BLOG

Eine offene Plattform f├╝r kontroverse Meinungen und aktuelle Analysen aus dem HuffPost-Gastautorennetzwerk

Marion Lemper Pychlau Headshot

"Du" oder "Sie"?

Ver├Âffentlicht: Aktualisiert:
DRIVER LOOKING AT MAP
PeopleImages via Getty Images
Drucken

Wir verbringen immer mehr Zeit am Arbeitsplatz. Bestimmte Berufsgruppen lassen sogar aus Angst vor Entlassung immer h├Ąufiger ihre Urlaubstage verfallen. Wenn das Privatleben zu kurz kommt, liegt es nahe, seine Freunde am Arbeitsplatz zu suchen statt au├čerhalb. Aber Freundschaften unter Kollegen k├Ânnen problematisch sein und bergen Risiken. Es fragt sich, wie viel pers├Ânliche N├Ąhe am Arbeitsplatz sinnvoll ist.

Menschen wollen auch am Arbeitsplatz emotional gen├Ąhrt werden. Sie suchen N├Ąhe und Freundlichkeit, haben das Bed├╝rfnis, sich mitzuteilen und auch einmal mit anderen zusammen zu lachen. Sind die Beziehungen zwischen Kollegen intakt, kommt das unmittelbar der Leistung zugute. Man arbeitet Hand in Hand, der Informationsfluss funktioniert besser und die Arbeitszufriedenheit steigt. Man k├Ânnte meinen, je mehr N├Ąhe, desto besser f├╝r alle Beteiligten.

Diese ├ťberzeugung w├Ąre jedoch naiv. Denn Beziehungen am Arbeitsplatz sind komplex. Wer berufliche und pers├Ânliche Anliegen vermischt, erlebt schnell eine Rollenkonfusion. Dann sind die Rollen nicht mehr klar voneinander abgrenzbar und man wei├č pl├Âtzlich nicht mehr, wie man sich zu verhalten hat.

Ein klassisches Beispiel ist die Bef├Ârderung eines Teammitglieds. Wer bislang Kollege/Freund war, wird ├╝ber Nacht zum Vorgesetzten. Die neue Rolle verlangt ein anderes Verhalten, das jedoch mit den freundschaftlichen Beziehungen h├Ąufig nicht in Einklang zu bringen ist. Wie erteilt man einem Freund Anweisungen, schreibt ihm wom├Âglich eine kritische Beurteilung? Und wird man ├╝berhaupt in der F├╝hrungsrolle anerkannt, wenn man zuvor kumpelhafte Beziehungen zu den Kollegen gepflegt hat?

Und was passiert, wenn zwei befreundete Kollegen pl├Âtzlich in eine Konkurrenzsituation geraten? Darf man mit einem Freund konkurrieren, und verkraftet die Freundschaft das? Soll man lieber die Freundschaft aufk├╝ndigen und daf├╝r einen Karriereschritt nach vorn machen oder sollte man die Karriere opfern, um die Freundschaft nicht zu gef├Ąhrden? Wenn die Ressourcen knapp sind, kann die Freundschaft zur Last werden. In jedem Fall entsteht ein innerer Konflikt.

Eine andere Situation: Wie soll man sich verhalten, wenn man feststellen muss, dass die befreundete Kollegin sich nicht korrekt verh├Ąlt? Vielleicht ignoriert sie sinnvolle Regeln, gibt vertrauliche Informationen weiter, klaut B├╝romaterial. Spricht man das an? Solch ein Gespr├Ąch ist schon kritisch genug, wenn man in einem distanzierten Verh├Ąltnis zu der betreffenden Person steht. Ist sie aber eine Freundin oder ein Freund, riskiert man damit wom├Âglich die Freundschaft. Will oder sollte man dieses Risiko eingehen?

Was passiert, wenn eine Freundschaft zwischen Kollegen zu Ende geht? Dann sieht man sich trotzdem jeden Tag, muss miteinander sprechen und arbeiten. Das ist manchmal eine gro├če Belastung. Gleichzeitig besitzen beide Seiten reichlich pers├Ânliche Informationen ├╝bereinander. Was geschieht damit? Keiner kann sich darauf verlassen, dass diese Informationen nicht irgendwann gegen ihn verwendet werden.

Ganz sicher kann eine pers├Ânliche Freundschaft am Arbeitsplatz problematisch werden. Gleichzeitig sind gute Beziehungen Voraussetzung f├╝r gute Leistungen und gute Stimmung. Was tun?

In manchen Firmen l├Âst man das Problem, indem man sich von vornherein f├╝r gute Beziehungen entscheidet. Allen Mitarbeitern wird das ÔÇ×Du" verordnet. Unter dem Motto ÔÇ×Wir sind hier ganz entspannt" versucht man, zwanglose N├Ąhe herzustellen. Was aber, wenn das ÔÇ×Du" nicht stimmig ist? Wenn Mitarbeiter ÔÇ×Du" sagen m├╝ssen, aber ÔÇ×Sie" f├╝hlen? Das wird im t├Ąglichen Umgang zu einer Verkrampfung f├╝hren. Man kann nicht locker und nat├╝rlich miteinander umgehen und somit ist das Gegenteil von dem eingetreten, was mit dem ÔÇ×Du" erreicht werden sollte.

Anderswo ├╝berl├Ąsst man es den Mitarbeitern, sich zwischen ÔÇ×Sie" und ÔÇ×Du" zu entscheiden. Das f├╝hrt dann m├Âglicherweise zu einem authentischeren Umgang, schafft aber neue Probleme. Denn auf diese Weise wird die Cliquenbildung beg├╝nstigt. Es w├Ąchst schnell ein Wir- Gef├╝hl zwischen denen, die sich duzen. Alle anderen geh├Âren eben nicht dazu. Das w├Ąre wohl kaum die beste Voraussetzung f├╝r kooperatives Arbeiten. Kritisch wird die Situation vor allem, wenn der Chef einige Mitarbeiter duzt, andere jedoch siezt. Denn so entsteht der Verdacht, dass diejenigen, die ihm pers├Ânlich n├Ąher stehen, seine G├╝nstlinge sind. Wer nicht dazugeh├Ârt, f├╝hlt sich benachteiligt. Der F├╝hrungskraft wird ungerechtes Verhalten unterstellt.

Bleibt die Frage: Wie geht man damit um, dass N├Ąhe zugleich vorteilhaft und riskant ist? Ich pl├Ądiere f├╝r eine professionelle Distanz, eine zur├╝ckhaltende N├Ąhe. Gerade so viel Pers├Ânliches, wie n├Âtig ist, um sich miteinander wohlf├╝hlen zu k├Ânnen. Aber es gibt eine Grenze, die man im Normalfall nicht ├╝berschreiten sollte. Ein freundliches ÔÇ×Sie" ist allemal ges├╝nder als ein erzwungenes ÔÇ×Du". Nat├╝rlich gibt es F├Ąlle, in denen jemand am Arbeitsplatz den Partner f├╝rs Leben findet oder den Seelenverwandten, die Busenfreundin. Allerdings stellen diese F├Ąlle eine Ausnahmeerscheinung dar, nicht den Normalfall. Im Normalfall ist Zur├╝ckhaltung angebracht.

Leserumfrage: Wie fandet ihr uns heute?

2016-07-09-1468043190-9784650-2016060214648668675342179HUFFPOST3.jpg

Hier geht es zur Umfrage.

Ihr habt auch ein spannendes Thema?
Die Huffington Post ist eine Debattenplattform f├╝r alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blogteam unter blog@huffingtonpost.de.

Auch auf HuffPost:

Lesenswert: