BLOG

Kreislaufwirtschaft: Die Lebensdauer der Dinge verlängern

04/03/2017 13:41 CET | Aktualisiert 04/03/2017 13:43 CET
Kohei Hara via Getty Images

Der Begriff Kreislaufwirtschaft, der mehr und mehr in den politischen Agenden auftaucht, ist zwar präzise, drückt jedoch die darin implizierte, tiefe geistige Veränderung nicht aus. Wir leben in einer einzigartigen Zeit, in der Maschinen und Arbeitskräfte nicht nur zur Herstellung von Jeans verwendet werden, sondern auch, um sie schon vor dem Verkauf zu verbrauchen.

Eigentlich ist die Idee einer Kreislaufwirtschaft genau das Gegenteil. Sie bedeutet, dass Produkte und Materialien länger im Gebrauch „zirkulieren". Dadurch verringert sich die Menge an Rohstoffen und neu erzeugten Gütern sowie ihre Umweltbelastung.

Diese findet schon Anwendung: Fairphone produziert ein Smartphone, dessen Komponenten aktualisierbar und reparierbar sind, Interface produziert seine neuen Teppichböden aus seinen alten zu entsorgenden, Volkswagen verkauft jährlich Zehntausende von „remanufactured" Motoren.

Es gilt nun, die Prinzipien dieser Pionieransätze in der ganzen Wirtschaft zu etablieren. Der EU-Aktionsplan für die Kreislaufwirtschaft und die chinesische Politik für eine Kreislaufwirtschaft sind Beispiele in diese Richtung.

Viele dieser schon umgesetzten Ansätze sind Walter Stahel zu verdanken, dem Schweizer Architekten und Industrieberater, seit den 70er Jahren einer der Väter der Idee einer Kreislaufwirtschaft. Von ihm stammt auch die "Fluss und See"-Metapher: Bisher ist die Wirtschaft als ein Fluss konzipiert, in dem wir versuchen sollten, die Durchflussmenge pro Kopf alle zehn oder zwanzig Jahre zu verdoppeln, egal ob der Gehalt an nützlichen Nährstoffen oder jener von schädlichen Toxinen schneller wächst.

Stattdessen wäre eine Kreislaufwirtschaft eher wie ein See zu betrachten. Bürger und Entscheidungsträger würden die Qualität und eine faire Zugänglichkeit zu diesem See bewahren und verbessern, ohne jedoch den Zu- und den Abfluss mehr als unbedingt notwendig zu vergrössern.

Dank erhöhter Haltbarkeit, Wiederverwendung, Reparierbarkeit, Wiederaufbereitung und Recycling von Produkten und Materialien verringert sich in einer Kreislaufwirtschaft die Schädigung der Umwelt. Denn Produkte und Materialien "zirkulieren" in der Wirtschaft viel länger, als nur schnell durch sie hindurchzufliessen und bald zu Müll und Verschmutzung zu werden.

Einige Wissenschaftler glauben, dass die derzeitigen Technologien ermöglichen, die Bevölkerung der Industrieländer mit Produkten und Dienstleistungen zu versorgen und gleichzeitig Rohstoffe um ein Zehntel, Primärenergie um ein Drittel zu reduzieren. Wesentliche Reduktionen des Energie- und Materialverbrauchs werden beispielsweise von der schweizerischen Energiestrategie für eine 2000-Watt-Gesellschaft (2000 Watt pro Kopf anstelle der derzeitigen 6000), dem französischen Thinktank Negawatt, dem Rocky Mountains Institute und dem Factor-10-Institute (eine zehnfache Steigerung der Ressourcenproduktivität) für möglich gehalten.

Warum denn fasst diese "Ökonomie des gesunden Menschenverstandes" nicht Fuss? Als Beispiel nehmen wir das Gold. Sein Vorrat über dem Boden wird auf 180000 Tonnen geschätzt, was einem Würfel mit einer Seitenlänge von 21 m entspricht. Von der Gesamtmenge des von Menschen je gewonnenen Goldes wurde ein Teil immer wieder geschmolzen und in unzähligen Erzeugnissen erneut verwendet.

So wurde über die Zeit viel Gebrauchswert mit relativ wenigem Material erzeugt. Ein weiterer Teil des aus dem Erdboden mit grossem Energieverbrauch und Umweltverschmutzung ans Tageslicht gebrachten Goldes versinkt schnell „unter Tage" in den Schatzkammern der Banken ohne einen technischen Gebrauchswert zu erzeugen.

Ein weiterer Teil des extrahierten Goldes versinkt auch bald wieder unter Tage in Mülldeponien, wohin Reste von Mobiltelefonen und anderen Geräten, die jeweils kleine Mengen an Gold enthalten, geworfen werden. Einmal mehr wird viel Material und Energie eingesetzt, um einen sehr kurzen Nutzwert zu generieren. In seiner ersten Iteration ist Gold der Prototyp einer zirkulären Wirtschaft, doch im zweiten und dritten Schritt jener einer linearen Wirtschaft.

Die gegenwärtigen Technologie erlaubt es uns bereits, den grössten Teil des Missbrauchs des Goldes und der damit verbundenen Umweltschäden zu beenden. In der Tat, nur unsere seltsamen Vorstellungen hindern uns daran, genau das zu tun.

Einerseits halten wir uns an Konventionen fest, die dem Gold einen Tauschwert geben, der dem technischen Nutzwert nicht proportional ist, andererseits ist es heute in vielen Fällen "günstiger", Gold zu vergeuden, als es zu bewahren. Das ist das Ergebnis eines Steuersystems, welches das Wünschenswerte (die Beschäftigung) teurer und was nicht wünschenswert ist (Gebrauch und Missbrauch der Natur) billig macht.

In den meisten Industrieländern wird Arbeitskraft, die reichlich vorhanden ist, wegen Steuern und Sozialversicherungskosten immer teurer. Dies führt dazu, dass Arbeiter mit mehr Maschinen, Materialien und Energie ersetzt werden. Zudem werden Materialien und Energie (relativ knapp, also einsparungslohnend) relativ tief besteuert oder sogar subventioniert, was ihre Nutzung stimuliert, die Arbeitslosigkeit vermehrt und die Abfallmenge erhöht.

Auf über 5,3 Billionen Dollar (6,5% des globalen BIP) werden die weltweiten Subventionen für fossile Brennstoffe im Jahr 2015 geschätzt, schreibt David Coady, Ökonom beim Internationalen Währungsfonds. Nach Ansicht einiger Ökonomen brauchen wir dringend eine ökologische Steuerreform: Für die Arbeit sollten Steuern und Abgaben sinken, für Energie, Materialien und allgemein die Nutzung der Natur steigen. "Arbeitslos werden dann Kilowatt und Tonnen, nicht Menschen", sagte Ernst Ulrich von Weizsäcker, der Gründer des Wuppertal Instituts.

Im Jahre 1976 veröffentlichten Walter Stahel und Genevieve Reday einen Bericht für die Europäische Kommission, dessen Titel wie ein Druckfehler klingt: Das Potenzial zur Substitution von Energie durch Arbeitskraft. Moment mal! Seit Tausenden von Jahren bedeutet Fortschritt, Arbeitskraft durch Maschinen zu ersetzen - das genaue Gegenteil. Das ist wahr. Allerdings gerade der fulminante Erfolg von zwei Jahrhunderten industrieller Revolution verursachte ein Skalenproblem.

Die Weltbevölkerung und ihr steigender materieller Güterkonsum erreichten ein solches Ausmass, dass eine tatsächlich grössere Prosperität für Milliarden von Individuen zu einem kollektiven Bumerang wurde. Die schnell gestiegene Verwendung und Verschwendung von viel zu viel Material und Energie stört dadurch mehrere planetarische Gleichgewichte.

Dies führte uns in eine neue Ära, die die Erdwissenschaftler "Anthropozän" nennen: eine geologische Epoche, in der der Mensch zu einem der wichtigsten Einflussfaktoren auf die biologischen, geologischen und atmosphärischen Prozesse auf der Erde geworden ist.

"Substitution von Energie durch Arbeitskraft" (Walter Stahel) bedeutet nicht, auf die Waschmaschine zu verzichten, und nicht, den technischen Fortschritt zu negieren. Vielmehr bedeutet es, den Fortschritt in eine bestimmte Richtung zu lenken. Einfallsreichtum und Arbeit sollten dann das Leben der Dinge verlängern, anstatt es zu verkürzen.

Dies ist die Mission des Instituts für Produktdauer-Forschung, das 1982 in Genf von Walter Stahel und Orio Giarini gegründet wurde. Die zwei Universitätsprofessoren beraten Unternehmen, Regierungen und internationale Institutionen. Vielleicht ist ihr Beitrag zur politischen Ökonomie nicht weniger wichtig als jener zur industriellen Ökologie. In Büchern wie Wohlstand und Wohlfahrt - Dialog über e. alternative Ansicht zu weltweiter Kapitalbildung (1980) und The Performance economy (2010) definieren sie das Konzept des ökonomischen Wertes neu: Dieser liegt in den realen Leistungen der Güter über die Zeit, und nicht in derer Produktions- und Handelsmenge.

Dieses einfache Konzept, schon von Aristoteles formuliert, in seiner Unterscheidung zwischen Ökonomik (Lehre von der guten Hausverwaltung) und Chrematistik (Kunst der Geldvermehrung), wurde jedoch von vielen modernen Ökonomen aufgegeben, als die politische Ökonomie sich der quantitativen Ökonomie unterzuordnen schien.

Da es schwierig oder unmöglich ist, den wirklichen Gebrauch der Dinge direkt zu messen, wird an dessen Stelle die Menge ihrer Produktion und ihres Handelns ermittelt. Somit prägte diese misslungene Prämisse eine Wirtschaft, die darauf abzielt, die Produktion und Zerstörung der Dinge kontinuierlich zu verdoppeln, anstatt ihren Lebenszyklus zu optimieren.

Das Prinzip der linearen Wirtschaft aufzugeben, gliche einer wahrhaften Gegenrevolution. In der gegenwärtigen Endphase unserer verbrauchszentrierten Zivilisation würde die Wiederbelebung des alten Gebots der Pflege und Erhaltung der Gegenstände und der Natur die etablierte Unordnung umstürzen - zum Vorteil der Arbeitslosen und des Planeten.

Lesenswert:

Ihr habt auch ein spannendes Thema?

Die Huffington Post ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blog-Team unter blog@huffingtonpost.de.

Sponsored by Knappschaft