BLOG

Eine offene Plattform f├╝r kontroverse Meinungen und aktuelle Analysen aus dem HuffPost-Gastautorennetzwerk

Marie von den Benken Headshot

Die Zeit der Gegenrevolution hat begonnen - es ist Zeit, der Angst-Propaganda der AfD entgegenzutreten

Ver├Âffentlicht: Aktualisiert:
GAULAND
Wolfgang Rattay / Reuters
Drucken

Ich komme aus einer Familie voller Historiker. Zum engen Freundeskreis meiner Eltern geh├Ârten KZ-├ťberlebende und gl├╝hende K├Ąmpfer f├╝r Frieden, Toleranz und gegen den Rassismus. Das Thema meiner Abi-Klausur im Geschichts-LK lautete: "Der 30. Januar 1933".

Heute, am Tag der Bundestagswahl, muss ich immer wieder an die Bilder denken, die mir damals, in den kalten Pr├╝fungsr├Ąumen eines Hamburger Gymnasiums Ende der 2000er Jahre, sehr abstrakt und wie aus einer anderen Welt vorkamen.

Kalt ist es heute auch wieder. Es ist sehr k├╝hl geworden in Deutschland, und das liegt nicht am schlechten Sommer oder dem ungem├╝tlichen Herbst, obwohl der Deutsche an sich ja gerne auch mal ├╝ber das Wetter meckert.

Es ist kalt geworden, weil eine Partei ohne Konzept, starken rechtsradikalen Tendenzen bis in die F├╝hrungsspitze und einer Agenda der Angstverbreitung unter Minderbemittelten es geschafft hat, die Atmosph├Ąre entgegen jeder Statistiken, Tatsachen und Wahrheiten in ein Weltuntergangs-Szenario zu verwandeln.

Wir h├Ątten den Einzug der AfD in den Bundestag vermeiden m├╝ssen

Pl├Âtzlich hat die AfD sogar ein zweistelliges Ergebnis erhalten. "Erstmals seit 1945 werden wieder Nazis im Reichstag sitzen" h├Ârt man in den sozialen Medien.

Ô×Ę Mehr zum Thema: Zieht die AfD in den Bundestag, werden zum ersten Mal seit Langem wieder Nazis im Reichstag sprechen

Und das, obwohl nicht nur andere Parteien, sondern vor allem auch Prominente, Influencer, Sportler, Intellektuelle - eigentlich jeder, der sich nicht von erfundenen Horrorgeschichten Angst machen l├Ąsst, monatelang alles getan haben, um dar├╝ber aufzukl├Ąren, welche unw├Ąhlbaren und demokratiefeindlichen Positionen die AfD, ihre f├╝hrenden Strategen und ihre Anh├Ąnger einnehmen, die es teilweise sogar bis ins Parteiprogramm geschafft haben.

Sie alle, wir alle konnten nicht verhindern, was als eine der gr├Â├čten Schanden der Nachkriegszeit in die Geschichtsb├╝cher Deutschlands geschrieben werden wird. Die AfD wird im Bundestag sitzen. Und sie wird nicht mal eine klassische Randpartei sein. Die Frage, was das bedeutet und was sich tats├Ąchlich in Deutschland ├Ąndern k├Ânnte, f├╝hrt mich pers├Ânlich auf einem sehr schmerzhaften Weg direkt wieder zur├╝ck zu jenem uns├Ąglichen 30. Januar 1933.

Damals wie heute gibt es viele Anzeichen daf├╝r, was bestimmte Ideologien verbrechen k├Ânnen. 1933 war es zu sp├Ąt, die gr├Â├čte Katastrophe menschlichen Verbrechens zu verhindern, von der ich je geh├Ârt habe. Heute ist es noch nicht zu sp├Ąt - aber wir m├╝ssen aufwachen. Die Zeit der Gegenrevolution hat begonnen.

Der erste Schritt, der Einzug in den Bundestag, ist getan und schon das h├Ątten wir unbedingt vermeiden m├╝ssen. Wir alle haben versagt. Und jetzt stehen wir vor der Frage: Was bedeutet das f├╝r unser Land?

Am Abend des 30. Januar 1933 schrieb Joseph Goebbels den Satz "Es ist fast wie ein Traum" in sein Tagebuch, w├Ąhrend Nationalsozialisten mit Fackelz├╝gen triumphierend durch das Brandenburger Tor marschierten. Heute, im Zeitalter der sozialen Medien, wird die Fackel durch ├╝berhebliche Sieges-Beschw├Ârungen und "Seht Ihr, uns kann man nicht aufhalten" - Kommentare ersetzt.

Das Triumphgeheule wird aber dasselbe sein, nur lauter, gr├Â├čer und ├╝berall zu h├Âren. Und das, obwohl wir heute alle wissen sollten, dass dieser Traum von Joseph Goebbels zum Alptraum vieler Generationen, V├Âlker, Europas und der ganzen Welt werden sollte.

2017-09-07-1504786616-8796518-CopyofHuffPost4.pngInside AfD - Die Community f├╝r Kritiker der Rechtspopulisten

Protest kann man nicht w├Ąhlen, Menschlichkeit schon

So wie der 30. Januar 1933 das Ende der Weimarer Republik bedeutete, bedeutet der 24. September 2017 das Ende der nazifreien Zeit im Reichstag. Damals empfanden viele Deutsche die politische Lage in ihrem Land als "demokratisches Chaos" und wandten sich der NSDAP zu.

Heute hat es die AfD geschafft, mit Themen wie Fl├╝chtlinge (die sie konsequent Migranten nennen) und Islam (der ausschlie├člich im Kontext mit Terror genannt wird) wieder die ersten Massen dazu zu bewegen, der Demokratie einen Denkzettel verpassen zu wollen. Aber Protest kann man nicht w├Ąhlen. Menschlichkeit schon. Und hier verlieren wir dann alle.

Ô×Ę Mehr zum Thema: Ex-Bundesrichter zeigt AfD-Politiker Gauland wegen Volksverhetzung an

Alle, die sich monatelang in liberaler Hysterie ├╝ber die AfD echauffiert oder lustig gemacht haben. Alle, die mit verheerend unsinnigen Aktionen wie der ├ťbernahme vieler AfD-Fanseiten auf Facebook das Bild einer Opfer-Partei, die "von oben" gema├čregelt werden soll, weil sie die einzigen sind, die die Wahrheit aussprechen, bef├Ârdert haben. Alle, die wir der AfD damit ein Full House in die Karten gespielt haben. Wir alle haben versagt.

Die Parallelen zu 1933 lassen sich kaum kaschieren

Nach dem 30. Januar 1933 ging es schnell. Unter Wahrung des Anscheins verfassungsm├Ą├čiger Legitimit├Ąt schalteten die Nationalsozialisten innerhalb k├╝rzester Zeit ihre politischen Gegner mit Gewalt aus und bem├Ąchtigten sich der staatlichen Machtinstrumente.

Als diese "nationale Erhebung" im Sommer 1934 ihren Abschluss fand, waren Demokratie und Pluralismus in Deutschland zerst├Ârt, ohne dass es zu nennenswerter Gegenwehr gekommen w├Ąre.

Auch die AfD spricht offen aus, dass sie die Demokratie f├╝r kaputt, politische Gegner und insbesondere die Regierung f├╝r kriminell und die freie Presse f├╝r L├╝gner h├Ąlt. Man muss kein Interpretationsweltmeister sein, um sich auszumalen, was eine Partei mit dieser Ausrichtung so alles in die Wege leiten wird, wenn sie Gelegenheit dazu bekommt.

Direkt nach der Wahl 1933 begann Hitlers NSDAP unter der Parole "Kampf dem Marxismus" einen Wahlkampf mit hohem Propagandaaufwand und Terror gegen Oppositionelle. Mit staatlicher R├╝ckendeckung begingen Nationalsozialisten ungez├Ąhlte ├ťbergriffe auf Kommunisten und Sozialdemokraten, sowie auf j├╝dische Abgeordnete.

Auch heute m├Âchte die AfD auf Frauen und Kinder an der Grenze schie├čen lassen und Mitglieder anderer Parteien "├╝ber Anatolien entsorgen". Es ist ein etwas anderer Jargon, aber die Parallelen lassen sich kaum mehr kaschieren. Die Masken fallen.

2017-07-23-1500833626-3203653-DerHuffPostWhatsAppNewsletter6.png
Die wichtigsten News des Tages direkt aufs Handy - meldet euch hier an.

Die AfD will unsere Grundrechte aufheben

Am 17. Februar 1933 legitimierte das Innenministerium den Gebrauch von Schusswaffen gegen politische Gegner. Bereits im April 1933 sa├čen 25.000 "Regimefeinde" in "Schutzhaft". Noch im Fr├╝hjahr 1933 begannen SA und SS mit der Errichtung von Konzentrationslagern in Dachau und Oranienburg.

Heute behaupten hochrangige AfD Politiker, diese Konzentrationslager h├Ątten erst die Alliierten errichtet und man sollte wieder stolz sein auf die Soldaten im zweiten Weltkrieg. Und nat├╝rlich sollen s├Ąmtliche Ausgaben f├╝r Aufarbeitung des Nationalsozialismus gestrichen werden.

Ô×Ę Mehr zum Thema: AfD-Politiker Gauland: Deutsche sollen stolz auf "Leistungen deutscher Soldaten in zwei Weltkriegen" sein

Dazu passt auch die Bestrebung der AfD, das zu ├Ąndern, was uns jahrzehntelang als selbstverst├Ąndlich galt: Datenschutz, Religionsfreiheit, Pressefreiheit, Gleichberechtigung, Klimaschutz, offene Grenzen und Gesellschaft.

Die Nationalsozialisten bedienten sich bei der Festigung ihrer Macht neben Gewalt und Terror vor allem ihrer allgegenw├Ąrtigen Propaganda. Die "nationalsozialistische Revolution" sollte Deutschland retten. So, wie Hitler seiner Zeit als "Heilsbringer" und "Retter des deutschen Volkes" etabliert wurde, sieht sich die AfD als einzige Partei, die "unser Vaterland rettet".

Wovor d├╝rfte klar sein, da die AfD mit ihrer Angst-Propaganda ja bereits die entsprechenden Feindbilder selber erfunden und gen├Ąhrt hat. Aber womit? Wenn es beispielsweise nach Bj├Ârn H├Âcke geht, unter anderem durch die Abschaffung der ┬ž 86 und 130 des Strafgesetzbuches.

Nach diesen Paragraphen sind das "Verbreiten von Propagandamitteln verfassungswidriger
Organisationen", das "Verwenden von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen" und
"Volksverhetzung" verboten. Insbesondere ist nach ┬ž 130 Abs. 3 die "Auschwitzl├╝ge" und nach ┬ž 130 Abs. 4 das Verherrlichen des Nazi-Regimes verboten.

1933 darf sich nie wiederholen

Noch ist in Deutschland kein Politiker der AfD in einer Position, signifikanten Einfluss auf die politischen Grundwerte zu nehmen. Aber die Jahre nach 1933 lehren uns, was passiert, wenn Rechtspopulisten, Rassisten und Nazis Macht erhalten. Jeder, der im Geschichtsunterricht nicht v├Âllig abgeschaltet hat, erinnert sich.

Es folgten auf den 30. Januar 1933 unter anderem das "Erm├Ąchtigungsgesetz", der "Arierparagraph", die B├╝cherverbrennung vom 10. Mai 1933, das "Gesetz zur Verh├╝tung erbkranken Nachwuchses", das "F├╝hrerprinzip", die Zerschlagung der Gewerkschaften, Aufl├Âsung der Parteien und die Gleichschaltung als Vorboten und Vorbereitung zu zahlreichen, beispiellosen und f├╝r mich kaum in Worte fassbaren Kriegsverbrechen und Verbrechen an der Menschlichkeit wie Massenmorde und Holocaust.

Wir alle m├╝ssen darauf vorbereitet sein, dass Deutschland sich mit der AfD im Bundestag ver├Ąndern wird. Dass das Land sich spalten wird. Aber wir sollten dabei eines nie vergessen: 1933 darf sich niemals wiederholen. Nicht im Ansatz, nicht im Entferntesten.

Das ist die gr├Â├čte Aufgabe unserer Generation in diesem Land. Stellen wir uns ihr.

____

Lesenswert:

Leserumfrage: Wie fandet ihr uns heute?

2017-03-08-1488965563-6721107-iStock482232067.jpg

Ihr habt auch ein spannendes Thema?
Die HuffPost ist eine Debattenplattform f├╝r alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blog-Team unter blog@huffingtonpost.de.

googletag.pubads().setTargeting('[cnd=cld]').display('/7646/mobile_smart_us', [300, 251],'wxwidget-ad');