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Und plötzlich macht die Arbeit Freude

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Unzählige Motivationsgurus erklären uns, wie wir den inneren Schweinehund überwinden und uns in die Lage versetzen, zu tun, was wir für nötig halten. Wer „Motivation" googelt, erhält etwa 397.000.000 Ergebnisse. Wir scheinen uns sehr viel mit diesem Thema zu beschäftigen, und das allein ist schon verdächtig. Denn das Selbstverständliche muss nicht zum Thema gemacht werden. Wo also viel über Motivation gesprochen wird, darf man davon ausgehen, dass sie fehlt.

Die Kosten der Selbstmotivierung
Wo es an Motivation mangelt, muss man sich dann eben motivieren. Und genau das ist kritisch. Es gibt fünf Gründe, warum wir Selbstmotivierung so oft wie möglich vermeiden sollten:
1. Es kostet uns sehr viel Energie, wenn wir uns motivieren müssen, um etwas zu tun, wofür wir keine Neigung verspüren. Willenskraft verbraucht genau wie Muskelkraft jede Menge Glukose. Am Ende sind wir kraftlos. Ego-Erschöpfung heißt das in der Fachsprache.
2. Wer sich ständig zur Arbeit motiviert, verbraucht seine Energie dafür, sodass weniger für die Arbeit übrigbleibt. Selbstmotivierung wirkt leistungsmindernd.
3. Bei jedem Akt der Selbstmotivierung arbeiten wir gegen uns selbst. Wir unterdrücken die innere Unlust, brechen den inneren Widerstand. So betrachtet ist jeder Akt der Selbstmotivierung zugleich ein Akt der Selbstvergewaltigung.
4. Wer sich motiviert, überwindet sich jetzt, um später eine Belohnung zu erhalten. Wer z.B. eine unangenehme Aufgabe übernimmt, hofft vielleicht, dass er angenehm auffällt und später mal befördert wird. Das ist jedoch nicht garantiert. Selbstmotivierung ist also eine unsichere Investition in die Zukunft.
5. Gleichzeitig ist dabei der Blick stets in die Zukunft gerichtet. Selbstmotivierung bringt es mit sich, dass wir das Hier und Jetzt nicht auskosten, sondern uns das Gute für später erwarten. Unzählige Beschäftigte reißen sich während der Arbeitszeit zusammen und freuen sich auf den Feierabend, wen sie die Arbeit hinter sich gebracht haben. Das ist genau das Gegenteil von einem erfüllten Leben.

Freude statt Selbstmotivierung
Aus diesen Gründen sollten wir uns nur sehr bewusst und sparsam motivieren. Die Selbstmotivierung taugt keinesfalls als Basis für den Arbeitsalltag. Alternativ könnten wir lernen, die Arbeit sehr geschickt für unser Glück zu nutzen. So entsteht Freude beim täglichen Tun. Das Warten auf den Feierabend oder das Wochenende hat ein Ende. Die Arbeit an sich wird zur Befriedigung. Wir müssen uns nicht länger antreiben, motivieren, disziplinieren und zur Arbeit überwinden.

Verlust der Freude
Die meisten Beschäftigten würden Arbeit und Freude nicht in einem Atemzug nennen. Sie halten Pflicht und Vergnügen für tendenziell unvereinbar, die Verbindung erscheint manchem geradezu abwegig. Arbeitsfreude erwarten viele allerhöchstens für den Traumjob. Wenn man bei Google nach Synonymen für „Arbeitsfreude" sucht, erlebt man eine Überraschung: Arbeitsfreude wird nämlich u.a. gleichgesetzt mit Übereifer, Emsigkeit, Strebsamkeit, Beflissenheit, Geschäftigkeit, Ameisen- und Bienenfleiß, Bereitwilligkeit, Dienstwilligkeit, Ehrgeiz etc. All diese Begriffe sind definitiv keine Synonyme für Freude. Haben wir etwa verlernt, uns zu freuen? Haben wir vergessen, wie das ist?
Freude ist ein Gefühl! Wir fühlen uns rundum gut, wenn wir uns freuen. Arbeitsfreude hat etwas mit Begeisterung zu tun, mit Flow, mit Hingabe, mit der puren Lust am Tun.

Positive Erwartungen kultivieren
Wir werden diese Lust niemals erleben, solange wir der Überzeugung nachhängen, Arbeit und Freude wären unvereinbar. Denn wir erleben, was wir erwarten. Wer seine Arbeit mit Mühsal und Plage gleichsetzt, wird genau diese Erfahrung machen. Denn er ist auf Negatives fokussiert. Folglich sieht er sich zur ständigen Selbstmotivierung gezwungen - mit sämtlichen Nachteilen. Wer hingegen auch bei der Arbeit glückliche Gefühle für möglich hält, wird den Arbeitsalltag nach Chancen für glückliche Erfahrungen scannen. Positive Erwartungen lenken den Blick auf positive Dinge. Und plötzlich macht die Arbeit Freude.