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"Ich bin der Sohn meiner Oma und mein Bruder ist mein Vater"

02/07/2015 14:02 CEST | Aktualisiert 02/07/2016 11:12 CEST
Emil Von Maltitz via Getty Images

Ich beginne meine Konversation für gewöhnlich mit dem Satz "ich bin der Sohn meiner Oma und mein Bruder ist mein Vater", und in den meisten Fällen habe ich dann die ganze Aufmerksamkeit. Dabei ist es ganz einfach.

Meine Mutter eine Sinti aus Siebenbürgen hat in den 70ern illegal hier in Österreich gearbeitet und nachdem sie von meinem biologischen Vater schwanger wurde, ist sie, da sie erst 16 war wieder zurück in ihre alte Heimat Rumänien und leider bei meiner Geburt verstorben.

Nach langem hin und her und 5 Jahren in einem Waisenhaus, hat mich die Mutter meines Vaters gefunden und adoptiert. So wurde meine Großmutter zu meiner Mutter und mein biologischer Vater zu meinem Bruder.

Seit ich denken kann bin ich schwul, und ich könnte jetzt eine traurige leidende Geschichte erzählen, wie sehr ich darunter gelitten habe. Aber Fakt ist, dass ich immer von meinem Adoptiveltern in meiner Neigung bestärkt wurde und als starke Persönlichkeit aufgezogen wurde, die sich für nichts zu schämen hat, weder für seine Herkunft noch für die Umstände seiner Zeugung und schon gar nicht für seine Neigung.

Meine Adoptiveltern waren nicht gerade arm, im Gegenteil, sie waren Gastronomen und ich bin sehr behütet und sehr teilweise versnobt aufgewachsen, und ich kannte die Situation Geldsorgen und Existenzangst lange nicht.

Vielleicht war ihre Art mich auf- und zu- erziehen nicht immer richtig, denn großteils lebte ich in einer in Watte verpackter rosaroten Welt, in der mir nichts passieren konnte, bis ich 16 wurde und angefangen habe, Fragen zu stellen.

Nach einem, im Nachhinein sehr pubertären Streit, habe ich beschlossen, mein Leben selbst in die Hand zu nehmen. Ich wurde zur "Komtesse", einen Vorstadt-Travestie mit zweifelhaften Erfolg.

Gewohnt immer Geld zu haben, musste ich das erste Mal in meinem Leben überlegen, wie ich Rechnungen bezahle.... Prostitution war damals der letzte Ausweg, aber selbst das kann ich nicht als schlecht oder Untergang bewerten, weil ich dadurch der Partner eines Grafen wurde und plötzlich war sie geboren... Die Gräfin...

Ein Kult und Kunstobjekt, das seinesgleichen erst finden musste...

Ich kämpfte für Gleichstellung von Homosexuellen und wurde sowas wie eine Schwulenmutti. Begleitete junge und auch ältere Männer durch ihr Outing, gleichzeitig wurde die Gräfin immer bekannter und stärker und ich musste erkennen, dass die Fortschritte in Sachen Gleichstellung oft eher Rückschritte wurden und sich Vieles ins Negative entwickelt hat.

Plötzlich änderte sich die Szene gewaltig und die, die am meisten für Toleranz schimpften, wurden zu denen, die Intoleranz am meisten lebten.

Ich begann mich für meine Homosexualität zu schämen und das wegen den Menschen aus den eigenen Kreisen. Mit 28 wurde bei mir das erste mal Brustkrebs diagnostiziert. Damals war es eher ein Tabu, ein Mann mit Brustkrebs. Von diesem Zeitpunkt an, verschoben sich meine Einstellungen.

Mein Mann (damals konnte man in Spanien schon heiraten) war von jeher gut situiert. Als Sohn eines spanischen Unternehmers konnte er mit meiner Erkrankung nicht wirklich umgehen und auch die Situation, dass er immer in meinem Schatten Stand, war nicht einfach für ihn.

Er war immer der Mann der Gräfin und er baute sich eine eigene Karriere als freischaffender Journalist für Spanisch sprechende Menschen auf und wurde immer erfolgreicher.

Gleich wie ich begann er sich für Gleichstellung und dergleichen einzusetzen und entdeckte wie ich, die Teils besorgnisserregende Entwicklung in der Szene.

Wir lebten in Madrid, Berlin, München, Sao Paulo und in Habanna, doch nach fast 14 Jahren kam das Unvermeidliche und wir ließen uns scheiden.

Inzwischen wurde der Krebs noch zweimal aktiv und ich war nicht mehr die Person, die ich vor Jahren war. 30 kg mehr war ich mittlerweile ein unförmiges Ding, das nicht mehr Perücken trug, um in Rollen zu schlüpfen, sondern um seine Erkrankungen zu kaschieren.

Ich versuchte einen Neustart in meiner Heimatstadt mit mäßigen Erfolg, gewohnt Hand in Hand mit meinem Mann durch die Straßen zu spazieren, musste ich mich wieder schämen Schwul zu sein und es wurde eher schlimmer als besser.

Die Zeit hatte sich sehr geändert, wo ich früher immer geschätzt und geehrt wurde, war ich plötzlich die Lachnummer. Eine alternde Diva mit Figurproblemen. Ich konnte die Intoleranz aus der schwulen Szene mehr denn je spüren.

Hab ich vor fast 20 Jahren noch für eine Gleichstellung gekämpft, wurde ich jetzt als Abschaum behandelt. Aber es ging nicht nur mir so, all jene, die schon damals für ein "normales" Zusammenleben gekämpft haben, waren alt und/oder krank geworden und waren nur mehr die, mit denen man nicht mehr gesehen werden wollte.

Also führte ich eine Bar... ohne Darkroom und dergleichen, in der alle zusammen normal miteinander umgehen sollten. Ein Treffpunkt für Schwul, Lesbisch, Transgender und Heteros.

Ich lernte in dieser Zeit einen wunderbaren Mann kennen. Wir beide vom Schicksal gebeutelt und vom Leben enttäuscht, entwickelte sich aus einer Freundschaft etwas Starkes und Eigenes. Eine Beziehung, die auf gegenseitigen Respekt aufbaute, eine rein platonische Front, eine neue Art von schwulen Zusammenlebens, eine Familie.

Ein Märchen würde hier mit den Worten "und sie lebten glücklich bis ans Ende ihrer Tage" enden, aber das Leben ist eben kein Märchen.

Durch die Kraft, die ich aus meiner Familie schöpfte, wurde ich wieder stärker, die Gräfin war wieder da und ich deckte einen Skandal auf, der unter der Schirmherrschaft der Regenbogen Fahne stattfand, Stricher gaben sich bei mir die Klinke in die Hand und schilderten ihr Leid und junge Hilfesuchende Männer erzählten was wirklich mit Hilfesuchenden passierte.

Ich kämpfte gegen das Klischee, das voll erfüllt wurde und viele den Angriffspunkt für Homophopie schürte. Doch hatte ich bei diesem Kampf eines vergessen.... Ich war jetzt angreifbar, durch das schönste was es geben konnte, meine Familie.

Nun kämpfte ich gegen mehrere Fronten gegen das ,das ich aufdeckte und noch schlimmer, für meine Familie die nicht in die jetzige Szene passte denn schließlich betrogen und belogen wir uns nicht gegenseitig und das konnte in dieser Szene niemand verstehen.

Es schien zu einer Pflicht geworden zu sein, das in der Homosexuellen-Szene niemand es den anderen mehr zu gönnen schien glücklich zu sein, ist es Eifersucht oder Unverständnis aus den eigenen Kreisen, unser Zusammenleben wurde zur Hölle.

Ich wurde müde der Anfeindungen und Intrigen aus dem eigenen Kreisen und traf einen Entschluss der meine Familie retten sollte, ich lies die Gräfin verschwinden in der Hoffnung, das damit alles besser werden sollte, aber es wurde nicht besser, das Misstrauen unter uns wurde geschürt und auch wenn wir anfangs darüber lachten, wir verloren den Kampf.

Vermeintliche Freunde zeigten ihr wahres Gesicht und unser Experiment Familie begann zu zerfallen. Aus Respekt wurde Misstrauen. Ich, nein wir kämpften nicht mehr, und ich wurde wieder krank, der Krebs war zurück. Ein einschneidender Entschluss wurde getroffen, um das zu retten was noch überig war.

Wir brachen unsere Zelte ab, und zogen in ein 200 Seelen Ort um do rauf einem Berg ein Gasthaus zu eröffnen. Was wir dort erlebten und erleben ist die Grundlage meines Blogs, DIE GRÄFIN AM BERG.... Vom Großstadt Dschungel in die Einsamkeit, vom Blitzlichgewitter der Clubs in den Wald..... können wir die Vergangenheit ablegen oder holt sie uns wieder ein? Wie weit reichen die Krallen der nach Toleranz schreienden SZENE?

Einen schönen Tag

Eure Gräfin


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