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Exzellenzfaktoren 4.0: Sinn, Authentizität, Digitalisierung und Nachhaltigkeit (Teil 1)

02/08/2017 18:12 CEST | Aktualisiert 02/08/2017 18:13 CEST

Im Gespräch mit Prof. Dr. Anabel Ternès: Sie steht für die Themen Digitalisierung & Work 4.0, Strategische Kommunikation sowie Nachhaltiges Management mit den Schwerpunkten Human Resources Management, Gesundheitsmanagement und Leadership. Als Gründerin und Mentorin geht es ihr dabei auch immer um nachhaltige Geschäftsmodelle und Startup-Bildung. Sie vereint Gründergeist, Führungserfahrung in internationalen Großunternehmen und soziales Engagement mit praxisnaher Forschung.

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Foto und Copyright: Anabel Ternès

Warum wird Sinn bzw. Sinnorientierung in Zukunft zu einem Exzellenzfaktor werden?

Viele Menschen fühlen sich in ihrem Unternehmen fremdbestimmt, nicht wohl und sehen keinen Sinn in ihrer Arbeit. Die Sehnsucht nach einer anderen Art des Arbeitens wird größer. Die Suche nach Sinn ist ein altes und zutiefst menschliches Grundbedürfnis und ein Zeitgeistphänomen, da in Kombination mit materiellem Wohlstand gleichzeitig sinnstiftende Bereiche unserer Gesellschaft massiv an Bedeutung verloren haben. Victor Frankl, Neurologe und Psychiater, definiert den Menschen als sinnsuchendes Wesen, welches einen sinnvollen Beitrag leisten will. Im Rahmen dieser Entwicklungen und der Megatrends, vor allem im Rahmen der Digitalisierung, steigt der Druck auf den Bereich Arbeit, in dem viel Lebenszeit verbracht wird und der nicht als vom Leben getrennter Bereich verstanden wird, Sinn zu liefern.

Sinnorientierung wird daher wohl zu der wichtigsten Ressource und zum Exzellenzfaktor der Zukunft und damit zu einer großen Herausforderung für die Wirtschaft. Zukunftsmärkte werden immer auch Sinnmärkte sein. Jedoch ist Sinn ein äußerst anspruchsvolles Produkt, das nicht einfach so hergestellt werden kann. Es ist ein Ergebnis von Persönlichkeit, Einsichten und Haltungen, eingebettet in den unternehmerischen und gesellschaftlichen Kontext.

Kann die Digitalisierung im Kontext einer Arbeitswelt 4.0 zu mehr Freiheit, Menschlichkeit und Sinnstiftung im Leben der Menschen und Exzellenz in Organisationen führen?

Die Digitalisierung impliziert grundsätzlich die Möglichkeit, im Kontext mit einer Arbeitswelt 4.0 zu mehr Freiheit, Menschlichkeit und Sinnstiftung im Leben der Menschen und damit zur Exzellenz in Organisationen zu führen. Voraussetzung ist allerdings, dass wir als Gesellschaft das Potenzial erkennen und die dazu notwendigen, vollkommen neu zu denkenden Rahmenbedingungen schaffen. Blicken wir beispielsweise auf die Maschinenstürmer des 19. Jahrhunderts zurück, werden wir direkt mit den Risiken konfrontiert: Verursacht oder verstärkt die Innovation soziale Ungleichgewichte, bauen sich Spannungen auf, die sich zwangsläufig entladen müssen.

Dass sich diese historischen Erkenntnisse auf die heutige Zeit übertragen lassen, führt Manuel Castells im Vorwort zu seinem Buch „Der Aufstieg der Netzwerkgesellschaft" aus: Er analysiert die Finanzkrise 2008, die er in Zusammenhang mit einer neuen Wirtschaftsform bringt, als deren wesentliches Merkmal die aufgrund technologischer Entwicklung, zunehmender Vernetzung und höherer Qualifikation der Arbeitskräfte gestiegene Produktivität ausmacht.

Allein in den USA erreichte demnach zwischen 1998 und 2008 das kumulative Produktivitätswachstum 30 Prozent - im Gegenzug wurden die Reallöhne jedoch nur um zwei Prozent angehoben, zwischen 2003 und 2006 sanken die Wochenlöhne der Arbeiter mit Collegeabschluss sogar um sechs Prozent. Der Grund: kurzsichtige Managemententscheidungen, die nicht zuletzt der Gier geschuldet waren.

Gleichzeitig stiegen die Immobilienpreise extrem in die Höhe, denn Banken vergaben mit Unterstützung der Bundesinstitutionen auf unverantwortliche Weise Hypotheken an die Arbeitnehmer, deren Einkommen jedoch wider die in der Produktivitätssteigerung begründeten Erwartungen gleichblieben oder sanken. Die Immobilienwirtschaft schöpfte diese Gewinne ab - eine Blase gigantischen Ausmaßes wurde produziert.

Unter dem Strich wurde der Realgewinn der neuen Wirtschaftsform auf dem Wertpapiermarkt noch vergrößert - und verliehen. Die Lücke zwischen Kreditvolumen und Rückzahlungsfähigkeit klaffte immer weiter auseinander, die private Verschuldungsquote stieg auf 130 Prozent (2008) - von gerade einmal drei Prozent im Jahr 1998.

Der durch die Digitalisierung entstandene globale Finanzmarkt hat sich längst der bis dahin bekannten gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Logik entzogen, gängige Wirtschaftstheorien über den Haufen geworfen und Regierungen in einen hektischen Aktionismus getrieben: Es wurden im Zuge der Finanzkrise nicht nur Vermögen in unvorstellbarer Größe vernichtet, sondern auch ganz reale Arbeitsplätze und damit finanzielle Existenzen.

Nicht nur die Chancen, die die Digitalisierung eröffnet, sind also enorm, sondern auch die Herausforderungen, denen sich unsere Gesellschaft auf allen Ebenen und in sämtlichen Lebensbereichen stellen muss.

Wir befinden uns in einer Zeit, die mit dem Begriff „4. Industrielle Revolution" nur unzureichend beschrieben ist: Es muss einen Paradigmenwechsel geben, der sich wohl am besten mit „Große Transformation" umschreiben lässt. Der Mensch an sich und vor allem unser Bewusstsein müssen sich grundlegend verändern, um diesen Umbruch meistern zu können.

Was versteht man unter der „Großen Transformation zu eine Sinn- und Inspirationsgesellschaft" und was sind die Gründe für ihr Entstehen?

Um mit Fredmund Malik zu sprechen: Wir gehen durch eine der größten Transformationen, die es je in der Geschichte gab. Sieht es an der Oberfläche wie eine Wirtschaftskrise aus, handelt es sich doch unter dem Strich um einen großen gesellschaftlichen Transformationsprozess und damit um nicht weniger als eine Systemkrise, die auch eine Krise des Funktionierens ist.

Was einst richtig war, ist nun falsch. Malik bezeichnet diese Krisen als Geburtswehen, die die Transformation aus der Alten Welt in die Neue Welt des 21. Jahrhunderts begleiten: Fast alles wird anders werden, als es bisher war. Halten wir jedoch an den alten Denkschablonen fest, dürfte es schwere Komplikationen geben. Nur das Einlassen auf ein neues Weltverständnis, das uns neue Methoden entwickeln lässt, könnte demnach die Transformation gelingen lassen.

Die Arbeitswelt hat sich im Zuge der Digitalisierung, Automatisierung und Globalisierung bereits verändert - die Beschäftigung an sich ist jedoch nicht verschwunden. Allerdings sind die Anforderungen in Bezug auf das Ausbildungsniveau heute grundsätzlich höher und sie werden weiter steigen.

Vor allem im Zuge der Globalisierung von Produktionsprozessen gingen bereits Arbeitsplätze durch die Automatisierung verloren oder sie wurden ins Ausland verlagert, um Kosten einzusparen. Berufsbilder sind verschwunden, aber neue sind auch entstanden, die die Ansprüche an Qualifikation und Fertigkeiten weiter nach oben schrauben.

Diese Entwicklung steht erst am Anfang und führt bereits jetzt zum Auseinanderklaffen der sozialen Schere: Die höhere Bildung sorgt nicht dafür, dass sich auch der Lebensstandard der arbeitenden Bevölkerung in der industrialisierten Welt nachhaltig verbessert. Wie wird das weitergehen, wenn Arbeitsplätze in einem deutlich größeren Maßstab überflüssig werden, weil Automaten die Tätigkeiten ohne Pause, Urlaub oder Krankheit übernehmen?

Gleichzeitig stellen sich weitere grundlegende Fragen: Warum muss immer mehr und effizienter produziert werden, wenn der Markt doch eigentlich gesättigt ist? Wo führt die permanente Produktivitätssteigerung hin?

Ist Wachstum unendlich möglich oder nötig? Mit Sicherheit nicht, allein die Endlichkeit der natürlichen Ressourcen auf unserem Planeten sollte ein triftiger Grund zum Umdenken sein: Was zählt denn wirklich im Leben? Ist eine Gesellschaft, die auf Rationalität, Machtstreben und durch Äußerlichkeiten demonstrierte Erfolge ausgerichtet ist, wirklich überlebensfähig?

Hier sind Konflikte vorprogrammiert, die weit über die eigene Karriere hinausgehen. Ziehen wir nicht als Gesellschaft die Notbremse und besinnen uns auf das, was den Menschen ausmacht und was ihm nachhaltig dient, laufen wir Gefahr, eine Katastrophe auszulösen.

Vielen Dank für das Gespräch.

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