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Altersarmut und ihre Folgen

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Altersarmut und ihre Folgen Entwickeln sich sowohl der Arbeitsmarkt als auch das Zinsniveau in Deutschland weiter durchschnittlich, wird das Altersarmutsrisiko in den kommenden zwei Jahrzehnten ansteigen.

Betroffen wird voraussichtlich ein Fünftel aller 67-Jährigen, die 2036 zu etwa 7 Prozent auf staatliche Grundsicherungsleistungen angewiesen sind. Das deutsche Rentensystem muss sinnvoll weiterentwickelt werden. Sonst ändert sich an diesem Trend nichts.

Die Armut alter Menschen in Deutschland

Derzeit sind in vielen Staaten der EU besonders junge Menschen vom sozialen Abstieg und Armut bedroht. Auch in Deutschland ist diese Tendenz sichtbar, obwohl der Anteil armer älterer Menschen in Deutschland auffällig zunimmt. So verdoppelte sich der Anteil von Grundsicherungsempfängern unter den über 65-Jährigen im Zeitraum von 2003 bis 2015. Auch die Einkommensarmut nahm zu.

Für die Fortsetzung dieser Tendenzen gibt es allgemein zwei Gründe:

1. Ausgehend von den 1990er Jahren ist eine deutliche Zunahme geringer bezahlter, sozialversicherungsfreier Beschäftigungen und unsteter Erwerbsbiografien zu verzeichnen.

2. Veränderungen des deutschen Rentenrechts führen zu einem sinkenden Niveau der Durchschnittsrenten. Ausgleichend soll eine staatliche Förderung der betrieblichen und der privaten Altersvorsorge wirken.

Allerdings wird die erhoffte Wirkung einerseits durch die geringe Verbreitung unter Geringverdienern und andererseits durch ein weiterhin niedriges Zinsniveau deutlich eingeschränkt.

Es gibt wenige Prognosen

Zur weiteren Entwicklung der Armut in Deutschland gibt es bis dato nur wenige Prognosen: Einige beschäftigen sich lediglich mit individuellen Berechtigungen innerhalb der gesetzlichen Rentenversicherung. Diese Analysen der Anwartschaften sind zwar sinnvoll, liefern allerdings keinesfalls deutliche Abbildungen der tatsächlichen Einkommenssituationen alter Menschen.

Denn Partnereinkünfte, private, betriebliche und beamtenrechtliche Vorsorge sowie sonstige Einkünfte wie sporadischer Zuverdienst fließen in die Betrachtungen nicht ein. Daraus ergibt sich eine negative Überzeichnung zu erwartender Armut im Alter.

Mit den 1990er Jahren setzte eine deutliche Wandlung deutscher Erwerbsbiografien ein. Arbeit wird nun zunehmend flexibel und vielfältig - das herkömmliche Arbeitsverhältnis in Form der sozialversicherungspflichtigen und unbefristeten Vollzeitbeschäftigung wird zunehmend seltener. Schwierig abzuschätzen ist deswegen auch die Fortentwicklung von Erwerbsübergängen zwischen althergebrachten und neu entwickelten Beschäftigungsformen wie Mini-Midi-Job, Leiharbeit, befristete Beschäftigung und Tätigkeiten in Vollzeit.

Auch die Auswirkungen von Phasen der Erwerbslosigkeit, Zeiten der Arbeitssuche, der Kinderbetreuung oder der Pflege Angehöriger sind wenig untersucht worden. Zudem erhöhte sich das reale Renteneintrittsalter.

Die Gruppe der Niedriglöhner hatte in den letzten 20 Jahren Reallohnverluste hinzunehmen, zumal der Niedriglohnsektor sowohl im internationalen als auch im nationalen Vergleich deutlich wuchs. Negative Folgen auf die Einkommensentwicklung älterer Menschen lassen sich daraus direkt ableiten.

Infolge der letzten Wirtschafts- und Finanzkrise setzten negative Entwicklungen an den Kapitalmärkten ein, die sich auch auf die kommende Einkommenssituation alternder Menschen negativ auswirken. Die lang anhaltenden Nullzinsphasen verringern Barwerte privat ausgelegter Altersvorsorge sowie optionale Renditen und damit den zunehmend wichtigeren Teil im Altersvorsorgemix.

Zahlreiche Wandlungsprozesse

In den kommenden zwei Jahrzehnten werden viele Wandlungsprozesse am Arbeits- und Kapitalmarkt auf die Absicherungsfunktionen innerhalb der Alterssicherungssysteme durchschlagen.

Außerdem werden die geburtenstarken Jahrgänge (Babyboomer) erst um 2035 vollständig in Rente gehen. Dann führen Dämpfungsfaktoren in der geltenden Rentenformel zu einem Absinken des Rentenniveaus. Dazu gehört der sogenannte Nachhaltigkeitsfaktor innerhalb der gesetzlichen Rentenversicherung. Die daneben weiterhin ansteigende durchschnittliche Lebensarbeitszeit hat dagegen kompensatorische Effekte auf das gesetzlich festgeschriebene Absicherungsniveau.

Diese Trends müssen jüngeren Geburtenjahrgängen deutlich gemacht werden. Dazu werden mehr wissenschaftlich fundierte Prognosen benötigt, die auch über das Jahr 2030 hinausgehen. Dann erst gelangen die Entwicklung individueller Ansprüche aus der gesetzlichen Rentenversicherung, zusätzliche Formen der Vorsorge und die anhaltenden Wandlungsprozesse am Arbeitsmarkt und an den Kapitalmärkten in den kalkulierenden Blick.

Hilfreiche Reformen

Die Reformdebatten zur Zukunft der Alterssicherung nehmen zu. Unklar sind allerdings die Wirkungen im unteren Einkommenssegment und welche Risikogruppen letztendlich von Reformen profitieren werden. Deshalb sind langfristige Untersuchungen und Prognosen notwendig. Sie müssen Anhaltspunkte zur Maximierung aktuell diskutierter Reformschritte liefern. Das vermindert die allfälligen Altersarmutsrisiken.

Die Grundsicherungsquote und die Altersarmutsrisikoquote stellen die derzeit gängigsten Armutsmaße dar. Beide Quoten sind lediglich empirisch Näherungswerte an differierende Werturteile zur Definition von Armut im Alter. Um den Nutzen von Reformen einschätzen zu können, muss auf diese Einschränkung verwiesen werden.

Maßnahmen wie Verbesserungen der Erwerbsminderungsrente und erhöhte Freibeträge für den Zuverdienst im Bereich der Grundsicherung erhöhen je nach politischem Standpunkt die Grundsicherungsquote, also die Anzahl der Leistungsbezieher. Daraus könnte die falsche Annahme entstehen, dass sich die Altersarmut erhöht hat, obwohl doch die Grundsicherungsreformen gezielt auf Einkommenssteigerung und den Abdeckungsgrad diverser Armutsrisiken alter Menschen gerichtet sind.

Viele treffende Annahmen hinsichtlich der makroökonomischen Entwicklung, individueller Einkommensquellen und Weiterentwicklung persönlicher Erwerbsbiografien beeinflussen die Prognosen zur Entwicklung der Einkommen im Alter deutlich. Zudem müssen Veränderungen des Rentenrechts wie die demografisch bedingte Anpassung der Rentenformel in Verbindung mit staatlichen Förderungen privater und betrieblicher Formen der Altersvorsorge in fundierte Schätzungen integriert werden.

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Allfällige Datenlücken und unscharfen Erhebungsabläufen für Befragungsdaten müssen miniert werden. Wissenschaftlich begründete Simulationen zur Entwicklung von Zinsen und Beschäftigung eröffnen weitere Möglichkeiten, mit den vorhandenen Unsicherheiten zur Abschätzung zukünftiger Altersarmutsrisiken umzugehen.

Also ergeben sich viele Fragen:

Steigt das Risiko, im Alter zu verarmen? Wie wirken sich die laufenden Veränderungen auf den Arbeits- und Kapitalmärkten aus? Welche Personengruppen werden besonders betroffen und welche profitieren von den derzeit diskutierten Reformansätzen?

Mehr Armut im Alter?

Sowohl das Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) als auch das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) prognostiziert in einer Simulationsstudie einen Anstieg des Altersarmutsrisikos für den Zeitraum 2015 bis 2036. Der Anstieg liegt bei 16 bis 20 Prozent der zukünftig 67-jährigen Menschen. Im Jahr 2013 hatten Erhebungen Personen dann als armutsgefährdet eingestuft, wenn das individuelle und bedarfsgewichtete Nettoeinkommen des Haushalts geringer als 958 Euro ist.

Das entspricht 60 Prozent Einkommensdurchschnitts der Gesamtbevölkerung. Basis der Simulation war ein konstantes Anwachsen aller einkommensbezogenen Größen. Weil die gesetzlichen Renten unter Beachtung geltender Anpassungsregelungen hinter der durchschnittlichen Einkommensentwicklung zurück bleiben, wurde sie bei der Betrachtung ausgenommen. Außerdem waren normale Entwicklungen am Arbeitsmarkt und eine einprozentige Realverzinsung angenommen worden.

Sowohl positive als auch negative Entwicklungen am Arbeitsmarkt und am Kapitalmarkt wirken sich senkend oder erhöhend auf die zukünftige Entwicklung von Armut im Alter aus. Eine länger andauernde Nullzinsphase kann für das Jahr 2036 beispielsweise ein um zwei Prozent erhöhtes Armutsrisiko bedeuten. Kommt es zu ansteigender Arbeitslosigkeit in Deutschland, sinken auch die Rentenansprüche und das bewertete Altersarmutsrisiko steigt um ein weiteres Prozent.

Niedrige Arbeitslosenzahlen führen dagegen zu einer deutlichen Verringerung des Armutsrisikos, sofern die Zinsen bei einem Prozent liegen und alle sonstigen Annahmen unverändert bleiben. Käme es auf dem Kapitalmarkt zu einem positiven Szenario mit Realzinsen von drei Prozent über 20 Jahre hinweg und in Verbindung mit stabilen Arbeitsmärkten, würde der Verarmungsprozess darüber hinaus noch weiter verlangsamt werden.

Zusammenfassung:

Insgesamt positive Zukunftsszenarien minimieren die Aussichten auf anwachsende Armut im Alter - das Risiko auf einen weiteren Anstieg wäre in nennenswertem Umfang beschränkt.
Der Anteil von Grundsicherungsbeziehern würde dadurch allerdings nicht gleichermaßen tangiert. Ihr Anteil würde sich aller positiven Entwicklungen zum Trotz von etwa 3,2 auf 7 Prozent der 67-Jährigen erhöhen, besonders wenn Faktoren wir die verdeckte Armut bei Rentenbeziehern berücksichtigt werden.

Schwankungen auf den Arbeits- und Kapitalmärkten wirken sich auch hier unterschiedlich aus. Selbst niedrige Arbeitslosenquoten oder steigende Zinsen würden zu stagnierenden Anteilen von Grundsicherungsempfängern bei allen Neurentnern führen.
In Anbetracht der Realitäten kann die Grundsicherungsquote vielmehr weiter anwachsen.

Die Risikogruppen

Auf Basis dieser Analysen sollte der Anstieg des Altersarmutsrisikos in Deutschland moderat ausfallen. Allerdings trifft das nicht für alle Bevölkerungsgruppen zu: Besonders Ostdeutsche sollen in den kommenden 20 Jahren Berechnungen zufolge mit einem ungleich höheren Armutsrisiko zurechtkommen. So geraten etwa 11 Prozent der Neurentner in den Bereich der Grundsicherung im Alter. Das würde eine Verdoppelung im Vergleich zum Status quo bedeuten.

Im Westen der Republik würden dagegen etwa sechs Prozent Grundsicherungsempfänger verzeichnet werden. Denn für die ostdeutschen Rentenempfänger laufen die Zeiten aufgewerteter Rentenansprüche aus. Außerdem waren ab den 1990er Jahren Arbeitslosigkeit und geringe Einkommen besonders in Ostdeutschland wesentlich weiter verbreitet.

Besonders der Frauenanteil an den Grundsicherungsberechtigten wird stark zunehmen. Er wird von 16 auf annähernd 28 Prozent ansteigen. Daneben sind vermehrt Menschen ohne formale Berufsausbildung betroffen. Ihr Anteil an den Grundsicherungsempfängern wird bis 2036 von heute zehn auf dann 14 Prozent steigen. Ausgeprägt ist auch der zu erwartende relative Anstieg bei Hochschulabsolventen - hier erhöhen sich die Anteile von drei auf über fünf Prozent der Neurentner - ein Wert, der trotzdem unterhalb der durchschnittlich simulierten sieben Prozent der Neurentner liegt.

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Neurentner mit abgeschlossener Berufsbildung und mittlerem Qualifikationsniveau liegen dagegen im voraussichtlichen positiven Gesamttrend. Langzeitarbeitslose sind am häufigsten betroffen. Aussichten auf Grundsicherung im Alter haben hier mehr als 20 Prozent. Bei Menschen mit Migrationshintergrund wird eine Grundsicherungsquote von ca. 15 Prozent geschätzt.

Für das Altersarmutsrisiko der gegenwärtig 2,3 Millionen Solo-Selbstständigen sind fundierte Simulationen schwer möglich. Allerdings zeichnet sich schon heute ab, dass sie in Zukunft in der Gruppe der armen Rentenempfänger überrepräsentiert sind. Die älteren Solo-Selbstständigen sorgen heute kaum für ihr Alter vor.

So zahlten in den vergangenen Jahren lediglich etwa 38 Prozent der 45-64- Jährigen in die deutsche gesetzliche Rentenversicherung oder in eine Lebensversicherung ein - ein Wert, der 2005 noch bei 64,5 Prozent lag.

Auch chronisch kranke Personen sind zukünftig vermehrt von der Armut im Alter bedroht.
Andererseits werden 67-Jährige mit mindestens 35 Jahren voller Erwerbstätigkeit inklusive Kindererziehungszeiten seltener zu Grundsicherungsbeziehern werden. Berechnet werden lediglich 1,6 Prozent Grundsicherungsempfänger innerhalb dieser Gruppe. Die Anteile werden demnach auch zukünftig konstant bleiben.

Die gegenwärtigen Reformdebatten

Die Zukunft des deutschen Alterssicherungssystems wird derzeit intensiv diskutiert. Die angestrengten Debatten sind auch Reaktionen auf die weitverbreitete Sorge der Bürger, im Alter unter Armut leiden zu müssen. Angeregt werden die Sorgen einerseits durch aktuelle Recherchen, Analysen und Studien zum Thema Altersarmut und andererseits durch fallende Renditen aus der privaten Altersvorsorge.

Allerdings sind die aufgeführten und am weitesten benutzten Armutsmaße, die Grundsicherungsquote und die Altersarmutsrisikoquote, logischerweise unvollkommene empirische Näherungen an die in den verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen unterschiedlichen Definitionen für Altersarmut. Für die Diskussion wirkungsvoller Reformschritte ist eine derartige objektive Einschränkung nicht zu unterschätzen.

Es beschäftigen sich gegenwärtig Diskussionen mit dem Armutsrisiko und dessen Vermeidung durch die Sicherung des Lebensstandards. Geführt werden sie in der Gesamtgesellschaft - gegenwärtig von Armut betroffene berichten allerdings, sich dabei unterrepräsentiert zu fühlen.

Die Diskussionsergebnisse sind dürftig: Lösungen liegen noch nicht vor und es stellt sich immer wieder die grundlegende Frage nach der Vereinbarkeit der gegenwärtigen Alterssicherungssysteme in der Bundesrepublik Deutschland. Klar wird nicht, ob die genannten Risikogruppen von den laufenden Debatten letztendlich profitieren werden. Dennoch gibt es einige aufschlussreiche Indizien.

Mögliche Reformeffekte

Ein nennenswerter Reformeffekt ist die Verminderung des Armutsrisikos von den stark betroffenen erwerbsgeminderten Menschen um bis zu 15 Prozent durch eine Eliminierung der Abschläge, die bisher per Gesetz beim vorzeitigen Bezug der Erwerbsminderungsrente erhoben werden. Allerdings sind die Auswirkungen auf die gesamte Risikogruppe eher gering, da es sich um einen vergleichsweise kleinen Personenkreis unter den Neurentnern handelt.

Im Zusammenhang damit gibt es Vorschläge, langjährig Versicherten der GRV eine Erhöhung ihrer Rentenansprüche einzuräumen. Betroffen wäre allerdings eine noch kleine Gruppe von Geringverdienern, zumal sie die Voraussetzung von 35 oder von 40 Beitragsjahren zur gesetzlichen Rentenversicherung nachweisen müssten. Positive Auswirkungen auf die Armutsquote wären gering.

Würden Freibeträge für zusätzliche betriebliche und private Altersvorsorge innerhalb des bestehenden Systems der Grundsicherung im Alter ins Kalkül gezogen werden, sind senkende Effekte auf das Altersarmutsrisiko nicht zu sehen. Denn zahlreiche Haushalte mit Grundsicherungsbezug sind sehr weit entfernt von der relativen Armutsgrenze von 958 Euro monatlich. So verfügen Personen über lediglich jeweils durchschnittlich 725 Euro - das Armutsrisiko bleibt demnach unverändert.

Würde eine gesetzliche Pflicht zur ergänzenden betrieblichen Altersvorsorge festgeschrieben und würden diese Zusatzersparnisse das Niveau der Renten mittels Entgeltumwandlung nicht mindern, könne sich in den Jahren zwischen 2031 und 2036 eine kleine Absenkung des Armutsrisikos um unter zwei Prozent ergeben. Die Inanspruchnahme der Grundsicherung würde damit verbunden um wohl 0,9 Prozent abfallen.

Dennoch gäbe es 2036 mehr Arme, weil Personen mit Grundsicherung gegenwärtig nur 33 Euro pro Jahr sparen können. Noch geringer wirkt sich eine Stabilisierung des allgemeinen Rentenniveaus auf 46 Prozent aus. Dieser Vorschlag zielt tatsächlich nicht auf spezielle Risikogruppen, sondern auf alle neuen Rentnerinnen und Rentner ab.

Ergebnis:

Die Kombination aller bis dato diskutierten Reformschritte hätte die größten armutssenkenden Auswirkungen. Nichtsdestotrotz müssten weiterhin viele Menschen zukünftig mit Armut im Alter zurechtkommen.

Verfehlte Ziele

Diskussionen um die Weiterentwicklung des Rentensystems eröffnen bisher nur wenige Aussichten auf grundlegend positive und nachhaltige Änderungen des Trends. Risikobehaftete Menschen werden in allen Debatten viel zu wenig beachtet. Die lancierten Vorschläge sind vielmehr äußerst ungenau. Sind es Wahrnehmungsschwierigkeiten, Oberflächlichkeit, Ignoranz oder doch Ängste vor einer negativen Kassenlage? Die verschwommen Ziele der gegenwärtigen Armutsdiskussionen leisten jedenfalls keine substanziellen Beiträge zu Lösung des Problems.

Die Quintessenz

Wissenschaftliche Studien weisen nach, dass das deutsche Rentensystem bisher nicht in der Lage ist, auf Herausforderungen der Zukunft angemessen zu reagieren. Die Zeiten unbefristeter und gesicherter Arbeitsverhältnisse sind für immer mehr Erwerbstätige vorüber. Befristete Arbeitsverträge, Mini- und Midijobs, Erwerbslosigkeitszeiten und niedrigere Löhne werden für viele peu à peu zur Realität.

In den Jahren bis 2036 nimmt das Armutsrisiko für verschiedene Bevölkerungsgruppen zu. Dabei sind alleinstehende Frauen, Langzeitarbeitslose und niedrig qualifizierte Menschen am meisten betroffen.

Mehr zum Thema: Altersarmut - das Risiko nimmt zu, es gilt gezielt gegenzusteuern!

Beachtenswert sind die Verläufe bei den sogenannten Babyboomern, also den geburtenstarken Jahrgängen in den 1950er und in den 1960er Jahren, die ab etwa 2022 in den Rentenbezug eintreten werden. Gerade unter diesen Rentnerinnen und Rentnern ergibt sich ein Armutsrisiko von 20 Prozent im Jahr 2036 - 2016 liegt es bei etwa 16 Prozent. Also wäre etwa jeder Fünfte unter den Rentnerinnen und Rentnern in Deutschland von Armut im Alter bedroht.

Aber selbst gut Ausgebildete mit Abitur und Universitätsabschluss sind davor keinesfalls sicher. Der Bildungsgrad und die Qualifikation eines Menschen beeinflussen allerdings, wer letztendlich davon betroffen sein wird.

Auch regionale Unterschiede werden überdeutlich: Die Grundsicherungsquote entwickelte sich im Osten und im Westen der Republik unterschiedlich. Während sie im Jahr 2036 für ostdeutsche Neurentner auf 11 Prozent ansteigen und sich damit im Vergleich zum gegenwärtigen Wert verdoppeln wird, wird sie im Westen vergleichsweise gering von 5,5 auf sechs Prozent zulegen. Zurückzuführen sind diese Effekte auf allfällige Umbrüche am Arbeitsmarkt der ostdeutschen Bundesländer seit Mitte der 1990er Jahre.

Statistisch gilt ein Rentner als armutsgefährdet, wenn das Monats-Netto-Einkommen unterhalb eines Betrags von gegenwärtig 958 Euro liegt. Parallel dazu kann die Grundsicherungsquote immer mehr anwachsen. Etwa sieben Prozent aller neuen Neurentner sind demnach zukünftig auf diese finanzielle staatliche Unterstützung angewiesen, weil das jeweilige Ruhegeld für den Lebensunterhalt nicht ausreicht. Der Wert lag im Jahr 2015 bei 5,4 Prozent.

Für den Anstieg des Armutsrisikos im Alter sind in der Hauptsache zwei Faktoren ausschlaggebend: einerseits die Zunahme atypischer Beschäftigungsverhältnisse, unterbrochener Erwerbsbiografien und Jobverhältnisse im Niedriglohnbereich. Andererseits sinkt das Niveau der Renten in Deutschland durch rentenrechtliche Veränderungen sowie durch die demografische Entwicklung. Die als Ausgleich gedachten Formen einer individuellen, privaten Altersvorsorge wirken dagegen nicht flächendeckend.

Weil sie bis dato nicht genau auf die tatsächlichen Risikogruppen eingehen und weil sie den großen Niedriglohnsektor in Deutschland viel zu wenig beachten, sind viele der aktuellen Rentenreformvorschläge nicht geeignet, das ansteigende Altersarmutsrisiko nachhaltig zu stoppen.

Um dem gezielt Paroli bieten zu können, muss also an drei wichtigen Punkten angesetzt werden:

● Auf dem Arbeitsmarkt muss die gezielte Vermittlung von Arbeitssuchenden aus Risikogruppen intensiviert werden.

● Brüche im individuellen Erwerbsverlauf müssen durch eine kluge Arbeitsmarktpolitik proaktiv abgefedert werden.

● Das System der Alterssicherung soll derart umgebaut werden, dass es einen objektiv verbesserten Schutz vor unsteten Erwerbsbiografien, niedrigen Einkommen und Nullzinsphasen bieten kann.

Noch ein abschließendes Zitat:

"Wir brauchen weitere Reformen für den Ruhestand: Wenn die Babyboomer-Generation in Rente geht, könnte es zu einem bösen Erwachen kommen. Um das Rentensystem zukunftsfest zu gestalten, müssen wir es heute an die veränderten Rahmenbedingungen der Arbeitswelt anpassen."
(Aart De Geus, ehem. stellvertretender Generalsekretär der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD), Vorstandsvorsitzender der Bertelsmann-Stiftung.)

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