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"Glücklicher Ikarus" Bertrand Piccard schon wieder in der Luft in Solar Impulse

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SOLAR IMPULSE
Handout via Getty Images
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Solar Impulse fliegt über den Pazifik

Am 21. April, dem Welttag der Erde, hob lautlos der riesige solarflugzeug Solar Impulse von Hawaii nach Kalifornien ab. Im Cockpit ist der Solarpionier Bertrand Piccard. Während des Fluges kann man ihn im Internet sehen und zuhören.

An Bord von Solar Impulse wechseln sich etappenweise Bertrand Piccard und André Borschberg. Der letzte, ein ehemaliger Militärpilot, ist Manager- und Luftfahrt-Kopf des Projekts, während Piccard der charismatische Visionär ist. Die Piccard sind eine Schweizerische Dynastie von drei Generationen von "Savant-uriers" (Wissenschaftler und Abenteurer). Nachdem die ganze Erde in ihrer Ausdehnung erforscht worden war, widmeten sich die Piccard ihrer Erkundung in der vertikalen Dimension.

Auguste (1884-1962) war in seiner Zeit vielleicht der Mann, der in der Vertikale am weitesten ging: Im Himmel, auf 17 000 Höhenmeter, im Luftballon (1930) und im Ozean, 4000 Meter tief im Bathyscaphe Triest (1950). Jacques (1922-2008) war der Mann, der im Ozeans am tiefstes tauchte: 11 000 Meter, auch er mit dem Bathyscaphe Triest (1960).

Während Auguste und Jacques den Planeten erforschten, um ihn zu erkunden, erforscht Bertrand Piccard den Planeten, um ihn zu schützen. Psychiater, Praktiker von Yoga und Hypnose, setzt sich Bertrand Piccard nicht nur mit externen, materiellen Herausforderungen auseinander, sondern auch mit der inneren Dimension des Individuums und der Menschheit. Welche physischen und psychischen Grenzen kann ein Pilot in einsamen, prekären Flügen von 100 Stunden über Ozeane und Kontinente erkunden?

Auf welche ökologischen Grenzen, soll die Menschheit in ihrem Energiehaushalt sich besinnen, um zehn Milliarden Menschen Wohlstand und Fairness zu verschaffen, ohne die Natur zu ruinieren? Nicht umsonst sprach Piccard am 22 April, vom Solarflugzeug über dem Pazifik, mit dem UNO Sekretär Ban Ki-moon in New York, in Anwesenheit der Vertreter von 175 Ländern, bei der Unterschreibung des Pariser Klimaabkommen.

Gestartet von Abu Dhabi am 9. März 2015, musste Solar Impulse sehr lang auf Hawaii pausieren, um die geschädigten Batterien zu ersetzen. Vor dieser Pause hatte das Flugzeug in acht Etappen 20 000 km zurück gelegt - in 250 Flugstunden, dank 5600 kWh Solarstrom. Nach Kalifornien, wird es New York und Europa erreichen, und endlich den Ort, an dem sein Abenteuer begann. Das ist Abu Dhabi, eine Mekka der erneuerbaren Energien. Hier sind Masdar City, die von Sir Norman Foster konzipierte Solarstadt, so wie IRENA, die Internationale Agentur für Erneuerbare Energien.

Solar Impulse ist das breiteste und leichteste Zivilefugzeug der Welt: 72-Meter-Flügel und 2 Tonnen Gewicht sind seine Größen. Mit der gleichen Spannweite wiegt der Airbus 380 500 Tonnen. 100 ist die Anzahl der Millionen von Euro, die das gesamte Projekt kostete, und 100 ist auch die durchschnittliche Geschwindigkeit des Solarflugzeugs in km/h. Acht HP ist Pferdestärke jedes seiner vier, von 200 m2 Photovoltaik-Module versorgten Elektromotoren.

Das ist die gleiche Motorleistung des Wright Flyer, des ersten Motorflugzeugs, das im Jahr 1903 die Ära der Luftfahrt startete. Ein Jahrhundert später fliegen Milliarden Menschen und der Flugverkehr verdoppelt sich alle 15 Jahre. Zum einen nehmen Sicherheit, Erschwinglichkeit und Anzahl der Passagiere kontinuierlich zu. Zum anderen steigen Gesamtenergieverbrauch und Umweltschäden der Luftfahrt ebenso.

Transportflugzeuge werden wahrscheinlich nie mit Photovoltaik-Modulen fliegen können. Die von Solar Impulse gewonnene Erfahrung wird höchstens für die Entwicklung von meistens automatisierten, leichten Solarflugzeugen dienen. Mit einer Flotte von diesen Flugzeugen zum Beispiel kultiviert Facebook das Projekt einer globalen Internet-Abdeckung vom Himmeln.

Jedoch entstand Solar Impulse nicht der Technik halber, sondern, um eine Idee zu verbreiten: Die Menschheit kann und muss die Energiewende hin zur erneuerbaren Energien beschleunigen. Was ist besser als Fliegen um die Erde, um Millionen von Menschen zu inspirieren und zu begeistern? Aus diesem Grund hat das Projekt erhebliche Ressourcen in "Future is clean" (Die Zukunft ist sauber) investiert, eine weltweite Kampagne mit Beteiligung, unter anderen, von Kofi Annan, Michail Gorbatschow, Achim Steiner (Direktor von UNEP, dem UNO Umweltprogramm), Doris Leuthard (Schweizer Umweltministerin), und Sir Richard Branson, dem visionären britische Unternehmer.

Nach dem griechischen Mythos stieg Ikarus so hoch hinauf, dass die Sonne das Wachs seiner künstlichen Flügel schmolz, woraufhin sich die Federn lösten und er ins Meer stürzte. "Ikarus 2.0" könnte ein trotziger Name des Solar Impulse Abenteuer sein - oder auch "Glücklicher Ikarus", eine sonnige Version von der Albert Camus berühmten Satz: "Der Kampf gegen Gipfel vermag ein Menschenherz auszufüllen. Wir müssen uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen."

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