BLOG

Gier im (Musik)Business

19/10/2015 18:00 CEST | Aktualisiert 19/10/2016 11:12 CEST

Die technischen Möglichkeiten zur Täuschung der Hörer waren Thema des letzten Blogs. Seitdem war es auf Huffington Post ruhig, denn wir arbeiteten an der Veröffentlichung des Albums „Emotional Distances" von The PYRAMIDIS Project. Dabei zeigte es sich, dass hochwertige Produktionen wahrgenommen werden, viele Radiosender im deutschsprachigen Gebiet aber Angst haben, ihren Hörern komplexere Inhalte zu präsentieren. Ich bin der Meinung, dass die Hörer nicht so dumm sind, wie sie von der Musikindustrie gehalten werden.

Neben den Mainstream-Radiostationen machen sich auch Musikproduzenten häufig zum Handlanger der Musikindustrie. Stellen Sie sich folgende Szene vor: Eine Sängerin steht in einem Studio, singt einen Song ein, beendet die Aufnahme und holt sich einen Kaffee. Wenn Sie mit dem Getränk zurück kommt, ist der Mix bereits fast fertig. Klingt unwirklich? Leider nein. Es läuft häufig so, denn der Kosten- und damit der Zeitdruck für Aufnahme, Mix Down und Mastering lassen keine wirklichen Kreativphasen zu.

Die Studiotechniker basteln die passenden Samples für beispielsweise die Drum Loops darunter, AutoTune für die Stimme, Equalizing und Pegelanpassung. Zum Schluss wird der Kompressor im Mastering darüber gejagt und nach spätestens einem Tag wird die Promotionmaschine angeworfen. Dass damit jegliche Kreativität vernichtet wird, ist nicht verwunderlich.

Auch wenn ich jünger bin und mir oft anhören muss, dass ich die alten Zeit hoch beziehungsweise manchmal zu hoch halte, bin ich der Meinung, dass an qualitativ hochwertiger Musik nichts Verwerfliches ist. Man kann jungen Musikern, die die alte Studiowelt nicht kennengelernt haben, auch keinen Vorwurf machen, dass sie ihre Musik am Laptop produzieren. Aber die Tatsache, dass viele bekannte Studios schließen müssen, weil niemand mehr bereit ist für gute Qualität noch zu bezahlen, bestätigt mich in meiner Vermutung: Es ist die Gier nach mehr Profit in noch kürzerer Zeit.

Aber woher kommt das?

Musik hat einen großen Unterhaltungswert und ist somit auch eine Dienstleistung. Und es ist klar, dass damit auch verdient wird, doch dabei geht es aus musikalischer Sicht nicht immer richtig zu. Wie wäre es richtig? Ein Interpret, egal ob Einzelkünstler oder Band, macht aktiv Musik und ist überzeugt davon. Er entwickelt sich und seine Kompositionen stetig weiter.

Dann ergibt sich die Möglichkeit, seine geistige Arbeit zu veröffentlichen und damit Geld zu erwirtschaften. Die Kundschaft ist von der Tonkunst überzeugt und belohnt seine Schaffenskraft mit dem Kauf seiner Tonträger und beschert dem Interpreten sein Einkommen.

Soweit die Theorie. Vor einigen Jahrzehnten lief das auch meistens so oder so ähnlich ab. Andere Optionen gab es auch nicht. Man musste die Konsumenten eben musikalisch und nicht mit irgendeiner künstlich aufgesetzten Maskerade und einer entsprechenden Vermarktungsstrategie überzeugen. Es gab auch eigene A&R (Artists & Repertoire) Abteilungen in den Plattenfirmen, die dazu da waren, junge Leute mit Begabung zu suchen und auch tatsächlich weiterzuentwickeln, wie es etwa bei den Beatles geschehen ist. Gut, auch damals hat das Label schon den größten Teil des Geldes eingesteckt, aber dafür wurde auch jahrelang in die Bands und Künstler investiert.

Heute sieht die Sache leider etwas anders aus. Die zentrale Aufgabe besteht darin, in möglichst kurzer Zeit den Konsumenten möglichst viel Geld aus der Tasche zu ziehen. Musik ist eine gute Möglichkeit dazu. Die Methoden, wie Fernsehshows oder Heavy Rotation Listen im Radio, sind mit dieser Maschinerie verknüpft und die Musik wird dadurch das Mittel zum Zweck. Es muss eben nur möglichst schnell gehen und dabei ein möglichst kleines Risiko beinhalten. Es ist recht gut nachvollziehbar, dass musikalische Qualität somit zweitrangig geworden ist.

Umsatzeinbrüche

Dennoch hat die Musikindustrie relativ starke Umsatzeinbrüche zu beklagen, obwohl noch nie so viel Musik verkauft wurde. Dabei wird die Ursache in dem illegalen Kopieren und Verbreiten gesehen und somit sind es mal wieder die bösen Kunden, die sich daneben benehmen.

Ich bin der Meinung, es liegt an den Produkten selbst. Bei dem im Allgemeinen miesen Kram, den die Konsumenten vorgesetzt bekommen, ist ihr Verhalten kein Wunder. Die Kundschaft mag teilweise nicht sonderlich anspruchsvoll sein, jedoch so bescheuert, wie die Plattenindustrie es gerne hätte, ist sie dann auch wieder nicht.

Ich bin sicher, wenn wieder seriöse und echte Musiker in den Fokus der Plattenfirmen rücken würden, würde sich das Verhalten der Kundschaft mit der Zeit in die richtige Richtung bewegen. Nur dauert das auch eine Weile, denn die jetzt jungen Generationen haben eine solide Musikkultur nie erlebt.

Die Plattenindustrie hat sich meines Erachtens ihre Probleme nicht nur selbst gemacht, sondern diese auch selbst so gefestigt, dass es mindestens eine weitere Generation braucht, um das, was in die falsche Richtung gelaufen ist, wieder auf Kurs zu bringen. Es wäre daher an der Zeit, dass sich die Labels nicht immer nur über die ach so bösen Kunden beklagen und mit schlechten Interpreten nerven, sondern ihre eigenen Unternehmensphilosophien überdenken.

Wie konnte es nur soweit kommen?

Ich kann mir nur folgende Erklärung herleiten: Der Grund für das hier aufgezeigte Handeln ist schlicht und ergreifend die Gier nach Geld. In vielen Bereichen, so auch in der Musikbranche, ist die Maximierung des eigenen Profits das primäre Ziel. Viele Unternehmen haben dabei ihren langfristigen Fokus und die Bedürfnisse ihrer Kundschaft völlig aus den Augen verloren.

Für die Kunden bleibt in vielen Fällen nur noch das „Friss oder Stirb"-Prinzip. Früher wollten die Unternehmen mit ihren Kunden reich werden, heute gegen ihre Kunden. Wenn Sie heute einen Manager fragen, was das Ziel des Unternehmens ist, das er führt, dann werden Sie aller Wahrscheinlichkeit nach die Antwort erhalten, dass das Ziel die Maximierung oder Optimierung des Gewinns sei.

Fragen Sie hingegen einen Mittelständler, der einen Familienbetrieb in der x-ten Generation führt, nach seinen Zielen, dann wird die Antwort vermutlich sein, dass er sein Unternehmen auch langfristig gesund am Markt erhalten möchte. Das geht aber nur, wenn man visionär denkt und sich selbst die Kundenbedürfnisse laufend verdeutlicht.

Dafür muss man sich logischerweise auch mit der Kundschaft und ihren Belangen befassen.

Und genau hier hat die Musikbranche in den vergangenen zwei Jahrzehnten gnadenlos versagt. Aber keine Sorge, es ist nicht nur in diesem Bereich so. Wenn man beispielsweise den VW Skandal betrachtet, sieht man wohin es führt, nur irgendwelchen Zielen hinterher zu laufen und den Kunden nicht nur zu vergessen, sondern auch bewusst hinters Licht zu führen.

Ich werde mich in den kommenden Blogbeiträgen mehr dem Thema Wirtschaftsethik widmen. Sollten Sie noch Fragen oder Themenwünsche im Bereich Musik haben, lassen Sie es mich bitte wissen.

Lesenswert:

Ihr habt auch ein spannendes Thema?

Die Huffington Post ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blogteam unter

blog@huffingtonpost.de.

Eine Frage so alt wie das Social Web: Anwalt erklärt: Mit diesem Trick können Sie Musik legal von Youtube downloaden

Hier geht es zurück zur Startseite