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Let's Dance: Schminkgate und Ăś70 Schnuckel

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Diese Woche eröffnet die Show passend zum Motto „90er" mit einem Crew-Tanz zu „Cotton Eye Joe".

Als der Rednex Ohrwurm 1994 in die Großraumdiskotheken schwappte, war ich nicht mal 5. Lustig, wie wir damals schon waren, sangen wir den Refrain stets „Where did you come from, where did you go, wo gehst du kacken, Cotton Eye Joe". Und wenn Sie jetzt befürchten, lustiger wird es in dieser TV-Kritik nicht mehr, haben Sie vermutlich Recht.

Obwohl - der erste Tänzer des Abends, Ex-BroSis-Popstar Giovanni Zarrella, erklärt vor seinem Tango, er wäre um ein Haar Fußballstar geworden. Schon mal ein guter Lacher zum Start. Nicht die Bundesliga, sondern die Popcharts aufzumischen, hat aber auch Vorteile.

Gio wäre heute sonst vermutlich nicht mit Jana Ina verheiratet, sondern im schlimmsten Fall mit Claudia Effenberg. Also, Claudia Zarrella. Und er hat ja wirklich schon genug Probleme. Körperliche zum Beispiel.

Juror Joachim Llambi stellt nämlich fest: „Der Rücken wurde rund, der Kopf kam vor und du hattest keinen Bauch". Kein Bauch wäre für den mittlerweile fast 40-Jährigen sicher attraktiv.

Der Rest klingt aber wie der Bericht eines Pathologen, der einen aus dem 50. Stock gefallenen und auf der Straße aufgeschlagenen Körper seziert. 23 Knochenbrüche. Ah, sorry. 23 Punkte.

Tanzen hat keine Kleidergröße

Susi Kentikian boxt aktuell besser, als sie tanzt. Mit ihrem Quickstep holt sie nur 11 Punkte. Faisal Kawusi dagegen, der es sich als Comedian nicht leisten kann, bei Witzen über seine Figur nicht zu lachen, musste schon als Kind viele Sprüche aushalten. Aber es gibt ja noch Motsi Mabuse, die RTL mit einer wunderbaren Aussage aus der Bodyshaming-Ecke rettet: „Tanzen hat keine Kleidergröße".

Ich würde diesen Satz gerne heiraten. 12 Punkte. Bastiaan Ragas (zweiter Ex-Boygroup-Sänger nach Giovanni), holt mit seiner Samba immerhin 16 Punkte. Anschließend freut sich Anni Friesinger, dass sie endlich Latein kann. Also tanzen.

Mit Profitänzer Erich Klann versucht sie sich an einem Cha Cha Cha. Bei Klann und Friesinger sieht es immer ein bisschen so aus, als würde Johnny Depp mit Amy Farah Fowler aus „The Big Bang Theory" tanzen.

Llambi kennt beide nicht und fasst mit „das war nix" zusammen. Am Ende werden es nur 9 Punkte. Minusrekord der Folge.

Eisgekühlter Brömmelunder

Nach diesem Block von Kandidaten mit 9 bis 16 Punkten, gibt es dann endlich wieder eine 2 vorne. Den Start macht Ann-Kathrin Brömmel mit ihrem Tango. Tango ist übrigens eine Tanzform, nicht ihr Tanzpartner.

Das ist Sergiu Luca, oder wie wir ihn Backstage nennen: Den Mario Götze des Tanzflurs. Ann-Kathrin zeigt viel Bein, aber vor allem auch viele gute Bewegungen. Ihre Eltern im Publikum sind ganz aufgeregt.

Zur Beruhigung müssen sie vermutlich den einen oder anderen eisgekühlten Brömmelunder runterspülen. Llambi findet „der Rücken könnte durchlässiger sein". Ein Satz, der für mich ähnlich viel Sinn macht, wie zum Beispiel „die Nase könnte hungriger sein" oder „Sylvies Dekolleté könnte ängstlicher sein".

Bei der Punktevergabe fällt auf, dass keine andere Kandidatin mit Ann-Kathrin die tolle Leistung feiert.

Zufall? Oder bildet sich bereits ein leichtes Sympathie-Embargo gegen das junge, hübsche Model, das mit einem der bekanntesten (und reichsten) Sportler des Landes zusammen ist und jetzt auch noch auf der Tanzfläche zu einer Favoritin avanciert?

So interessant diese Beobachtung auch ist, wahrscheinlich wird sie denken: Für Freundschaften kann man sich bei „Let´s Dance" nichts kaufen. Für ihre 26 Punkte allerdings schon. Zumindest das ziemlich sichere Ticket in die nächste Runde.

Schminkgate und Ăś70 Schnuckel

Für die emotionale Vorstellung beim Contemporary von Heinrich Popow erhält er mit seiner Profi-Partnerin Kathrin Menzinger 25 Punkte.

Menzingers Look, von RTL quotensicher als „ungeschminkt" vermarktet, sorgt im so genannten „Second Screen", den Begleitkommentaren in den sozialen Medien, für ziemliche Aufruhe.

Dafür, dass sie im Normalfall nicht gerade mit MakeUp spart, trägt sie an diesem Abend tatsächlich deutlich weniger Schminke. Wer das allerdings als „ungeschminkt" kategorisiert, würde den Stil von Jorge González auch als „zu spießig und konservativ" beschreiben.

Maxi Arland kann von 25 Punkten nur träumen. Bei seinem Slowfox war nach Jurymeinung nicht nur der Fox, sondern vor allem die Leistung slow. 14 Punkte.

Da Maxi als Moderator und Schlagersäger aber gerne auf kleinen Schiffen Flüsse abfährt und dabei aufgepoppte Volkslieder singt, weiß er eine ziemlich breite Fangemeinde hinter sich. Und mit breit meine ich wirklich „groß" und nicht „fett".

Der Justin Bieber der Ü70-Generation kann sich also Tanzschwächen leisten, da die Zuschauervotings zu gleichen Teilen Einfluss auf die Endnote nehmen, wie die Jurywertung.

Alles neu macht die Mai

Vanessa Mais langsamer Walzer kommt bei der Jury ganz gut an. Jorge findet „du has gedanzz mit deine gansse Körrbah.". Motsi sieht „eine exklusiv Level von Tanz". Llambi findet, „dir zuzusehen macht doppelt Spaß".

Doppelte Punkte gibt es trotzdem nicht. Aber immerhin 23. Etwas weniger euphorisch läuft der Quickstep von Show-Nesthäkchen Cheyenne Pahde. Selbst eine Britney Spears Einlage rettet sie nicht. Das „dumme Rumgelaufe", das Joachim Llambi sieht, gibt nur 11 Punkte.

Pure Emotionen einer enttäuschten ersten Liebe spült dann das Training für die Rumba von Angelina Kirsch und Massimo Sinató an die Oberfläche. Deutschlands erfolgreichstes Curvy Model offenbart Verletzlichkeit und erinnert sich bei diesem sehr intimen Tanz an eine Beziehung, die vor 2,5 Jahren zu Ende ging und ihr immer noch Herzschmerz bereitet.

Kein Wunder, wie Massimo weiß: „Rumba steht für Nähe". Aber Achtung! Verwechslungsgefahr: Bei einer Rumba tanzt man erst und darf anschließend was trinken. Bei einer Rumbar ist das andersrum.

So viel Nähe und Erinnerungen sind für Angelina heute zu viel. Sie heult beim Training, sie heult in der Show. Die einzigen, die nicht heulen, sind die Juroren. Joachim Llambi gibt zwar wieder Anatomieunterricht („das Becken war zu weit hinten"), die Jury vergibt dennoch 23 Punkte.

Gil, eKat & Peace on Earth

Es folgt eine Performance, die man getrost als ein Highlight aller bisherigen „Let´s Dance" Staffeln bezeichnen kann. Gil Ofarim und Ekaterina Leonova schreiben mit ihrem Contemporary Fernsehgeschichte.

Zu „Zombie" von den Cranberries gelingt ihnen das Kunststück, den wirklich außergewöhnlich emotionalen Song über den Nordirlandkonflikt und insbesondere Johnatan Ball und Tim Parry, zwei Kinder, die 1993 bei einem Bombenanschlag der IRA ihr Leben ließen, in einen authentischen und aufwühlenden Tanz zu verwandeln.

Ich bin keine Tanzexpertin, aber ich erkenne authentische Gefühle und ich gebe zu: Dieser Tanz hat mich beeindruckt. Man kann Gil Ofarim als Pseudo-Mädchenrocker bezeichnen oder Ekaterina Leonova als sexy Tanzmodel, aber dieser Abend wird sie für immer zu Legenden der Tanz-TV-Unterhaltung machen.

Den Song gibt es schon 24 Jahre. Und doch ist mir erst heute, mit dieser grandiosen Interpretation von „Zombie", klar geworden, welch wichtiges Plädoyer für Frieden und gegen Hass in Zeilen wie

„It's the same old theme since 1916. In your head, In your head they're still fightin' with their tanks and their bombs and their bombs and their guns. In your head, In your head they are dyin'" steckt.

In Zeiten wie diesen mit Sicherheit keine Botschaft, die fehl am Platze wäre. Alleine dafür danke ich eKat und Gil. Die Jury dankt ebenfalls. Mit 30 Punkten.

Es ist vorbei, Bye Bye Bastiaan

Insgesamt ist „Let´s Dance", immerhin seit 10 Jahren Erfolgsformat im deutschen Fernsehen, ein hervorragendes Beispiel für Vielfältigkeit und Schönheit einer Mischung der Kulturen.

Jury, Moderatoren, Tänzer und Promis - ein Potpourri der Nationen: Giovanni (Italien), Susi (Armenien), Jorge (Kuba), Sylvie und Bastiaan (Holland), Motsi (Südafrika), Erich und Heinrich (Kasachstan), Oana und Sergiu (Rumänien), eKat (Russland), Isabel (Schweden), Faisal (Afghanistan), Kathrin (Österreich), Andrzej und Marta (Polen) und Vadim (Ukraine) gehören zum Ensemble, das jeden Freitag knapp 4 Millionen Zuschauer begeistert.

Das bedeutet fast 18% in der relevanten Zielgruppe und Champagnerstimmung in der RTL-Chefetage. Nichts davon wäre möglich, wenn wir unsere Grenzen und Herzen schließen würden.

Ein langer Abend geht zu Ende. Es ist schon nach Mitternacht, als Jorge González seine Favoritin der Woche nennt: „die schöne Lady in Red".

Womit er nicht sich, sondern Ann-Kathrin meint. Wenig überraschend ist sie dann gesichert weiter. Schon überraschender ist das Aus für Bastiaan Ragas. Weder hatte er die niedrigste Punktzahl der Jury, noch hätte man bei der Anzahl von Caught in the Act Fans gedacht, dass er im Telefon-Voting so schlecht abschneiden würde.

Aber Tanzen ist keine Mathematik und Bastiaan fährt nach Hause. Nächste Woche gibt es dann das Boys & Girls Special ohne ihn. Ich bin gespannt!

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