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"Ich lasse mir meine Bildung nicht zerbomben" - wie eine syrische Studentin ihre Heimat retten will

Veröffentlicht: Aktualisiert:
MARIAM HAMMAD
Courtesy of Mariam Hammad
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Ich war 18 als der Krieg ausbrach. Ich hatte gerade die Schule abgeschlossen und hatte vor, einen Bachelor in Betriebswirtschaft zu machen.

Ich begann mein Studium an der Universität von Aleppo, doch während meines ersten Semesters wurde das Universitätsgebäude durch Bomben zerstört. Viele meiner Kommilitonen wurden getötet und noch viele mehr verwundet.

Ich hatte Glück: Mir ist nichts passiert, ich stand bloß unter Schock. Nach dieser Erfahrung hatte ich Angst das Haus zu verlassen. Ich musste mein Studium abbrechen. Es brach mir das Herz, denn meine Bildung ist mir überaus wichtig.

So begann ich mich nach Fernstudien umzusehen. Nur leider konnte ich die sprachlichen Anforderungen für die meisten Studiengänge nicht erfüllen, da diese meistens auf Englisch angeboten werden. Mein Englisch war damals nicht sehr gut.

Mehr zum Thema: Tagebuch einer Flucht: Wie mein geliebtes Aleppo im Bombenhagel unterging

Doch dann fand ich die University of the People: eine Fernuniversität, die Studenten aus der ganzen Welt eine günstige Möglichkeit bietet, um einen Studienabschluss zu bekommen. Da ich in Aleppo lebe, haben sie mir ein Stipendium angeboten.

Denn die UoPeople hat ein Stipendienprogramm für Syrer und syrische Flüchtlinge, die sich die Studiengebühren von 100$ pro Semester nicht leisten können.

Das gab mir die Hoffnung zurück. Wenn ich lerne, kann ich die Schrecken des Krieges hinter mir lassen. Wenn ich lerne, fühle ich mich frei.

Meine Lehrer erkundigen sich regelmäßig, ob ich noch lebe

Ich stecke all meine Energie und all meine Zeit in mein Studium. Manchmal bin ich die ganze Nacht wach, um meine Hausaufgaben zu erledigen, oder zu lesen.

Ich bin die erste Person in meiner Familie, die studiert. Meine Eltern hatten aus finanziellen Gründen nie die Möglichkeit.

Nun sehen sie ihre Träume durch mich verwirklicht. Sie sind unglaublich stolz auf mich. Besonders mein Vater. Er ermutigt mich stets der Mensch zu sein, der ich sein will.

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Mariam Hammad, 23, posiert für ein Photo in Aleppo, Syrien. © Mariam Hammad

Es ist nicht immer leicht, sich auf das Lernen zu konzentrieren, wenn um uns herum Bomben einschlagen. Während meines ersten Semesters an der UoPeople wurde die Internetverbindung in Aleppo durch die Gefechte unterbrochen.

Ausgerechnet in der Klausurenphase. Ich habe furchtbar geweint, weil ich dachte, dass ich das Semester wiederholen müsste.

Mehr zum Thema: Grüße aus Aleppo: Die kraftvolle Botschaft eines jungen Syrers an die Menschen in Deutschland

Ich habe sogar darüber nachgedacht in eine andere Stadt zu fahren, in der Hoffnung, dass das Internet dort noch funktioniert. Stattdessen habe ich meine Schwägerin angerufen und sie gebeten, der Universität Bescheid zu geben und meine Situation zu erklären.

Großartigerweise haben sie mir erlaubt die Klausuren zu einem späteren Zeitpunkt nachzuholen. Ich war so froh. Am Ende habe ich alle meine Kurse erfolgreich abgeschlossen.

Seitdem erkundigen sich meine Lehrer regelmäßig, ob ich noch lebe.

Ich lasse mir meine Bildung nicht zerbomben. Wenn ich das tue, habe ich alles verloren. Ein Studienabschluss gibt mir die Möglichkeit Gutes zu tun in diesem Leben.

Ich will mein Land wieder aufbauen

Bevor der Krieg ausbrach, habe ich mich immer gefragt, wie Leute inmitten einer solchen Krise ein normales Leben führen können. Heute weiß ich, dass Menschen in schweren Zeiten alles tun, um sich lebendig zu fühlen.

Ich finde wir sind es unseren Freunden, Nachbarn und Verwandten, die in diesem Krieg umgekommen sind, schuldig, dass wir optimistisch in die Zukunft blicken.

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Die junge Studentin lernt of bei Kerzenlicht, weil es keine richtige Stromverbindung gibt. © Mariam Hammad

Mein Studium gibt mir Hoffnung, dass ich meine Fähigkeiten eines Tages nutzen kann, um mein Land wieder aufzubauen.

Nach meinem Abschluss möchte ich ein Bildungszentrum einrichten. Eine Art University of the People in Aleppo, damit wissbegierige Menschen wie ich die Möglichkeit haben, zu studieren.

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Außerdem möchte ich meine Geschwister unterstützen, damit auch sie studieren können. Ich habe sechs jüngere Brüder und Schwestern. Ich hoffe, dass ich ihnen ein gutes Vorbild bin und dass sie es mir gleichtun wollen.

Ich bin der University of the People unglaublich dankbar, dass sie mir die Möglichkeit geben, einen Studienabschluss zu machen. Und dafür, dass sie mir beigebracht haben, meine Ziele höher zu stecken:

Wenn ich mein Studium abgeschlossen habe, will ich reisen gehen. Ich habe Syrien noch nie verlassen. Und dann komme ich zurück und mache meinen Master.

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