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Stell dir vor, es ist Wahl und keiner geht hin

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Die Medien sind sich weitestgehend einig: Mit dem Brexit betrĂŒgen die Alten in Großbritannien die jĂŒngeren Generationen um ihre Zukunft. Dabei hatten diese ihr Schicksal in der eigenen Hand. Zwei Lehren, die der Brexit bereithĂ€lt.

Der Brexit sei ein Votum der Älteren gegen eine weltoffenere Jugend, war nach Ausgang des britischen EU-Referendums in vielen Zeitungen zu lesen. Die Generation jenseits der 50 verbaue ihren Nachfahren die Zukunft und beraube sie der enormen Möglichkeiten, welche eine EU-Mitgliedschaft bereithalte.

Die WĂ€hlerstatistiken scheinen dies auf den ersten Blick zu bestĂ€tigen: Briten ĂŒber 50 stimmten zu 53% fĂŒr den Brexit. Bei den ĂŒber 65-JĂ€hrigen lag der Prozentsatz sogar bei knapp 60%. Zieht man in Betracht, wie eng der Ausgang des Referendums war, wird das Votum dieses Personenkreises sicherlich einen entscheidenden Einfluss auf das finale Abstimmungsergebnis gehabt haben.

Dass dieses mehrheitlich negative Stimmverhalten ins Gewicht fallen konnte, liegt jedoch auch maßgeblich daran, dass die Europa gegenĂŒber positiver eingestellten 18-24-JĂ€hrigen an den Wahlurnen stark unterreprĂ€sentiert waren. Lediglich 36% der jĂŒngeren Briten gingen vergangenen Donnerstag zum Referendum, wĂ€hrend die Wahlbeteiligung der Gesamtbevölkerung beim Doppelten, d.h. bei 72%, lag.

Die jungen Briten haben schlichtweg gepennt, als ihrem Land eine Schicksalsfrage gestellt wurde

Der Vorwurf an die Ă€lteren JahrgĂ€nge, die Jugend um ihre Zukunft betrogen zu haben, ist vor diesem Hintergrund fehlgeleitet. Vielmehr mĂŒssen sich die jungen Briten an die eigene Nase fassen: Sie haben schlichtweg gepennt, als ihrem Land eine Schicksalsfrage gestellt wurde. „Fair enough" sagen die Briten normalerweise in solchen Situationen. Was auf dem Spiel stand, war von vornherein klar.

Derweil hÀlt der Ausgang des britischen Referendums zwei wichtige Lehren bereit.

Erstens: Das Wahlrecht in Großbritannien wie in vielen anderen LĂ€ndern sollte stĂ€rker an der LebensrealitĂ€t jĂŒngerer Menschen ausgerichtet werden. Letztere sind heute zu großen Teilen mobil, wechseln zu Ausbildungszwecken hĂ€ufig Ihren Aufenthaltsort und verbringen mitunter lĂ€ngere Zeit im Ausland. Um dem Rechnung zu tragen, muss man nicht zwingend ein digitalisiertes Wahlsystem wie in Estland einfĂŒhren. Hilfreich wĂ€re jedoch, vermeidbare HĂŒrden zur Stimmabgabe zu beseitigen. Hierzu zĂ€hlt zuvorderst die Registrierung, welche aufgrund eines mangelhaft funktionierenden Meldewesens in Großbritannien und den USA Grundvoraussetzung zur AusĂŒbung des Wahlrechts ist.  

Zweitens: Junge Menschen mĂŒssen sich stĂ€rker in die Politik einbringen. Es ist zutiefst undemokratisch, sich ex post ĂŒber den Ausgang von Wahlen und Volksentscheiden zu beklagen, wenn dem auf eigener Seite blanke UntĂ€tigkeit vorausgegangen ist. Anstatt bestimmte Bevölkerungsgruppen fĂŒr begrenzt und engstirnig zu erklĂ€ren und der Politik grobe FahrlĂ€ssigkeit im Umgang mit Volksbefragungen vorzuwerfen, sollten sich jĂŒngere Generationen ins Bewusstsein rufen, dass sie aus ureigenem Interesse an der politischen Willensbildung teilhaben sollten.

Leider war die Entwicklung in dieser Hinsicht die letzten Jahre eindeutig negativ; die stark gesunkenen Mitgliedzahlen der Parteien sprechen BĂ€nde. Gerade mit Blick auf den demographischen Wandel und einen sich zukĂŒnftig noch verschĂ€rfenden Verteilungskampf wird politische Partizipation allerdings zunehmend zum Gradmesser der Generationengerechtigkeit.

Wollen die Jungen ihre Zukunft in sicheren HĂ€nden wissen, mĂŒssen sie sich daher stĂ€rker engagieren. Sie mĂŒssen wĂ€hlen gehen, sich öfter in die öffentliche Debatte miteinmischen und die politische Auseinandersetzung suchen. Eines ist nĂ€mlich sicher, wie schon Bertolt Brecht wusste: „Wer den Kampf nicht geteilt hat, der wird teilen die Niederlage".

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