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Stell dir vor, es ist Wahl und keiner geht hin

03/07/2016 13:36 CEST | Aktualisiert 04/07/2017 11:12 CEST
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Die Medien sind sich weitestgehend einig: Mit dem Brexit betrügen die Alten in Großbritannien die jüngeren Generationen um ihre Zukunft. Dabei hatten diese ihr Schicksal in der eigenen Hand. Zwei Lehren, die der Brexit bereithält.

Der Brexit sei ein Votum der Älteren gegen eine weltoffenere Jugend, war nach Ausgang des britischen EU-Referendums in vielen Zeitungen zu lesen. Die Generation jenseits der 50 verbaue ihren Nachfahren die Zukunft und beraube sie der enormen Möglichkeiten, welche eine EU-Mitgliedschaft bereithalte.

Die Wählerstatistiken scheinen dies auf den ersten Blick zu bestätigen: Briten über 50 stimmten zu 53% für den Brexit. Bei den über 65-Jährigen lag der Prozentsatz sogar bei knapp 60%. Zieht man in Betracht, wie eng der Ausgang des Referendums war, wird das Votum dieses Personenkreises sicherlich einen entscheidenden Einfluss auf das finale Abstimmungsergebnis gehabt haben.

Dass dieses mehrheitlich negative Stimmverhalten ins Gewicht fallen konnte, liegt jedoch auch maßgeblich daran, dass die Europa gegenüber positiver eingestellten 18-24-Jährigen an den Wahlurnen stark unterrepräsentiert waren. Lediglich 36% der jüngeren Briten gingen vergangenen Donnerstag zum Referendum, während die Wahlbeteiligung der Gesamtbevölkerung beim Doppelten, d.h. bei 72%, lag.

Die jungen Briten haben schlichtweg gepennt, als ihrem Land eine Schicksalsfrage gestellt wurde

Der Vorwurf an die älteren Jahrgänge, die Jugend um ihre Zukunft betrogen zu haben, ist vor diesem Hintergrund fehlgeleitet. Vielmehr müssen sich die jungen Briten an die eigene Nase fassen: Sie haben schlichtweg gepennt, als ihrem Land eine Schicksalsfrage gestellt wurde. „Fair enough" sagen die Briten normalerweise in solchen Situationen. Was auf dem Spiel stand, war von vornherein klar.

Derweil hält der Ausgang des britischen Referendums zwei wichtige Lehren bereit.

Erstens: Das Wahlrecht in Großbritannien wie in vielen anderen Ländern sollte stärker an der Lebensrealität jüngerer Menschen ausgerichtet werden. Letztere sind heute zu großen Teilen mobil, wechseln zu Ausbildungszwecken häufig Ihren Aufenthaltsort und verbringen mitunter längere Zeit im Ausland. Um dem Rechnung zu tragen, muss man nicht zwingend ein digitalisiertes Wahlsystem wie in Estland einführen. Hilfreich wäre jedoch, vermeidbare Hürden zur Stimmabgabe zu beseitigen. Hierzu zählt zuvorderst die Registrierung, welche aufgrund eines mangelhaft funktionierenden Meldewesens in Großbritannien und den USA Grundvoraussetzung zur Ausübung des Wahlrechts ist.  

Zweitens: Junge Menschen müssen sich stärker in die Politik einbringen. Es ist zutiefst undemokratisch, sich ex post über den Ausgang von Wahlen und Volksentscheiden zu beklagen, wenn dem auf eigener Seite blanke Untätigkeit vorausgegangen ist. Anstatt bestimmte Bevölkerungsgruppen für begrenzt und engstirnig zu erklären und der Politik grobe Fahrlässigkeit im Umgang mit Volksbefragungen vorzuwerfen, sollten sich jüngere Generationen ins Bewusstsein rufen, dass sie aus ureigenem Interesse an der politischen Willensbildung teilhaben sollten.

Leider war die Entwicklung in dieser Hinsicht die letzten Jahre eindeutig negativ; die stark gesunkenen Mitgliedzahlen der Parteien sprechen Bände. Gerade mit Blick auf den demographischen Wandel und einen sich zukünftig noch verschärfenden Verteilungskampf wird politische Partizipation allerdings zunehmend zum Gradmesser der Generationengerechtigkeit.

Wollen die Jungen ihre Zukunft in sicheren Händen wissen, müssen sie sich daher stärker engagieren. Sie müssen wählen gehen, sich öfter in die öffentliche Debatte miteinmischen und die politische Auseinandersetzung suchen. Eines ist nämlich sicher, wie schon Bertolt Brecht wusste: „Wer den Kampf nicht geteilt hat, der wird teilen die Niederlage".

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