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Im Zirkel der Gewalt: Aus dem Leben afghanischer Frauen

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Die Frauengeschichten in Afghanistan gehen unter die Haut. Als Europäerin ist man fassungslos. So geht es jedenfalls mir in Guldara, einem Dorf im Norden. Da hockt die 39-jährige Rogol mit 18 anderen Frauen auf einem verschlissenen blauen Teppichboden in einem kleinen Haus.

Eigentlich ist es eher eine verfallene Steinhütte. Die Frauen sind in ihren Burkas den kleinen Hügel heraufgekommen, denn wir haben uns vor dem Frauenzentrum des Dorfes verabredet. Die Männer mussten zurückbleiben, auch unser Fotograf und der Fahrer sind nicht erwünscht. Keine Männer weit und breit - das war die Bedingung.

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Peter Müller/BILD Zeitung

Vor der Türe der Steinhütte ziehen wir nach gutem afghanischem Brauch unsere Schuhe aus. Bei den Afghaninnen geht das schnell. Sie tragen alle Plastik-Flipflops. Ich brauche mit meinen Turnschuhen ein wenig länger.

Allein unter Frauen

Maryam, meine afghanische Übersetzerin, stellt mich den Frauen vor, erklärt, dass ich über die Situation der Frauen und Kinder schreiben möchte. Das freut sie alle sichtbar.

Sie nicken mir freundlich zu. Ich erzähle ein wenig von den Frauen in Deutschland, wie sehr wir uns für das Leben und das Schicksal der Afghaninnen interessieren. Die Frauen ziehen sich jetzt doch ihre Burkas aus. Es ist klar, dass wir länger miteinander reden und hier hocken werden. Einige verhüllen ihr Haar noch mit einem Schleier.

Ich achte wieder darauf, dass meine Fußsohlen unter meinem Gesäß versteckt sind und nicht auf einen Menschen zeigen.

Hausgeburten in Afghanistan

Rogol beginnt als Erste ihre Geschichte zu erzählen. Acht Fehlgeburten hat sie durchlitten. Aber ihre Familie, das heißt vor allem ihr Mann, hat sie nie zum Arzt gehen lassen.

Erst als das UNICEF-Frauenprojekt in der nahen Deh-Now-Klinik in Guldara eingerichtet wird, bringt sie ihr Mann dorthin. Deh Now heißen in Afghanistan alle Orte mit Krankenstationen, einem Amt und sonstigen Einrichtungen für eine funktionierende regionale Struktur.

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Maria von Welser

Dort stellen die Ärzte fest, dass eine einfache Impfung Rogol helfen kann: Ihre fünf folgenden Kinder kommen alle ohne Komplikationen zur Welt, und zwar zu Hause, wie bei über 85 Prozent aller Frauen in Afghanistan.

Hausgeburten aber sind nicht ungefährlich. Oft kommt es dabei aus hygienischen Gründen zu Infektionen. Deshalb sterben so viele Frauen in Afghanistan wie sonst nirgendwo auf der Welt bei einer Geburt.

Rogol erinnert sich an ihre erste Geburt: »Meine Schwiegermutter hat mich in das dunkelste Eck im Stall gesteckt, damit niemand meine Schreie hört. Überall Dreck, Abfälle und die Tiere. Mit ihrem Knie hat sie mir immer wieder fest in den Rücken gestoßen oder mich an den Schultern hoch gezogen und geschüttelt. Das war alles so schrecklich.«

Rogol lächelt zwar bei ihrer Erzählung, aber ihre Not, ihre Angst sind immer noch spürbar. Die anderen Kinder hat sie in der Geburtsstation von Deh Now zur Welt gebracht.

Ohne die Schwiegermutter und ohne die Tritte in den Rücken. Die Kinder haben alle überlebt - und vor allem auch sie selbst.

Damit es anderen Müttern nicht so ergeht wie ihr, arbeitet Rogol freiwillig mit den anderen 17 Frauen im Geburtszentrum. An den Wochenenden geht sie in die Familien rundum in ihrer Gemeinde. Versucht den Vätern klarzumachen, wie wichtig es für ihre Frauen und ihre Babys ist, dass sie in einer sauberen Umgebung gebären können. Damit die Babys überleben, damit die Mütter überleben.

Geburtszentren können Leben retten

Die eigenen, meist schlimmen Erfahrungen motivieren diese 18 Frauen in Guldara. Sie können zwar weder lesen noch schreiben, wie 78 Prozent aller afghanischen Frauen zwischen 15 und 24 Jahren.

Aber UNICEF hat Bilderbücher für sie malen lassen. Die zeigen sie bei ihren Hausbesuchen den Frauen und ihren Männern. So erreichen sie, dass die Babys in einer Mütterstation mit Unterstützung einer ausgebildeten Hebamme zur Welt kommen - und eben nicht in einem dreckigen Eck im Stall.

Nach drei Stunden bedanke ich mich für die Offenheit der Frauen, für ihre Geschichten, die mich noch lange bewegen werden. Ob ich auch Kinder habe? »Ja, zwei Söhne, die sind schon groß«, erzähle ich. »Warum nur zwei?«, fragt mich Rogol. Wie ich es denn geschafft hätte, nicht weiter schwanger zu werden?

Verhütung ist in Afghanistan ein Tabu

Da erzähle ich von der Pille, die wir Frauen in den Industrienationen seit nun 40 Jahren einnehmen und damit ungewollte Schwangerschaften verhindern können. Die Afghaninnen schütteln ungläubig ihre Köpfe bei der Übersetzung von Maryam.

Noch lange danach stecken sie die Köpfe zusammen, um über »die Pille« zu reden. Ich kann mir gut vorstellen, dass die Aussicht, jedes Jahr schwanger zu werden, jedes Jahr gebären zu müssen, nicht unbedingt der Traum einer Frau ist.

Denn von Empfängnisverhütung wollen die afghanischen Männer nichts wissen. Und keine der Frauen käme auf die Idee, mit ihrem Ehemann darüber zu sprechen.

Jetzt ziehen wieder alle ihre hellblaue, in der Sonne silbern schimmernde Burka über den Kopf. Außerhalb des Hauses ist das auf dem Land einfach Pflicht. »Sonst schlägt mich mein Mann«, sagt die schon 55-jährige Safi.

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Peter Müller/BILD Zeitung

Weil beim Anblick der eigenen Frau andere, nicht verheiratete Männer womöglich auf keine guten Gedanken kommen ... Was für eine Welt: mit der ständig drohenden Gewalt der Männer, der Väter und oft auch der erwachsenen Söhne leben zu müssen.

Die wiederum nichts anderes als Gewalt bei den eigenen Vätern und Brüdern gesehen und gelernt haben.

Dieser Beitrag ist ein Auszug aus dem Buch:
"Wo Frauen nichts wert sind" von Maria von Welser, Ludwig-Verlag, Gebundenes Buch mit Schutzumschlag, 320 Seiten, 12,5 x 20,0 cm, ISBN: 978-3-453-28060-1, € 19,99 [D]
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