BLOG

Kampfansage an Fernbus-Fahrgäste

20/11/2015 17:55 CET | Aktualisiert 20/11/2016 11:12 CET
Michael Gottschalk via Getty Images

Seit der Liberalisierung des Fernbusmarktes 2013 buche ich gerne Busreisen. Als ein Student mit niedrigem Einkommen, als Wochenendpendler und Tourist nutze ich mehrmals monatlich Busse nach Köln, Passau und andere Städte. Viele Bürger entscheiden sich ähnlich wie ich, und nicht nur sie.

Während der andauernden Flüchtlingskrise konnte ich beobachten, wie angereiste Flüchtlinge vor allem Fernbusse in Anspruch nahmen und sich so, trotz ihrer prekären Lage, preisgünstige Fahrten zu den gewünschten Orten leisten konnten. In wenigen Jahren hat sich der Fernbusmarkt zu einer ernstzunehmenden sowie umweltfreundlichen Alternative zu Auto, Bahn und Flugzeug entwickelt. Somit stehen den Reisenden mehr Auswahlmöglichkeiten zur Mobilität zur Verfügung.

Die eigentlichen Drahtzieher der Fernbus-Verbannung

Diese Entwicklung wird von der Stadt Köln langsam, aber sicher gebremst. Seit Ende Oktober werden die Fernbusse aus der Kölner Innenstadt komplett verbannt. Der Kölner Stadtrat hat mit den Stimmen der CDU, SPD und Grünen die bisherigen Haltepunkte am Breslauer Platz und an der Gummersbacher Straße den Fernbus-Nutzern verwehrt. Stattdessen wird ein Fernbusterminal am Flughafen Köln / Bonn angeboten.

Es ist schon grotesk, dass sich nur die FDP und die Linke - zwei kaum miteinander verwandte Parteien - im Kölner Stadtrat für die Beibehaltung der Haltepunkte in der Innenstadt einsetzten. Wenn eine liberale und eine streng linke Partei das gleiche Ziel verfolgen, kann es hier nicht nur um die Verteidigung von partikularen Interessen der kleinen Gruppen gehen - das Interesse aller Reisenden steht hier auf dem Spiel.

Dass der Marktführer MeinFernbus Flixbus den Beschluss nicht hinnimmt und statt Köln jetzt Leverkusen als Ausweichhaltepunkt anfährt, ist ganz nachvollziehbar: Erstens ist Leverkusen an den öffentlichen Personennahverkehr genauso gut angebunden wie der Flughafen Köln / Bonn. Zweitens wurden dem Unternehmen überzogene und marktunfreundliche Stationsgebühren für den neuen Haltepunkt am Flughafen vorgeschlagen.

Egal, ob man die Kölner Innenstadt jetzt vom Flughafen oder von Leverkusen erreichen will, profitiert die Deutsche Bahn davon, als Beförderer die zusätzliche Fahrstrecke im öffentlichen Nahverkehr anbieten zu dürfen. Zusätzliche Bahnfahrten bedeuten zusätzliche Kosten für die Reisenden. Dass MeinFernbus Flixbus ihren Kunden trotzdem kostenlose Tickets für den öffentlichen Nahverkehr von Leverkusen nach Köln anbietet und so eine sichere Ankunft in Köln ohne Aufpreis gewährt, unterstreicht die tadellose Servicebereitschaft der Fernbusunternehmen insgesamt.

Ein Busbahnhof in der Innenstadt? Selbstverständlich!

Dass es möglich ist, Fernbushaltepunkte in einer Innenstadt zu behalten, beweisen auch andere Städte: Berlin, Frankfurt am Main und München bieten Fernbushaltepunkte sowohl in der Innenstadt als auch an den Flughäfen; Hamburg, Düsseldorf oder Hannover haben leicht zugängliche Busbahnhöfe im Stadtzentrum.

Die logische Lösung wäre für Köln also, neben der Haltestelle am Flughafen Köln / Bonn einen zusätzlichen Haltepunkt im innerstädtischen Bereich einzurichten. Und zwar möglichst schnell und nicht erst nach der „Beobachtung der Marktsituation", wie sich die Stadtfraktion der Grünen wünscht. Die Fahrgäste brauchen die Lösungen jetzt. Bis die neuen, sichereren Haltepunkte im innerstädtischen Bereich eingerichtet werden, sollten die alten Haltestellen an dem Breslauer Platz und an der Gummersbacher Straße weiter provisorisch genutzt werden.

Ist der Fall Köln nur der Anfang?

Der aktuelle Beschluss des Kölner Stadtrats ist allerdings ein brandgefährlicher Präzedenzfall. Man muss befürchten, dass Köln nicht lange die einzige fernbusfreie Großstadt Deutschlands sein wird. Auch andere Städte könnten die Verbannung von Fernbussen aus innerstädtischen Gebieten erwägen und so einen Aufstand gegen die Liberalisierung des Fernbusmarktes starten.

In Duisburg konnte der Busbahnhof neben dem Hauptbahnhof nur nach langen Rangeleien beibehalten werden; in Ulm und Stuttgart werden genauso Pläne kreiert, Fernbusse aus dem Innenstadtgebiet zu verbannen. Kann es sein, dass dies der Anfang vom Ende des boomenden Fernbusmarktes ist?

Man kann schon vermuten, wer von solch einer Situation profitieren würde: die Deutsche Bahn, deren Service für einkommensarme Fahrgäste immer schwerer zugänglich ist. Flughäfen, die in Verkehrsnetzen weiter ihre Monopolstellungen ausbauen. Höchstwahrscheinlich auch Taxiunternehmen, die neben dem Online-Fahrdienst Uber auch weitere Konkurrenzen am liebsten ausschalten würden. Sollten Fernbusse aber tatsächlich aus den verkehrsintensivsten Städten verdrängt werden, leidet vor allem einer - der Fahrgast.

Da mehrere Fernbusunternehmen noch gültige Konzessionen haben, die oft bis ins Jahr 2023 gehen und Haltestellen in der Kölner Innenstadt vorsehen, bleibt zu hoffen, dass der Beschluss des Stadtrats gerichtlich noch gekippt werden kann. Darüber hinaus sollte die Zivilgesellschaft aber auch ihre Stimme erheben und sich nicht das Recht auf die freie Lebensgestaltung nehmen lassen, das erst vor Kurzem erkämpft wurde.

Dieser Beitrag erscheint demnächst auch auf markasadeikis.wordpress

Rettung auf Brücke: Heldenhafter Busfahrer rettet Frau in letzter Sekunde vor Selbstmord

Lesenswert:

Ihr habt auch ein spannendes Thema?

Die Huffington Post ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blogteam unter

blog@huffingtonpost.de.

Hier geht es zurück zur Startseite