, sondern auch im privaten Bereich gehören diese Attribute heute zur notwendigen, "mentalen Grundausstattung". In meinen Coachings spüre ich immer wieder, dass die Begriffe Selbstbewusstsein, Selbstvertrauen, Motivation für viele Menschen nicht nicht immer greifbar sind. Zudem werden sie heute eher inflationär und pauschal in der Weiterbildung, der Lebenshilfe und der Führungsarbeit eingesetzt. Ohne die Begrifflichkeit vorab zu klären. Die "innere Stärke" ist da für viele Menschen ein Begriff, mit dem sie konkreter arbeiten können. Widerstandskraft gegen äußere Einflüsse, der Umgang mit Krisensituationen oder einfach nur der "kühle Kopf" in machen Situationen. Das setzt Gelassenheit voraus, sich auf die eigenen Kräfte zu fokussieren und diese gezielt zu nutzen. Anstatt auf Motivation oder Hilfestellung von Außen warten zu müssen. Genau diese Gelassenheit und innere Stärke, die mich früher bei meinen Kindern aufrieb, die ich mir aber auch damals wohl schon (unbewusst) bei mir gewünscht hätte.

Gelassenheit lernen und innere Stärke aufbauen

Nicht nur Piloten, Anwälte oder Ärzte brauchen heute die Fähigkeit unvoreingenommen und lösungsorientiert zu Handeln. Auch in diesen Berufen ist Gelassenheit gefragt. Im Dschungelbuch fordert uns Balu der Bär auf, es mal mit Gemütlichkeit zu probieren. Ein Kunde von mir hat an seinem Arbeitsplatz eine Postkarte hängen, auf der steht: "Warum soll ich mich aufregen, wenn es mir auch egal sein kann?". Und dann gibt es noch die bekannte Gelassenheitsformel. Diese lautet:" Gib mir die Gelassenheit, die Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann. Den Mut und die Kraft, die Dinge zu ändern, die ich ändern kann. Und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden". Alle drei Weisheiten setzen voraus, dass wir unsere eigenen Denk- und Verhaltensweisen kennen. Die inneren Gefühlszustände einzuschätzen wissen und diese regulieren zu können. Es macht Mut zu wissen, dass wir diese Fähigkeiten in uns tragen und zum Teil nur zu re-aktivieren brauchen. Und wenn man sich dann zu seinen Kindern setzt, mit ihnen das Puzzle fertig macht und den nächsten Zug nimmt, dann hat man zusätzlich auch noch ein verdammt gutes Gefühl obendrein. Und man zehrt noch lange von leuchtenden und dankbaren Kinderaugen.

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