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Arbeitsfreude braucht innere Reife

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Es wird viel darüber diskutiert und geschrieben, wie das optimale Führungsverhalten auszusehen hat. Endlos ist die Liste der Erwartungen. Darunter befindet sich beispielsweise die Forderung nach einem situativen Führungsstil: Vorgesetzte sollen sich flexibel auf jede Situation und jeden Mitarbeiter in jeder Stimmung einstellen. Der Chef als Chamäleon. Keine Führungskraft wird all diesen Forderungen gerecht werden können. So entstehen scheinbar zwangsläufig Frustration und Unzufriedenheit. Mitarbeiter klagen viel hinter dem Rücken ihrer Vorgesetzten und diese Klagen sind meistens auch nachvollziehbar.
Es fragt sich allerdings, wie zweckmäßig es ist, auf enttäuschte Erwartungen in dieser Weise zu reagieren. Was steckt dahinter, wenn Mitarbeiter fast automatisch das unbefriedigende Verhalten ihrer Vorgesetzten mit Klagen und Unzufriedenheit quittieren?

Sehnsuchtsfantasien
Mitarbeiter projizieren häufig unbewusst ihre Sehnsüchte auf Führungskräfte als Autoritätspersonen. Unerfüllte Wünsche und Bedürfnisse aus der Kindheit werden wieder wach. Was die Eltern versäumt haben, soll der Chef nun richten - das ist die heimliche Hoffnung. Wer früher an den Weihnachtsmann geglaubt hat, wartet als Erwachsener auf den richtigen Chef. Den, der endlich alle Wünsche erfüllt, einen, der sich kümmert. Wir sehnen uns nach jemandem, der stark und gut ist, der sich auskennt und überall Bescheid weiß, nach jemandem, der uns nie im Stich lässt, der sich für unsere Bedürfnisse interessiert.

Und unfehlbar soll er sein. Jemandem an der Spitze gesteht man ungern Schwächen zu. Wo sie erkennbar werden, rufen sie Empörung hervor. Die Mär vom guten Chef muss um jeden Preis aufrechterhalten werden. An wen sollte man sonst glauben?! Wenn beispielsweise publik wird, dass Manager unethisch handeln, sind die Menschen erbost. Verhält sich jedoch ein Gebrauchtwagenhändler betrügerisch, so ruft er damit lange nicht so viel Abscheu hervor wie eine unehrliche Führungskraft. Von einem Händler erwartet man einfach nicht so viel Ehrenhaftigkeit wie vom eigenen Chef. Interessanterweise haben Studien belegt, dass Gebrauchtwagenhändler in Wahrheit nicht unehrlicher sind als Priester, beziehungsweise Priester nicht ehrlicher als Gebrauchtwagenhändler. Menschen bleiben eben Menschen, ganz gleich, für welchen Beruf sie sich entschieden haben.

Wenn also unrealistisch hohe Erwartungen an Führungskräfte gerichtet werden, hat das Gründe, die in der Psyche der Mitarbeiter liegen. Tatsächlich können solche Erwartungen nur enttäuscht werden...

Angst
Manch einer beklagt sich lieber hinter dem Rücken seiner Vorgesetzten, als laut zu sagen, was ihn stört. Auch hier ist oftmals Projektion im Spiel: Die schon beinahe vergessene Angst des Kindes vor der Allmacht der Autoritätspersonen. Sie macht sich plötzlich wieder bemerkbar und zwingt zum Stillhalten. Man macht den Mund lieber nicht auf, weil man befürchtet, das könnte schlimme Folgen haben.
In Wahrheit jedoch wären viele Führungskräfte froh, wenn Mitarbeiter laut aussprechen würden, was sie denken. Denn auch Führungskräfte brauchen Feedback und ein lebendiges Gegenüber. Aber die Mitarbeiter wollen solch ein Gegenüber lieber nicht sein. Es ist ihnen zu gefährlich, weil ihre Führungskraft mächtiger ist als sie. Statt mit ihren Vorgesetzten auf Augenhöhe zu sprechen, ducken sie sich, um möglichst selten auf dem Radar ihrer Chefs zu erscheinen. Lieber unauffällig als engagiert - so lautet ihre unbewusste Überlebensstrategie.

Die Erwartungen eines verwöhnten Kindes
Es gibt Mitarbeiter, die sich nicht anstrengen wollen. Sie handeln nach dem Motto: „Soll der Chef mal machen, dafür ist er ja schließlich Chef!" Wenn der Chef dann tatsächlich nach eigenem Gutdünken handelt, wird er kritisiert. Dieses Verhalten erinnert an ein verwöhntes Kind, das mault, weil es nicht glücklich gemacht wird. Mitarbeiter, die nach diesem Muster reagieren, weigern sich, selbst Verantwortung zu übernehmen. Sie melden ihre Bedürfnisse nicht deutlich genug an und wollen sich auch nicht mit Engagement beteiligen.
Geführt zu werden, bedeutet jedoch nicht, das eigene Schicksal in fremde Hände zu legen und anderen die Verantwortung zu überlassen. Einmischung und Mitdenken sind für jeden Menschen wünschenswerte Tugenden, ganz gleich, auf welcher Hierarchieebene er sich befinden mag.

Diese drei Faktoren spielen eine große Rolle für das Entstehen von Frustration und Unzufriedenheit bei den Mitarbeitern. Sie haben weit mehr mit den Geführten selbst zu tun als mit den Führungskräften.
Die Unzufriedenheit kann und wird nicht verschwinden, indem man die Vorgesetzten ermahnt, an sich zu arbeiten. Und es wäre jedem, der eine Führungsposition innehat, dringend anzuraten, sich nicht jede Kritik an seiner Führungsarbeit zu Herzen zu nehmen.
Wer glücklich arbeiten will, kommt nicht umhin, selbst etwas dafür zu tun. Arbeitsfreude erfordert die Auseinandersetzung mit sich selbst und einen entsprechenden Reifegrad. Denn ein befriedigendes Arbeitsleben ist das Resultat innerer Reife.