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Deutsche Schulen - vom technologischen Brachland zum innovativen Start-up-Inkubator

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Gemeinsamer Artikel mit Prof. Dr. Anabel Ternès: Sie ist mehrfache Gründerin, CEO der gemeinnützigen Organisation GetYourWings zur Stärkung von Persönlichkeit und Perspektiven, Co-Gründerin des Think Tanks BILDUNGSLAB ONE aus Bildungsexperten und Gründern, sowie Managing Director des International Institute for Sustainability Management.

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Foto und Copyright: Anabel Ternès

„Wenn ich Informationsverarbeitung nicht im Gehirn, sondern im Computer betreibe, hat das Gehirn nichts gelernt.", so Prof. Dr. Manfred Spitzer.

Die digitale Transformation wird unsere Gesellschaft von Grund auf verändern - in diesem Punkt sind sich die Entscheidungsträger auf allen Ebenen einig. In Bezug auf die notwendige und längst überfällige Neuausrichtung von Schule, Aus- und Weiterbildung zur Bewältigung dieser Herausforderung gehen die Meinungen jedoch weit auseinander. Die wegweisenden Impulse kommen bislang weniger aus der Politik, sondern aus der Gründerszene, von Organisationen, privaten Initiativen und Unternehmen, die den akuten Bedarf erkannt haben.

Nachhaltiges Bildungsmanagement - Macher sind gefragt

Um den Anschluss und mögliche Chancen nicht zu verpassen, wirkt so mancher Entscheidungsträger aus der Wirtschaft oder der Politik vielmehr wie ein Getriebener als wie ein Gestalter. Oftmals ist das Denken noch stark im letzten Jahrhundert und in der dritten industriellen Revolution verankert, was sich am Handeln sowie dem Erhalt des Status quo zeigt. Das 21. Jahrhundert macht deutlich, dass das Übertragen von Gestaltungs- bzw. Managementansätzen und das Übertragen von alten Bildungs- und Geschäftsmodellen auf die neue digitale Wirklichkeit zum Scheitern verurteilt sind.

Die großen Umbrüche, welche in den Arbeits-, Alltags- und Lernwelten anstehen, erahnt heute inzwischen fast jeder. Dass diese Veränderungen letztlich unser gesamtes Lebenssystem auf den Kopf stellen können, ist allerdings noch nicht allen Entscheidern und Betroffenen im Bildungs- und Weiterbildungsbereich in ganzer Konsequenz bewusst. Man muss sich klar darüber sein, dass alles, was digitalisiert werden kann, höchstwahrscheinlich auch digitalisiert werden wird. Menschen müssen daher lernen damit umzugehen und dies erfolgreich zu managen.

Es geht dabei vor allem auch um die Entwicklung von sogenannten Soft Skills, wie beispielsweise emotionale Intelligenz, soziale Kompetenz, Lern- und Gesundheitskompetenz, im Sinne einer Optimierung des persönlichen Selbstmanagements und Entfaltung der eigenen Potenziale. Denn die digitale Transformation ist vorrangig auch letztlich keine technologische Herausforderung, sondern eine fürs People Management. Schon Peter Drucker sagte: „Management is about human beings. Its task is to make people capable of joint performance, to make their strengths effective and their weaknesses irrelevant." Es geht um Selbstorganisation, Agilität, Sinn, Selbstbestimmung, Freiheit und Verantwortung. Die Bildungsreinrichtungen der Zukunft dürfen hier nicht länger auf ein „Bulimielernen" abzielen, sondern sollten verstärkt auf Gesundheitsprävention - zum Beispiel bekommt inzwischen laut dem TK Gesundheitsreport 2015 mehr als jeder 5. Studierende eine psychische Diagnose - und die Entwicklung von essentiellen Kompetenzen, Skills und Persönlichkeit bzw. nachhaltige Bildung ausgerichtet werden. Hierzu muss die Trennung von Schule und Leben überwunden werden.

Eine nachhaltige Transformation der Bildung erfordert im Kern ein modernes humanes Menschenbild. Eine Bildung, welche Menschen nur „fit für" etwas machen will und nicht nach persönlichen Interessen, Persönlichkeitsmerkmalen, Potenzialen, Talenten bzw. Stärken fragt, wird nicht einmal den angestrebten Markterfolg bringen. Denn es werden in einem digitalen Zeitalter, in dem intelligente Maschinen zunehmend auch anspruchsvollere „Wissensarbeiten" übernehmen, vermehrt „Kreativarbeiter" nachgefragt und neue Jobs bzw. Berufe mit veränderten Anforderungen entstehen. Es gilt den Mut für eine moderne humane Bildungstransformation aufzubringen und vom Gedanken der unmittelbaren Anwendbarkeit loszulassen. So könnte die Basis für ein gesundes, erfüllendes bzw. gelingendes Leben und damit auch für eine fundamentale Form von (Bildungs-)Erfolg, dem individuellen Lebensglück, geschaffen werden.

Lernen sollte ganzheitliches Lernen sein, denn sonst ist es letztlich nur auswendig lernen. Ohne dass eine Veränderung auf psychischer Ebene stattfindet, ohne eine Haltungs- und Einstellungsänderungen kann überhaupt kein wahrer ganzheitlicher, gesunder Lernprozess, der beispielweise zu vernetztem Denken, neuen Ideen bzw. Lösungen und eigenen, pfadlosen Wegen führt, stattfinden. Das ist der Unterschied zwischen Lernen und Bildung, wobei es stets um die Möglichkeiten des Menschseins geht.
Lebenslanges Lernen sollte daher ein Synonym für Bildung sein, also die Formung des Menschen im Hinblick auf sein „Menschsein" - so kann nachhaltige Bildung durch ganzheitliches, gesundes, personalisiertes bzw. nachhaltiges Lernen erfahren werden.

Schule als Talentschmiede - pures Wunschdenken?

Schule soll bilden - jeden Einzelnen zur eigenen Entfaltung. Aber auch mit dem Ziel, Gesellschaft und Wirtschaft und unsere Demokratie zu unterstützen und weiterzuentwickeln. Schauen wir uns den Status Quo an, ist unser Bildungssystem noch deutlich davon entfernt, dieser großen Verantwortung annähernd gerecht zu werden: In einer Schule funktionieren nicht einmal die Toiletten - die Schüler benutzen seit Wochen die sanitären Einrichtungen eines benachbarten Restaurants. In einer anderen Schule weiß man sich wegen der fehlenden Finanzmittel nicht mehr anders zu helfen, als Eltern aufzurufen, die dringend notwendige Renovierung der Klassenräume in Eigeninitiative zu übernehmen. Nun ist das intensive Zusammenspiel von Schule und Eltern generell wünschenswert. Eine funktionierende und lernanregende Infrastruktur sollte jedoch selbstverständlich sein.

Auf der anderen Seite gibt es durchaus auch die Beispiele, in denen sich eine Schule mit High-Tech aufrüstet, um mit dem Einsatz moderner IT das Interesse am Unterricht zu verstärken. Wie in der Schule, in der der zuständige Lehrer begeistert ist, dass die Schüler einem Roboter sehr viel aufmerksamer zuhören als ihm selbst.

Solange aber lediglich Fach- und Faktenwissen abgefragt werden, bleibt die modernste Technik isoliert: Kompetenzen werden gebraucht - nämlich im Umgang mit dem gigantischen Informationsraum, den das Internet darstellt und allem, was damit einhergeht, auch vollkommen neue Geschäfts- und damit Berufsmodelle. Ist die Politik begeistert, bis frühestens 2020 in allen Schulen W-LAN anzubieten, fehlt es doch oftmals an den Grundlagen, damit auch bewusst und konstruktiv umzugehen - Medienkompetenz, Medienrecht, dem Umgang mit Smartphones und Social Media, dem kritischen Blick, der Fakenews und Social Bots von wahren Nachrichten unterscheiden kann.

Fächerkorsett, Notendruck und Pisa-Studie - überholt und problematisch

Es kann eben nicht ausreichen, sich auf die wichtigen Pisa-Fächer zu konzentrieren, um in der relevanten Statistik gut auszusehen: Schule muss selbstverständlich in den gesamtgesellschaftlichen Transformationsprozess einbezogen werden - vom Lehrplan über die Lehrerbildung und Klassengrößen bis zur Bildungstechnologie, der ein deutlich größeres Augenmerk gebührt. Da ist es nicht förderlich, wenn Lehrerausbildung zum Großteil im Trockenkurs passiert, im Gegenteil. Können Lehrer, die die zu vermittelnde Sprache nicht einmal selbst beherrschen, bei Kindern und Jugendlichen die Motivation und Kreativität auslösen, die sie zum eigenständigen Umgang mit Informationen befähigen?

Statische Lehrpläne, notdürftige Raumausstattung, große Klassen mit unterschiedlichsten Lernniveaus und Deutschkenntnissen in einer Klasse und der Notendruck. Auch Inklusion muss letztendlich Rahmenbedingungen bekommen, die ein Gelingen ermöglichen. Da wundert es nicht, wenn Initiativen, über den Tellerrandes des jeweiligen Faches hinauszuschauen, ersticken. Der übergreifende Ansatz, der zum Experimentieren und Entdecken des eigenen Potenzials einlädt, ist so wichtig für jeden, insbesondere für künftige Führungskräfte und Gründer und für ein Deutschland, das schon wegen seines Rohstoffmangels auf Innovationen angewiesen ist, mit denen sich die Wirtschaft auch zukünftig im globalen Wettbewerb behaupten kann. Neue Technologien und innovative Lösungen sind überlebensnotwendig. Da reicht es auch nicht aus, den Lehrplan um ein Fach wie Start-up-Bildung zu ergänzen, das in das vorhandene System gepresst wird.

Schule und Bildung - neue Modelle unverzichtbar

Umso höher sind die Initiativen einzuschätzen, die sich in der Gründerszene und in innovativen Unternehmen entwickeln: Hier wurde der Bedarf an moderner und auf die Zukunft ausgerichteter Bildung längst erkannt und adressiert. Gemeinnützige Organisationen wie NFTE, Startup-Teens und Rock it Biz bieten nicht nur konkrete Programme an, sie bringen Schule auch mit der Arbeitswelt in Kontakt und unterstützen Lehrer, indem sie sie weiterbilden oder auch Experten an die Seite stellen. Vor allem aber eröffnen sie sowohl Schülern als auch Lehrern die Möglichkeit, den Unterricht um eine Dimension zu bereichern: das Wesen des Unternehmertums selbst zu spüren. In individuell zugeschnittenen Projekten gründen Schüler ein fiktives Unternehmen - von der Entwicklung einer tragfähigen Idee bis hin zum fertigen Produkt. Dabei geht es weniger darum, einen neuen Start-up-Hype auszulösen, sondern um die Förderung der für das Unternehmertum entscheidenden Fähigkeiten und Persönlichkeitsmerkmale, wie beispielsweise Zielstrebigkeit, Teamfähigkeit, Eigenständigkeit und Kreativität.

Es sind also Grundsatzentscheidungen erforderlich: eine robuste finanzielle Ausstattung, kleine Klassen, zentral festgelegte Rahmenbedingungen, die Schulen, Lehrer und Schüler zu einem großen Teil selbst mit Leben erfüllen können. Die Integration von praktischen Programmen ist ein erster Schritt, der den Schulen mit Patenschaften, Mentoring Programmen, Experten vor Ort und bereitgestellten Materialien auch finanziell erleichtert wird. Hier muss konsequent weitergedacht werden, um unsere Gesellschaft auf den Paradigmenwechsel vorzubereiten - von der Schule über die Ausbildung bis hin zur Weiterbildung, die die heutigen Berufstätigen mit in die digitalisierte Welt nimmt.

Das Ziel lautet keineswegs, jedem technologischen Trend hinterherjagen zu wollen, sondern die digitale Welt zu verstehen und sich die Fähigkeit zu erarbeiten, tragfähige Entscheidungen treffen zu können. Ein optimales Zusammenspiel aus analogen und digitalisierten Methoden und Instrumenten zu entwickeln, sollte ein lohnendes Ziel für den Erfolg der gesamten Gesellschaft sein.
Damit ist auch die staatliche Förderpolitik gefragt, die derzeit schwerpunktmäßig auf neue Technologien in allen Bereichen der Wirtschaft ausgerichtet ist - nur nicht auf innovative Bildungstechnologien. Dabei kann ein solider Aufbau nur gelingen, wenn die Grundlagen funktionieren - und das ist Bildung.

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