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Wer nicht schreibt, bleibt dumm - warum unsere Kinder ohne Handschrift das Denken verlernen

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SCHULE SCHREIBEN
dpa
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Seit vielen Jahren beobachten Lehrer an deutschen Schulen, wie die Handschriften der Schüler sich alarmierend verschlechtern. Sie sehen mit Sorge, dass immer mehr Kinder unleserlich, langsam oder nur mit großer Mühe schreiben können.

Hinzu kommt bei immer mehr Schülern eine fehlende Rechtschreibkompetenz. Die Lehrer sehen, wie sehr diese Kinder gehandicapt sind, wenn sie schriftliche Aufgaben nicht bewältigen können, und wie ihre Motivation zu lernen abnimmt, sobald es ums Schreiben geht. Und sie sehen auch, welche negativen Folgen die fehlende Schreibfertigkeit für den Schulerfolg haben kann.

Das Rumoren in den Kollegien, insbesondere der weiterführenden Schulen, ist so groß, dass sich der Deutsche Lehrerverband 2014 genötigt sah, eine bundesweite Befragung in Auftrag zu geben, um das Ausmaß dieses Schriftdesasters sichtbar zu machen.

Als Lehrerin an einer Gesamtschule mache auch ich seit den Neunzigerjahren die Erfahrung, dass eine zunehmende Zahl von Kindern eine Handschrift hat, die nicht lesbar, sondern bestenfalls entzifferbar ist.

Dabei erging es mir zunächst wie wohl fast allen anderen Unterrichtenden: Ich empfand die Krakelschriften als Zumutung und sah darin eine ärgerliche Nachlässigkeit und Flüchtigkeit desinteressierter Schüler.

Erstaunlich für mich war dann aber, dass kleine Anregungen, wie man diesen oder jenen Buchstaben besser schreiben kann, von einigen Schülern dankbar angenommen wurden und sich ihr Schriftbild tatsächlich ein wenig verbesserte.

Eine intensivere Auseinandersetzung mit dem Problem begann, als ich einem Fünftklässler, der nichts Entzifferbares zu Papier bringen konnte, im Kunstunterricht Schriftübungen vorlegte, die ich für ihn entworfen hatte.

Die Reaktion war überraschend. Geradezu eifersüchtig reagierten andere Jungen: "Wieso darf der Niklas Schreiben üben und ich nicht?" - "Schauen Sie, mein Heft!" - "Schauen Sie, meine Schrift!" - "Und ich?" - "Und ich?"

Am Ende waren es sieben Jungen, die fast um die Wette das korrekte, leserliche und zügige Schreiben übten. Und das mit gutem Erfolg! Die Deutsch- und Klassenlehrerin beschrieb den Effekt des Schrifttrainings als Befreiungsschlag für ihre Jungen.

Die neue Volkskrankheit: Handschriftprobleme

Jahrtausende hat es gedauert, bis die Schrift in Europa zum allgemeinen Kulturgut wurde und alle sozialen Schichten ¬erreicht hatte. Anfang des 20. Jahrhunderts hatten fast alle Deutschen, ob sie nun auf den Bauernhöfen, im Bergbau oder in den Fabriken arbeiteten, in der Volksschule eine Handschrift erlernt, die man lesen konnte.

Nur die sprichwörtlichen Arzthandschriften galten als unleserlich. Natürlich: Wer Tag für Tag ähnliche oder identische Kurztexte schreibt, verkürzt und ökonomisiert die Schrift in hohem Maße. Diese Verschleißerscheinungen der Schrift im Berufsalltag sind aber nicht mit fehlender Schreibfertigkeit zu verwechseln.

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Wenn jedoch heute Einträge in Schulheften aussehen wie ebensolche Arztrezepte oder -berichte, dann handelt es sich nicht um individuelle Vereinfachungen einer erlernten Normschrift, sondern um das sichtbare Ergebnis einer grundsätzlich fehlenden Schriftkompetenz. Und dieses Nicht-schreiben-Können ist nun seit mehr als drei Jahrzehnten bei einer zunehmenden Zahl von Kindern und Jugendlichen festzustellen.

Immer mehr Kinder können nicht leserlich und oft nur mit großer Anstrengung schreiben. Krakelschriften sind keine Einzelfälle mehr, sondern in den Klassenzimmern längst zur Normalität geworden.

Erstaunlich ist, dass sich dieser schleichende Verfall der Handschrift so lange scheinbar unbemerkt fortsetzen konnte. Erst im Jahre 2015 schlug der Deutsche Lehrerverband Alarm und gab eine Umfrage in Auftrag, um das ganze Ausmaß des Schriftdesasters zu verdeutlichen.

Insgesamt 2002 Lehrerinnen und Lehrer aus 16 Bundesländern wurden befragt und stellten fest, dass etwa 51 Prozent der Schüler und 31 Prozent der Schülerinnen Schwierigkeiten beim Handschreiben haben.

Aus Sicht der befragten Lehrkräfte können nur etwa 29 Prozent der Kinder des fünften und sechsten Jahrgangs über eine Zeitspanne von mindestens 30 Minuten beschwerde¬frei mit der Hand schreiben (Deutscher Lehrerverband, 2015).

Eine Untersuchung, die ich 2011 in der Stadt Hamm (Westfalen) durchführte, ergab, dass dort jedes sechste Schulkind nicht leserlich schreiben konnte. Als Grundlage dienten 1091 Schriftproben der 5. und 6. Klassen von sechs Schulen: zwei Gymnasien, zwei Realschulen, einer Gesamtschule und einer Hauptschule.

Interessanterweise gab es keine signifikanten Unterschiede zwischen den einzelnen Schulformen! Das heißt, Krakelschriften sind an allen Schulen gleichermaßen zu finden und offenbar nicht abhängig vom Lernniveau (Maria-Anna Schulze Brüning 2011).

Jedes sechste Kind kann nicht richtig schreiben!

Das sind in einer kleinen Grundschulklasse vier Kinder - eine Anzahl, die dort noch nicht unbedingt besorgniserregend erscheint, zumal bei Grundschülern noch Entwicklungsverzögerungen angenommen werden können.

In einem sechszügigen Jahrgang einer weiterführenden Schule ist es schon eine ganze Schulklasse, bei circa 4,8 Millionen Schülern weiterführender Schulen wären es 800 000 Betroffene!

Der allmähliche Verfall der Handschrift ist ein für die Gesellschaft insgesamt folgenreiches Problem, weil es das Lernen in unseren Schulen massiv beeinträchtigt. Nicht-Betroffene denken oft, es gehe nur um mangelnde Schönschrift, es handle sich vornehmlich um ein ästhetisches Manko. Nein! Es geht um ein fehlendes Fundament des Lernens.

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Deutlicher formuliert: Für sehr viele Kinder ist die mangelnde Schriftkompetenz eine Katastrophe. Sie kann im Extremfall aus einem normal begabten Schüler einen Schulversager machen, der immer dann, wenn es ums schriftliche Arbeiten geht, nicht mithalten kann und frustriert das Handtuch wirft.

Erstaunlicherweise leiden Kinder aller sozialer Schichten und unterschiedlichster Lernniveaus unter diesem neuen Phänomen. Mancher Förderschüler kann unter Umständen leserlicher schreiben als sein Altersgenosse vom Gymnasium nebenan. Wie ist das möglich?

Wenn es weder eine Frage der Intelligenz noch eine Frage der sozialen Herkunft ist, ob ein Kind eine lesbare Handschrift erlernt oder nicht, woran liegt es dann? An motorischen Störungen? Die gibt es sicherlich auch und die hat es immer gegeben.

In den allermeisten Fällen ist es jedoch eindeutig eine Frage der Vermittlung! Und dabei geht es um zweierlei: um den Stellenwert der Handschrift im Bildungskanon und um die konkrete Didaktik.

Also erstens: Welche Bedeutung wird der Handschrift und ihrem korrekten Erwerb überhaupt beigemessen? Zweitens: Wie erfolgt der Schrifterwerb genau? Welche Buchstaben und Buchstabenformen werden in welcher Reihenfolge erlernt und auf welche Art und Weise? Wie ist die Schrift aufgebaut?

Schule ist Spiegel der Gesellschaft

Die tieferen Ursachen für das Verkommen dieser Kulturtechnik liegen jedoch in einer Neubewertung ihres Stellenwerts im bildungspolitischen Gesamtkonzept. Und da hat es seit den Sechzigerjahren entscheidende Veränderungen gegeben, die man kennen muss, um die aktuelle Situation zu verstehen.

Schule ist einerseits Spiegel der Gesellschaft und andererseits ihr Motor für Veränderungen. Die Schriftdidaktik ist wie alle anderen Gegenstandsbereiche der Schule eingebettet in eine Vorstellung oder Vision davon, welche Werte und Einstellungen Grundlagen der Gesellschaft sein sollen.

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Es geht darum, Persönlichkeiten zu formen, die den vermuteten und gewünschten Erfordernissen einer sich wandelnden Gesellschaft entsprechen. Bildungsvorgaben sind also zwangsläufig ideologiegeprägt.

Was hat das Erlernen der Handschrift damit zu tun? Ist dieser Unterrichtsgegenstand nicht eigentlich wertneutral? Er ist es schon allein deshalb nicht, weil die Bedeutung der Handschrift und damit ihr Platz in der Schule heute angesichts der digitalen Medien-Revolution diskutiert und neu bewertet wird.

Während die meisten die Frage, ob wir in Zukunft überhaupt noch eine Handschrift brauchen, für abseitig halten, haben andere sie längst beantwortet und betrachten die Tastatur als vollwertigen Ersatz für das Schreiben mit der Hand.

Der Beitrag ist ein gekürzter Auszug aus dem Buch Wer nicht schreibt, bleibt dumm. Warum unsere Kinder ohne Handschrift das Denken verlernen von Maria-Anna Schulze Brüning und Stephan Clauss.

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