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Frau Wankas Gespür für Medien

10/05/2017 11:24 CEST | Aktualisiert 10/05/2017 11:24 CEST
dpa

Schon seit den Neunzigerjahren wird die Medialisierung der Schulen ganz groß geschrieben. Der Begriff Multimedia fand damals Eingang in die Leitlinien und ist zu einem wichtigen Maßstab für fortschrittliches Unterrichten geworden.

Kein Referendar kommt mehr ohne ein beachtliches Medienaufgebot aus.

Wie sieht es aber mit der Ausstattung der Schulen im Bereich der einfachen elektronischen Präsentationsmedien aus? Man könnte ja erwarten, dass inzwischen jeder Klassenraum mit Bildschirm, DVD- und CD-Player ausgestattet ist und ein funktionierender Overhead-Projektor zur Verfügung steht. Aber nein! Oft müssen sich viele Klassen mit Bildschirm beziehungsweise PC und Beamer ausgestattete Räume teilen, und noch immer werden mit viel Organisations- und Zeitaufwand Fernsehgeräte nebst DVD-Player oder Overhead-Projektoren hin- und hergeschoben, und Fremdsprachenlehrer erkennt man oft daran, dass sie einen CD-Player mit sich herumschleppen.

Es ist anzunehmen, dass das Medienbudget der Schulen seit geraumer Zeit in die Einrichtung von Computerräumen fließt, die es mittlerweile in jeder Schule gibt, und vielerorts sind auch schon einige Klassen mit Tablets ausgestattet.

Dennoch bestimmt digital gestütztes Lernen keineswegs den Schulalltag. Klassen nutzen die Computerräume im Wechsel und verbringen höchstens ein paar Stunden pro Woche am Rechner.

Man lernt, Comupter hoch- und herunterzufahren, Dateien anzulegen, Word oder Grafikprogramme zu nutzen, Informationen zu googeln, man erstellt Excel-Tabellen, arbeitet gelegentlich mit Lernsoftware, und in einigen wenigen Informatikkursen steht auch Programmieren auf dem Plan - nichts Spektakuläres. Und in den Tablet-Klassen? Wenn sie eingerichtet werden, ist es oft eine Zeitungsmeldung wert.

Mehr zum Thema: Ein Berliner Grundschullehrer warnt: "Ich sehe keine glücklichen Kinder mehr"

Bahnbrechendes aus dem Unterricht wird jedoch nicht berichtet. Im Gegenteil. Fragt man Lehrer nach dem Fortschritt in ihren Tablet-Klassen, reagieren sie meistens recht wortkarg.

Dennoch erhofft man sich einen Quantensprung von der digitalen Rundumausstattung der Schulen und ist bereit, Abermilliarden darin zu investieren.

Dass dies noch nicht geschehen ist, liegt vor allem an an einem Investitionsstau im Schulbereich , der auf etwa 34 Milliarden Euro geschätzt wird. Das Wort vom Dornröschenschlaf, aus dem das Bildungs¬wesen aufgeweckt werden müsse, klingt ein wenig zynisch, wenn man sich den maroden Zustand vieler Gebäude vor Augen führt, in denen heute vielerorts seit Jahrzehnten unterrichtet werden muss.

Es darf also durchaus diskutiert werden, was momentan vorrangig ist: Tablets für alle oder die Sanierung von Fenstern und Heizkörpern, schimmeligen Wänden, Sport- und Sanitäranlagen. Ein weiterer Grund für die großen Unterschiede bei der derzeitigen Nutzung digitaler Medien liegt im Förderalismus, wie die neueste Studie »Schule digital« der Deutsche Telekom Stiftung ermittelt hat.

Während in Bayern 70 % der Lehrkräfte mindestens einmal pro Woche das Internet nutzen, tun dies in Brandenburg und Hessen nur je ein Viertel der Lehrer. Im Bundesdurchschnitt ist es jeder zweite Lehrer. Prozentual auf den Gesamtunterricht gerechnet, ist der Anteil des Unterrichts in Computerräumen jedoch marginal.

45,5 % gaben übrigens an, dass ihre Schule über ein Medienkonzept verfüge. In den anderen Schulen ist noch nicht so klar, wer, wann und aus welchem Anlass die Computerräume nutzt.

Auch wenn Bildungsaufgaben immer noch Länder¬sache sind, hat Bundesbildungsministerin Johanna Wanka (CDU) eine Lücke gefunden, mit deren Hilfe sie ihre Politik trotzdem bundesweit einbringen will: In Artikel 9c des Grundgesetzes heißt es, dass Bund und Länder »bei der Planung, der Errichtung und dem Betrieb der für ihre Aufgabenerfüllung benötigten informationstechnischen Systeme zusammenwirken« können.

Die Bundesregierung hat schon vor Beginn des Bundestagswahljahres 2017 signalisiert, dass sie die Digitalisierung der 40 000 öffentlichen Schulen in Deutschland vorantreiben will.

Bisher, so kritisierte Wanka bereits im Juni in Berlin auf einer Konferenz der Kultusminister, gebe es zwar bereits viele Initiativen für digitale Bildung, doch kennzeichneten bislang nur Insellösungen das Gesamtbild.

In der beruflichen Bildung liege der Schwerpunkt für die Bundesregierung. Und die KMK-Präsidentin Claudia Bogedan (SPD) stimmte grundsätzlich zu: »Ein reflektierter und konstruktiver Umgang mit digitalen Medien ist für Kinder und Jugendliche genauso bedeutsam wie Rechnen, Lesen und Schreiben.«

Sie fügte indes gleich hinzu: »Entscheidend ist dabei nicht, wie häufig oder wie lange die digitalen Technologien genutzt werden, sondern dass sie mit der bestehenden Didaktik klug verknüpft werden.« Und während die Ministerin auf Bundesebene den Druck zu erhöhen versucht, prüfen die 16 Kultusminister den Sachverhalt und verfolgen ihre eigenen Ziele in ihrem eigenen Tempo. Bis dahin bleibt die Antwort auf die Gretchenfrage des sinnvollen Umgangs mit Medien im Unterricht wohl unbeantwortet.

Denn zu weit liegen die Vorstellungen von Propagandisten und Kritikern des angemahnten »Kulturwandels« auseinander.

Während die Befürworter von gigantischen Verbesserungen der Lernqualität schwärmen und die digitalen Lernangebote aus ihrer Nebenrolle befreien wollen, befürchten viele erfahrene, aber auch etliche junge Pädagogen vor allem eine Gefahr für die Fähigkeiten der Schüler, sich auf Schreiben, Lesen, Rechnen nicht mehr genügend zu konzentrieren.

Es fehlt ein umfassendes pädagogisches Konzept. Und anscheinend fehlt es auch im Bundestag an ausreichenden Informationen darüber, was Kindern zugemutet und zugetraut werden kann.

So findet sich im gemeinsamen Antrag der Fraktionen von CDU/CSU und SPD »Durch Stärkung der Digitalen Bildung Medienkompetenz fördern und digitale Spaltung überwinden (Drucksache 18/1422 vom 24. März 2015) dieser bemerkenswerte Passus:

»Heranwachsende werden heute schon sehr früh mit Medien konfrontiert. [...] Die Grundlagen für die Art und Weise sowie Intensität der Mediennutzung müssen bereits im Vorschulalter gelegt werden.

Der beste Jugendmedienschutz ist eine gut ausgebildete Medienkompetenz.« Deshalb »soll bereits in Einrichtungen der frühkindlichen Bildung ein entwicklungsgemäßes Heranführen und eine begleitete Auseinandersetzung mit digitalen Medien stattfinden.«

Was genau hier den Eltern und Erziehern als didaktischer Auftrag untergejubelt wird und wie Fünfjährige das bewältigen sollen, bleibt in dem Vorschlag vollkommen undefiniert.

Die fünf Milliarden Euro, die Frau Wanka als Beitrag des Bundes zur digitalen Aufrüstung der Schulen angekündigt hat, sind erst einmal ein politischer Versuchsballon, der im Bundeshaushalt nicht eingeplant ist.

Für die komplette Digitalausrüstung der Schulen reichen sie nicht ansatzweise. Aber als Zeichen des guten Willens macht sich die Zahl gut, zumal ja erst einmal niemand etwas dagegen haben kann, wenn die Schulen mit WLAN und mehr Computern als bisher ausgestattet werden sollen.

Schon die vor ihr amtierenden Bildungsministerinnen hatten immer wieder mal dafür geworben, jeden Schüler mit einem Laptop auszustatten. Dass es mit der Bereitstellung moderner Infrastruktur aber längst nicht getan ist, ist allen Beteiligten klar.

Die Forderung nach einer besseren technischen Ausbildung der Lehrkräfte ist ebenfalls nicht neu, auch wenn sich mancher Planer vielleicht erhofft, künftig mit weniger Personal im Lehrbetrieb auszukommen, damit Mittel für die technische Aufrüstung frei werden.

Wenn man an die kurze Lebensdauer digitaler Endgeräte, Speicher und Betriebssysteme denkt, braucht es nicht viel Fantasie, um sich die immensen Folgekosten auszumalen, die dem Bildungssystem aufgebürdet würden.

Der Beitrag ist ein gekürzter Auszug aus dem Buch Wer nicht schreibt, bleibt dumm. Warum unsere Kinder ohne Handschrift das Denken verlernen von Maria-Anna Schulze Brüning und Stephan Clauss.

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