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Im Gespräch mit Gunter Dueck: "Wir brauchen eine neue Art der Intelligenz"

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GUNTER DUECK
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Im Gespräch mit Prof. Dr. Gunter Dueck: Er ist Manager, Mathematiker, Speaker und Autor weltanschaulich-philosophischer Bücher. Nach seiner Karriere als Mathematikprofessor wechselte er 1987 zur IBM, wo er u.a. für den Aufbau neuer Geschäftsfelder (Business Intelligence, Cloud Computing) und für Cultural Change tätig war.

Drei Jahre durfte er den zeitlich befristeten Titel „Master Inventor der IBM" tragen. Zuletzt, bei seinem Wechsel in den Unruhestand, war er CTO (Chief Technology Officer) der IBM Deutschland und IBM Distinguished Engineer. Seit 2011 ist er freischaffend als Schriftsteller, Business-Angel und Speaker tätig.

Was ist der Inhalt Ihres neuen Buches „Flachsinn: Ich habe Hirn, ich will hier raus"?

Es geht um alles rund um die Aufmerksamkeit! Das Internet hat dazu geführt, dass viel mehr „Informationsmenge" auf uns einströmt, dass sich die Werbefläche gegenüber Presse und TV ungeheuer vervielfacht hat und nun alle diese Verführungen, Inhalte und Beziehungswünsche von uns als wichtig wahrgenommen werden wollen - aber wir haben doch nur eine sehr beschränkte Aufmerksamkeit!

Da beginnen sie alle um unser Hinschauen, unsere Likes und Klicks zu kämpfen. Was kommt heraus? Das Schrille, Verführerische, Emotionale drängen sich in den Vordergrund, auch aller Horror, die Hetze, das Sensationistische und alle Arten von Unglück und Sonderbarkeit. Das alles habe ich einmal mit dem Wort Flachsinn zusammengepackt.

Was sind die entscheidenden Aspekte bei der Informationsqualität und der Informationsflut, welcher die Menschen heute ausgesetzt sind?

Wir müssen fast eine neue Intelligenz oder eine neue Art der Bildung entwickeln, die das Wichtige und Ernsthafte aus dem Wust herausfiltern kann - und wir müssen uns eben disziplinieren, nicht immer irgendwo „hängenzubleiben".

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Ich habe das Rotkäppchen als Beispiel im Kopf. Es soll nicht vom Wege abgehen und direkt zur Großmutter marschieren - tja, und dann kommt der Wolf und zeigt die schönen Blumen abseits des Weges. Heute aber umzingeln Herden von Wölfe das Rotkäppchen, aber es soll doch immer noch den geraden Weg gehen.

Wie kann die Menschheit das Internet bzw. die Digitalisierung nachhaltig sinnvoll nutzen und beispielsweise den gigantischen Kultur- und Wissensschatz dort bereitstellen?

Ich schlage vor, die Kultur der Welt im Netz frei verfügbar zu machen, damit sich alle bedienen können und vertrauen dürfen, dass es sich um wichtige und wertvolle Inhalte handelt. Wenn heute Schüler für Referate Bilder bei Google klauen, wissen sie kaum, ob das alles vertrauenswürdig ist - ja und urheberrechtlich verboten ist das meist auch.

Ich möchte nicht nur die Schulbücher auf den Tablets haben, sondern eben „alles Wertvolle", alle Musiknoten, alle Videos von wichtigen Reden, Theateraufführungen, Vorlesungen, Museen, der Augsburger Puppenkiste - Hörproben von Keuchhusten und Pseudokrupp für Medizinstudenten etc. etc.

Wie kann eine neue Kultur des Tiefsinns etabliert bzw. Empowerment für alle ermöglicht werden?

Es muss eben zur Bildung gehören, sich mit der Aufmerksamkeitsökonomie auszukennen sowie eine Attraktionsintelligenz und Medienkompetenz zu entwickeln. Ich meine, das Rotkäppchen sollte um die Motivationen der klickheischenden Wölfe wissen und gleichzeitig die Inhalte des Netzes nutzen können, um „Self-Empowerment" zu betreiben (das ist ein zulässiges deutsches Wort!).

Welche Rolle spielt der Flachsinn im Attracticon, wie Sie es nennen, und wie sehen die Strategien der Aufmerksamkeitsprofis aus?

Es gibt ja immer mehr Grauzonen im Netz, in denen unsere Aufmerksamkeit mit zweifelhaften Methoden eingefangen wird. Für die möchte ich sensibilisieren. Wir sehen doch, wie mit unserer Aufmerksamkeit Schindluder getrieben wird - siehe Brexit/Trump/Erdogan/Putin.

Das Aufpeitschende an sich (Wahrheit und Verantwortung hin und her) wirkt jetzt auf viele Menschen wie die Blumen im Wald, zu denen uns diese reißenden Wölfe führen wollen. In den virtuellen Reißwolf mit ihnen! Aber auch unsere Politiker jonglieren inzwischen virtuos damit, alles mit 4.0 zu kennzeichnen oder von Visionen 2030 zu phantasieren - Hilfe, das ersetzt doch das Regieren nicht!

Vielen Dank für das Gespräch. Weiterführende Informationen zu Gunter Dueck: www.omnisophie.com.

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Leserumfrage: Wie fandet ihr uns heute?

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