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Arbeitsfrust ist selbstverschuldet

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Wenn Menschen über ihre Arbeit sprechen, hört man in der Regel weit mehr Klagen als Jubel. Die meisten Arbeitsplätze geben berechtigten Anlass zur Kritik. Entscheidend ist jedoch nicht die Art oder Anzahl der Missstände, sondern wie man ihnen begegnet.

Arbeitsfreude ist in jedem Fall ein wichtiger Erfolgsfaktor. Gute Stimmung kann beflügeln und wirkt sich leistungsfördernd aus. Wer sich allerdings ständig ärgert und frustriert an seine Arbeit geht, fühlt sich nicht nur schlechter, sondern arbeitet auch schlechter. Die Unzufriedenheit der Mitarbeiter dürfte einen gewaltigen volkswirtschaftlichen Schaden nach sich ziehen.

Typische Denkfehler
Aus der Sicht vieler Mitarbeiter käme die Welt wieder in Ordnung, wenn sich nur jemand um die Missstände kümmern und sie beheben würde. Sie befinden sich in Warteposition nach dem Motto: „Das darf doch nicht sein! Jemand sollte die Dinge endlich in Ordnung bringen, damit es mir wieder gut geht!" Sie meinen, dass sich mit der Lösung ihrer wahrgenommenen Probleme Glück und Arbeitsfreude einstellen würden. Dieser Überzeugung liegen gleich zwei Denkfehler zugrunde:

1. Die Umstände werden niemals perfekt sein. Diese Tatsache muss erkannt und akzeptiert werden. Die Hoffnung auf rundum zufriedenstellende Arbeitsverhältnisse ist wirklichkeitsfremd.
2. Der Mensch ist nicht für das Dauerglück geschaffen. Wären die Arbeitsverhältnisse perfekt, gäbe es trotzdem viel Unzufriedenheit unter den Beschäftigten.

Was also tun? Wie soll man damit umgehen, dass am Arbeitsplatz manches nicht in Ordnung ist und die Arbeit tatsächlich Anlass zur Unzufriedenheit liefert?

Arbeitsfreude ist Handwerk
Tatsächlich erfordert der Umgang mit Arbeit Geschick. Nicht mal der ersehnte Traumjob garantiert uns Glück und Zufriedenheit. Wir müssen vielmehr lernen, wie man aus der Arbeit größtmöglichen Nutzen zieht und Frustration vermeidet. Wer sich dabei geschickt anstellt, hat die beste Chance, an jedem Arbeitsplatz ein Maximum an Zufriedenheit zu erfahren.
Dabei sollten wir uns zwei Dinge klarmachen:
Zum einen besitzt das Glück fast immer die Qualität des Trotzdem. Es hat keinen Sinn, damit zu warten, bis irgendwann alle Umstände befriedigend sind. Auf diese Weise verliert man nur Zeit und verpasst Gelegenheiten. Glück ist, wenn man sich trotzdem freut.
Zum anderen setzt sich das Lebensglück aus vielen glücklichen Episoden zusammen. Sie besitzen insgesamt mehr Gewicht als ein einzelnes spektakuläres Ereignis. Wir neigen dazu, auf das große Glück zu warten, erhoffen uns beispielsweise anhaltende Glückseligkeit von unserem Traumjob. Tatsächlich aber entsteht das Glück überwiegend in den kleinen Dingen, den scheinbar banalen Alltagsfreuden. Wer geschickt ist, schafft sich jeden Arbeitstag viele kleine Anlässe zur Freude. Dieses Geschick hat weder mit Schicksal zu tun noch mit Talent. Letzten Endes ist Arbeitsfreude nichts anderes als ein Handwerk. Bedauerlicherweise wird es nirgends systematisch gelehrt.

Drei Grundfertigkeiten
Wie bei jedem Handwerk stehen auch bei der Herstellung von Arbeitsfreude zahlreiche Werkzeuge zur Verfügung. Hier sind drei unverzichtbare Methoden, unter unbefriedigenden Umständen Freude an der Arbeit zu haben:

Die Aufmerksamkeit steuern
Unsere Fähigkeit, die Aufmerksamkeit auf ausgewählte Aspekte zu lenken, kann über Glück oder Unglück entscheiden. Das, womit sich der Geist beschäftigt, erhält immer eine entsprechend große Repräsentanz in unseren Gedanken und Gefühlen. Je mehr wir uns also auf den Auslöser unserer Unzufriedenheit konzentrieren, desto unzufriedener werden wir. Wer seine Arbeit genießen will, darf demnach den negativen Anteilen nicht zu viel Beachtung schenken. Das hat nichts mit Leugnen oder Schönfärberei zu tun. Es geht nicht darum, eine unrealistische Sichtweise zu entwickeln; vielmehr handelt es sich um eine Frage der Psychohygiene. Glückhemmende Faktoren sollten nur so viel Aufmerksamkeit wie unbedingt nötig erhalten. Wer beispielsweise einen cholerischen Chef hat, muss sich auf dessen Temperament einstellen, um vermeidbaren Konflikten vorzubeugen. Er sollte jedoch nicht mit den Tatsachen hadern und Zeit mit Grübeleien oder Klagen verschwenden.

Spielräume finden
Fremdbestimmung ist ein großes Glückshemmnis. Es entspricht unserer Natur, dass wir der Arbeit unseren eigenen Stempel aufdrücken wollen. Wer im Beruf einer strengen Reglementierung unterliegt, hat es deshalb schwerer, seine Arbeit zu genießen. Für ihn ist es besonders wichtig, einen scharfen Blick für die Gestaltungsmöglichkeiten zu entwickeln, die ihm bleiben. Das ist eine Frage des Trainings. Tatsächlich ziehen wir auch aus kleinen Spielräumen große Befriedigung.

Identität schaffen
Es liegt eine große Versuchung darin, impulsiv auf Ereignisse zu reagieren. Wer es mit negativen Faktoren oder Ereignissen zu tun hat, neigt deswegen zu negativen Reaktionen. Solche Verhaltensweisen können unversehens zur Gewohnheit werden. Man schraubt sich selbst in die Negativität und lässt zu, dass sie die eigene Persönlichkeit durchdringt. Auf diese Weise wird man ungewollt Teil des Problems. Darüber hinaus leiden Befindlichkeit und Selbstachtung. Nicht umsonst schrieb John Ruskin: „Nicht, was er mit seiner Arbeit verdient, ist der eigentliche Lohn des Menschen, sondern was er durch sie wird." Daher wäre es weise, achtsam zu sein und bewusster zu reagieren. Wer stets so handelt, wie die Person, die er sein möchte, kann auch negative Arbeitsbedingungen zur Entwicklung seiner Persönlichkeit nutzen und tiefe Befriedigung daraus ziehen.

Letzten Endes ist jeder Mensch selbst verantwortlich dafür, wie er arbeitet. Auch wenn es tatsächlich Arbeitsverhältnisse geben mag, die unzumutbar sind - in den meisten Fällen schaffen sich die Menschen ihr Unglück selbst: durch falsche Erwartungen und mangelndes Geschick.