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"Die hat voll den Speckbauch" - Fat shaming auf der Berliner Fashion Week

07/07/2017 17:51 CEST | Aktualisiert 07/07/2017 17:51 CEST
Frazer Harrison/Getty Images

Tag drei der Fashion Week in Berlin wird zum bislang heißesten Tag der Modewoche. Nicht nur, weil sich Elyas M´Barek doch noch dazu durchringt, mit mir verlobt zu sein, sondern vor allem, weil die Temperaturen höher steigen als die Verbrauchswerte von VW-Dieselfahrzeugen.

Berlin schwitzt.

Im Kaufhaus Jandorf, dem Epi-Zentrum der Fashion Week, in dem im Stundentakt die Designer ihre neuen Kollektionen präsentieren, kommen die PR-Praktikantinnen backstage gar nicht hinterher, die fast zwei Meter hohen Kühlschränke, die in jedem Raum stehen, mit Wasserflaschen nachzufüllen.

In den engen Räumen mit dem hektischen Trubel, in denen stets die Models für mindestens zwei Designer-Shows parallel vorbereitet werden, um den engen Zeitplan überhaupt einhalten zu können, gibt es nur eine provisorische Klimaanlage und so wird pro Stunde etwa ein Mineralwasser-Volumen der Größe des Wannsees konsumiert.

Diversität vs. Fat-Shaming

Die Hitze inspiriert natürlich dazu, sich spärlich zu bekleiden. Das Berliner Straßenbild wird also von sehr kurzen Röcken, Hosen und so allerlei anderen Mode-Auswüchsen beherrscht, die es dem Körper erlauben, wenigstens den Anschein von Luftigkeit zu bewahren.

Und das während der Fashion Week. Während dieser Woche, in der sich selbsternannte Modeblogger aus Dörfern mit unaussprechlichen Namen in Outfits werfen, für die man in meiner Schulzeit auf jeder Party verprügelt worden wäre, und sich für die neuen Stilgötter am Modehimmel halten, sind leider auch unsägliche Phänomene wie Fat-Shaming an der Tagesordnung.

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Während ich mich noch freue, dass beispielsweise bei der Vorstellung der "Edition Flora" Sommerkollektion aus dem Hause STEINROHNER nicht jedes Model 1,80 groß, blond und 48 Kilo schwer ist, sondern eine ziemliche Diversität die Mischung ausmacht, tuscheln draußen in der Mercedes-Benz-Lounge bereits ein paar Kreuzritter der Charakterlosigkeit über die Gäste der Show und kategorisieren junge Frauen danach, wie perfekt sie ihren Körper finden und wie viel die Frauen davon abgeleitet ihrer Meinung nach zeigen dürfen.

Als ich gerade darüber nachdenke, dass die beiden Mittdreißiger mit schütterem Haar hier so deplatziert wirken, dass sie vermutlich über ein Preisausschreiben oder durch Kontakte zum Security-Personal überhaupt Zugang zum Kaufhaus Jandorf erhalten konnten, höre ich sie folgenden Satz sagen: "Selbst diese Anna-Maria Damm hat voll den Speckbauch und breite Hüften, was lassen die die Bikini-Werbung machen?"

Weine nicht, wenn der Body-Shamer kommt, Damm Damm, Damm Damm

Ob Anna-Maria Damm, in der 8. Staffel "Germany´s Next Topmodel" immerhin Fünfte und mit fast 1.000.000 Followern auf Instagram eine durchaus ernst zu nehmende Influencerin, seit ihrem Auftritt im 14-Wochen-Model-Crash-Kurs bei Heidi Klum eher ein paar Pfund zugelegt oder verloren hat - diskutiert von zwei Zaungästen der Fashion Week in schlecht sitzenden Chinos, die bei den ohnehin überlasteten Kellnern alle zwei Minuten einen weiteren eisgekühlten Gratis-Sekt ordern. Das sagt viel über die Fashion Week aus.

Vielleicht sind deplatzierte Besucher wie diese beiden Ästhetik-Experten Mitbegründer des Trends, dass viele Protagonisten der Fashion-Industrie der Berliner Modewoche eine Art seichtes Abschweifen in die Bedeutungslosigkeit attestieren.

Und damit womöglich einer der Gründe, warum Namenssponsor Mercedes-Benz nach dieser Saison aussteigt. Seit ich denken kann, hieß die Berliner Fashion Week Mercedes Benz Fashion Week Berlin. Ab Januar wird sie dann, so kolportiert man in den Backstage-Areas der Shows, Zalando Fashion Week heißen.

Wer ist eigentlich dieser Zar Lando?

Das würde zumindest eine logische Entwicklung sein. Der mittlerweile bei fast 3,7 Milliarden Euro Umsatz angekommene Online-Mode-Versandhändler hat sich bereits die Bread & Butter geschnappt, eine eigene Agentur für Influencer-Management aufgebaut und strebt die Weltherrschaft an.

Wenn man mit Wirtschaftsexperten spricht, von denen sich auf der Modewoche erschreckend viele rumtreiben, ist der Erfolg aber auch notwendig. „Zalando ist die letzte Kugel im Köcher von Rocket Internet" raunt man mir da zu. Was auch immer das heißen soll.

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Ob Zalando jetzt ein Welterfolg ist oder nicht, kann ich nicht beurteilen. Ob Rocket Internet ein Erfolgsmärchen oder eine große Blase ist, ebenfalls nicht. Ich finde, Zalando klingt wie der Name einer Disney-Prinzessin und Rocket Internet wie eine erfolglose Grunge-Band. Beides ist mir also schon mal grundsätzlich sympathisch.

Ob man die Gründer, die drei Samwer-Brüder, die mit Klons erfolgreicher Internet StartUps jeweils 1,7 Milliarden Euro Privatvermögen angehäuft haben, für supersmart oder für Gangster hält, auch darüber kann ich mir kein Urteil erlauben.

Was mich beim Wechsel des Namensgebers für die Fashion Week von Mercedes-Benz zu Zalando aber umtreibt, ist die Frage: Wie werden wir denn dann zukünftig durch Berlin geshuttelt? Fahren wir in kleinen, orangenen Dreiecken durch die Stadt?

Afront Row

An diesem kleinen Ausflug in die Hochfinanz wird deutlich, dass Fashion und Influencer mittlerweile ein relevanter Part im Spiel der großen Investitionssummen geworden sind. Das ist gut für die Fashion-Branche, denn dadurch wird sie auch wieder in den Kreisen wahrgenommen, wo man die Frage, ob diesen Sommer bauchfrei wieder salonfähig sein wird, eher eine untergeordnete Rolle spielen.

Zum Beispiel im Wirtschaftsteil der großen Zeitungen und Magazine. Leider entspricht die Analogiekette "wo es um viel Geld geht, sitzt auch viel Kompetenz" auch im Hinblick auf Wirtschafts-Journalismus nicht immer der Realität.

So hatte sich im Windschatten der Fashion Week das Social Media Fachblatt "Manager Magazin" diese Woche daran versucht, mit Caro Daur ausgerechnet einer der deutschen Vorzeige-Influencerinnen mit Schwerpunkt Mode in die Parade zu fahren.

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In der unverhohlen tendenziellen Aufbereitung eines offensichtlich schriftlich geführten Interviews bekommt der geneigte Leser kurzzeitig den Eindruck, die Produktplatzierungs-Maschine mit 1,1 Millionen Followern im Rücken wäre der Uli Hoeness der digitalen Avantgarde, weil sie einiges nicht beantworten wollte.

Dax können Sie mit mir nicht machen

Ich möchte mal einen DAX-Manager oder Unternehmer aus der Mittelschicht sehen, der einem Journalisten die Frage "Na, versteuern Sie ihre Einkünfte denn auch wirklich immer total akkurat?" geantwortet hätte.

Wenn man das dann auch noch als besonders gelungenen Investigativ-Journalismus verkaufen möchte, kann man auch gleich die beiden Anna Maria Damm-Experten und Körper-Juroren aus der Mercedes-Benz-Lounge zu Hate-Speech-Beauftragten der Bundesregierung machen.

Das "Manager Magazin" verkauft übrigens laut IVW vom Januar 2017 etwa 111.000 Exemplare pro Monat. Also etwa ein Zehntel der Menschen, die Caro Daur im Schnitt drei Mal am Tag mit ihren Postings anspricht.

Wenn man es mal plakativ ausdrücken möchte, heißt das eigentlich nichts anderes, als dass hier gerade ein Toyota Corolla versucht hat, einem Porsche 911 GT3 zu erklären, was einen erfolgreichen Sportwagen ausmacht.

Save The Best For Last

Was eine erfolgreiche Fashion Week ausmacht, erfahrt ihr morgen. Dann nämlich erreicht Berlin den Höhepunkt der diesjährigen Saison. Es steigt der GALA Fashion Brunch, der VOGUE Salon und am Abend die Shows von Marina Hoermanseder und Michael Michalsky, abgerundet durch die legendäre StyleNite, die dieses Jahr im eWerk stattfindet.

Promis, Gerüchte und Mode-Faux-Pas werden also in rauen Mengen das Finale der Fashion Week einleiten. Und ich mitten drin.

Grüße aus Berlin,

Marie

Zuletzt noch meine Twitter Verlobung mit Elyas M' Barek.

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