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Ihr Körper, ihre Rechte

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Eine neue Studie aus Äthiopien holt das Thema sexuelle Aufklärung von jungen Frauen mit intellektueller Behinderung vor den Vorhang und möchte damit auch ein gängiges Tabu rund um die Sexualität von Menschen mit Behinderungen in Entwicklungsländern brechen.

Die Sexualität von Menschen mit Behinderungen wird oft als Tabuthema angesehen. Gerade Frauen mit intellektueller Behinderung in Entwicklungsländern sind häufig mit dem Vorurteil konfrontiert, unfruchtbar oder asexuell zu sein, weshalb ihnen der Zugang zu Sexualkunde, zu Verhütungsmitteln, Information zu Menstruation, Zugang zu Hygieneartikeln und HIV/AIDS-Tests oft bewusst oder aus Nichtwissen verwehrt wird.

Aber auch ihr Risiko für sexuelle Übergriffe steigt, da Täter annehmen, ihre Opfer seien frei von HIV oder anderen Geschlechtskrankheiten. Zudem wissen junge Frauen und Mädchen oft nicht, wie sie sich schützen können. Frauen mit Behinderungen werden nach Angaben der Weltbank sogar bis zu dreimal häufiger Opfer von sexueller Gewalt als nicht behinderte Frauen.

Aufgrund mehrfacher Stigmatisierung durch Geschlecht und Behinderung erleben viele junge Frauen mit intellektueller Behinderung in Entwicklungsländern eine doppelte Ausgrenzung. „Diese jungen Frauen und Mädchen haben oft keine Gleichaltrigen, mit denen sie sich über Sexualität oder Fragen zu Menstruation und Hygiene austauschen können", erklärt Inklusionsexpertin Marieke Boersma von der Fachorganisation Licht für die Welt.

Gemeinsam mit dem Community Based Rehabilitation Network Ethiopia hat sie in einem Pilotprojekt in Äthiopien untersucht, welche Erfahrungen junge Frauen mit intellektueller Behinderung und ihre Mütter im Bereich sexueller Aufklärung und Familienplanung gemacht haben.

„Weltweit befassen sich nur sehr wenige Studien mit der Thematik, deshalb wollten wir diese Lücke ein Stückchen füllen", erzählt Boersma. Gerade die Erfahrungen von Mädchen aus Entwicklungsländern seien kaum bekannt - dabei lebe die weltweite Mehrheit aller Frauen mit intellektueller Behinderung in unterprivilegierten Regionen in Afrika, Asien und Lateinamerika.

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Symbolfoto: Junge Frauen und Mädchen mit intellektueller Behinderung in Entwicklungsländern sind häufig von Informationen zu sexueller Aufklärung, Körper, Familienplanung ausgeschlossen. // Foto: Ulrich Eigner, Licht für die Welt

„Die meisten Mädchen und Mütter, mit denen wir im Zuge unseres Projekts gesprochen haben, waren froh, offen über diese Themen sprechen und Fragen stellen zu können", erklärt Marieke Boersma, die aus den Niederlanden stammt und seit über 10 Jahren in Äthiopien lebt und arbeitet.

In ihrer täglichen Arbeit mit lokalen Behinderten-Organisationen stellte sie fest, dass nur sehr wenig Wissen vorhanden ist, wie Organisationen und Einrichtungen Frauen und Mädchen mit intellektueller Behinderung zu Themen wie Sexualaufklärung und Familienplanung beraten können.

Die Entwicklungszusammenarbeit habe oftmals einen „Blindspot" beim Thema Sexualität von Menschen mit Behinderungen. Selbst in Projekten für Menschen mit Behinderungen, gehen Themen zu sexueller Aufklärung meist unter.

„Unsere Fieldworker treffen immer wieder auf Mädchen mit intellektueller Behinderung, die nicht wissen, dass oder warum sie ihre Periode haben. Oder, wie sie Hygieneartikel verwenden und sich waschen können", erklärt die Inklusionsexpertin. Andererseits seien unter ihnen auch Mädchen, die gerne eine Familie gründen möchten, aber deren Eltern sie aufgrund der Behinderung nicht als heiratsfähige Frauen ansehen.

Die 18-jährige Worke möchte eine Familie gründen

Eine der jungen Frauen ist die 18-jährige Worke (Name geändert). Worke hat eine leichte Form des Down-Syndroms und lebt in der Stadt Awassa in Äthiopien. Trotz ihres Alters hat ihre Mutter Beletu (Name geändert) nie mit ihr über Sexualität oder Familienplanung gesprochen.

„Das ist mir nie in den Sinn gekommen", erzählt die Mutter der jungen Frau, „Seit sie ihre Tage bekommen hat, mache ich mir nur immer Sorgen, dass einer sie durch eine List dazu bringt, mit ihm zu schlafen und dass sie damit eine zusätzliche Bürde für die Familie wird." Worke ist überhaupt nicht schüchtern darin, ihrer Familie über ihre Wünsche für die Zukunft zu erzählen.

Sie möchte einmal ein Kind und einen Freund haben. Ihrer Mutter gefällt der Gedanke nicht. „Ich schimpfe mit ihr, wenn sie davon anfängt", gibt Beletu zu. „Ich sage ihr immer wieder, dass sie niemals heiraten wird."

Wie im Fall von Worke wird der Bedarf von jungen Frauen mit Lernschwierigkeiten nach sexueller Aufklärung und Gesprächen über die Familienplanung oft nicht gehört und bewusst ignoriert. Ihre Sexualität gilt häufig als Tabu.

Eine Studie fand heraus, dass Mädchen mit intellektueller Behinderung Zugang zu sexueller Aufklärung vorenthalten wird, weil oft angenommen wird, sie „brauchen sie nicht" oder sie „bringt die Mädchen nur auf falsche Gedanken."

Manchmal möchten Eltern ihren Töchtern aber auch proaktiv Informationen zugänglich machen, tun sich aber schwer dabei, ihnen das Thema in Leichter Sprache, also auf verständliche Art und Weise, näher zu bringen.

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Symbolfoto: Familienmitglieder spielen eine zentrale Rolle in der Aufklärung von jungen Frauen und Mädchen mit intellektueller Behinderung // Foto: Ulrich Eigner, Licht für die Welt

„Mädchen wie Worke durchlaufen die Pubertät genauso wie Mädchen ohne Behinderungen in dem Alter", betont Marieke Boersma. „Sie wollen ihre Sexualität erforschen und ihre Wünsche ausdrücken, sind dabei aber besonders verletzlich."

Junge Menschen mit intellektueller Behinderung werden fast fünf Mal häufiger Opfer von sexueller Gewalt als Kinder ohne Behinderungen. Boersma betont, dass sexuelle Aufklärung der Mädchen - aber auch ihres Umfelds - einen wichtigen Beitrag leisten kann, den jungen Frauen mehr Selbstbewusstsein und Sicherheit zu geben.

In einem Workshop widmen sich die Mädchen spielerisch dem Thema Aufklärung

Lokale Partnerorganisationen von Licht für die Welt führten deshalb im Rahmen des Pilotprojekts einen mehrtägigen Sensibilisierungs-Workshop mit jungen Frauen und ihren Müttern durch.

Auf Postern brachten die Mädchen ihre Sorgen und Ängste auf Papier und reflektierten gleichzeitig Erlerntes aus dem Workshop. Mithilfe von Puppen wurde den Mädchen gezeigt, wie sie beispielsweise Binden wechseln können.

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Zeichnung: Das Poster wurde von den Mädchen beim Workshop angefertigt. Die obere Szene zeigt eine Mutter, die ihrer Tochter eine Binde überreicht, die die Tochter dann in die Kleidung einlegt. Die untere Szene zeigt Mutter und Tochter; die Tochter hat Blutflecken auf ihrer Kleidung.

Die Mädchen entwickelten für sich und ihre Mütter einfache Theaterstücke und Rollenspiele, um ihre Fragen und Bedürfnisse auszudrücken. „Mich hat es sehr beeindruckt, wie die Mädchen immer selbstbewusster geworden sind und betont haben, dass sie ab jetzt beispielsweise zur Polizei gehen, wenn sich ihnen jemand auf der Straße auf unangebrachte Art und Weise nähert'", erzählt Marieke Boersma.

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Der Reflexionsprozess habe etwas mit den Mädchen gemacht, sie hatten sich überlegt, was sie wollen und was nicht. „Wir wollte mit unserem Pilotprojekt und dem Workshop vor allem Bewusstsein in den Köpfen der Beteiligten schaffen. In Zukunft würden wir gerne auf dieses Wissen aufbauen und ermutigen unsere Partner, das Thema aufzugreifen", erklärt Marieke Boersma.

Wichtig sei auch, dass die Mädchen mit intellektueller Behinderung in Maßnahmen der äthiopischen Gesundheitsbehörden berücksichtigt werden, die sich momentan sehr aktiv um die Themen Familienplanung und Verhütung bemühen, betont Boersma. Und die Arbeit mit den Mädchen solle in Zukunft partizipativer gestaltet werden: „Wir möchten, dass die Mädchen bei zukünftigen Aktivitäten noch stärker mitentscheiden, z.B. wie die Workshops aufgebaut sind."

Mädchen, die wie Worke in armen Regionen leben, haben dasselbe Recht auf Zugang zu sexueller Aufklärung und Informationen zu Familienplanung wie jeder andere Mensch. Eine Ausgrenzung der Mädchen aus diesem Lebensbereich trägt nur weiter zu sozialer Ausgrenzung bei und untergräbt ihre Menschenrechte.

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