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Ich habe eine afrikanische Schule besucht und weiß jetzt: Bildung hat für die Menschen dort einen unglaublichen Wert

28/09/2017 17:24 CEST | Aktualisiert 28/09/2017 17:24 CEST
Akintunde Akinleye / Reuters

Bordeauxrote oder marineblaue Schuluniformen, diszipliniert in einer Reihe aufgestellte Grundschulkinder mit schwarzen Rucksäcken und Ledersandalen, hohe Stacheldrahtzäune um das Gelände und Frontalunterricht: Als ich zum ersten Mal in einer High School in der südafrikanischen Stadt Kuilsrivier saß, war vieles anders als gewohnt.

Die Schülerinnen und Schüler waren disziplinierter im Unterricht und umso aufgedrehter in den Pausen.

Der Unterricht kannte keine Gruppenarbeiten, sondern in erster Linie Monologe der Lehrpersonen sowie viele Texte. In einer Klasse waren oft bis zu fünfzig Schülerinnen und Schüler.

Selten habe ich so engagierte Schüler erlebt, wie in Südafrika

Ich war auf einer Reise an den südafrikanischen Westkap, die von einem katholischen Sozialverband organisiert wurde. Die Projektpartnerin vor Ort hatte uns für einen Tag an die Schule eingeladen, an der sie selbst seit vielen Jahren unterrichtete, obwohl sie eigentlich längst in Rente gegangen sein sollte.

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Kaum ein Schüler wollte uns glauben, dass Deutschland trotz der Entfernung tatsächlich dieselbe Zeitzone hat wie Südafrika. Selten habe ich Schüler so interessiert und engagiert erlebt.

Auf der Rückfahrt kamen wir mit einem jungen Lehrer ins Gespräch, der gerade die Universität verlassen und zu unterrichten begonnen hatte. Er war aufgeweckt und voller Energie, sprach mit viel Leidenschaft von seinem Job und auf unseren Kommentar hin, dass er eine gute Persönlichkeit hätte, um Lehrer zu werden, winkte er ab.

Er hätte doch gerade noch studiert und jetzt erst begonnen, Lehrer zu sein. Er hätte noch viel zu lernen. Während wir das eingezäunte Schulgelände verließen und über die holprige Straße an bunten Steinhäusern auf der einen und Wellblechhäusern auf der anderen Seite entlangfuhren, sprach er aber auch von einer hohen Rate von Schulabbrechern, von HIV und anderen Krankheiten, von Gewalt, Gangs und Übergriffen.

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130 Millionen Mädchen haben weltweit keinen Zugang zu Bildung

Aber geht es dem gesamten Land ähnlich? Tatsächlich erreichten von allen Schülern, die sich 2014 für das 10. Schuljahr an einer südafrikanischen Sekundarschule einschrieben, 2016 nur 30,2 Prozent einen Schulabschluss - mehr als zwei Drittel verlassen die Schule ohne Abschluss. In Deutschland trifft das nur auf jeden 17. Jugendlichen zu.

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Zugleich weisen neue Zahlen darauf hin, dass in Südafrika die Armut wieder ansteigt: Mehr als die Hälfte der Bevölkerung galt 2015 als arm und lebte damit unterhalb der Armutsgrenze von 992 Rand (etwa 66 Euro) im Monat.

Dabei zählen sowohl Kinder bis siebzehn Jahre als auch Personen ohne Schulabschluss zu den Gruppen, die besonders von Armut betroffen sind. Das südafrikanische Online-Nachrichtenmagazin ‚Daily Maverick' nennt dabei nicht zuletzt Probleme im Bildungssektor als Grund für die steigende Armut.

Der diesjährige Bericht"Armut ist sexistisch" der Entwicklungsorganisation ONE zeigt, dass Südafrika damit keinesfalls ein Einzelfall ist: Allein 130 Millionen Mädchen haben weltweit keinen Zugang zu Bildung - so viele Menschen, wie in Großbritannien und Frankreich zusammen leben.

Würden diese Mädchen ein eigenes Land bilden, wäre es das zehntgrößte Land der Welt. Das hat verheerende Folgen: Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Mädchen als Kind verheiratet wird, sich mit Krankheiten wie HIV ansteckt oder jünger stirbt, ist weit höher, wenn es keine Schule besucht.

Bildung hat für die Menschen dort einen unglaublichen Wert

Bildung ist ein wichtiger Faktor, um die Entwicklung eines Landes anzutreiben. ONE fand heraus, dass jedes zusätzliche Schuljahr ein späteres Mehreinkommen von 12 Prozent für Mädchen darstellt.

Es kostet Entwicklungsländer jährlich 92 Milliarden US-Dollar, wenn Mädchen schlechter gestellt sind als Jungen. Dabei ließe sich dieses Geld gut investieren.

Um mich für mehr Bildung für Mädchen und Jungen weltweit einzusetzen, bin ich seit dem Frühjahr 2017 Jugendbotschafterin für ONE. Ich bin mit Passanten, Interessierten und Politikern ins Gespräch gekommen und habe mich mit verschiedenen Berichten und Forderungen auseinandergesetzt. Bildung ist für viele von uns ein ganz selbstverständlicher Teil unseres Alltags, für viele hat sie einen unglaublichen Wert.

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"Bildung macht Spaß"

Eine persönliche Begegnung: Vor einem Monat war ich auf dem Kölner MitAfrika-Festival, um zu erfahren, welchen Bezug die Menschen zu Bildung haben.

Dort traf ich einen Vater mit seinem Sohn. Ich fragte den Mann, ob er Lust hätte, auf einem Plakat zu notieren, was Bildung ihm persönlich bedeute und ihm in seinem Leben ermöglicht hätte. Während er zögerlich abweisend reagierte, wirkte sein Sohn neugierig.

Deswegen erkundigte ich mich bei ihm, ob er bereits zur Schule gehe, woraufhin er nickte. Ich hielt ihm den Edding-Stift hin und fragte ihn, wie ihm die Schule denn gefalle.

Schon im nächsten Moment war ich mir sicher, dass ich diese Frage bitter bereuen würde. Hätte ich selbst in dem Alter gesagt, dass Schule mir Spaß machen würde?

Vielleicht nicht. Dem Jungen funkelten jedoch die Augen und einige Minuten später stand in noch recht krakeliger Kinderschrift folgendes auf dem Plakat:"Bildung macht Spaß".

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Lesenswert:

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