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Der Klügere bestimmt das Spiel

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Anders als beim Fußball gibt es für das Miteinander im Arbeitsleben keine festen Regeln. Sie entstehen oftmals auf der Basis von Zufall und Impulsivität. Dadurch kann es schnell zu Teufelskreisen kommen. Man ist plötzlich auf ungute Weise in seinem Verhalten aufeinander bezogen. Die Zusammenarbeit wird mühsam, weil sich destruktive Muster entwickeln. Niemand will sie, man schlittert scheinbar ohne eigenes Zutun hinein. Aber es gibt durchaus Möglichkeiten, sich daraus zu befreien.

Ein typisches Beispiel aus dem Arbeitsalltag: Der Chef möchte am liebsten alles kontrollieren. Er befürchtet, dass die Dinge andernfalls schnell aus dem Ruder laufen könnten. Seine Mitarbeiterin hingegen will nichts lieber, als selbstständig zu arbeiten. Sie empfindet das kontrollierende Verhalten ihres Vorgesetzten als Bevormundung und lehnt sich heftig dagegen auf. Ihr Chef fühlt sich nun erst recht bedroht und hat den Eindruck, die Dinge würden ihm entgleiten. Er reagiert mit autoritärem Machtgebaren und versucht, seiner Mitarbeiterin mit allen Mitteln Grenzen zu setzen. Sie wehrt sich erneut heftig, der Betriebsrat wird eingeschaltet, findet aber auch keine befriedigende Lösung. Die Angelegenheit eskaliert.

Teufelskreise schaffen Opfer
Solche Teufelskreise sind an der Tagesordnung. Nicht immer kommt es dabei zum Äußersten, aber immer hat jeder Beteiligte den Eindruck, es ginge ihm selbst viel besser, wenn nur das Gegenüber ein wenig einsichtiger/vernünftiger/rücksichtsvoller/professioneller wäre. Da jeder der Beteiligten diese Überzeugung vertritt, wartet jeder darauf, dass der andere endlich Einsicht zeigen möge. Diese Hoffnung erweist sich als trügerisch. Stattdessen besteht die Gefahr der Eskalation, das heißt, die kritischen Episoden kommen immer häufiger vor und nehmen an Heftigkeit zu.
Solch ein Geschehen erzeugt auf beiden Seiten ein Gefühl der Hilflosigkeit. Tatsächlich besteht kein Anlass dazu. Denn Teufelskreise bieten durchaus Spielräume, sofern man bereit ist, nicht emotional zu handeln, sondern strategisch zu denken. Das Problem liegt stets in unserer Impulsivität: Das Verhalten des Gegenübers löst negative Gefühle aus und macht damit spontane negative Reaktionen wahrscheinlich. Der Betroffenen handelt unbedacht und löst damit seinerseits wieder negative Reaktionen aus. Die Angelegenheit schaukelt sich hoch. Am Ende lässt sich oft nicht einmal mehr feststellen, wie alles begonnen hat. In der Hitze des Gefechts spielt das auch keine Rolle mehr, da jeder der Beteiligten sich für das Opfer hält.

Impulsen nicht nachgeben!
Dieser Dynamik kann nur entgegenwirken, wer in der Lage ist, das Geschehen zu durchschauen und eigene Impulse zu zügeln. Als alleinige Ratgeber für das Verhalten sind Gefühle völlig unbrauchbar. Sie zeigen lediglich an, wo Handlungsbedarf besteht. So ist das Gefühl der Wut ein wichtiger Hinweis darauf, dass gerade etwas geschieht, was nicht im eigenen Interesse liegt. Es ist sehr wichtig, diese Wut wahrzunehmen, es wäre aber äußerst unklug, ihr gedankenlos nachzugeben. Sie zeigt nur an, dass etwas getan werden muss, aber nicht was.

Um zu entscheiden, was wir in einer unbefriedigenden Situation konkret tun sollten, brauchen wir unseren Verstand. Es gilt herauszufinden, mit welcher Strategie das Ziel am besten zu erreichen ist. Das erfordert

1. Einen inneren Klärungsprozess: Worin genau besteht das Ziel? Wir merken schnell, wenn wir etwas nicht wollen, aber damit ist noch nicht geklärt, was wir stattdessen wollen.

2. Strategisches Denken: Man kann eine konfliktträchtige zwischenmenschliche Situation wie ein Schachbrett betrachten, auf dem man den nächsten Spielzug vornimmt. Solch ein Zug muss intelligent geplant werden.

Beide Schritte setzen voraus, dass man sich seinen Gefühlen nicht einfach überlässt, sondern Distanz zu ihnen herstellen kann. Wer sehr erregt oder aufgebracht ist, sollte sich daher erst einmal zu nichts hinreißen lassen, sondern aus der Situation herausgehen. Er braucht Zeit, um sich „abzukühlen" und seine Gefühle und Gedanken zu ordnen.

Strategie bringt Erfolg
Auf der Basis dieser Fähigkeiten - innehalten, Gefühle wahrnehmen, Ziel klären, strategisch agieren - lassen sich Teufelskreise vermeiden oder zumindest schnell auflösen.
Im obigen Beispiel müsste die Mitarbeiterin erkennen, dass ihr Bedürfnis nach selbstbestimmtem Arbeiten und die Angst des Vorgesetzten vor Kontrollverlust unvereinbar sind. Die Lösung könnte darin liegen, dass sie daran arbeitet, seinem Bedürfnis nach Sicherheit Rechnung zu tragen, indem sie sein Vertrauen gewinnt und sich erkennbar auf seine Seite stellt. Dann würde sie für den Chef zur Verbündeten statt zur Bedrohung und er könnte ihr mehr Freiräume gewähren.

Derartige „Schachzüge" werden im Stillen geplant und ohne Erklärung ausgeführt. Sie sind clever und wirken unspektakulär, ganz im Sinne von Lord Chesterfield, der schrieb: „Sei, wenn du kannst, weiser als die anderen Menschen; aber lass sie das nicht wissen."