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Wie wir die Freundschaft zwischen Jungs systematisch zerstören - und warum uns das allen Sorgen machen muss

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LITTLE BOYS PLAYING
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An einem kalten Februarabend hielt die Professorin und Wissenschaftlerin Niobe Way hier in New York einen Vortrag über die Erkenntnisse aus ihrem Buch "Deep Secrets".

Sie war von "Partnership With Children" eingeladen worden, einer innovativen Organisation, die sich tatkräftig für gefährdete Kinder in New Yorks öffentlichen Schulen einsetzt. Sowohl Way als auch "Partnership With Children" verfügen über Unmengen an konkreten statistischen Daten, die beweisen, dass emotionale Unterstützung die schulischen Leistungen von Kindern enorm beeinflusst. Und wie sich gezeigt hat, beeinflusst diese Art von Unterstützung auch alle anderen Bereiche des Lebens.

Als meine Frau Saliha und ich an diesem Abend die schneebedeckten Straßen in Richtung Fifth Avenue entlang stapften, wurde mir die Düsternis und Schwere des dritten Monats dieses dunklen, nordostamerikanischen Winters bewusst, und ich fragte mich, wie viele Tage es noch bis zum Frühlingsbeginn dauern würde.

"Wir haben Februar. Mach dir doch nichts vor", bekam ich zur Antwort. Meine bezaubernde und wundervolle Frau wollte mich nach Ways Vortrag zum Essen einladen, denn es war mein Geburtstag.

Für Männer geht es um Leben und Tod

Niobe Way ist Professorin für Angewandte Psychologie an der New York University und Direktorin des Ph.D.-Programms für Entwicklungspsychologie. Vor einigen Jahren hat sie damit angefangen, männliche Teenager zu befragen, was ihnen ihre engsten Freundschaften bedeuten. Die Antworten der Jungs dokumentierte sie.

Es stellte sich heraus, dass es im Bezug auf diese bestimmte Frage für amerikanische Männer um Leben und Tod geht.

Vor Way kam bisher noch keiner auf den Gedanken, Jungs zu fragen, wie ihre engsten Freundschaften aussehen. Denn jeder ging davon aus, dass wir das ohnehin bereits wüssten. In Wirklichkeit verwechseln wir bei Fragen zum Gefühlszustand von Jungs oder Männern jedoch die Antworten, die wir von ihnen erwarten, mit dem, was sie tatsächlich fühlen. Und wenn man lange genug wartet, verwechseln sie es auch selbst.

Einmal ins Zentrum des Interesses gerückt, kann diese überraschend simple Frage jedoch die Büchse der Pandora der männlichen Selbstreflexion öffnen. Nachdem uns ein Leben lang gesagt wurde, wie Männer "typischerweise" Gefühle und Emotionen wahrnehmen, ist uns die Antwort auf die Frage "was bedeuten meine engsten Freunde mir" abhanden gekommen.

Und hier kommt der Beweis dafür: Eine von der AARP (American Association of Retired Persons) veröffentlichte Studie aus dem Jahr 2010 hat ergeben, dass einer von drei Erwachsenen im Alter von 45 Jahren oder darüber sich permanent einsam fühlt.

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Noch vor zehn Jahren gab nur einer von fünf Befragten diese Antwort an. Und von dieser Einsamkeits-Epidemie sind vorwiegend Männer betroffen. Studien haben ergeben, dass zwischen 1999 und 2010 die Selbstmordrate bei Männern im Alter von 50 Jahren und darüber um fast 50 Prozent angestiegen ist. Die New York Times berichtet, dass die "Suizidrate bei Männern mittleren Alters 27,3 Tote von 100.000 Menschen beträgt, während es bei Frauen 8,1 Tote von 100.000 Menschen sind."

"Die Vorstellung, dass das Mittel gegen Einsamkeit eine Liebesbeziehung ist, hat eine Einsamkeits-Epidemie ausgelöst"

In einem Artikel für das amerikanische Politikmagazin "The New Republic" mit dem Titel "The Lethality of Loneliness" (Die Tödlichkeit der Einsamkeit) schreibt Judith Schulevitz:

"Emotionale Isolation gilt als ebenso hoher Mortalitätsrisikofaktor wie Rauchen. Zu den körperlichen Erkrankungen, die vermutlich von Einsamkeit ausgelöst oder verschlimmert werden, zählen unter anderem Alzheimer, Übergewicht, Diabetes, hoher Blutdruck, Herzkrankheiten, neurodegenerative Erkrankungen und sogar Krebs. Tumore können bei einsamen Menschen schneller Metastasen bilden."

Ich saß gerade da und schrieb an einem Artikel über Niobe Ways heutigen Vortrag, als ein Tweet von Alain De Botton in meinem Newsfeed auftauchte:

"Die falsche Vorstellung, dass das einzige Mittel gegen Einsamkeit eine romantische Liebesbeziehung ist, hat eine Einsamkeits-Epidemie ausgelöst."

Und genau so ist es. Niobe Way beschreibt in ihrem Buch nichts anderes als den Hauptauslöser der Einsamkeits-Epidemie von Männern in unserem Kulturkreis.

Durch unser Denken, dass Freundschaften zwischen Jungs sowohl oberflächlich als auch austauschbar sind und durch unsere permanente Bevorzugung von romantischen Beziehungen statt platonischen Beziehungen treiben wir Jungs dazu, "unabhängig, emotional unbewegt und einsam" zu werden, wie Professor Way es beschreibt.

Hinzu kommt, dass der von Way beschriebene traumatische Verlust von Nähe bei Jungs dazu führen kann, dass sie auch als erwachsene Männer in verschiedenen Bereichen ihres Lebens zu kämpfen haben.

Millionen von Männern empfinden ein starkes Verlustgefühl, obwohl sie eine romantische Beziehung haben

Professor Ways Untersuchungen haben ergeben, dass Jungs am Anfang ihrer Pubertät noch eine tiefe und erfüllende emotionale Bindung und Liebe zu anderen empfinden können, dass dieses Gefühl der Verbundenheit bei ihrem Eintritt ins Erwachsenenalter jedoch bereits verschwunden ist.

Dies ist ein katastrophaler Verlust. Und wir gehen selbstverständlich davon aus, dass Männer diesen Verlust schon irgendwie überwinden. Millionen von Männern empfinden ein starkes Verlustgefühl, obwohl sie sich in soliden romantischen Beziehungen befinden, verheiratet sind oder eine Familie haben.

Die Jungs, die in Ways Buch zu Wort kamen, öffnen uns Männern die strenggeheime Tür zu unserer eigenen Vergangenheit. Durch die Erzählungen der Jungs können wir den aufrichtigen Ausdruck emotionaler Intimität zwischen Männern wieder spüren, der uns an die sonnigen Nachmittage unserer Jugend erinnert.

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Diese leidenschaftliche und liebevolle Verbindung zwischen Jungs besteht über sämtliche Klassen, Ethnien und Kulturen hinweg. Ob man weiß oder schwarz, arm oder reich ist, spielt dabei überhaupt keine Rolle. Diese Verbindung ist universell und sie zeigt sich in hunderten von Interviews, die Way durchgeführt hat.

Die befragten Jungs stehen ganz offen zu der Liebe, die sie ihren engsten Freunden gegenüber empfinden. Sie verwenden dabei auch explizit das Wort Liebe, und sie sind stolz darauf. Seht euch mal dieses Zitat von einem fünfzehnjährigen Jungen namens Justin an:

"[Mein bester Freund und ich] lieben uns ... ganz einfach. Wir haben da irgendetwas, das total tief geht. So tief, dass es in dir drinsteckt und dass du es gar nicht richtig erklären kannst. Man weiß, dass der Andere eben einfach er selbst ist und dass das alles ist, was in unserer Freundschaft zählt. Ich glaube, dass zwei Menschen sich im Leben gegenseitig wirklich richtig gut verstehen können und sich aufrichtig vertrauen, respektieren und lieben können. Das passiert einfach, das liegt in der Natur des Menschen."

"Jungsfreundschaften verändern sich gegen Ende der Pubertät"

Way schreibt:

"In Anbetracht der Tatsache, dass unsere Gesellschaft die Annahme vertritt, dass Jungs und Männer rein handlungsorientiert denken, emotional unfähig sind und stets unabhängig bleiben wollen, erscheinen diese Geschichten erschreckend.

Der einsame Cowboy, das kulturelle Sinnbild für Männlichkeit in der westlichen Gesellschaft, suggeriert, dass Jungs in erster Linie nach Gelegenheiten streben, sich mit anderen messen zu können und sich stets ihre Unabhängigkeit bewahren wollen. 85 Prozent der Antworten von den mehreren hundert Jungs, die wir in den vergangenen 20 Jahren während ihrer Pubertät befragt haben, zeigen jedoch, dass ihre engsten Freundschaften - vor allem während der frühen und mittleren Teenagerjahre - eher an den Film "Love Story" erinnern als an "Herr der Fliegen".

Jungs aus den verschiedensten sozialen Schichten gaben an, dass sie ihre Freundschaften zu anderen Jungs wertschätzen und dass diese Freundschaften entscheidend zu ihrem emotionalen Wohlbefinden beitragen. Und zwar nicht, weil sie ihre Freunde als würdige Konkurrenten sehen, mit denen sie sich ihn ihrer Männlichkeit messen können, sondern weil sie diesen Freunden ihre Gedanken und Gefühle sowie ihre verborgensten Geheimnisse anvertrauen können.

Und dennoch verändert sich etwas, sobald die Jungs sich dem Ende ihrer Pubertät annähern. Wenn Jungs zu erwachsenen Männern werden, sprechen sie tatsächlich weniger über sich selbst. Sie beginnen zu betonen, dass sie nicht schwul sind, wenn sie über das vertraute Verhältnis zu ihren Freunden berichten. Außerdem geben sie immer häufiger an, dass sie keine Zeit für ihre Jungs-Freundschaften haben, obwohl sie weiterhin ein starkes Bedürfnis danach haben."

"Ich habe keine besten Freunde mehr"

Die Antworten von zwei Jungs auf die einfache Frage, inwiefern ihre Freundschaften sich seit ihrem ersten Jahr an der Highschool verändert haben, verraten alles über Freundschaften von männlichen Teenagern. In seinem Abschlussjahr an der Highschool beschreibt Justin, inwiefern sich seine Freundschaften seit seinem ersten Jahr an der Highschool verändert haben:

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"Keine Ahnung, vielleicht gar nicht so sehr. Ich glaube jedoch, dass ich keine besten Freunde mehr habe, sondern nur noch enge Freunde. Das ist eigentlich das Einzige, was sich verändert hat. Es ist so als würden beste Freunde zu engen Freunden werden, enge Freunde zu allgemeinen Freunden und allgemeine Freunde zu Bekannten. Es entsteht eine gewisse Distanz, was wahrscheinlich ganz normal ist, keine Ahnung. Das kann man durchaus so sagen, aber das passiert eben einfach."

Michael sagt:

"Irgendwie wird die Freundschaft zu meinem besten Freund schwächer, doch sie ist auf jeden Fall noch da ... also sie ist noch da, weil wir noch immer Dinge zusammen unternehmen, jedoch nur noch ab und zu. Es ist traurig, denn er wohnt eigentlich nur einen Häuserblock von mir entfernt. Trotzdem unternehme ich viel weniger mit ihm als mit Leuten, die weiter weg wohnen. Es ist wie bei einem DJ, der mit einem Crossfader nach und nach ein Musikstück ausblendet. Mittlerweile habe ich das Stück schon fast komplett ausgeblendet."

Wir erwarten von ihnen, dass sie sich wie "echte Kerle" verhalten

Anschließend erläutert Way uns die logischen Konsequenzen dieses nachlassenden Gefühls der Verbundenheit bei Jungs:

"Gegen Ende ihrer Pubertät haben Jungs gelernt, dass sie aufgrund ihrer engen Freundschaften zu anderen Jungs und ihrer Fähigkeit, tiefe Gefühle wahrzunehmen, Gefahr laufen, als mädchenhaft, unreif oder schwul abgestempelt zu werden. Und anstatt sich darauf zu konzentrieren, was sie wirklich sind, beschäftigen sie sich lieber fieberhaft mit dem, was sie gerade nicht sein wollen -keine Mädchen und keine kleinen Jungs. Und heterosexuelle Jungs wollen erst recht nicht als schwul bezeichnet werden.

Da in unserer Gesellschaft enge Freundschaften zwischen Jungs einem bestimmten Alter, einem bestimmten Geschlecht (nämlich weiblich) und einer bestimmten sexuellen Orientierung (nämlich schwul) zugeordnet werden, wachsen diese Jungs zu Männern heran, die unabhängig, emotional unbewegt und einsam sind.

Der Zeitraum zwischen dem 16. und dem 19. Lebensjahr ist nicht nur eine Phase, in dem bei den Jungs aus meiner Studie das Gefühl der Verbundenheit nachließ, sondern es ist auch eine Phase, in der die Selbstmordrate bei Jungs in den Vereinigten Staaten extrem ansteigt und schließlich fünfmal so hoch ist wie bei Mädchen. In den frühen Pubertätsjahren ist sie dagegen nur dreimal so hoch ist wie bei Mädchen.

Außerdem ist es eine Entwicklungsphase, in der es häufig zu den Amokläufen an Schulen kommt und in der die Gewaltbereitschaft unter Jungs allgemein erhöht ist. Wie Jungs, die sich am Anfang oder in der Mitte ihrer Pubertät befinden, ganz richtig erkennen, würden sie durchdrehen, wenn sie keine Freunde hätten, denen sie ihre verborgensten Geheimnisse anvertrauen könnten."

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Amerikanische Männer stellen ihre Männlichkeit gerne unter Beweis, in dem sie sich an eine Reihe strenger gesellschaftlicher Regeln halten, die als sogenannte "Man Box" bezeichnet werden. Charlie Glickman hat einen wunderbaren Artikel zu diesem Phänomen verfasst. Eines der wichtigsten Grundprinzipien dieser Man Box ist die Unterdrückung von Frauen und im weiteren Verlauf die Unterdrückung von allen weiblichen Attributen.

Da wir Amerikaner emotionale Bindungen als etwas Weibliches erachten, gestehen wir sie unseren Jungs nicht zu. Wir erwarten von ihnen, dass sie sich wie "echte Kerle" verhalten und legen extrem viel Wert darauf, dass sie emotional unabhängig werden, denn Isolation gilt als Zeichen von wahrer Männlichkeit. Hinter der Aussage, Männer seien stoisch und distanziert, die Jungs permanent eingehämmert wird, steckt eigentlich die knallharte Faust der Homophobie, die stets zum Gegenschlag bereit ist, sobald ein Junge zu viel unerwünschte Emotionen zeigt.

Sie haben Angst, für schwul gehalten zu werden

Und deshalb betonen Jungs gegen Ende ihrer Pubertät auch permanent, dass sie "nicht schwul" sind, sobald sie über die emotionale Verbundenheit zu ihren Freunden sprechen.

Und da haben wir sie, die rauchende Pistole. Das Gift, das zu der tödlichen Einsamkeits-Epidemie bei Männern (und im weiteren Verlauf auch bei Frauen) führt. Man muss nicht weiter suchen, denn die Ursache liegt in der Aussage "nicht schwul".

Und das ist genau der Grund, weshalb wir weiterhin unermüdlich für die Rechte von Homosexuellen und für die Ehe für alle kämpfen müssen. Denn in diesem Kampf geht es um die Herzen und die Seelen unserer kleinen Söhne. Je früher Homosexualität als etwas Normales anerkannt wird, desto schneller können wir uns davon befreien, dass Jungs und Männer auf extreme und gewalttätige Weise in die Homophobie gedrängt werden.

Die homophobe und frauenfeindliche Einstellung von uns Amerikanern hat dazu geführt, dass Generationen von jungen Männern an dem entscheidenden Punkt ihres Eintritts ins Erwachsenenalters auf die Unterstützung durch ihre Geschlechtsgenossen verzichten mussten.

Die Erkenntnis, dass wir Männer uns in unseren Freundschaften zwar nach echter Verbundenheit sehnen, dass wir diese Verbundenheit jedoch nicht ausleben dürfen, zerbricht mir das Herz. Wir wurden dazu erzogen, oberflächliche Beziehungen zu führen und uns sogar zu isolieren. Aus lauter Angst, nicht als echte Männer wahrgenommen zu werden, schlafwandeln wir durch unser Leben.

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Wir halten unseren liebevollen Charakter, der einst etwas ganz Normales für uns war, hinter Schloss und Riegel. Wir wurden so stark beeinflusst, dass uns diese Tatsache nicht einmal mehr bewusst ist. Und wir geben diese Einstellung immer weiter - an Generationen von aufgeweckten, liebevollen kleinen Jungs.

Als Professor Way ihren Vortrag beendete, bemerkte ich, dass mir schlecht geworden war. Ich hatte ein flaues Gefühl im Magen. Irgendetwas rumorte in mir. Ein kaltes und düsteres Gefühl, das schon lange in mir Wurzeln geschlagen hatte und irgendwann tief in mir drin eingeschlafen war.

Doch als Way die Worte dieser Jungs vorlas, wurde das Gefühl in mir wieder wach. Es war ein unheilvoller Moment des gegenseitigen Erkennens. In mir stieg eine enorme Verzweiflung auf, die riesig und unermesslich tief war. Die Erkenntnis an diesem Abend im Februar veränderte alles. Der Frühling würde niemals zurückkehren.

Ich habe es selbst erlebt

Und so sehr ich mich auch all die Jahre darum bemüht hatte, meine Trauer zu unterdrücken, so war sie jetzt wieder da. Eine Wand des Schmerzes, der so deutlich und so vollkommen echt war, dass ich mit Erschrecken feststellen musste, dass etwas so Großes überhaupt in dem zerbrechlichen Körper eines Menschen stecken konnte.

Und selbst jetzt, während ich diese Worte zu Papier bringe und vorsichtig versuche, diesen Teil von mir zu beschreiben, stehe ich schon wieder vor diesem schwindelerregenden Abgrund von Traurigkeit. Er raubt mir den Atem und lässt mich zitternd auf diesen einen Todesstoß warten, der mich erneut zum Fall bringen wird. Wieder und immer wieder.

Ich schaffte es nicht mehr, zu meinem Geburtstagsessen zu gehen. Stattdessen weinte ich um George und meine Frau hielt mich im Arm, als wir in der winterlichen Dunkelheit mit der New Yorker U-Bahn nach Hause eilten.

Als ich sieben Jahre alt war, hatte ich einen besten Freund namens George. Er wohnte bei mir ums Eck. George war groß und schmächtig. Er hatte seine Arme stets in die Hüften gestemmt und seine sternförmig angeordneten Haarwirbel standen immer senkrecht nach oben. Er hatte ein Aquarium.

Er hatte ein Brettspiel, das im Dunkeln leuchtete. Er hatte eine Hang-on-Sloopy-Schallplatte und genau wie ich war er ein Fan von Harry Nilsson. Ich kann mich noch immer an sein Haus erinnern und an die unglaubliche Freude, die ich an diesem Ort empfand. Ich kann mich noch an jeden einzelnen Riss im Gehsteig erinnern, und an jede einzelne Baumwurzel im Garten, die meine Kindheit in all ihren Phasen geprägt hatten, und an den Häuserblock, der uns voneinander trennte.

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Das ist das Bild, das ich vor meinem geistigen Auge habe. Es ist der Blickwinkel eines Kindes, das sich in der Nähe des Bodens befindet. Die Zweige und die Ameisen und der gemähte Rasen, aus dem hellgrüne Blätter hervorsprießen. All dies ist Teil des Mosaiks eines siebenjährigen Jungen, das in tausend Stücke zersprang, als die Ehe meiner Eltern zerbrach und sie in die Selbstverbrennung trieb, die eine Scheidung in den USA mit sich bringt.

Kisten wurden gepackt. Türen wurden geschlossen und abgesperrt. Wir wurden aus unserem Zuhause herausgerissen. Wir wurden in ein anderes Haus verlegt, in fremde Hände, zu anderen Bordsteinen und Gehwegen in einem anderen Stadtteil. Nichts würde je wieder so sein wie früher. Und was ich auch versuchte, ich konnte den Zauber dieser verlorenen Vorstadtstraße nie wieder vergessen.

Obwohl wir nur eine Stunde voneinander entfernt wohnten, waren unsere Eltern nicht bereit, dafür zu sorgen, dass George und ich uns regelmäßig sehen konnten. Meiner Mutter war das vermutlich einfach zu viel. Neben einer anstrengenden Scheidung, einem neuen Ehemann und der Herausforderung, mit ihrer Vergangenheit abzuschließen, war George einfach zu viel. Er gehörte der Vergangenheit an.

Aus ihrer Sicht stimmte mit unserer Freundschaft etwas nicht

Doch einmal im Jahr erhielten wir eine Gnadenfrist. Einmal oder manchmal auch zweimal im Jahr durften George und ich gegenseitig beieinander übernachten. Immer wenn ich Geburtstag hatte, übernachtete er bei mir. Ich hatte jedes Jahr nur diesen einen Geburtstagswunsch: Dass George mich besuchen kommen würde.

Wir verbrachten die ganze Nacht damit, Comic-Hefte zu sortieren und zu lesen. Wir malten Superhelden und und diskutierten Seite für Seite die Comic-Kunst von Neal Adams, Jack Kirby, Jim Aparo, Bernie Wrightson, Frank Frazetta and all den anderen Zeichnern. Wir liebten diese Kunstwerke. Jede einzelne Linie und jeden Pinselstrich. Jede einzelne Seite. Ich erinnere mich auch daran, dass wir ein paar Mal zusammen auf Comic-Treffen gehen durften. Wir sahen uns Filme von Harryhausen an und durchsuchten tausende verstaubte Kisten nach alten Ausgaben.

Doch eines Tages war es vorbei. Meine Mutter sagte nur: "Schluss damit." Ich kann dieses Gefühl in meinem Bauch noch immer spüren. Wie ein Messer, das so scharf ist, dass ich einfach nur noch seine unglaubliche Kälte wahrnehmen kann. Ob ich sie nach den Gründen gefragt habe? Einmal? Hundert Mal? Ich weiß nicht mehr, wie oft. Meine Mutter ließ es nicht zu, dass jemand ihre Entscheidungen hinterfragte.

Ich weiß bis heute nicht, was sie zu dieser Entscheidung getrieben hat, doch ich gehe davon aus, dass sie einfach ein komisches Gefühl dabei hatte. Dass sie Angst hatte, dass zwei Jungs, die damals ungefähr elf Jahre alt waren, sich interessanteren Dingen zuwenden könnten als Comic-Heften und gegenseitigen Übernachtungsbesuchen.

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Dass es ihr eigenartig vorkam, dass dieser "Freundschaft" noch immer nicht die Luft ausgegangen war und dass sie so etwas derart Intensives einfach nicht mehr länger unterstützen konnte. Aus ihrer Sicht stimmte mit unserer Freundschaft etwas nicht.

Wie oft sagen Eltern: "Ach, sie werden doch neue Freunde finden." Als wären die Beziehungen von Kindern so oberflächlich und von der jeweiligen Situation abhängig, dass man sie wie eine Pausenbox vom Vorjahr einfach austauschen könnte. Der neue Banknachbar in irgendeiner neuen Schule, auf die sie geschickt werden, tut es doch genauso wie sein Vorgänger.

George und ich gaben unsere Freundschaft brav auf. Ein Verhalten, das von uns Jungs erwartet wird, wenn eine Veränderung in unserem Leben dies erfordert. Ich akzeptierte die obskure Logik der Entscheidung meiner Mutter und wendete mich anderen Freundschaften zu, die ihr besser in den Kram passten.

Mein Freund war gestorben

Es tut mir leid, dass ich ihr diese Vorwürfe machen muss. Ich würde im Internet gerne ein Blütenmeer von freudigen Erinnerungen hinterlassen und das Andenken an sie hoch halten, doch ich kann es einfach nicht. Ihre Handlungen waren zu falsch, zu emotionslos, zu lahm, zu geringschätzig, zu betäubend, zu vorhersehbar.

Mit Anfang dreißig traf ich George zufällig wieder. Er arbeitete für eine Regionalzeitung und wohnte in einem kleinen Appartement in Houston. Ich fuhr hin und besuchte ihn. Zu meinem Erstaunen teilte er seine Comic-Sammlung in zwei Teile (ich selbst hatte meine mit ungefähr 16 Jahren verkauft) und schenkte mir die Hälfte seiner riesigen Sammlung. Das war ein Akt von purer Großzügigkeit und ich bedankte mich überschwänglich dafür.

Das nächste Mal traf ich George mit Mitte vierzig wieder. Er hatte geheiratet, war nach Kalifornien gezogen und lebte im Süden von Los Angeles in der Nähe von Seal Beach. Während einer Geschäftsreise übernachtete ich einmal bei ihm.

Wie in alten Zeiten lasen wir wieder zusammen Comic-Hefte und malten, während seine Frau permanent um uns herumschwänzelte und unablässig betonte, wie toll es doch war, dass ich George besuchte. Am nächsten Tag packte ich meine Sachen und fuhr mit einem vagen Trennungsschmerz zurück nach New York. Doch ich war glücklich.

Eineinhalb Jahre später packte ich ein paar Comic-Bücher ein und verschickte sie mit dem Hinweis, dass dies meine neuen Lieblingbücher seien, an George. Ich weiß bis heute nicht, welcher Instinkt mich zu dieser endgültigen Geste getrieben hat. Ungefähr sechs Monate später rief seine Frau mich an. Diese Frau, mit der ich nur ein paar wenige Stunden verbracht hatte, schrie und weinte. George war gestorben.

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Der Schock steckt mir bis heute in den Knochen. Warum hatten wir keinen engeren Kontakt gehalten, war mein erster Gedanke. Mein zweiter Gedanke war, wie begeistert seine Frau über meinen Besuch gewesen war. So überschwänglich. So glücklich darüber, dass "Georges Freund" da war.

Ich schaffte es nicht, nach seinem Tod mit ihr in Kontakt zu bleiben. Ich weiß nicht einmal, woran genau er gestorben war, nur dass es um eine Krankheit ging. Seltsamerweise fand ich die Nummer von Georges Frau nicht mehr, als ich mich wieder gefasst hatte. Hatte sie mich vom Festnetz aus angerufen? Ich weiß es nicht mehr. Vielleicht hatte ich sie sogar noch einmal angerufen. Meine Erinnerung daran ist vernebelt. Geh weiter. Geh einfach weiter.

Ich erinnere mich nur an ein einziges Telefonat mit seiner Mutter nach seinem Tod. (Hatte sie mich angerufen?) Auch in meiner jahrzehntealten Kontakliste finde ich keinen Eintrag von George. Keine Adresse in Los Angeles. Keine alte E-Mail-Adresse. Nichts.

Wir werden gefühllos

Wie war das möglich? Wie konnte ich die Gelegenheit verpassen, diese Freundschaft wieder aufleben zu lassen? Ich hätte mich darum kümmern sollen. Ich hätte mich dafür ins Zeug legen müssen. Warum habe ich es nicht getan? Weil ich irgendwo, irgendwie davon überzeugt war, dass enge Freundschaften zwischen Jungs doch zu schmerzhaft sind?

Verstehen Eltern das nicht? Wissen sie denn nicht, dass wir uns lieben? Wissen sie nicht, dass die Herzen unserer Kinder so stark zerbrechen können, dass sie nie wieder zu einer derartigen Liebe fähig sein werden?

Die Welt hatte mich davon überzeugt, dass Jungs einfach weitergehen mussten. Also tat ich das auch. Wir zucken kollektiv mit den Schultern und unterdrücken die Panik, die Liebeskummer und Verlust auslösen. Wir werden gefühllos. Wir blenden alles aus. Wir akzeptieren, dass es im Leben einzig und allein darum geht, an der Oberfläche zu bleiben. Denn die Liebe, die wir Jungs spüren, die Begeisterung für die Menschen, die wir lieben, ist viel zu stark. Als Erwachsene fürchten wir uns vor ihr.

Und Erwachsene, die Angst haben, können wir nicht gebrauchen, stimmts? Lasst uns einen Moment Zeit nehmen und die einzelnen Punkte zusammenbringen.

  • Jungs empfinden eine starke Liebe zu ihren besten Freunden.  
  • Hinzu kommen Homophobie und Dinge wie die Man Box. 
  • Jungs distanzieren sich von ihren liebevollen besten Freunden.
  • Jungs und Männer entwickeln eine emotionale Distanz
  • Männer erkranken an der Einsamkeits-Epidemie
  • Männer sterben.
Hier haben wir also den direkten und unmittelbaren Beweis dafür, dass Homophobie und die Man Box bei heterosexuellen Männern zu Trauer, Einsamkeit und zum frühen Tod führen.

Das klingt etwas übertrieben? Dann schaut euch die wichtigste Erkenntnis aus den Untersuchungsergebnissen an, die jeder Mann sich zu Herzen nehmen sollte:

Eine sechs Jahre dauernde Studie mit 736 Männern mittleren Alters ergab, dass die Bindung zu einer einzigen Person (in den meisten Fällen zum Ehepartner) das Risiko für Herzinfarkte und tödliche koronare Herzerkrankungen nicht verringerte, wohingegen ein starkes soziales Netz das Risiko durchaus senken konnte. [Quelle: Kristina Orth-Gomer, Annika Rosengren & Lars Wilhelmsen, Lack of Social Support and Incidence of Coronary Heart Disease in Middle-Aged Swedish Men, Psychosomatic Medicine, 55(1993): 37-43.]

Ich habe so viele Freundschaften verpasst

Ich erinnere mich bis heute daran, wie ich im Alter von zehn Jahren Georges Zimmer betrat und er eine Ausgabe von Jack Kirbys "New Gods" in den Händen hielt. Die Ausgabe hieß "The Death Wish of Terrible Turpin". Seine Freude darüber, dass er dies mit mir teilen konnte und wie er mir das Buch entgegenstreckte: Dieser Augenblick ist so real für mich, wie alle wichtigen Lebensereignisse, an die ich mich erinnern kann. Wie die Geburt meines Sohnes. Wie die Tränen meiner geliebten Frau. Alles.

Wenn ich an diese Zeiten mit George zurückdenke, spüre ich einen Funken dieser ursprünglichen emotionalen Kraft in mir aufflimmern. In mir schlummert ein heftiges und ungestilltes Bedürfnis. Ein Gefühl, mit dem ich mich unbedingt wieder verbinden sollte.

Niobe Way hat uns die klare und nachvollziehbare Wahrheit über Jungs und und über uns selbst als Männer aufgezeigt. Wir können sie zu unserem eigenen Nachteil verleugnen. Doch wenn wir die Wahrheit von Way und die Wahrheit dieser Jungs verleugnen, werden wir einen schrecklichen Preis dafür bezahlen müssen.

Der Verlust meiner Freundschaft zu George hat in meinem Leben einen Mechanismus ausgelöst, über den ich mir erst jetzt, Jahrzehnte später, vollends bewusst bin. Ich habe so viele Freundschaften verpasst. Ich habe Männer übersehen und bin stattdessen von einer Frau zur nächsten gesprungen, weil ich permanent auf der Suche nach all dem war, was ich verloren hatte.

Statt nach einer Freundschaft, hatte ich jedoch stets nach einer romantischen, sexuellen Art von Liebe gesucht. Eine falsche Fährte führte mich zu einer falschen Lösung. Und durch dieses Verhalten habe ich unglaublich viele Gelegenheiten verpasst, ein erfüllteres Leben zu führen.

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Unsere Partnerinnen und Partner sind nicht dafür da, um die herzliche, platonische Liebe der lustigen, großzügigen und verständnisvollen Männer in unserem Leben zu ersetzen. Sie sind da, um diese Liebe mit uns zu feiern, genauso wie wir uns mit ihnen über ihre eigenen engen platonischen Freundschaften freuen.

Es ist eine Symphonie der Liebe, in der unsere Freude über unsere platonischen Freundschaften von unseren sexuellen Beziehungen noch verstärkt wird. Und das alles passiert auf gegenseitiger Ebene.

Ich bin wieder bereit, meinen Freunden Liebe zu schenken

Seit meinem Geburtstag habe ich einige Telefonate geführt. Ich habe meinen Freund Michael angerufen und ihm gesagt, dass ich ihn liebe. Dass ich ihn als einen meiner engsten Freunde enorm schätze und dass er mich jederzeit anrufen kann, ganz egal ob es sich um einen freudigen oder einen traurigen Anlass handelt. Ich habe meine Geschichte bereits mehreren Freunden erzählt, genau so, wie ich sie auch hier erzähle. Und dadurch bin ich ich immer stärker und wacher geworden.

Die Arbeit von Niobe Way hat mir das fehlende Puzzle-Teil geschenkt, über dessen Existenz ich mir bisher nicht einmal bewusst war. Sie hat mir gezeigt, dass die Liebe, die ich für George und all die anderen, für Troy, Jack, David, Bruce und Kyle, empfunden habe, richtig und gut und mächtig war.

Dass sie Berge versetzen konnte. Damals wusste ich noch nicht, was diese Männer für mich bedeuteten. Doch jetzt weiß ich es. Und ich weiß, dass der schleichende Verlust dieser Freundschaften in meinem Leben mir nicht den Todesstoß versetzt hat. Nicht ganz. Denn ich bin wieder bereit, meinen Freunden Liebe zu schenken. Ich bin fest entschlossen dazu.

Seid euch dessen bewusst, Jungs. Ich liebe euch alle.

Von Mark Greene, Autor und Senior Editor bei "Good Men Project".

Weitere Artikel von Mark Greene findest du auf RemakingManhood. Sein Buch ist jetzt bei Amazon erhältlich.

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Dieser Artikel erschien ursprünglich bei Medium und wurde von Susanne Raupach aus dem Englischen übersetzt.

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