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Terrorgefahr: Was uns die Medien verschweigen

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LESBOS
dpa
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In Deutschland wird alles versucht, das immer gleiche Bild zu vermitteln: Schlepperbanden, bestehend aus wenigen führenden Köpfen, dirigieren in Nacht-und-Nebel-Aktionen grüppchenweise Menschen über die Grenzen.

Dabei ist die Reise ins gelobte Deutsch-Land nicht nur straff organisiert, sondern liegt in den Händen ubiquitär agierender mafiotischer Akteure, deren Drahtzieher und Profiteure in den höchsten Geheimdienst- und Regierungskreisen der jeweiligen Länder zu finden sind und die schon vor der Flüchtlingskrise zu den wohlhabenden Geschäftsleuten mit Verbindungen zu den arabischen Staaten zählten.

Beispiele dafür, wie sie für deutsche Medien offensichtlich keinen Nachrichtenwert darstellen, finden sich zuhauf in den wenigen (noch) kritisch berichtenden Zeitungen und TV-Sendern Osteuropas.

Sie alle aufzuführen, lohnte ein weiteres Buch allein zu diesem Thema. Hier sei daher nur eines exemplarisch herausgegriffen: das des Frachters „Blue Sky M".

Ein alter Frachter, der führerlos im Meer taumelte

In der Nacht vom 30. auf den 31. Dezember 2014 herrschte Aufregung bei der griechischen und italienischen Küstenwache. Irgendwo in der Nähe der Insel Korfu im Mittelmeer waren offensichtlich über Smartphones Notrufe abgesetzt worden; es seien sogar Schüsse gefallen, hieß es.

Es herrschte starker Seegang, der Wind peitschte die Wellen meterhoch, die Beamten rechneten mit dem Schlimmsten. Trotz des schlechten Wetters entschieden sie, mit einem Helikopter nach dem Schiff zu suchen.

Kurze Zeit später entdeckten sie tatsächlich einen alten Frachter, der führerlos im Meer taumelte. Sie setzten mehrere Funksprüche ab, erhielten aber keine Antwort. Schließlich entschieden sie, an Bord zu gehen.

Zunächst trafen sie keine Menschenseele an - bis sie in den Rumpf des Frachters stiegen. Dort hockten zusammengepfercht 768 Menschen, darunter 60 Kinder.

Eine der Frauen hatte während der Überfahrt ein Kind zur Welt gebracht. Von der Mannschaft fehlte zunächst jede Spur, da sie sich unter die Flüchtlinge gemischt hatte, um unerkannt zu bleiben.

Das Schiff hatte mehrfach seinen Besitzer gewechselt

Wie die Ermittlungen später ergaben, hatte das Schiff mehrfach seinen Besitzer gewechselt, zumeist waren Syrer die Käufer. Zum Zeitpunkt des letzten Verkaufs wenige Wochen vor seiner Entdeckung, lag das Schiff im bulgarischen Varna vor Anker, fuhr dann über die Dardanellen-Straße Richtung Türkei und steuerte das in der Türkei liegende Mersin an.

Am Strand von Mersin fand schließlich die „Übergabe" statt: Zahlreiche kleine Boote nahmen Migranten auf und brachten sie zum wenige Kilometer vor Anker liegenden „Blue Sky M".

Am 20. Dezember 2014 legte das Schiff wegen eines Motorschadens im türkischen Tasucu an, acht Tage später nahm es, mitsamt der menschlichen Fracht an Bord, Kurs auf Griechenland, danach auf Italien. Zwei Tage später enterte die italienische Küstenwache die „Blue Sky M" und steuerte den Hafen von Gallipoli an.

Auf welch verschlungenen Wegen der Menschenhandel funktioniert, hat ein internationales Journalistenteam am Beispiel der „Blue Sky M" in monatelanger Kleinstarbeit zusammengetragen.

„Blue Sky M" 1976 in Hamburg gebaut

Beteiligt waren belgische, arabische, rumänische, griechische, französische, italienische und türkische Journalisten, die vom Netzwerk Investigativer Journalisten (Global Investigative Journalism Network) unterstützt wurden und sich der unabhängigen Berichterstattung verschrieben haben (Delphine Reuter, Hamoud Almahmoud, Nadia Al Shiyyab, Nikolia Apostolou, Frédéric Loore, Giampaolo Musumeci, Catalin Prisacariu, Safak Timur, Jean-Yves Tistaert).

Ihren Recherchen zufolge war die „Blue Sky M" ein 1976 in Hamburg gebautes und bis in die 1980er Jahre unter dem Namen „Seefalke" fahrendes Schiff, das später nach Rumänien verkauft wurde.

Die „Blue Sky M" wechselte im Laufe der Jahre immer wieder ihren Besitzer: Geschäftsleute, die in den rumänischen Hafenstädten Galati und Constanta agierten, und von denen die meisten Syrer sind.

So hatte das Schiff zwischenzeitlich dem in Galati, Rumänien, lebenden Syrer Abdul Osaili gehört, der es auf Grund des technisch desolaten Zustands als Alteisen in die Türkei bringen wollte. Osaili behauptete, er habe 400.000 US-Dollar für das Schiff erhalten, als er es entgegen seiner ursprünglichen Pläne, es zu verschrotten, gewinnbringend veräußerte.

Behörden entdeckten Erschreckendes

All diese Firmen kaufen und verkaufen Schiffe und besitzen Lizenzen für den maritimen Transport. Ein Verwandter Johar Hassans nannte die „Letfallah II" sein eigen - jenes Schiff, auf dem die libanesische Küstenwache im April 2012 drei Container voller Munition fand.

Wenige Monate zuvor hatte die „Letfallah II" noch einen anderen Besitzer, den Syrer Mohamad Khafaji, gleichzeitig Eigentümer der „Alexandretta". Dort hatten die griechischen Behörden drei Container mit rund 1.700 Jagdgewehren entdeckt, zusammen mit einer Million Schuss Munition, 2.500 Gaspistolen und 500.000 Schreckschusspistolen.

Die Fäden lassen sich noch weiterspinnen. Einer der vielen ehemaligen Besitzer der „Blue Sky M", der oben genannte Johar Hassan, ist Geschäftspartner Abdallah Alloufs. Allouf ist nicht irgendjemand: Er war vordem als Angestellter des syrischen Transport-Ministeriums tätig.

Über seine Firmen „AFS Shipping Services" sowie „MISR Unimarine" stellt Allouf Sicherheitszertifikate für Schiffe aus. Auch der ehemalige Viehfrachter „Ezadeen" erhielt ein solches Sicherheitszertifikat.

Die Menschen drängten sich in jenen Käfigboxen

Neujahr 2015 wurde die „Ezadeen" von der italienischen Küstenwache gestoppt, an Bord 4.000 Flüchtlinge. Die Menschen drängten sich in jenen Käfigboxen, in denen vordem Tiere transportiert worden waren: die Böden voller Exkremente, der Gestank bestialisch.

Wäre das Schiff in Seenot geraten, hätten nur einhundert Menschen Schwimmwesten erhalten können - mehr gab es nicht. Wie die „Blue Sky M" war auch die „Ezadeen" vom türkischen Mersin aus gestartet.

Doch auf der „Ezadeen" war die Mannschaft schneller als die Behörden: Obwohl sie sich hier wie da unter die Migranten mischte, gelang es ihr auf der „Ezadeen", in der italienischen Hafenstadt Corigliano unbehelligt von Bord zu gehen.

Der Syrer Allouf stellte auch ein Sicherheitszertifikat für ein weiteres Schiff aus, die „Nour M". Dieses Schiff wurde am 8. November 2013 in Griechenland beschlagnahmt, nachdem die Zollbehörden an Bord auf 55 Container mit Munition stießen - Munition, die terroristischen Zwecken dienen sollte, wie der UN-Sicherheitsrat drei Monate später bekannt gab.

Ein Sinnbild für Raffgier, Skrupellosigkeit und Ignoranz

Die Geschichte um die „Blue Sky M" ist weit mehr als ein Sinnbild für Raffgier, Skrupellosigkeit und Ignoranz. Sie spiegelt das beschämende Drama der Flüchtlinge im Ganzen und das in Anbetracht des Ausmaßes hilflose Gegensteuern der Behörden wider und führt gleichzeitig die deutsche Willkommenspolitik als verlogen vor - eine Politik, die das Übel düngt, statt es mit der Wurzel auszureißen.

Dabei erstaunt immer wieder, wie deutsche Medien mit dem Thema umgehen. Weil politisch unkorrekt, wird Genehmes übermittelt und Unangenehmes seiner Tatsachen beraubt, bis es als Blaupause für die merkelschen Lehrsätze taugt.

Entweder all jenes, das ausländische Journalisten in Erfahrung bringen, ist minderwertig, oder es besitzt keinen Nachrichtenwert - jedenfalls hört, sieht und liest der Mediennutzer in Deutschland nur die Essenz dessen, was von besonders „verantwortungsvollen" einheimischen Journalisten zurecht geschlegelt wurde.

Frachter „ohne Einschränkungen seetauglich"

So auch geschehen am 19. Februar 2015 im Ersten Deutschen Fernsehen. Entrüstet berichtete Stefan Buchen für Panorama, dass die Grenzschutzagentur der Europäischen Union, Frontex, in Sachen „Blue Sky M" ganz dreist „die Wahrheit verdreht" habe.

Die Besatzung habe das Schiff beileibe nicht im Stich gelassen, hieß es da, auch wäre der Frachter „ohne Einschränkungen seetauglich" gewesen, die „Schiffsbesatzung also doch keine Mörderbande".

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Mit Berufung auf den ermittelnden italienischen Staatsanwalt im apulischen Lecce bekräftigte Panorama, dass nie eine Gefahr bestanden hätte: „Die Mannschaft bestand aus professionellen syrischen Seeleuten, die ihr berufliches Können genutzt haben, um sich und die Passagiere vor dem Krieg in Sicherheit zu bringen."

Ostdeutsche mögen sich an dieser Stelle an die SED-Ära erinnert fühlen, in der die Medien weniger der Wahrheit als einer von höchster Stelle verordneten Doktrin verpflichtet waren.

Der Text ist ein gekürzter Auszug aus dem Sachbuch "Ich bin so frei - Willkommen im Lügenland", das bei Books on Demand erschien. Hier könnt ihr das Buch kaufen.

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