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Wenn 120 Prozent nicht genug sind - Zur unhaltbaren Situation in den Berliner Jugendämtern

27/04/2017 10:31 CEST | Aktualisiert 27/04/2017 10:54 CEST
dpa

Die personelle Situation an den Berliner Jugendämtern ist seit Jahren problematisch. Viele Stellen sind unbesetzt, Ausschreibungsverfahren dauern oft lange und qualifiziertes Personal wird händeringend gesucht. Die Situation ist schlicht katastrophal.

Seit Jahren können nicht einmal die bereits vorhandenen Stellen besetzt werden. Ämter, Träger und Verbände haben mit Brandbriefen wiederholt auf den Alltag in den Jugendämtern hingewiesen.

Die Behörden stehen nichtsdestotrotz in der Pflicht, Kindeswohlgefährdungen zu erkennen und bei Bedarf zu handeln, um Kindern und ihren Familien helfen zu können.

Kinderschutz darf nicht liegen bleiben! Das bedeutet im Umkehrschluss: Das Personal in den Jugendämtern muss 120 Prozent leisten, um die tägliche Arbeit zu bewältigen, oft verbunden mit freiwilligem Engagement über die Arbeitszeit hinaus.

Wie kam es dazu? Ein kurzer Rückblick.

Wie konnte es soweit kommen? Das ist eine berechtigte Frage, deren Antwort genau wie das Problem vielschichtig ist. Das liegt zunächst daran, dass die Bezirke in den letzten 15 Jahren vor allem Personal abbauen mussten.

Oft ging es dabei auch um pauschale Kürzungen an Personalstellen, qualitative Untersuchungen und Bedarfe spielten dabei nur nachrangig eine Rolle. Um beim Schuldenabbau Erfolge zu feiern, ernten wir heute eine andere Folge: Es fehlt eine ganze Generation von Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeitern.

Besonders merkt man diese Situation bei den Regionalen Sozialen Diensten (RSD), genau dort, wo der Kontakt der Behörde mit realen Schicksalen stattfindet. Der RSD ist Anlaufstelle für Eltern, Alleinerziehende, Kinder und Jugendliche sowohl für Erziehungsprobleme aber auch bei familiären Schwierigkeiten - also genau die Stellen mit einer hohen Wirkung nach außen. Der Personalmangel macht sich hier umso stärker bemerkbar.

Die Hochschulen haben bis vor kurzem nicht einmal mehr für die Arbeit im RSD ausgebildet und es gibt immer noch Hochschullehrer*innen, die ihren Studierenden abraten im RSD zu arbeiten.

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Das ist kontraproduktiv, aber im Hinblick auf den Berufsalltag mehr als verständlich. Vor allem auf frisch Ausgebildete lastete der Druck enorm: Ein Einstiegsjob mit höchsten Anforderungen und stets die realen Auswirkungen auf Kinder und Jugendliche vor Augen.

Verschärft wird die personelle Situation dadurch, dass der demographische Wandel in den Behörden besonders spürbar ist und viele erfahrene Fachkräfte in den Ruhestand gehen.

Meine Anfrage zeigt: Regionale Soziale Dienste sind dramatisch unterbesetzt

Schnelle Besserung ist nicht in Sicht. Zuletzt mahnten im März mehrere Träger vor allem die Situation in Tempelhof-Schöneberg und Friedrichshain-Kreuzberg an.

Auf meine anschließende Anfrage bei der Berliner Senatsverwaltung haben sich diese Bedenken eindrucksvoll in Zahlen bestätigt. Von 851 Stellen für den RSD in Berlin sind derzeit nur 725,5 besetzt. 125,5 sprich 14,75 % der Stellen waren zum 01. März 2017 in Berlin unbesetzt.

Im besagten Problembezirk Tempelhof-Schöneberg, gibt es zwar mit 86 Planstellen die meisten Stellen, allerdings sind dort mit 16,8 freien Stellen zeitgleich die meisten unbesetzt (zu den Zahlen für die jeweiligen Bezirke, s. Abbildung).

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Das merken die Betroffenen vor Ort bei ihrem Weg zum Jugendamt. In Tempelhof-Schöneberg müssen zwangsläufig schon durch längere Schließzeiten die Leistungen eingeschränkt werden, um die bestehenden Fälle abarbeiten zu können.

Dies widerspricht zwar dem Sinn der Behörde, die genau für den Kontakt mit den betroffenen Kindern, Jugendlichen und Familien gedacht ist, ist aber in der jetzigen Situation gar nicht anders zu leisten.

Die Folge in der Praxis verwundert dann nicht: Nicht geklärte Zuständigkeiten, Nicht-Erreichbarkeit von Mitarbeiter*innen, die Verschleppung von Hilfeplänen und Kostenübernahmen führen immer häufiger zu Unklarheiten und Irritationen.

Wenn Träger und Betroffene keine Ansprechpartner mehr im Amt finden ist die Resignation groß. Nicht selten führt dies in Folge auch zu Rechtsstreiten vor den Amtsgerichten, in denen die Leistungen eingeklagt werden müssen.

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Als Anwältin sehe ich dabei, dass dies oft nicht daran liegt, dass die Behörden eine andere Auffassung vertreten oder nicht wollen, sondern es schlicht der Überarbeitung der Mitarbeiter*innen in den Ämtern zu erklären ist.

Meine Anfrage zeigt auch, dass es den Bezirksämtern derzeit nicht alleine gelingen kann, die unbesetzten Stellen in naher Zukunft zu besetzen. Lediglich 71 Stellen sind derzeit in laufenden Besetzungsverfahren. Selbst, wenn diese alle in den dafür vorgesehenen vier bis acht Monaten besetzt werden könnten, würden berlinweit 55 Stellen vakant bleiben.

Berliner Jugendämter zukunftsfähig machen!

Wie soll es den Bezirksämtern unter diesen Rahmenbedingungen überhaupt gelingen, die Stellen zu besetzen. R2G hat das Thema nun in Berlin verstärkt auch auf Landesebene in Angriff genommen. Es gab und gibt intensive Gespräche mit den Hochschulen.

Erste Erfolge sind bereits vorzeigbar: Die Arbeit im RSD wurde wieder in das Lehrangebot aufgenommen und die Kapazitäten werden ausgebaut. Aber auch die Rahmenbedingungen müssen sich grundlegend verbessern, angefangen von der Ausbildung, über die Einstellung bis zur Bezahlung und der Arbeitsbelastung am Arbeitsplatz.

Die Lösung findet sich nicht allein in der Gewinnung von genügend ausgebildetem Nachwuchs. Darüber hinaus ist es unabdingbar die Einstellungszeiten im öffentlichen Dienst massiv zu verkürzen, damit Interessenten nicht während den monatelangen Wartezeiten abspringen, sondern zügig in den Beruf einsteigen können.

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Die Bezirke sollen dann auch verstärkt die Möglichkeit nutzen können, für eingestellte Fachkräfte im RSD die Möglichkeiten des Tarifvertrages auszuschöpfen. Auch die Fort- und Weiterbildungsmöglichkeiten in den Ämtern müssen gestärkt werden.

Während freie Träger sogar verpflichtet sind z.B. Supervision anzubieten, wird die Überlastung der engagierten Fachkräfte im RSD noch viel zu wenig entgegengewirkt. Es ist noch viel zu tun, R2G packt es an.

Doch so richtig diese politische Agenda auch ist: Der Gegner ist die Zeit. Selbst wenn die oben genannten Maßnahmen bereits jetzt umgesetzt wären, bis die fehlenden Fachkräfte ausgebildet sind, um die in den letzten Jahren aufgebaute strukturelle Problematik an den Jugendämtern zu beheben wird es einige Jahre, wenn nicht über ein Jahrzehnt dauern.

Auf dem Weg dahin sind für mich klare Fortschritte, wie durch den Tarifabschluss 2017 im TV-L wichtig, dürfen aber nicht vergessen machen, dass weiter dringender Handlungsbedarf besteht. Sowohl bei den kommenden Tarifverhandlungen als auch an der Zusammenarbeit zwischen Land und Bezirken dürfen wir nicht nachlassen, um die wertvolle und unverzichtbare Arbeit der Dienste zu gewährleisten zu können.

Dass unsere Jugendämter nur handlungsfähig sind, weil engagierte Menschen in den Behörden täglich 120 Prozent geben, ist derzeit unser großes Glück. Wir dürfen dies jedoch nicht als selbstverständlich hinnehmen, sondern müssen jetzt die Weichen für die Zukunft der Berliner Jugendämter stellen.

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