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"Die Zukunft ist weiblich" - das waren die besten Momente am Finaltag der Berliner Fashion Week

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marie von den benken
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Die Fashion Week verabschiedet sich an Tag vier fulminant. Schon morgens um 10:00 Uhr startet der Designer Vladimir Karaleev den Finaltag der Modewoche mit seiner S/S 2018 Runway Show. Für die Besucher der Berliner Fashion Week, die mehr und mehr den Ruf einer Party- statt einer Fachmesse bekommt, gefühlte 5 Uhr morgens. Für die Models, die Wladimir Karaleev ausgewählt hat, nicht nur gefühlt.

Call Time 6 Uhr? Willkommen in der Glitzerwelt eines Laufstegmodels. Wer es am Vorabend nicht zu wild getrieben hat und beispielsweise den 50. Geburtstag von Ex-Soap-Star und Fashion-Fotograf Rainer Meifert in der Kitty Cheng Bar verließ, bevor im Hotel das Frühstücks-Buffet wieder abgeräumt wurde, für den hat es sich gelohnt: Die Kollektion ist in meinen Augen eine der interessantesten dieser Saison.

Hektik-Couture

Der Tross der Promis, Models und Influencer, die es so früh überhaupt schon zurück ins Fashion Week Gefecht geschafft haben, hat einen straffen Terminkalender (Schedule, wie man in der Branche sagt, weil das weniger nach Stundenplan und mehr nach High-Fashion-Hektik klingt) und daher keine Zeit.

Direkt nach dem Closing Model applaudiert man noch kurz dem Designer, nickt den umsitzenden Besuchern zu, die man in den vergangenen Tagen an verschiedensten Stellen der Stadt immer wieder gesehen hat und sich darum auf eine verschwörerische Art und Weise verbunden fühlt. Auch in der Modeindustrie mag man es, irgendwo dazu zu gehören.

Statt die gerade gesehene Show gemütlich in der offiziellen Fashion Lounge ausklingen zu lassen, quetscht man sich im Pulk durch die engen Treppenhäuser des Kaufhaus Jandorf und wird auf der Brunnenstraße in eine Horde Street-Fotografen ausgespuckt, die auf der Suche nach den abgefahrensten Outfits sind. Das führt zu fantastischen Momenten, wenn man sich die Zeit nimmt, kurz inne zu halten und das Szenario ein paar Augenblicke zu beobachten.

Fashion Doppelfehler

Meine Lieblings-Episoden aus dem Klassiker „Das seltsame Verhalten von Modebloggerinnen zur Fashion Week" ist die verzweifelte Bemühung, von diesen Fotografen vor oder nach den Shows fotografiert zu werden und vielleicht über die Verwertungszyklen der Bildagenturen in irgendeinem Online-Magazin zu landen.

Diese Hoffnung führt dann dazu, dass sie sich, nachdem sie unfotografiert das Spalier der Kameras hinabstolziert sind, unauffällig abdrehen, sich an der Seite wieder ins Kaufhaus schleichen und zwei Minuten später noch mal die Stufen des Haupteingangs passieren. Im Tennis nennt man das Second Service.

Bei den meisten reicht auch ein Third oder Fourth Service nichts, das Blitzlichtgewitter bleibt aus. Ich werde oft fotografiert. Wahrscheinlich, weil sich rumgesprochen hat, dass ich jetzt mit Elyas M´Barek verlobt bin. Oder, weil ich eine Yeezy-Sommerjacke trage und allen Fotografen erzähle, dass ich heute Nachmittag auf der Kanye West Show laufe.

Kanye Show von Kanye

Natürlich gibt es keine Kanye Show auf der Berlin Fashion Week. Berlin ist für Kanye, der sich selber für den kreativsten Menschen auf de Welt hält, uninteressant. Außerdem passt der Hintern seiner Frau nicht durch die engen Backstage-Passagen im Kaufhaus Jandorf.

Nach Paris können die Eheleute West-Kardashian auch nicht mehr, seit Kim dort in ihrem eigenen Apartment überfallen wurde. Bleibt für die beiden eigentlich nur noch die Fashion Week New York - aber das wissen ja die Fotografen auf der Brunnenstraße nicht.

Mehr zum Thema: Überfall auf Kim Kardashian: Das soll wirklich in Paris passiert sein

Als endlich alle draußen und die wichtigen und die extrovertierten abfotografiert sind, geht das Hauen und Stechen von vorne los. Dieses mal nicht um Front Row Plätze oder Fotos, sondern um VIP-Shuttles oder wenigstens einem Taxi. Parallel zu Wladimir Karaleev steigt nämlich um die Ecke vom KaDeWe der „GALA Fashion Brunch". Also schnell durch die halbe Stadt.

Der Fashion Brunch ist schon seit Jahren eine Art Institution auf der Fashion Week und traditionell am Freitag, dem letzten offiziellen Showtag. Im Januar, während der Winter-Woche, gab es für uns Gäste viele Geschenke, darunter auch Sex-Toys.

Ich habe anschließend mehrere Familienessen damit verbringen müssen, meiner Großmutter zu erklären, warum eine Zeitschrift, die sie immer beim Friseur liest und die sich aus ihrer Sicht hauptsächlich um Helene Fischer und Veronica Ferres kümmert, Dildos verschenkt.

Mein kurzer Versuch, ihr das Corpus Delicti als übergroßen Kugelschreiber zu verkaufen, scheitert ebenso sang und klanglos, wie die Bemühungen des FC Schalke 04, mal Deutscher Meister zu werden.

The Future Is Female

Gleich nach dem Fashion Brunch und einem köstlichen Soja Latte geht es wohlgenährt weiter. Und das ohne neues Sexspielzeug, jedenfalls, wenn man Riccardo Simonetti mal außen vor lässt.

Im Kronprinzenpalais tobt der VOGUE Salon, eingebettet in den ebenfalls von der Berliner Fashion Week nicht mehr weg zu denkenden Berliner Mode Salon trifft man sich in spätklassizistischem Ambiente auf ein Coconut-Water und führt zumeist die spannendsten Gespräche. Kein Zeitdruck, keine Hektik.

Mit Dr. Jürgen Gessler, dem CEO von Strenesse, plaudere ich über die Philosophie des schwäbischen Designerlabels. Während das Luxuslabel Dior („We Should All Be Feminists") oder die deutsche Designerin Dorothee Schumacher („I Want To Marry A Feminist") bereits durch T-Shirt-Editionen begleitete Kampagnen zum Thema Frauen auf den Weg brachten, setzt Strenesse diese Ausrichtung konsequent und langfristig fort: „Wir sind überzeugt davon - The Future Is Female".

Afternoons In Utopia

Die Zukunft ist weiblich. Das gefällt mir gut. Nachdem ich jetzt die Fashion Week, die Huffington Post Moderedaktion und „Promi Big Brother" übernommen habe (dazu später mal mehr), können meine Kolleginnen und ich, die wir durch das Fehlen des Y-Chromosoms verbunden sind, gleich die gesamte Zukunft der Welt gestalten.

Denn mal unter uns: Würden wir Frauen alles entscheiden, gäbe es vermutlich keine angezündeten Autos in Hamburg-Altona und auf der Fashion Week auch mal Samples, die über Größe 32 hinaus gehen. Ach ja, das wäre schön.

Mehr zum Thema: "Die hat voll den Speckbauch" - Fat shaming auf der Berliner Fashion Week

Euphorisch suche ich mir den Alphaville Song „Afternoons in Utopia" auf meiner Playlist raus und schlendere rüber in den Backstage-Bereich, wo sich die Designerin Marina Hoermanseder bereits intensiv mit ihrer Show am Abend in der Humboldt-Box am Schlossplatz direkt um die Ecke beschäftigt.

Nur vier Stunden vor der Premiere ihrer neuen Kollektion nimmt sie sich dennoch die Zeit für eine Plauderei unter Mode-Verrückten. Vier Stunden später wird ihre neue Sommerkollektion Fachpresse wie VIP-Gäste komplett begeistern. Ein totaler Erfolg für sie - und auch für mich und meine Agenda der tierfreundlichen High-Fashion.

Rain Over Paradise

Marina Hoermanseder verrät mir, dass sie spätestens zur Fashion Week im Januar einige Taschen ohne Leder in der Kollektion haben wird. Marina, die unter anderem für ihre einzigartigen Taschen berühmt ist, geht damit einen weiteren konsequenten Schritt in Richtung Nachhaltigkeit in der Modebranche und erfüllt mir persönlich einen meiner größten Fashion-Träume: Eine Hoermanseder-Tasche ohne tierische Materialien.

Kaum zottelige Tiere dann tatsächlich auch in ihrer Show. Gut, Bill Kaulitz sitzt in der Front Row. Aber er singt nicht, was der Stimmung keinen Abbruch tut. Auch der orkanartige Regen nicht, der bis kurz vor Showbeginn die Outdoor-Location flutet.

Team Hoermanseder ist aber ohnehin vorbereitet und reicht Regenschirme mit durchsichtigem Schirm, damit Trockenheit nicht mit einem Sichtschutz für den Hintermann bezahlt wird.

GNTM-Gewinnerin Céline steht auf dem Laufsteg, Staffel-Kollegin Carina ist immerhin unter den Zuschauerinnen. Wenn man so möchte, eine Parabel auf den Unterschied zwischen der Berufsbezeichnung „Model und Influencer" und „Instagram-Bekanntheit".

Lucy In The Michalsky With Diamonds

Als die letzten Töne des aus Marinas Heimat importierten Falco („Mutter, der Mann mit dem Koks ist da") verhallt sind, bahnen sich die Damen in ihren wenig wasserresistenten High-Heels durch den Zick-Zack-Hinderniskurs um die größten Regenpfützen nach draußen, denn der krönende Abschluss der Sommer-Modewoche schließt sich nahtlos an.

Im eWerk ruft Michael Michalsky die Fashion-Gemeinde noch mal zusammen, um seine „Electric Hedonism" Kollektion zu präsentieren.

Der GNTM-Juror schafft tatsächlich ein absolutes Highlight der Fashion Week, sowohl mit der Inszenierung als auch mit seiner Kollektion. Bei seinen Entwürfen dominieren Schwarz und Weiß, doch auch knallige Farben, metallische und transparente Elemente werden immer wieder aufgegriffen.

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Der Michalsky-Sommer wird in jedem Fall heiß. Fast so heiß, wie das Line-Up seiner Party-Gäste bei der direkt anschließenden StyleNite. Deutschlands Follower-Magneten fallen ihm beim Einlauf auf die VIP-Empore reihenweise in die Arme. Cathy Hummels, Bonnie Strange, Thomas Hayo und diverse GNTM-Kandidatinnen bereits in den ersten drei Minuten.

Am Freitag Abend ist niemand so umschwärmt wie Michalsky, der in legerer weißer Dreiviertelhose, Gürtel in Snake-Optik und schwarzem Sakko wieder mal deutlich macht, dass eine schlechte Frisur nicht bedeutet, dass man schlechte Mode machen muss. Im Gegenteil.

Der letzte offizielle Abend der Berlin Fashion Week wird lang. In einem Laser-Gewitter tanzen die Michalsky-Gäste bis zum frühen Morgen den Stress der Modewoche aus den Designerroben, träumen von der Fashion Week im Januar und verabreden mit wildfremden Tanznachbarn, sich zukünftig stets gegenseitig bei Instagram zu liken. Auch Michael Michalsky liked heute Abend ziemlich viel, vor allem die Witze von Thomas Hayo.

Fast schon ein wenig romantisch, dass die Fashion Week, die für mich jetzt ja unter dem Motto „Future Is Female" steht, mit einer echten Männerfreundschaft zu Ende geht. Auf ein Neues in der Winter-Saison! Ich freue mich!

Grüße aus Berlin,

Marie

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