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Griechenland: Nach der Wahl ist vor der Krise

21/09/2015 17:12 CEST | Aktualisiert 21/09/2016 11:12 CEST
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Alexis Tsipras und sein Linksbündnis Syriza haben auch die zweite Wahl in Griechenland in diesem Jahr gewonnen. Beglückwünschen mag man sie dennoch nicht. Zu groß sind die Herausforderungen vor denen das Land steht. Zumal die wahre Krise Griechenland noch bevorsteht. Denn die Generation Arbeitslos wird sich in den nächsten Jahren zur Generation Armut entwickeln - mit unabschätzbaren Folgen.

400.000 Griechinnen und Griechen unter 30 Jahren sind ohne Job

Es sind hunderttausende Jugendliche und junge Erwachsene, die in Griechenland nach Arbeit suchen - jedoch keine finden. Knapp 400.000 Griechinnen und Griechen unter 30 Jahren sind ohne Job, 160.00 davon sind zwischen 15 und 24 Jahren. Den traurigen Rekord hält die Region Epirus, in der das europäische Statistikamt Eurostat eine Jugendarbeitslosenquote von 70(!) Prozent ausmacht. Ein trauriger europäischer Rekord!

In den anderen Regionen der Hellenischen Republik sieht es kaum besser aus. In West-, Mittel- und Nordostgriechenland sind sechs von zehn jungen Griechen ohne Arbeit - und damit ohne Chancen auf eine selbstbestimmte Zukunft. Was der ehemalige Kommissionspräsident Jacques Delors für Europas Jugend im Allgemeinen ausmacht, trifft im Besonderen auf Griechenland zu: „Das Drama einer verlorenen Generation zeichnet sich ab".

Generation Chancenlos

In der Tat wächst in Griechenland eine „Generation Chancenlos" heran, die sich durch die Mitte der Gesellschaft zieht. Denn im Gegensatz zu den meisten europäischen Ländern konzentriert sich die hohe Arbeitslosigkeit in Griechenland nicht auf bildungsferne Jugendliche. Deren Anteil an den sogenannten NEETS, also allen Jugendlichen, die sich weder in Bildung, Ausbildung noch Arbeit befinden, ist zwischen 2007 und 2014 kaum angestiegen.

Dagegen hat sich die NEET-Quote der jungen Griechinnen und Griechen mit mittleren und hohen Bildungsabschlüssen seit Beginn der globalen Finanz- und Wirtschaftskrise beinahe verdoppelt. Und Besserung ist nicht in Sicht.

Denn Griechenlands Generation Chancenlos ist nebst struktureller Probleme im Bildungssystem und eines starren Arbeitsmarktes zuallererst dem Konjunktureinbruch im Zuge der Wirtschaftskrise geschuldet, welcher durch die Austeritätsmaßnahmen, vor allem des ersten griechischen Rettungspakets der europäischen Geberländer und des Internationalen Währungsfonds, deutlich verstärkt worden ist.

So nahm die landesweite Jugendarbeitslosenquote zwischen 2010 und 2014 um 19 Prozentpunkte zu und liegt derzeit bei 52 Prozent.

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Die Generation Chancenlos droht zur Generation Armut zu werden

Die griechische Rezession wird sich so schnell nicht verabschieden, zumal sich in den nächsten Jahren die hohe Jugendarbeitslosigkeit wiederum negativ auf das prognostizierte Wachstum auswirken wird. So entsteht eine Spirale mit desaströsen Folgen für junge Griechen.

Schon heute sind 300.000 Griechinnen und Griechen im Alter zwischen 16 und 24 Jahren der konkreten Gefahr von Armut ausgesetzt - das ist wohlgemerkt ein Drittel dieser Alterskohorte im Land! Die Generation Chancenlos droht so zur Generation Armut zu werden.

Vor diesem Hintergrund fordert Jacques Delors ein gesamteuropäisches Mobilitätsprogramm (Erasmus Pro), um jugendlichen Jobsuchenden eine Arbeit im europäischen Ausland zu ermöglichen.

Für viele junge Griechen wäre dies die einzige Chance, liegt die Jugendarbeitslosenquote im Land nun schon im dritten Jahr in Folge bei über 50 Prozent. Groß ist sie indessen nicht. Denn Erasmus Pro ist für gerade einmal 200.000 Europäer jährlich gedacht und wird Jahre der Umsetzung benötigen.

So harrt Griechenlands Jugend weiter der Dinge. Denn nach der Wahl ist vor der Krise.

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