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Afrika ist ein Kontinent mit Riesenchancen

21/07/2017 17:42 CEST | Aktualisiert 01/08/2017 15:12 CEST
JohnnyGreig via Getty Images

Afrika? Den Kontinent kennen viele nur von Kampagnenpostern entwicklungspolitischer Organisationen, die weinende, ausgehungerte Kleinkinder zeigen und um Spenden werben. Dass uns in erster Linie negative Botschaften über Afrika erreichen, verzerrt nicht nur unser Bild des Kontinents, es hemmt ihn auch in seiner Entwicklung.

Der Bus, der mich jeden Morgen zur Uni fährt, ist seit neustem mit einem kleinen Bildschirm ausgestattet, auf dem Videos abgespielt werden können. Meist sind es Werbeanzeigen von Unternehmensberatungsfirmen, von lokalen Zahnärzten und seit neustem auch von einer Organisation aus der Entwicklungszusammenarbeit.

Die Videos zeigen den Untertiteln zufolge Bilder aus Äthiopien und Nigeria, es spielen mehrere Frauen und einige Kinder, aber niemals Männer mit. Sie lächeln nie, sondern schauen ausdruckslos in die Kamera, während man im Hintergrund eine karge Landschaft sieht. Am Ende bittet die Organisation, die hinter dem Video steht, um Spenden.

Wenn ich mit Menschen über Entwicklungspolitik spreche, frage ich mich oft, woher sie die Informationen haben, anhand derer sie sich ihre Meinung bilden. Nur wenige waren selbst einmal beispielsweise in einem afrikanischen Land. Noch weniger waren jemals für eine Institution aus der Entwicklungszusammenarbeit tätig.

Ich finde, dass Entwicklungspolitik uns auch dann etwas angehen muss, wenn wir noch nie in einem Land mit niedrigem Einkommen gewesen sind. Aber warum "wissen" wir dann, was dort passiert? Was bewegt Menschen in Europa und anderen westlichen Ländern dazu, zu spenden?

Meist sind es wohl eben Videos wie das, welches mich auf meinem Weg in die Uni begleitet, oder solche, die uns in unserem Alltag in Zeitungen und im Fernsehen ständig begegnen und oftmals von Organisationen kommen, die an unser Solidaritätsgefühl appellieren möchten.

Investitionen sind nötig

Die Zahlen sprechen dafür, dass das 21. Jahrhundert nicht umsonst als "Afrikas Jahrhundert" bezeichnet wird: Die afrikanische Bevölkerung wird sich nicht nur bis 2050 auf 2,5 Milliarden Menschen verdoppeln, sondern diese Bevölkerung wird bald auch die jüngste der Welt sein.

Bis 2050 wird der afrikanische Kontinent zehnmal so viele Unter-25-Jährige beheimaten wie die Europäische Union. Eine so unglaublich große Menge von jungen Menschen ist die Innovationskraft, die Afrika braucht.

Experten schätzen, dass Afrika sein Bruttoinlandsprodukt in den kommenden dreißig Jahren um jährlich 500 Milliarden US-Dollar steigern kann, wenn es das Potential seiner Jugend ausschöpft. Dafür braucht es Investitionen in Bildung, Beschäftigung und Beteiligung.

Mehr zum Thema: Wie wir mit Investitionen Armut bekämpfen können

Sie können Afrika nicht nur in seiner Entwicklung unterstützen, sondern haben auch die besten Voraussetzungen, um auf fruchtbaren Boden zu stoßen: Aktuell importiert Afrika ein Drittel seiner Waren, aber das Konsumvolumen von afrikanischen Haushalten und Unternehmen wird bis 2025 einen Umfang von über 5,5 Billionen US-Dollar umfassen.

Werden die Produktionsbedingungen vor Ort verbessert, können afrikanische Unternehmen selbst drei Viertel der potentiellen Nachfrage ihres Kontinents decken - und damit nicht zuletzt 14 Millionen neue Jobs innerhalb der nächsten zehn Jahre schaffen.

Krieg, Hunger und Hilflosigkeit

Niemand, der diese Zahlen kennt, kann anzweifeln, dass es Investitionen sind, die Afrika braucht. Seit März 2017 bin ich Jugendbotschafterin für ONE, eine entwicklungspolitische Lobby- und Kampagnenorganisation, die sich für das Ende extremer Armut und vermeidbarer Krankheiten einsetzt.

In Gesprächen mit Passanten, Freunden und Interessierten spüre ich immer wieder, dass Investitionen in Afrika vielen vor allem als eines erscheinen: absurd. Wenn ich im Bus auf dem Weg in die Uni sitze und mir anschaue, welches Afrika diese Videos porträtieren, dann kann ich das auch verstehen.

Afrika ist für viele von uns unglaublich weit entfernt. Und Entwicklungspolitik? Die wird gerne als sinnlos abgestempelt. Wer von uns hat schließlich schon einmal mit eigenen Augen gesehen, was sie bewirken kann? Die wenigsten.

Wer sich viele der Videos, die in Werbespots und auf den YouTube-Kanälen entwicklungspolitischer Organisationen zu finden sind, anschaut, wird immer wieder auf ein bekanntes Muster stoßen: Die Ideen, wie man den Menschen in den Videos helfen kann, stammen meist nicht von ihnen selbst, sondern von den europäischen bzw. US-amerikanischen Organisationen oder anderen westlichen Experten.

Die afrikanische Bevölkerung hingegen wirkt hilflos, oft werden Frauen und Kinder lieber dargestellt als Männer. Themen wie Krieg und Hunger spielen eine große Rolle.

Es geht auch anders

ONE beweist seit einiger Zeit, dass es so aber nicht sein muss: Was Fußball und Schuhe in Sambia mit Gesundheit zu tun haben, eine kritische Betrachtung der Frage, ob eine Welt ohne Hunger möglich ist, und wie ein Sportverein in Kenia das Leben junger Mädchen verändert - sowohl auf ONEs Blog als auch in Sozialen Netzwerken wie Facebook und YouTube wird deutlich, wie viel Kraft und kreativer Innovationswillen in dem afrikanischen Kontinent steckt. Die Inhalte sind nicht pessimistisch, sie fassen Situationen nicht als Probleme, sondern als Herausforderungen auf und geben der afrikanischen Bevölkerung eine Stimme.

Das Argument, dass wir längst abgestumpft sind und nur negative Werbung ihren Zweck erfüllt, Spendengelder zu erhöhen, stimmt einfach nicht. Nicht wenige Europäer haben aufgrund eben dieser negativen Öffentlichkeitsarbeit längst den Glauben daran verloren, dass ihre Spenden etwas bewirken können, denn positive Entwicklungen schaffen es bedeutend seltener in die westlichen Medien.

Die Kraft Afrikas entfesseln

Viel wichtiger ist, dass Afrika in den Augen europäischer Investoren zu dem werden muss, was es in Wirklichkeit ist: ein Kontinent mit Riesenchancen. Werden die richtigen Maßnahmen ergriffen, wie zum Beispiel die effektive Bekämpfung von Korruption und eine Verbesserung der Infrastruktur, ermöglicht dies afrikanischen Regierungen, hochwertige Jobs für die 450 Millionen neuen Arbeitskräfte zu schaffen, die bis 2035 auf den Arbeitsmarkt kommen werden.

Zu den Menschen, die ihre Informationen über Länder mit niedrigem Einkommen zu einem großen Teil aus Medieninhalten beziehen, die von Journalisten und entwicklungspolitischen Organisationen produziert werden, zählen aber nicht nur Studentinnen, Familienväter und andere Privatpersonen, die potentielle Spender sein können.

Zu ihnen gehören auch diejenigen, die über die Macht verfügen, eben jene Maßnahmen durchzuführen, die der wachsenden jungen Bevölkerung Afrikas eine Zukunft, Bildung und adäquate Arbeitsplätze ermöglichen - kurz: Perspektiven schaffen. Dafür müssen sie aber verstehen, welches Potential in Afrika steckt.

Aus diesem Grund dürfen wir uns nicht dem Glauben hingeben, Afrika sei hilflos. Wir müssen uns die Zahlen anschauen und verstehen, welche Kraft in dem Kontinent steckt und was sich nicht nur an unseren Maßnahmen, sondern auch an unserem Afrikabild ändern muss, damit der Kontinent seine volle Kraft entfalten kann.

Auch Du kannst einen großen Beitrag dazu leisten, dass Afrika seine Kraft entfaltet: Im aktuellen Bundestagswahlkampf muss Armutsbekämpfung in aller Munde sein. Deshalb mach jetzt den Mund auf gegen Armut und für eine starke Entwicklungszusammenarbeit zwischen Deutschland und Afrika.

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