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Mensch ärgere dich nicht

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Ärger fühlt sich nicht schön an und ist zudem der Gesundheit nicht förderlich. Dennoch scheint er für viele ein fester Bestandteil der täglichen Arbeitserfahrung zu sein. Man hat oft eine Menge unterschiedlicher Gründe, sich immer wieder aufzuregen. Das ist weder nützlich noch klug.

Menschen neigen grundsätzlich dazu, auf das, was ihnen begegnet, impulsiv zu reagieren. Deshalb ruft ein inkompetenter Chef fast automatisch Unzufriedenheit, Ärger und Frustration hervor. Ebenso wie der nervende Kollege oder die defekte Kaffeemaschine. Wer nach diesem Muster des Re-agierens lebt und handelt, wird zwangsläufig zum Spielball seiner Umgebung. Somit legt er sein eigenes Glück in fremde Hände, macht es letzten Endes vom Zufall abhängig.

Impulsivität schadet
Das ist leichtfertig und verspricht wenig Gutes. Denn wer darauf wartet, dass die Bedingungen um ihn herum irgendwann günstig sind und ihn glücklich machen, der wartet meist vergeblich. Es liefert wohl jeder Job regelmäßig Anlass zur Unzufriedenheit und zum Klagen. Wer impulsiv darauf reagiert, kommt aus der Frustration gar nicht mehr heraus. Die Folgen sind nicht zu unterschätzen: Gerade die vielen alltäglichen und eher banalen Ärgernisse schaden uns auf Dauer sehr. Sie sind für unser seelisches Gleichgewicht sogar gefährlicher als ein einzelner schwerer Schicksalsschlag. Denn wenn uns etwas wirklich Schlimmes widerfährt, schützen uns unsere seelischen Abwehrmechanismen. Kleine Ärgernisse hingegen schlüpfen unter dem Radar der Abwehr hindurch. Wir bekommen sie mit voller Wucht zu spüren.

Intelligent mit negativen Gefühlen umgehen
Darum muss eine Alternative her: Weg vom unbedachten Re-agieren und hin zu einem souveränen und wohlüberlegten Umgang mit allen negativen Erfahrungen des Alltags! Nur wer seine Reaktionen mit Bedacht wählt, hat eine Chance, aus allem das Beste zu machen und sich gegen mancherlei schädliche Einflüsse zu immunisieren.
Wir können nicht verhindern, dass angesichts einer unbefriedigenden Situation reflexartig negative Gefühle in uns aufsteigen. Wir können aber sehr wohl entscheiden, wie viel Raum wir ihnen geben. Negative Gefühle machen lediglich darauf aufmerksam, dass etwas nicht stimmt. Es macht keinen Sinn, sich in ihnen zu verlieren.
Sobald wir uns mit einer Situation unwohl fühlen, gilt es, zunächst die Ursache dafür auszumachen. Wo kommt das schlechte Gefühl her? Was steckt dahinter? Vielleicht eine kleine Rücksichtslosigkeit des Gegenübers, die dessen Respektlosigkeit belegt? Eine Unachtsamkeit, die darauf schließen lässt, dass das Gegenüber nicht verlässlich ist? Was auch immer - sobald klar ist, worum es im Kern geht, muss eine Entscheidung getroffen werden.
Sollten wir auf die unbefriedigende Situation überhaupt reagieren und, falls ja, mit welchem Ziel und welcher Strategie? Genau darüber müssen wir uns Gedanken machen. Wir müssen abwägen, ob die Situation eine Handlung erfordert, wann der beste Zeitpunkt dafür ist, welches Ziel wir damit verfolgen und wie es am besten zu erreichen ist. Wer so denkt, ist ein Stratege, der sein Ziel nicht aufgebracht und hitzköpfig verfolgt. Vielmehr entscheidet und agiert er mit kühlem Kopf.

Negative Gefühle als Handlungsimpulse
Die Kunst besteht darin, den Ärger sehr wohl wahrzunehmen, sich aber nicht von ihm bestimmen zu lassen; die Wut zu spüren, ihr aber nicht impulsiv nachzugeben. Manchmal fällt das schwer, weil Wut und Empörung überwältigend sind. Dann ist Abstand erforderlich, um sich zu beruhigen und abzukühlen.
Anschließend muss geprüft werden: Ist eine Reaktion erforderlich? Nicht jede Situation verdient es, dass wir uns mit ihr auseinandersetzen. Unsere Ressourcen sind begrenzt und es empfiehlt sich, sie nicht zu vergeuden. Sollten wir uns aber entscheiden, aktiv zu werden, dann muss diese Aktion gut durchdacht und zielführend sein. Auf diese Weise lassen sich die negativen Gefühle dazu nutzen, den eigenen Bedürfnissen mehr Geltung zu verschaffen.
Im Grunde ist genau das ihre Bestimmung: Negative Gefühle waren für unsere Vorfahren immer schon Handlungsimpulse. Wer sich ärgerte, hat gekämpft; wer Angst hatte, lief weg. Nur der moderne Büromensch sitzt da und ärgert sich schwarz. Der so entstandene Stress lässt ihn leiden, bis seine Gesundheit Schaden nimmt. Dafür hat die Evolution den Ärger aber nicht vorgesehen. Er soll uns lebenstüchtig machen, nicht krank und unglücklich.