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Kindererziehung und Minimalismus: Anspruch und Wirklichkeit

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KID HAPPY
IAN HOOTON via Getty Images
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Seit September 2014 bin ich Vater. Und ich bin Minimalist. Wie passt das zusammen? Das BemĂŒhen den Besitz auf das Wesentliche zu reduzieren und ein Kind in dieser beschleunigten Überflussgesellschaft zu erziehen?

Der jetzt folgende Beitrag ist persönlich zu verstehen. Ich erhebe keinen Anspruch auf AllgemeingĂŒltigkeit. Das hilft vielleicht den einen oder anderen Reflex des Zuspruches oder Widerspruches zumindest bis in die Kommentare zu verzögern.

Ein auf das wesentliche reduzierte Kinderzimmer. Wie sieht das eigentlich aus?
Als Minimalist und Vater könnte man gleich zu Anfang allen Freunden, Bekannten und der Familie erklÀren, dass man beispielsweise kein Plastikspielzeug akzeptiert. Garniert am besten mit einem belehrenden Hinweis auf Kinder in anderen Kulturen.

Das gleiche gilt fĂŒr zu viel Spielzeug, zu viel Kleidung, teure Körperlotionen und Kleinkram wie Schnullerketten. Sollte man seinem Umfeld wĂ€hrend der Schwangerschaft noch nichtbeigebogen haben, dass der Minimalismus sich nun auf ein weiteres Familienmitglied quasi mit vererbt hat, spĂ€testens im Krankenhaus nach der Geburt, sollte man das allen Gratulanten beibiegen.

Klingt fĂŒr mich wie eine neue Anleitung zum UnglĂŒcklichsein. Klingt nach viel Zoff und Streit.

Erziehung kommt von Ziehen?

Zudem macht mich das Wort Erziehung unbehaglich. Klar, ich will meine Tochter vor den ganz großen und konkreten Gefahren dieser Welt beschĂŒtzen. Meistens erlaube ich ihr deshalb nicht auf dem Tisch zu krabbeln oder sich in die SpĂŒlmaschine zu setzen. Scharfe und Spitze GegenstĂ€nde nehmen wir ihr weg, so gut es geht passen wir auf, dass sie nirgends runter fĂ€llt. Lernen und Risiko sollen sich die Waage halten.

Nur am Charakter will ich nicht ziehen. Schon recht nicht in eine bestimmte Richtung. Das beste und schönste entwickeln helfen, das schon eher. Mag hochtrabend klingen, aber es erinnert mich daran, was fĂŒr ein Typ Vater ich sein will.

ïżŒDaher: Wir erziehen unsere Tochter nicht zum Minimalismus. Jedenfalls nicht bewusst und gezielt. Der letzte Teil des aller ersten Satzes darf ganz wörtlich genommen werden. Ich (!) bin Minimalist. Meine Partnerin ist das nicht. Unser Kind ist das nicht.

Und da ich der festen Überzeugung bin, dass man andere (erwachsene) Menschen nicht willentlich Ă€ndern kann und der Versuch immer zum UnglĂŒck eines der Beteiligten fĂŒhrt, habe ich spĂ€ter auch nicht vor meine Tochter oder meine Partnerin zum Minimalismus zu bedrĂ€ngen.

Ich bin als Minimalist ganz in persönlicher Mission unterwegs. Ich kann gut unterscheiden zwischen meinem persönlichen Besitz, dem Besitz meines Kindes, meiner Partnerin und ein paar Teilen, die ich schlicht mit benutze, damit der Alltag nicht in die LÀcherlichkeit abdriftet. Hier könnte sich Kritik regen. Da behauptet einer Minimalist zu sein und hat sich bequem mit einem anderen Menschen zusammen getan, der das alles nicht ist. Willkommen im gemachten Nest? Aber wie sÀhe das denn im Extrem aus, ein Minimalist, der mit Scheuklappen durch sein Leben lÀuft?

Mein eigenes Besteck

Ich könnte mir zum Beispiel mein eigenes Besteck markieren, mein eigenes Glas und meinen eigenen Becher. Ich wĂŒrde nur aus diesen Trinken und sie mit der Hand spĂŒlen. Niemals wĂŒrde ich sie mit in die SpĂŒlmaschine stellen. Und von Zeit zu Zeit wĂŒrde ich dann mit traurigem Gesicht die so berĂŒhmte Frage stellen: Wer hat aus meinem GlĂ€schen getrunken? Wer hat von meinem Teller gegessen? Man merkt es vielleicht. So ein Minimalist möchte ich nicht sein. Ich möchte an dieser ganz normalen Welt teilhaben und mich nicht selbst dauerhaft an den Rand stellen. Schmollend ĂŒber die böse Welt, in der alle anderen so viel Zeug herumliegen haben.

Aber Plastik zerstört unseren Planeten

Ich sitze gerade auf unserer Couch und blicke auf drei Plastikspielzeuge. Da ist ein Lauflern-Dingsi, das Melodien spielen kann, ein kleiner Reisebus von Playmobil und ein Hund, der Wuff Wuff macht, wenn man ihn an der Leine durch die Wohnung zerrt.

Und finde ich es toll, dass meine Tochter regelmĂ€ĂŸig irgendwelches Plastikspielzeug geschenkt bekommt? Nein, nicht bei allem. Und will ich der Typ sein, der deswegen jedes Mal einen Streit anfĂ€ngt, den Leuten lange Reden ĂŒber Plastik in den Weltmeeren hĂ€lt, ihnen verbietet den Kram zu schenken, stĂ€ndig deswegen allen auf die Nerven geht? Nein. Der Typ will ich nicht sein. Es geht mich auch nur am Rande etwas an. Es sind Dinge, die meine Tochter geschenkt bekommt. Das sind nicht meine Dinge. Und von den Dingen anderer Menschen lasse ich die Finger.

ïżŒEs ist richtig, dass Plastik nicht nur die Umwelt zerstört, sondern auch viel Leid in der Tierwelt verbreitet. Jeder kennt die Bilder von verendeten Seevögeln, die MĂ€gen voller Feuerzeuge und Plastiksplitter.

Als Minimalist versuche ich ohnehin schon so wenig wie möglich Dinge zu besitzen, also auch wenig Plastik. Ich habe aber entschieden, nicht der Tierwelt und Umwelt zuliebe zum Extremisten zu werden. Der Wald als Wohnort muss warten. Und jetzt genug des Abschweifens.

Entwicklung begleiten

Wie gesagt, Entwicklung, das Wort gefÀllt mir gut. Bei der Frage also der Entwicklung meiner Tochter in Bezug auf den Minimalismus, bleibe ich am liebsten bei mir selbst. Wie bin ich denn zum Minimalisten erzogen worden? Ohne erneutes abschweifen: Meine Eltern haben mich nicht dazu erzogen. Irgendwann bin ich zu der Erkenntnis gekommen, dass ich mich mit zu viel Zeug umgeben habe, das mich nur festhÀlt. In der Vergangenheit, an einem festen Ort, in der Zeit durch putzen und pflegen, sammeln und sortieren.

Zu dieser Erkenntnis mĂŒssen wohl einige ĂŒber den Umweg des AnhĂ€ufens von Besitz gelangen. Bei mir zumindest war es so. Vielleicht benötigt die kommende Generation diese Erfahrung aber nicht mehr, wenn es unserer Generation noch gelingt einen Gegenentwurf zum LebensglĂŒck durch Shopping zu leben. Eben vorzuleben. Daran (nĂ€mlich an sich selbst) zu arbeiten, bindet schon genug Kraft.

Und da schließt sich der Kreis. Vorbild statt Erziehung, soweit mein Credo bisher: So ein Vater will ich sein. Ohne erhobenen Zeigefinger, ohne Augendrehen, ohne diesen Ich-weiß-es-besser-alos-hör-doch-mal-auf-deine- Vater-Blick. Das ist harte Arbeit an mir selbst. Als Minimalist nicht zucken, wenn der Besitz des Töchterleins von Jahr zu Jahr anwĂ€chst. Und sich an die eigenen Nase zu packen. Auf die eigene Playstation zu gucken.

Sie verstaubt seit einem Jahr. Aber wer hat sie sich denn schenken lassen vor zwei Jahren? Oder wie wĂ€re es mit einem Blick auf das viele Plastik, das sich noch immer in meinem Besitz befindet, fĂŒr das es Alternativen gegeben hĂ€tte? Bevor ich also irgend jemandem einen Ratschlag zum besseren Leben gebe, erzĂ€hle ich lieber ĂŒber mich und schaue vor allem kritisch auf das, was ich noch vorhabe. Also nicht erziehen, sondern ein einfaches und schönes Leben vorleben.

Wenn ich meiner Tochter nur eines wĂŒnschen dĂŒrfte, dann das. Nicht erzogen zu werden, sondern einen möglichen Weg mit verlangsamten Hamsterrad gezeigt zu bekommen. Und die FĂ€higkeit zu entwickeln sich auf den eigenen Weg zu begeben, der Mensch zu werden, der sie selbst gerne wĂ€re.

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