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Selfpublishing: Gefahr für Verlage - neues Eldorado für Leser?

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Beim Selfpublishing geben Autoren ihr Buch in Eigenregie unter eigenem Namen heraus und werden damit faktisch zu Selbstverlegern. Lange wurde das Selfpublishing als Tummelfeld von Hobby-Autoren belächelt und von Marktteilnehmern wenig ernst genommen. Doch das hat sich inzwischen geändert, seit immer mehr von ihnen die Bestsellerlisten stürmen. Viele Verlage nehmen die neue Konkurrenz noch immer wenig ernst. Einige wenige beginnen jedoch, die Chancen zu erkennen, richten eigene Portale ein und begeben sich auf Talentsuche.

Das rasante Wachstum des Selfpublishings
Selfpublishing-Erfolgsstorys von Millionen von verkauften Titeln, - zunehmend auch aus dem deutschen Sprachraum - machen Schlagzeilen, auch wenn sie nur für eine verschwindend kleine Minderheit gelten. In den USA ist die Publikation von Novitäten der Do-it-yourself-Autoren seit einigen Jahren gar um mehrere hundert Prozente gestiegen. Und ganz aktuell kommen im ersten Quartal dieses Jahres noch 31 der 100 bestplatzierten Kindle-E-Books aus traditionellen Verlagen! Den Rest teilen sich Selfpublisher und die Amazon-Tochter Amazon Publishing, die ihre Autoren ebenfalls primär aus Selfpublishern rekrutiert. Damit sind mehr als zwei Drittel der Bestseller demzufolge nicht mehr den traditionellen Weg gegangen. (Quelle: Selfpublisher-Bibel). Die Erfolgsstorys und das rasante Wachstum haben ihre Gründe - und es sind erst noch solche, die für Autoren und Leser gleichermaßen interessant und relevant sind.

Was Selfpublishing für Leser attraktiv macht
Die Preise von Selfpublishing-Titeln bewegen sich teilweise um einige wenige Euro herum oder liegen, als Markteintritts- oder Dumpingpreis festgelegt, zuweilen gar unter einem Euro, was für viele Gelegenheitsleser attraktiv ist und Preismodelle von Verlagen mittel- und langfristig in Wanken bringen kann. Zudem stellt das Recherchieren nach Talenten und Newcomern für viele Leser einen gewissen Reiz dar, mitzuentscheiden, welches die Schätzings und Fitzeks von morgen sind.

Es ist anzunehmen, dass sich Instrumente und Plattformen vor allem bezüglich Marketing, Qualitätsauslese und Präsentationsmöglichkeiten weiter entwickeln und verbessern werden, was für zusätzlichen Schub sorgen könnte. Die große und facettenreiche Auswahl, originelle und nonkonformistische Storyideen, thematische Nischen, welche von traditionellen Verlagen nicht oder ungenügend abgedeckt werden und innovative Publikationsformen sind einige weitere Gründe, welche das Selfpublishing für Leser interessant machen.

Was Selfpublishing für Autoren attraktiv macht
Für die Autoren sind die Honorare je nach Portal und Modell um ein Vielfaches höher als bei Verlagen, oft zwischen einem bis zwei Drittel des Verkaufspreises. Da haben Verlage mit 10-15 Prozent Honoraranteil auf lange Sicht einen schweren Stand. Hinzu kommt die Einfachheit der Produktion und Distribution. Ein Selfpublishing-Titel kann auf Word geschrieben und relativ einfach inklusive Cover in ein E-Book konvertiert werden. Einzig für ein professionelles Lektorat entstehen Kosten, doch auch hier können Selfpublisher mit guten Basiskenntnissen und Sorgfalt oder Beauftragung von Freelancern oft selber Hand anlegen.

Die Freiräume und die Ganzheitlichkeit des Entwicklungsprozesses in Preisbildung, Titelgebung, Vermarktung, Covergestaltung, Buchbeschreibungen und mehr sind für viele Autoren nebst Honorarvorteilen weitere Gründe, den Selfpublishingweg einzuschlagen. Wer von ihnen Social-Media-Plattformen zu nutzen weiß, Blog-Marketing betreibt und bereit ist, sich auch mit anderen Onlinemarketing-Instrumenten zumindest vertraut zu machen und ein Netzwerk aufzubauen, hat auch in der Vermarktung recht gute Erfolgschancen.

Sind Selfpublisher für Verlage eine Bedrohung?
Was von den Verlagen gerne als ihre Kernkompetenz aufgeführt wird, ist für Leser bei nüchterner Betrachtung oft gar nicht so relevant: Die Verlagsmarke hat, zumindest bei Belletristik-Verlagen, eine untergeordnete Bedeutung: Leser achten primär auf Story, Autor und Inhalt. Auch das Lektorat wird von Verlagen, auch wenn es sicher einen erheblichen Qualitätsbeitrag leistet, aus der Relevanzsicht des Lesers überschätzt. Zudem sollte man diesen Aspekt pragmatisch beurteilen: Viele Leser sehen bei E-Books für einige wenige Euros über stilistische und sprachliche Mängel hinweg oder nehmen solche oft gar nicht wahr.

Und Vertrieb und Marketing? Sicher verfügen Verlage hier über viel Erfahrung und Professionalität. Nur profitieren längst nicht alle Autoren davon - und es könnte durchaus sein, dass Verlagsmarketing sozusagen an die Marktmacht, sprich "Sterne"-Vergabe, Likes und Sharings von Lesern übergeht. Der Erfolg des Selfpublishings beweist eben leider auch, dass nicht wenige Verlage die Leserbedürfnisse in der Vergangenheit falsch einschätzten, vielfach Manuskripte nicht marktgerecht beurteilten und Talente nicht erkannten.

Was den weiteren Erfolg des Selfpublishings begünstigt
Es ist nicht ausgeschlossen, dass die Marktmacht, Attraktivität und Popularität von Selfpublishing-Plattformen dermaßen ansteigen, dass immer mehr Autoren angesichts attraktiver Honorare und großer Freiräume diesen Weg der Buchpublikation wählen. Die zunehmende Digitalisierung mit Potenzial zu zahlreichen innovativen Publikationsformen und das Heranwachsen der internetaffinen Generation verleihen dem Selfpublishing möglichweise zusätzliche Wachstumsschübe. Die Internet-Mitmachkultur von Kunden, deren Einbezug in Produktentwicklungen, das Crowdsourcing und die Beliebtheit von Bewertungen und Empfehlungen als Kaufentscheidungshilfen auch in anderen Branchen, sind weitere Faktoren, die langfristig dem Selfpublishing zugute kommen.

Selfpublishing - Quo vadis?
Das Selfpublishing wird mit großer Wahrscheinlichkeit weiter an Fahrt gewinnen und kann für Verlage langfristig sogar zu einer Bedrohung werden. Wenn ein neuer Markt in kurzer Zeit dermaßen schnell wächst und für Anbieter und Nutzer gleichermaßen attraktive und relevante Vorteile aufweist, ist dies immer ein Indikator für eine Entwicklung mit weiter großem Wachstumspotenzial. Es gibt Parallelen zur Musikindustrie, welche die digitale Konkurrenz und Eigenproduktionen ebenfalls lange ignorierte - das Resultat kennen wir heute.

Und: Wer weiß, ob es morgen nach den Autoren-Selfpublishern die Journalisten-Selfpublisher sein können, welche den direkten Weg zu ihren Lesern suchen und finden? Verlage müssen sich neu positionieren, das Selfpublishing endlich ernst nehmen und Wege finden, es in ihr Geschäftsmodell aufzunehmen, anstatt es mit Argumenten zu belächeln, die mit Leserbedürfnissen und Marktrealität teilweise nur wenig gemein haben. Nach wie vor haben viel zu wenige Verlage begriffen, dass das Internet und die damit einhergehende digitale Umwälzung weit über E-Books und neue Lesegeräte und Distributionskanäle hinausgehen.

Auch das sei aber festgehalten: Nicht wenige Verlage machen einen guten Job, behaupten sich in turbulenten Zeiten, nehmen ihre Filterfunktion mit einem erstklassigen Qualitätsverständnis wahr, engagieren sich für ihre Autoren und sind unermüdlich auf der Suche nach neuen Modellen im Zeitalter des digitalen Lesens. Diese werden wohl in einer Koexistenz mit Selfpublishern denn auch beste Überlebenschancen haben.

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