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Kuhfladen vs. Prosecco: "Ich war harte körperliche Arbeit nicht gewohnt."

03/07/2015 13:07 CEST | Aktualisiert 03/07/2016 11:12 CEST
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Wenn ich ehrlich bin, so richtig harte körperliche Arbeit bin ich nicht gewohnt gewesen. Und nie hätte ich mir damals gedacht, dass ich einmal Kuhfladen von der Straße kratzen würde. Und wenn ich die Toiletten frei pumpe vermisse ich wirklich die Zeit, in der ich mit Prosecco und Lachsbrötchen bei meiner Nageldesignerin gesessen bin und wir über die Reichen und Schönen philosophiert haben.

Ich war immer ein Entertainer... reden liegt mir einfach und das erste Mal vor einem Gasherd hat mir den kalten Schweiß über den Rücken getrieben. Als wir damals unser Projekt "Alm" gestartet haben, mussten erst einmal meine heiß geliebten Fingernägel weichen. Noch Heute kommen mir die Tränen, wenn ich daran denke. Aber schwul sein und in ein Bergdorf mit ca. 200 Einwohner zu ziehen, verlangte eben Opfer.

Wenn ich ehrlich bin, meine erste Wahl war es nicht. Ich hatte Angst wie wir behandelt würden, wenn erst einmal rauskommt, dass wir Schwul sind. Auch die Angst, in der Einöde zu vereinsamen, konnte ich nie ganz ablegen.

Aber es gab nur zwei Möglichkeiten: für die Familie kämpfen und ein neues Leben fern ab der Szene starten, oder die ach so nach Toleranz schreiende Szene gewinnen lassen.

Für mich gab es keine Überlegung. Selbst wenn ich nach Sibirien gezogen wäre, der Kampf um meine Familie war mir wichtiger. Es wäre schön zu sagen "Ich war jung und brauchte das Geld". Doch war beides nicht der Fall und wenn ich heute oft auf meiner Couch sitze, bin ich mir nicht sicher, ob es nicht besser gewesen wäre eine Schlussstrich zu ziehen.

"Einsamkeit ist schlimm...aber zu zweit Einsam zu sein ist die Hölle auf Erden"

Als wir damals aus der Stadt wegzogen, hatten wir viele Freunde und Bekannte und natürlich, da wir in einer Gaybar gearbeitet haben, waren die meisten Homosexuell. Natürlich waren sie nach diesem Jahr, das wir hinter uns hatten auf eine sehr überschaubare Zahl reduziert, um nicht zu sagen richtig gute Freunde kriegten wir in einem Auto unter.

Und die sind es, die uns heute noch begleiten. Und welch Überraschung die wenigsten waren homosexuell. Oh ja sie waren da. Mit Rat und Schimpf, um uns zu warnen wie sehr wir doch am Land geschnitten würden und, dass wir uns doch ja nicht im Dunklen auf die Straße wagen sollten.

Um es kurz zu sagen: Die, die immer am meisten gegen Vorurteile wetterten waren eigentlich diejenigen, die die meisten Vorurteile hatten. Und wir waren uns nicht sicher, ob sie nicht doch vielleicht recht bekommen sollten.

Doch kam es ganz anders, (bis auf einen kleinen Vorfall) genau jene vor denen wir uns am meisten in Acht nehmen sollten, sind die, die uns seit dem ersten Tag tragen und schätzen. Genau so, wie wir sind. Keinen stört es und keiner neidet uns unsere Familie.

Einen schönen Tag,

Eure Gräfin

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