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Artgerecht führen!

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OFFICE COLLEAGUES
Thomas Barwick via Getty Images
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Die Idee hält sich hartnäckig, dass man Mitarbeiter motivieren müsse. Dabei sollte es sich inzwischen herumgesprochen habe, dass extrinsische Motivation keine Lösung darstellt. Sie kann sogar kontraproduktiv wirken, denn wer ständig von außen motiviert wird, verliert auch noch den letzten Rest seiner intrinsischen Motivation.

Vielmehr empfiehlt es sich, die Arbeit an den Menschen anzupassen, statt Menschen mit allerlei Tricks an ihre Arbeit anpassen zu wollen. Nur dann wird sich Commitment einstellen und sämtliche Motivierungsstrategien überflüssig machen.

Die vier Dimensionen des Seins

Wenn Menschen zur Arbeit gehen, dann lassen sie nichts von sich zurück. Sie sind mit allen Facetten ihres Menschseins am Arbeitsplatz präsent. Sie haben ihren Körper dabei, ihren Geist, ihr Herz, ihre Seele. Daraus ergeben sich natürlicherweise entsprechende Bedürfnisse, die befriedigt werden wollen. Es lassen sich daher vier Bedürfnisebenen unterscheiden:

1. Die physische Ebene menschlicher Existenz erfordert körperliches Wohlbefinden. Bequeme Stühle, eine angenehme Raumtemperatur, keine störende Geräuschkulisse oder ein guter Kaffeeautomat sind Beispiele für die Bedürfnisse auf dieser Ebene. Wer sich körperlich unwohl fühlt, wird kaum zur Hochform auflaufen. Da hilft auch kein Motivationsversuch von Seiten der Führungskraft.

2. Der zweite Aspekt menschlicher Bedürftigkeit betrifft die geistige Leistung. Das rechte Maß an Herausforderung, die Möglichkeit, etwas Neues zu lernen, selbstständig Lösungen zu erarbeiten, eigene Ideen einbringen zu können - all das gehört dazu.

3. Als soziale Geschöpfe brauchen Menschen darüber hinaus auch am Arbeitsplatz die Möglichkeit, Verbundenheit zu erfahren. Ein Klima des Vertrauens, der Zugehörigkeit, der Akzeptanz ist kein Luxus, sondern unabdingbare Notwendigkeit für maximale Leistung. Menschen wollen auch während ihrer Arbeitszeit emotional genährt werden.

4. Schließlich spielt die spirituelle Dimension eine große Rolle. Menschen brauchen die Gewissheit, dass ihr Tun Sinn macht. Sie müssen erkennen können, worin ihr eigener Beitrag zum Ganzen besteht, wollen sich mit ihrer Aufgabe identifizieren, wollen stolz auf ihre Arbeit sein können. Menschen müssen auch am Arbeitsplatz gelebte Werte erfahren, wie z. B. Ehrlichkeit und Gerechtigkeit. Faire Entlohnung, Verzicht auf Ränkespiele, die Integrität der Unternehmensleitung - all das besitzt größte Bedeutung für die Motivation.

Wer Höchstleistungen einfordert, muss Sorge tragen, dass die Bedingungen dafür gegeben sind. Das ist das ganze Geheimnis. Menschen sind grundsätzlich zur Arbeit und Anstrengung bereit, aber nur, wenn es sich für sie lohnt. Und es lohnt sich am ehesten, wenn möglichst viele ihrer Bedürfnisse damit befriedigt werden.

Wer Incentives einsetzt, übersieht schlichtweg, dass der Mensch sich nicht auf materielle Bedürfnisse reduzieren lässt. Wer Goodies für Wohlverhalten verteilt, kann deshalb nicht erwarten, dass sich daraus dauerhaftes Engagement ergibt. Derartige Belohnungen und Anreize haben nur eine kurze Wirkung, die schnell verpufft. Man züchtet auf diese Weise lediglich ungesunde Erwartungen, denn die Mitarbeiter werden sich zunehmend auf ihre Belohnungen konzentrieren statt auf die Arbeit.

Die tiefe und gesunde Bedürfnisbefriedigung, die aus engagierter Arbeit resultiert, bleibt auf der Strecke. Stattdessen werden die Mitarbeiter mit Ersatzbefriedigungen abgespeist. Davon brauchen sie dann immer mehr, um leistungswillig zu bleiben. Sie kompensieren damit die fehlende Erfüllung, die aus der Tätigkeit selbst entstehen sollte.

Vorbild Google

Google gilt als einer der begehrtesten Arbeitgeber der Welt. Regelmäßig bescheinigen diverse Studien dem Unternehmen einen Spitzenplatz auf der Beliebtheitsskala der großen Unternehmen. Jährlich gehen dort mehr als 2,5 Millionen Bewerbungen ein. Die Erklärung liegt ganz einfach darin, dass Google den Mitarbeitern etwas zu bieten:

Den Mitarbeitern wird ausdrücklich versprochen, das Unternehmen werde alles tun, damit die Mitarbeiter ihr Leben voll und ganz auskosten können. Google verpflichtet sich, sich um die Mitarbeiter zu kümmern: um ihr körperliches, seelisches, soziales und finanzielles Wohl. Gute Löhne, Krankenversicherung und Altersvorsorge sind dem Konzern selbstverständlich.

Google arbeitet werteorientiert und bietet beispielsweise Top-Chancen für Frauen oder kümmert sich um den Umweltschutz. Google handelt verantwortungsbewusst, fürsorglich, umsichtig und großzügig. Kein Wunder, dass 97 Prozent seiner Mitarbeiter hinter Larry Page stehen und er zum beliebtesten US-Manager 2015 erklärt wurde!

Im Gegenzug wird viel von den Mitarbeitern erwartet. Google kann es sich leisten, wählerisch zu sein. Nur, wer hoch qualifiziert ist und dem Konzern langfristig von Nutzen sein kann, kommt als Bewerber in Frage. Google bietet viel und verlangt viel - ein fairer Tausch, auf den sich Mitarbeiter gerne einlassen.

Das Menschenbild muss stimmen

Unternehmen brauchen ein realistisches Menschenbild als Basis der Mitarbeiterführung. Dressur in Form von Belohnung oder Bestrafung wird der menschlichen Natur nicht gerecht. Jede Spezies weist eine für sie typische Bedürfnisstruktur auf. Deshalb hält man kein Huhn im Aquarium. Aus denselben Gründen kann man keine Höchstleistungen von Menschen erwarten, die man nicht menschengerecht führt. Erfolgreiche Führung wird sich immer an den tatsächlichen Bedürfnissen der Mitarbeiter ausrichten müssen. Andernfalls ist der Zugriff auf die Ressourcen blockiert.

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