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Sustainable Society 4.0: Auf dem Weg in ein Zeitalter der Menschlichkeit und Potentialentfaltung

06/12/2017 15:52 CET | Aktualisiert 06/12/2017 15:53 CET

Im Gespräch mit Prof. Dr. Anabel Ternès: Sie steht für die Themen Digitalisierung & Work 4.0, Strategische Kommunikation sowie Nachhaltiges Management mit den Schwerpunkten Human Resources Management, Gesundheitsmanagement und Leadership. Als Gründerin und Mentorin geht es ihr dabei auch immer um nachhaltige Geschäftsmodelle und Startup-Bildung. Sie vereint Gründergeist, Führungserfahrung in internationalen Großunternehmen und soziales Engagement mit praxisnaher Forschung.

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Foto und Copyright: Anabel Ternès

Im Industriezeitalter waren „Handarbeiter" und im Informationszeitalter waren „Wissensarbeiter" gefragt. Welche Arbeiter werden in einem Sinn- und Inspirationszeitalter gefragt sein?

Die gesamte Arbeitswelt wird sich grundlegend ändern müssen, wenn ein Großteil der heutigen Arbeit künftig automatisiert erledigt wird. Schon die frei werdenden zeitlichen Ressourcen erfordern ein drastisches Umdenken: Reduziert sich die Zeit, die der Mensch zum Erwirtschaften seines Lebensunterhaltes aufbringen muss, kann eine Gesellschaft nur ohne Reibung und Konflikte funktionieren, wenn andere Verteilungsmechanismen entwickelt werden. Gleichzeitig sollte freie Zeit einen höheren Stellenwert erhalten, nämlich als neu zu erobernde Ressource, die Raum für Kreativität eröffnet. Genau diese entwickelt sich wiederum zum Schlüsselfaktor der neuen Arbeitswelt - und das nicht nur im künstlerischen Sinne. Es geht vor allem um die kreative Ausnutzung der eigenen zeitlichen Ressourcen, die aus der dann möglichen Selbstverwirklichung resultiert. Schon die Befreiung aus einem engen Arbeitskorsett kann demnach immense Kräfte und Effekte freisetzen, die in konstruktive Bahnen gelenkt werden wollen. Allerdings darf nicht unterschätzt werden, dass hier Fähigkeiten gefragt sind, die heute nicht selbstverständlich sind, wie beispielsweise emotionale Intelligenz, holistisches Denken, aber auch Empathie und Selbstverantwortung.

Kann ein bedingungsloses Grundeinkommen ein Gewinn für die Gesellschaft und Wirtschaft sein, z.B. indem es Potenziale entfaltet, Integration und Inklusion fördert, Sinn und Freiheit gibt, die soziale Ungleichheit verringert sowie die Leistungsbereitschaft erhöht?

Das Modell des bedingungslosen Grundeinkommens ist zumindest ein interessanter, vielleicht auch der einzige Ansatz, die im Zuge der großen Transformation auftretenden zahlreichen Probleme zu lösen. Es lässt sich leicht vorstellen, dass die Abkopplung des Menschen vom heutigen Arbeitsprozess ein komplexes Potenzial eröffnet, zumindest aber eine echte Wahl lässt: Begnügt sich der eine mit dem Grundeinkommen, können sich andere mit dem befassen, was sie wirklich interessiert, und deutlich mehr verdienen. In puncto Leistungsbereitschaft wird die Schere also ebenso aufklaffen wie beim Thema Einkommen. Ob diese höheren Einkommen wiederum eine Sogwirkung entfalten und damit die soziale Ungleichheit verringert werden kann, bleibt abzuwarten. Allerdings ist ein komplett neues Gesellschaftsmodell erforderlich, um der enormen Freisetzung von Arbeitskraft konstruktiv begegnen zu können - hier müssen neue Wege gedacht , diskutiert und vorbereitet werden.

Ist es Zeit für eine Gesellschaft, in der Werte wie Menschlichkeit, Rücksichtnahme, Hilfsbereitschaft, Verbundenheit, soziales Wohlbefinden und Verantwortungsbewusstsein wieder mehr an Bedeutung gewinnen?

Es ist höchste Zeit für eine solche Gesellschaft, wollen wir die Grundlagen für eine erfolgreiche große Transformation schaffen. Es würde schon ausreichen, wenn sich unsere Gesellschaft an die sogenannten eigenen Werte und den vom Grundgesetz vorgegebenen Rahmen halten würde - Menschlichkeit, soziales Wohlbefinden und Verantwortungsbewusstsein wären dann selbstverständlich. Allerdings lebt schon die politische Elite viel zu oft das Gegenteil vor, wird aber im Zeitalter der Digitalisierung immer öfter dabei ertappt und zunehmend auch zur Rede gestellt. Wie soll sich eine menschliche, rücksichtsvolle und hilfsbereite Gesellschaft entwickeln, wenn immer wieder eklatante Verstöße der politischen Elite bekannt werden? Wenn Menschen aufstocken müssen, obwohl sie den ganzen Tag arbeiten, und auf der anderen Seite Millionen für Manager gezahlt werden? Wenn wir Waffen in Diktaturen liefern und uns dann über die aus Kriegsgebieten Fliehenden aufregen? Wenn umweltpolitische Normen den Bedürfnissen der Wirtschaft angepasst und die natürlichen Ressourcen rücksichtslos ausgebeutet werden? Es gibt viele Punkte, die sich ändern müssen, um eine Katastrophe zu vermeiden.

Ist es Zeit für eine Wirtschaft, welche ihren Erfolg auf Verantwortungsbewusstsein, Kooperationsfähigkeit, Nachhaltigkeit und Integration baut?

Auch dafür ist es Zeit, allerdings handelt es sich hier um nicht weniger als einen Quantensprung: Kapital ist immer auf der Suche nach maximalem Profit. Bevor es nicht erkennt, dass nicht nur Quantität, sondern vor allem Qualität als Gewinn zu werten ist, kann es keine Transformation in eine solche Wirtschaft geben. Ob sich diese grundlegende Veränderung im Bewusstsein allerdings angesichts der zunehmenden Konzentration von Vermögen im Rahmen der herrschenden Eigentumsverhältnisse so ohne weiteres bewerkstelligen lässt, darf bezweifelt werden. Die divergierenden Interessen stehen einer stärkeren Beteiligung der Bevölkerung grundsätzlich entgegen, was die gestalterische Aufgabe von Gesellschaft und Politik umso komplexer und schwieriger macht.

Ist es Zeit für Unternehmen, in denen Innovation und Kreativität als Teil der Unternehmenskultur gilt, soziale Kompetenzen an Bedeutung gewinnen, Fehler erwünscht und eingestanden werden, Veränderungen angestrebt und als Entwicklungschance gesehen werden, Individualität und Authentizität gefragt ist, eine angstfreie Arbeitsatmosphäre geschaffen wird sowie klare globale ethische Grundsätze positioniert werden?

Ohne diese Entwicklung in der Wirtschaft wird sich die große Transformation nicht realisieren lassen, allerdings handelt es sich auch hier um einen kompletten Paradigmenwechsel, der naturgemäß eines entsprechenden gesellschaftlichen und politischen Rahmens bedarf. Spinnen wir das Modell des bedingungslosen Grundeinkommens weiter, würde sich das aktuelle Verhältnis am Arbeitsmarkt nämlich verkehren: Unternehmen müssten um die benötigten Fachkräfte kämpfen, die nicht mehr zwingend auf die Erwerbstätigkeit angewiesen wären. Daraus entstünde ein Konkurrenzkampf um die Arbeitskraft, der das Umdenken in den Unternehmen beschleunigen könnte. Schon aus diesem Blickwinkel dürfte es kaum Alternativen zum bedingungslosen Grundeinkommen geben, auch wenn es noch bis in die letzte Konsequenz durchdacht werden muss. Arbeitskräfte würden sich nämlich bevorzugt die Unternehmen auswählen, in denen sie sich wohlfühlen, ihre individuellen Fähigkeiten ausleben und damit weiterentwickeln und verwirklichen können, was die anderen wiederum in Zugzwang setzt.

Ist es Zeit für Menschen, die in ihrem Job mehr als Pflichterfüllung und Mittel zur Sicherung des Lebensunterhaltes sehen, sondern nach Sinn, Selbstverwirklichung und Selbstbestimmung streben sowie das Prinzip Selbstverantwortung leben?

Um mehr als ein Mittel zur Sicherung des Lebensunterhaltes im Job sehen zu können, bedarf es aktuell einer gehörigen Portion Mut - sich nämlich mit den eigenen Fähigkeiten und Leidenschaften auseinanderzusetzen und daraus die Konsequenzen für die Selbstverwirklichung zu ziehen. Die finanziellen Risiken, die damit in vielen Fällen einhergehen, sind für viele Menschen ganz einfach zu groß. Natürlich wäre es selbstverantwortlich, sein Arbeitsleben so zu gestalten, dass es zu den eigenen Kompetenzen passt, diese fördert und damit enorme Energien freisetzt. Nur so kann ein Job die Selbstbestimmung überhaupt ermöglichen. Die Effekte wären enorm, einerseits dürfte die Effizienz enorm steigen und sich im Gegenzug die Häufigkeit psychosomatischer Erkrankungen deutlich reduzieren - und damit die Kosten für die gesamte Gesellschaft. Bislang mutet dieser Optimalfall, den einige Menschen durchaus bereits erreicht haben, jedoch utopisch an. So lange der persönliche Erfolg überwiegend an irgendwelchen Statussymbolen gemessen wird, die politische Elite mit ihren teilweise an Arbeitsverweigerung erinnernden Entscheidungen für die Wirtschaft agiert und diese wiederum nur auf Zahlen Wert legt, wird sich hier nichts Entscheidendes ändern.

Ist es Zeit für kreative Denker und Visionäre mit sozialen Kompetenzen. Menschen, die sich den tieferen Sinn in ihrem Leben selbst schaffen, ihren Potenzialen und Talenten folgen. Menschen, die authentisch sind und ihre Individualität leben und die sich ihrer eigenen Spiritualität öffnen?

Je mehr Menschen sich kreativ und visionär mit der großen Transformation mit all ihren komplexen Kompetenzen befassen und je lauter sie sich Gehör verschaffen, desto schneller kann ein Umdenken einsetzen. Auch in dieser Frage kann das Vorleben große Effizienz entwickeln: Erweisen sich Menschen als authentisch in ihrer Individualität, in ihrem Handeln und Denken, dann liefern sie die Beispiele, an denen sich andere orientieren werden. Um die notwendige grundlegende Veränderung einzuleiten, ist jeder Mensch gefordert. Zunächst bedarf es der Denker, die die verschiedenen gesellschaftlichen Modelle entwickeln und auf ihre Tauglichkeit hin prüfen, der Visionäre, die ein Bild von der Zukunft entwerfen können, aber eben auch der Menschen, die andere zur Besinnung auf die wesentlichen Dinge, wie beispielsweise Spiritualität und Sinnorientierung, anregen.

Vielen Dank für das Gespräch.

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