BLOG

Eine offene Plattform f├╝r kontroverse Meinungen und aktuelle Analysen aus dem HuffPost-Gastautorennetzwerk

Marco Mattheis Headshot

Kindererziehung und Minimalismus: Anspruch und Wirklichkeit

Ver├Âffentlicht: Aktualisiert:
KID HAPPY
IAN HOOTON via Getty Images
Drucken

Seit September 2014 bin ich Vater. Und ich bin Minimalist. Wie passt das zusammen? Das Bem├╝hen den Besitz auf das Wesentliche zu reduzieren und ein Kind in dieser beschleunigten ├ťberflussgesellschaft zu erziehen?

Der jetzt folgende Beitrag ist pers├Ânlich zu verstehen. Ich erhebe keinen Anspruch auf Allgemeing├╝ltigkeit. Das hilft vielleicht den einen oder anderen Reflex des Zuspruches oder Widerspruches zumindest bis in die Kommentare zu verz├Âgern.

Ein auf das wesentliche reduzierte Kinderzimmer. Wie sieht das eigentlich aus?
Als Minimalist und Vater k├Ânnte man gleich zu Anfang allen Freunden, Bekannten und der Familie erkl├Ąren, dass man beispielsweise kein Plastikspielzeug akzeptiert. Garniert am besten mit einem belehrenden Hinweis auf Kinder in anderen Kulturen.

Das gleiche gilt f├╝r zu viel Spielzeug, zu viel Kleidung, teure K├Ârperlotionen und Kleinkram wie Schnullerketten. Sollte man seinem Umfeld w├Ąhrend der Schwangerschaft noch nichtbeigebogen haben, dass der Minimalismus sich nun auf ein weiteres Familienmitglied quasi mit vererbt hat, sp├Ątestens im Krankenhaus nach der Geburt, sollte man das allen Gratulanten beibiegen.

Klingt f├╝r mich wie eine neue Anleitung zum Ungl├╝cklichsein. Klingt nach viel Zoff und Streit.

Erziehung kommt von Ziehen?

Zudem macht mich das Wort Erziehung unbehaglich. Klar, ich will meine Tochter vor den ganz gro├čen und konkreten Gefahren dieser Welt besch├╝tzen. Meistens erlaube ich ihr deshalb nicht auf dem Tisch zu krabbeln oder sich in die Sp├╝lmaschine zu setzen. Scharfe und Spitze Gegenst├Ąnde nehmen wir ihr weg, so gut es geht passen wir auf, dass sie nirgends runter f├Ąllt. Lernen und Risiko sollen sich die Waage halten.

Nur am Charakter will ich nicht ziehen. Schon recht nicht in eine bestimmte Richtung. Das beste und sch├Ânste entwickeln helfen, das schon eher. Mag hochtrabend klingen, aber es erinnert mich daran, was f├╝r ein Typ Vater ich sein will.

´┐╝Daher: Wir erziehen unsere Tochter nicht zum Minimalismus. Jedenfalls nicht bewusst und gezielt. Der letzte Teil des aller ersten Satzes darf ganz w├Ârtlich genommen werden. Ich (!) bin Minimalist. Meine Partnerin ist das nicht. Unser Kind ist das nicht.

Und da ich der festen ├ťberzeugung bin, dass man andere (erwachsene) Menschen nicht willentlich ├Ąndern kann und der Versuch immer zum Ungl├╝ck eines der Beteiligten f├╝hrt, habe ich sp├Ąter auch nicht vor meine Tochter oder meine Partnerin zum Minimalismus zu bedr├Ąngen.

Ich bin als Minimalist ganz in pers├Ânlicher Mission unterwegs. Ich kann gut unterscheiden zwischen meinem pers├Ânlichen Besitz, dem Besitz meines Kindes, meiner Partnerin und ein paar Teilen, die ich schlicht mit benutze, damit der Alltag nicht in die L├Ącherlichkeit abdriftet. Hier k├Ânnte sich Kritik regen. Da behauptet einer Minimalist zu sein und hat sich bequem mit einem anderen Menschen zusammen getan, der das alles nicht ist. Willkommen im gemachten Nest? Aber wie s├Ąhe das denn im Extrem aus, ein Minimalist, der mit Scheuklappen durch sein Leben l├Ąuft?

Mein eigenes Besteck

Ich k├Ânnte mir zum Beispiel mein eigenes Besteck markieren, mein eigenes Glas und meinen eigenen Becher. Ich w├╝rde nur aus diesen Trinken und sie mit der Hand sp├╝len. Niemals w├╝rde ich sie mit in die Sp├╝lmaschine stellen. Und von Zeit zu Zeit w├╝rde ich dann mit traurigem Gesicht die so ber├╝hmte Frage stellen: Wer hat aus meinem Gl├Ąschen getrunken? Wer hat von meinem Teller gegessen? Man merkt es vielleicht. So ein Minimalist m├Âchte ich nicht sein. Ich m├Âchte an dieser ganz normalen Welt teilhaben und mich nicht selbst dauerhaft an den Rand stellen. Schmollend ├╝ber die b├Âse Welt, in der alle anderen so viel Zeug herumliegen haben.

Aber Plastik zerst├Ârt unseren Planeten

Ich sitze gerade auf unserer Couch und blicke auf drei Plastikspielzeuge. Da ist ein Lauflern-Dingsi, das Melodien spielen kann, ein kleiner Reisebus von Playmobil und ein Hund, der Wuff Wuff macht, wenn man ihn an der Leine durch die Wohnung zerrt.

Und finde ich es toll, dass meine Tochter regelm├Ą├čig irgendwelches Plastikspielzeug geschenkt bekommt? Nein, nicht bei allem. Und will ich der Typ sein, der deswegen jedes Mal einen Streit anf├Ąngt, den Leuten lange Reden ├╝ber Plastik in den Weltmeeren h├Ąlt, ihnen verbietet den Kram zu schenken, st├Ąndig deswegen allen auf die Nerven geht? Nein. Der Typ will ich nicht sein. Es geht mich auch nur am Rande etwas an. Es sind Dinge, die meine Tochter geschenkt bekommt. Das sind nicht meine Dinge. Und von den Dingen anderer Menschen lasse ich die Finger.

´┐╝Es ist richtig, dass Plastik nicht nur die Umwelt zerst├Ârt, sondern auch viel Leid in der Tierwelt verbreitet. Jeder kennt die Bilder von verendeten Seev├Âgeln, die M├Ągen voller Feuerzeuge und Plastiksplitter.

Als Minimalist versuche ich ohnehin schon so wenig wie m├Âglich Dinge zu besitzen, also auch wenig Plastik. Ich habe aber entschieden, nicht der Tierwelt und Umwelt zuliebe zum Extremisten zu werden. Der Wald als Wohnort muss warten. Und jetzt genug des Abschweifens.

Entwicklung begleiten

Wie gesagt, Entwicklung, das Wort gef├Ąllt mir gut. Bei der Frage also der Entwicklung meiner Tochter in Bezug auf den Minimalismus, bleibe ich am liebsten bei mir selbst. Wie bin ich denn zum Minimalisten erzogen worden? Ohne erneutes abschweifen: Meine Eltern haben mich nicht dazu erzogen. Irgendwann bin ich zu der Erkenntnis gekommen, dass ich mich mit zu viel Zeug umgeben habe, das mich nur festh├Ąlt. In der Vergangenheit, an einem festen Ort, in der Zeit durch putzen und pflegen, sammeln und sortieren.

Zu dieser Erkenntnis m├╝ssen wohl einige ├╝ber den Umweg des Anh├Ąufens von Besitz gelangen. Bei mir zumindest war es so. Vielleicht ben├Âtigt die kommende Generation diese Erfahrung aber nicht mehr, wenn es unserer Generation noch gelingt einen Gegenentwurf zum Lebensgl├╝ck durch Shopping zu leben. Eben vorzuleben. Daran (n├Ąmlich an sich selbst) zu arbeiten, bindet schon genug Kraft.

Und da schlie├čt sich der Kreis. Vorbild statt Erziehung, soweit mein Credo bisher: So ein Vater will ich sein. Ohne erhobenen Zeigefinger, ohne Augendrehen, ohne diesen Ich-wei├č-es-besser-alos-h├Âr-doch-mal-auf-deine- Vater-Blick. Das ist harte Arbeit an mir selbst. Als Minimalist nicht zucken, wenn der Besitz des T├Âchterleins von Jahr zu Jahr anw├Ąchst. Und sich an die eigenen Nase zu packen. Auf die eigene Playstation zu gucken.

Sie verstaubt seit einem Jahr. Aber wer hat sie sich denn schenken lassen vor zwei Jahren? Oder wie w├Ąre es mit einem Blick auf das viele Plastik, das sich noch immer in meinem Besitz befindet, f├╝r das es Alternativen gegeben h├Ątte? Bevor ich also irgend jemandem einen Ratschlag zum besseren Leben gebe, erz├Ąhle ich lieber ├╝ber mich und schaue vor allem kritisch auf das, was ich noch vorhabe. Also nicht erziehen, sondern ein einfaches und sch├Ânes Leben vorleben.

Wenn ich meiner Tochter nur eines w├╝nschen d├╝rfte, dann das. Nicht erzogen zu werden, sondern einen m├Âglichen Weg mit verlangsamten Hamsterrad gezeigt zu bekommen. Und die F├Ąhigkeit zu entwickeln sich auf den eigenen Weg zu begeben, der Mensch zu werden, der sie selbst gerne w├Ąre.

Leserumfrage: Wie fandet ihr uns heute?

2016-07-11-1468249306-1333267-umfrage.jpg

Hier geht es zur Umfrage.

Ihr habt auch ein spannendes Thema?
Die Huffington Post ist eine Debattenplattform f├╝r alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blogteam unter blog@huffingtonpost.de.

Auch auf HuffPost:

Lesenswert: